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Geschichte
24.10.2013

Aus dem Archiv "Mittelstelle deutsche Tracht", Tiroler Volkskunstmuseum, Foto: Friedle

NS-gerecht geschnürt

Gertrud Pesendorfer, überzeugte Nationalsozialistin, Trachtenkundlerin, Leiterin des Tiroler Volkskunstmuseums 1939 bis 45 und der „Mittelstelle Deutsche Tracht“ der NS-Frauenschaft, konnte nach dem Krieg zur Doyenne des Tiroler Trachtenwesens avancieren – einfach so.

Die Mappen sind in etwa alle gleich groß, nicht alle sind gleich dick. Sie enthalten kolorierte Zeichnungen, Skizzen, Fotos, Zeitungsausschnitte, Stoffproben, manchmal auch Borten, ins Reine getippte Interviews, Notizen, Schnittmuster – je nachdem, wie viel Material zu finden war, je nachdem, wie fleißig die Damen waren. Und sie waren fleißig, denn sie hatten eine Mission: alles zu sammeln, was es im Ort, in der Region, im Gau zu finden gab über die alten Trachten der Gegend. Je mehr sie zusammentrugen, desto leichter würde es sein, der neuen Tracht Pfiff zu geben, sie in den Alltag zu integrieren – und jenen grundlegenden Merkmalen auf die Spur zu kommen, die eine gemeinsame Wurzel, das Urgermanische in der Tracht sichtbar machte. Eine deutsche Tracht sollte geschaffen werden, für das deutsche Volk. Und es gab eine, die das konnte: Gertrud Pesendorfer. Davon war Gauleiter Franz Hofer, davon war die NS-Frauenschaft, davon war das nationalsozialistische Regime überzeugt – und nicht zuletzt Pesendorfer selbst.

Die Diskussionen um die Verstrickung der Tiroler Volkskultur mit dem Nationalsozialismus drängt eine Frau ins Licht der Öffentlichkeit, die unter den Nazis groß Karriere machte. Gertrud Pesendorfer, stramme Nationalsozialistin, Vertraute des Gauleiters Hofer, wurde Leiterin der für das gesamte Dritte Reich zuständigen Mittelstelle Deutsche Tracht, kommissarische Leiterin des Tiroler Volkskunstmuseums, Mitarbeiterin des SS-Ahnenerbes – und nach dem 2. Weltkrieg die Doyenne des Trachtenwesens in Tirol und Südtirol. Einfach so. 

 

Geboren wurde Gertrud Pesendorfer 1895 als Tochter des Haller Kaufmanns Johann Wiedner. Zunächst wies nichts darauf hin, dass sie einmal im gesamten Dritten Reich die Fäden in Sachen Trachten und Trachten-erneuerung in Händen halten würde. Sie absolvierte die Regelschule, die Handelsschule, lernte Französisch und Englisch und besuchte – nach eigenen Angaben – als außerordentliche Hörerin Vorlesungen im Fach Kunstgeschichte an der Universität Innsbruck. 1917 heiratete sie den Rechtsanwaltsanwärter Ekkehard Pesendorfer, war in den folgenden Jahren Hausfrau und brachte zwei Töchter zur Welt. 1927 erhielt sie eine Stelle als Sekretärin im Tiroler Volkskunstmuseum, das kurz davor von der Handels- und Gewerbekammer in den Besitz des Landes übergangen und an den heutigen Standort übersiedelt war. Pesendorfer, die offensichtlich ein Faible für Trachten hatte, brachte sich bei der Aufstellung der Sammlung aktiv ein. Zum einen war sie Modell für eine lebensgroße Trachtenfigur, die in der Schau gezeigt wurde, zum anderen wurde ihr die „Fürsorge für die Trachten- und Wäschesammlung übertragen“, wie es im dritten Band der Festschrift für Landeshauptmann Hans Gamper 1962 heißt; und sie publizierte einige Beiträge zum Thema Tracht.

1933 wurde die ambitionierte Mitarbeiterin allerdings entlassen, da das Museum notorisch Geldnöte hatte. Ob es auch damit zusammenhing, dass ihr Mann politisch auffällig wurde, ist nicht geklärt. Ekkehard Pesendorfer sympathisierte nämlich nicht nur mit dem nationalsozialistischen Gedankengut, das von Deutschland nach Österreich floss, ab 1933 war er zudem SA-Mitglied und Gauredner, wie Elsbeth Wallnöfer in ihrem Buch „Maß nehmen. Maß halten. Frauen im Fach Volkskunde“(Böhlau Verlag) unterstreicht (siehe Interview S. 36). Gertrud Pesendorfer jedenfalls dürfte ganz auf der Welle ihres Mannes gewesen sein. Gerüchte, sie sei bereits 1934 Mitglied der verbotenen Nationalsozialistischen Partei (NSDAP) gewesen, lassen sich anhand der Akten aber nicht belegen, wie Wallnöfer festhält. Am 1. Mai 1938 jedenfalls wurde sie Mitglied der NSDAP und ihre folgende steile Karriere lässt keinen Zweifel, dass ihre Gesinnung die „richtige“ und in den „richtigen Kreisen“ längst bekannt war. Außerdem wurde ihre weltanschauliche Treue ausführlich und amtlich bescheinigt. Mit der Machtübernahme Hitlers in Österreich erhielt nicht nur ihr Mann einen lukrativen Posten – er wurde kommissarischer Leiter der Tiroler Landesbrandschutzversicherung (heute: Tiroler Versicherung) –, auch Pesendorfer stieg weit nach oben in der Hierarchie in Tirol, in der Hierarchie des Deutschen Reichs. 

Am 16. März 1938 – vier Tage nach dem Anschluss – wurde der bisherige Leiter des Tiroler Volkskunstmuseums, Josef Ringler, seines Postens enthoben, an seine Stelle der bereits in Rente befindliche, ehemalige Archiv-direktor, Karl Möser, gesetzt. Doch auch dieser legte offensichtlich nicht die gewünschte Haltung an den Tag und weigerte sich, wie sein Vorgänger, die wertvolle Krippensammlung aus den Ausstellungsräumlichkeiten zu entfernen. Nun schlug die Stunde von Gertrud Pesendorfer. Sie hatte kein Problem, dem Wunsch des Gauleiters zu entsprechen und die religiösen Objekte zu eliminieren. Kaum von der ehemaligen Sekretärin zur kommissarischen Museumsleiterin geadelt, verbannte sie die Krippen aus dem Volkskunstmuseum. In Gauleiter Hofers Fantasie eines germanischen Wehrbauerntums, das er in den Tirolern geradezu idealtypisch angelegt sah, hatte die Kirche nichts zu suchen, ein mythisches Germanien sollte zur Volksreligion werden. 

Die Nationalsozialisten waren der festen Überzeugung, dass sich in der Volkskultur und im Speziellen in der Tracht so etwas wie „rassisch gebundene Elemente“ finden ließen, die sich durchgehend erhalten hätten, trotz späterer Verfremdungen. Eine Ansicht, die sich mit Pesendorfers Ideen deckte, wollte sie doch die Tracht von allen „Überwucherungen“ befreien, die durch Kirche, Industrialisierung, Moden und Verkitschungen das „Wurzelechte“ verdeckten. Ihrer Ansicht nach war die Bauerntracht vergewaltigt und deformiert worden, wie sie in der Einleitung zu ihrem 1938 erschienenen Buch „Neue Deutsche Bauerntracht Tirol“ wortreich darlegte. Sie war der Überzeugung: „Trotz lebendiger Mannigfaltigkeit und trotz der Besonderheiten einzelner Gegenden, ja jedes Ortes, ist den Trachten in allen Stammesgebieten etwas Gemeinsames eigen, eine unnennbare Grundhaltung, die sie als eines der kostbarsten deutschen Volksgüter erscheinen lässt.“ Damit reihte sie sich nahtlos in die Linie der propagierten NS-Volkskultur ein, derzufolge die Tracht wieder in Vollendung zutage treten würde, wenn man sie von „artfremden“ Einflüssen befreite. „Frei und in gesunder Kleidung wird sich das neue Bauerngeschlecht bewegen“, so Pesendorfer. Sinnfällige Symbole, welche die arisch reinen Bauerntrachten zieren sollten, waren zum Beispiel Lebensbaum und -rad, Vogelpaare, Dreispross – Symbole, die Pesendorfer zuhauf in der Tiroler Volkskunst fand.

Um die Bestrebungen zu bündeln, die Tracht im nationalsozialistischen Sinne zu erneuern, wurde die „Mittelstelle Deutsche Tracht“ eingerichtet. Sie war eine Teilorganisation der NS-Frauenschaft, also der Frauenorganisation der NSDAP. Installiert wurde sie im Volkskunstmuseum in Innsbruck, zu deren Leiterin, und somit zur „Reichsbeauftragten für Trachtenarbeit“, wurde Pesendorfer ernannt. Innsbruck war mit Bedacht gewählt. Die „Ostmark“ galt, wegen ihrer „vermeintlich besonders rein erhaltenen oder gut erneuerten Trachten und den dortigen Erfahrungen in diesen Dingen als Vorbild“, schreibt Heinz Schmitt im Aufsatz „Theorie und Praxis der nationalsozialistischen Trachtenpflege“, der im wissenschaftlichen Sammelband „Volkskunde und Nationalsozialismus“ 1987 erschienen ist.

Mit Pesendorfer hatte man die perfekte Frontfrau in Sachen Trachtenerneuerung. Die Innsbruckerin war von nun an für die Trachtenerneuerung im gesamten Dritten Reich zuständig und wurde nicht müde, das germanisch Reine aus den alten Trachten herauszufiltern bzw. es in sie hineinzulesen. Darüber hinaus fungierte sie ab 1940 als Trachtenforscherin für das „NS-Ahnenerbe“ in Südtirol. Wobei sie das volle Vertrauen von Wolfram Sievers genoss, dem SS-Obersturmbannführer und Reichsgeschäftsführer des „SS-Ahnenerbes“ sowie Vorsitzenden der Kulturkommission in Südtirol. Hier ging es darum, die Trachten vor der Umsiedlung der Südtiroler ins Reich zu dokumentieren und damit vor dem Untergang zu retten.

Der Mittelstelle Deutsche Tracht standen für ihre Arbeit erhebliche Mittel zur Verfügung, und Pesendorfer befehligte eine ganze Heerschar an Schneiderinnen, Zeichnerinnen und Sachbearbeiterinnen im Haus. Zudem waren im gesamten Deutschen Reich Frauen unterwegs, um alles zum Thema Tracht zu sammeln, dessen sie habhaft wurden. Die Materialien kamen ins Volkskunstmuseum und standen Pesendorfer für ihre Trachtenforschung und -erneuerung zur Verfügung, wobei natürlich ganz im Sinne der Nazis dem Schaffen einer Arbeitstracht prioritäre Aufmerksamkeit zuteil wurde. Artikel in nationalsozialistischen Frauenzeitschriften trugen zur raschen Verbreitung der Thematik bei. In Näh-, Stick- und Strickkursen wurde Mädchen und jungen Frauen die Fertigkeit vermittelt, ihre eigene, der NS-Ideologie konforme Tracht herzustellen. Anlässe, die-se zu präsentieren, gab es genügend. So wurden nicht nur in Tirol kirchliche Feiern zu archaischen NS-Kulten umgedeutet, wie etwa die Antlassritte in Flurritte, auch das alljährlich stattfindende, propagandistisch groß aufgezogene Landesschießen war ein Aufgebot Tiroler Wehrbauerntums in arisch reiner Tracht vom Scheitel bis zur Sohle.

Spätestens ab 1943 war Pesendorfer aber auch damit beschäftigt, die Bestände des Volkskunstmuseums in Sicherheit zu bringen, da die Bombardements der Alliierten auf Innsbruck zunahmen. Mit Kriegsende wurde die getreue Nationalsozialistin Gertrud Pesendorfer „aus politischen Gründen“ ihres Amts enthoben. Kurz zuvor hatte sie im Keller des Volkskunstmuseums noch zahlreiche Aktenbestände, Korrespondenzen und Unterlagen vernichtet, die auch die Mittelstelle Deutsche Tracht betrafen. In der Ära Pesendorfer hatte es zudem zahlreiche Neuerwerbungen sowie Verkäufe gegeben, über die jedoch entweder nicht Buch geführt worden war oder die Nachweise vernichtet worden waren. Das erschwerte u.a. die Restitution von etwaiger Raubkunst, das erschwert heute eine Rekonstruktion dessen, was Pesendorfer als getreue NS-Funktionärin „geleistet“ hat.

 Während die Trachtenwerkstatt im Museum 1948 aufgelassen wurde, war das Volkskunstmuseum weiterhin beratend in Sachen Trachtenerhaltung tätig. Und Pesendorfer fand rasch eine Nische, in der sie die Trachtenerneuerung vorantreiben konnte. Im Auftrag der Landwirtschaftskammer hielt sie ab 1952 regelmäßig Trachtennähkurse ab. „Frau Pesendorfer begann wieder mit der Ausbildung von Lehrkräften, führte Jahr für Jahr 30 bis 40 meist dreiwöchige Kurse in den Dörfern nördlich und südlich des Brenners durch, die alljährlich von 500 Frauen und Mädchen besucht wurden“, hieß es dazu in der Tiroler Bauernzeitung. Pesendorfer wurde DIE Beraterin in Trachtenangelegenheiten im historischen Tirol und weit darüber hinaus. „Tatsächliche Breitenwirkung hat Pesendorfer nach 1945 erfahren – basierend allerdings auf dem, was sie zwischen 1939 und 1945 entwickelt hat“, so Karl Berger, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Volkskunstmuseum. Dass sie eindeutig belastet war, in ihrer Arbeit zudem auf das von ihr und ihren Mitarbeiterinnen unter NS-ideologischen Gesichtspunkten gesammelte Material zurückgriff, störte offensichtlich niemanden.

Dafür wurden bereits 1952 in der Zeitschrift Die österreichische Furche wieder jene Fotos zur Illustration der Erneuerung in der Tracht herangezogen, die bereits die Nazis für ihre Propaganda verwendet hatten, nämlich die von der „Hausfotografin“ der NS-Frauenschaft, Liselotte Purper, um 1940 geschossene Serie der alten und neuen Alpbacher Tracht. Und 1962 schrieb der neue alte Direktor des Volkskunstmuseums, Josef Ringler, über die Kurs- und Beratungsaktivitäten Pesendorfers in den 1950er Jahren lapidar: „Damit hatte die 1939 gegründete und nach manchen Schwierigkeiten und Unzukömmlichkeiten 1948 aufgelassene Trachtenwerkstätte (…) eine weitaus sinnvollere und zweckentsprechendere Nachfolge gefunden.“ Kein Ton zu Pesendorfers Rolle in der NS-Trachtenforschung und -erneuerung. 

1965 schließlich erschien Pesendorfers Buch „Lebendige Tracht in Tirol“, geadelt durch des Vorwort von Karl Ilg, Leiter des Instituts für Volkskunde der Universität Innsbruck, der ebenso ein glühender Verfechter von Pesendorfers Trachtenerneuerung war wie Franz Lipp, Leiter des oberösterreichischen Landesmuseums und Präsident der österreichischen Heimatwerke. Auch sie verloren kein Wort über die braunen Flecken in der Vita der Autorin. Das Buch verkaufte sich wie die sprichwörtlichen warmen Semmeln und avancierte zu dem Standardwerk der Tiroler Trachtenforschung. Es fand Verwendung in zahllosen Nähkursen und etablierte endgültig die sogenannte „Pesendorfer-Schule“ – die weit über Österreich hinaus wirksam wurde.

Anlässlich des 80. Geburtstags der „Doyenne“ erschien in der Tiroler Bauernzeitung 1975 eine Lobeshymne auf die Verdienste Pesendorfers. Dort hieß es, ihr Buch über die Tiroler Tracht habe im Jahr 1938 eingeschlagen „wie eine Bombe“. Und weiter: „Es sollte nicht wundernehmen, dass Innsbruck zum Mekka der gesamten Trachtenarbeit des großdeutschen Reiches wurde, wo die Mittelstelle ‚Deutsche Tracht‘ am Volkskunstmuseum eingerichtet wurde, deren Leitung Frau Pesendorfer übernahm“. Kein Wort darüber, welche Ziele diese Mittelstelle verfolgt hatte, kein Wort über das „NS-Ahnenerbe“ oder die NS-Volkstumspolitik. Kein Wort darüber, dass die Jubilarin dem arisch-germanischen Wehrbauerntum, wie es Gauleiter Hofer vorschwebte, nach Kräften und aus tiefster Überzeugung zugearbeitet hatte. Gertrud Pesendorfer war längst in die Reihe der „Säulenheiligen“ der Tiroler Volkskultur eingereiht, war längst zur Ikone der Heimat- und Trachtenpflege geworden, versehen mit hohen Auszeichnungen, wie etwa dem Verdienstkreuz des Landes Tirol. Von den Brüchen in ihrer Biografie war niemals die Rede.

Wer es wagte, ihre Rolle im NS-Regime anzusprechen, erntete Unverständnis, wenn nicht heftige Reaktionen. Hans Gschnitzer, der damalige Leiter des Volkskunstmuseums, stieß auf taube Ohren, als er den Universitätsverlag Wagner 1982 bat, keine Neuauflage von „Lebendige Tracht in Tirol“ zu machen. Zu gut standen die Chancen, erneut einen Verkaufsschlager mit dem Standardwerk der im selben Jahr verstorbenen Autorin zu landen. Im Studienverlag, der den Universitätsverlag Wagner vor wenigen Jahren gekauft hat, sieht man das jetzt anders. Nach der Lektüre des Gutachtens, das der Historiker Michael Wedekind zum Thema Tiroler Volkskultur und NS-Zeit für das Land Tirol verfasst hat, hat der Verlagsleiter, Markus Hatzer, beschlossen, das Buch nicht mehr zu vertreiben und den Vertrag mit den Erben aufzulösen. Die Materialien der Mittelstelle Deutsche Tracht, die bruchlose Karriere Pesendorfers harren der kritischen Aufarbeitung. Erste Gespräche hat es bereits gegeben. 
Susanne Gurschler