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Geschichte
27.06.2014

Ausbildung während des Krieges (E. Mayr, re.); Foto: Universitätsverlag Wagner/Privatbesitz Fam. Mayr/Niederwieser

„Glücklich daheim“

Der Kaiserschütze Erich Mayr kämpfte von 1914 bis 1918 in Galizien, in den Karpaten, am Isonzo und in den Dolomiten, er lag in einem niederösterreichischen Lazarett und war über ein Jahr in französischer Gefangenschaft – und überall führte er Tagebuch.

Mit heutigem Tag vollende ich mein 29. Lebensjahr. 1/6 meines Lebens habe ich bisher beim Militär verbracht. Möge doch bald die Zeit eines ruhigeren Daseins beginnen“, notiert ein niedergeschlagener Erich Mayr am 2. Juni 1919 in sein Tagebuch. Wenige Jahre zuvor war sein Ton noch viel euphorischer. Das Tagebuch begleitet den Fähnrich des Kaiserschützenregiments Nr. III seit seiner Assentierung in den letzten Septembertagen 1913. Für tauglich gemustert rückt der gebürtige Südtiroler Anfang Oktober in Cortina d‘Ampezzo ein, bald geht es in die Einjährig-Freiwilligenschule nach Bozen. Acht Wochen dauert die Rekrutenschule, der Ton ist rau (9. 12. 1913: „Die UnterOffz sind sehr grob und alle möglichen Titel kann man da zu hören bekommen (Marmorlarve, Dreckpapn, Scheißgesicht, Sauhaufen). Alles eher, nur kein Mensch.“). Am 17. Dezember endet die Grundausbildung: „Und ruft das Vaterland einst in seiner Not, so soll mein Stutzen wieder das Beste leisten. Gern werde ich dann fürs liebe Vaterland ausziehen und kämpfen als treuer, braver Mann für Gott, Kaiser und Vaterland.“ Etwas mehr als sieben Monate später ist es soweit, Mayr muss ausziehen – nach Galizien, in die Karpaten, an den Isonzo, in die Dolomiten, in die französische Kriegsgefangenschaft. Über all die Jahre führt Mayr Tagebuch, in einer – fast täglichen – Konsequenz, die es für die historische Forschung, aber auch für den an Geschichte interessierten Leser zu einer wahren Fundgrube macht.

 

Lange Zeit war speziell die Militärgeschichte eine Geschichte „von oben“, orientierte sich an Kriegsverläufen und Schlachtgeschehen, war geprägt von der Aufarbeitung durch hohe Militärs, der Schrecken des Alltags wurde ausgespart. Der Alltag des einfachen Frontsoldaten fand höchstens Einzug in die belletristische Literatur, schuf Werke von Bestand wie Erich Maria Remarques „Im Westen nichts Neues“, wie Gabriel Chevalliers „Heldenangst“, wie Emilio Lussus „Ein Jahr auf der Hochebene“. 

Ein Wandel in der Betrachtungsweise setzt Mitte der 1990er Jahre ein, es solle – formulierte es 2002 der Historiker Alf Lüdtke fast schon in Anlehnung an Bertolt Brechts „Fragen eines lesenden Arbeiters“ – nicht mehr um die Sicht von den „Kommandohöhen“ gehen: „Zentral sind vielmehr die Praktiken, in denen diese besetzt und befestigt werden, sowie die Lasten und Leiden, die den ‚Vielen‘ zugemutet werden oder die diese sich selbst auferlegen.“ 

In diesem Sinne versteht sich auch die neue Schriftenreihe „Erfahren – Erinnern – Bewahren“ des Zentrums für Erinnerungskultur und Geschichtsforschung der Universität Innsbruck. „Der Krieg kennt kein Erbarmen – Die Tagebücher des Kaiserschützen Erich Mayr“ ist der zweite Band dieser im Innsbrucker Universitätsverlag Wagner vorzüglich herausgegebenen Reihe. Es handelt sich um einen Zufallsfund. Mayrs Enkelin Waltraud Niederwieser stieß beim Durchsuchen der Malutensilien ihres Großvaters auf einen Karton voller, in Gabelsberger-Kurzschrift verfasster Notizbücher – erst die Transkription eines Experten machte die Bedeutung des Fundes klar. 

„Durch das Lesen der Tagebücher Erich Mayrs“, schreibt die Herausgeberin und His-torikerin Isabelle Brandauer, „erhält man vielfältige Einblicke in den Alltag eines jungen, sensiblen Soldaten, der vom Kriegsausbruch 1914 bis zum Ende der Kriegsgefangenschaft im Jahr 1920 das ganze Spektrum des – um es mit seinen eigenen Worten zu beschreiben – ‚Allerweltswahnsinn‘ des Ers-ten Weltkriegs miterlebt.“ 

Den Wahnsinn des Tiroler Gebirgskriegs, bei dem an manchen Frontabschnitten mehr Soldaten durch Lawinen, Felsstürze und Unfälle ums Leben gekommen sein sollen als durch feindlichen Beschuss, erfährt Mayr schon vor Kriegsausbruch. Sein einziger Tagebucheintrag in der „militärfreien“ Zeit zwischen Dezember 1913 und Juli 1914 stammt vom 4. März 1914: „Mein guter Herr Oberleutnant Löschner mit 14 Mann in einer Lawine verunglückt. Er war mit einem Schidetachement nach Gomogoi befohlen. Unterhalb der Payerhütte im Ortlergebiet unter den Wänden der Tabaretta ereilte den Lieben der Tod.“ Am 31. Juli dann lautet es: „Nun heißt es wohl Ausziehen für Gott, Kaiser und Vaterland.“

 Mayr muss zu seinem Regiment nach Cortina, er wird Offiziersdiener. Mit „seinem“ Reserveleutnant Besserdich verbindet ihn ein ambivalentes Verhältnis. Dem gläubigen Katholiken Mayr missfällt der lockere Lebenswandel des Protestanten Besserdich, vor allem aber, dass dieser sich so lange wie möglich vom Frontdienst drückt (27. 9. 1914: „Herr Lt. scheint keine besondere Lust zu haben. Vor kurzer Zeit bemerkte er mir gegenüber, er werde sich vor dem Abmarsch auf den zugigen Abort setzen, damit er noch rechtzeitig einen Blasenkatarrh bekommt.“) Doch Besserdichs Strategie hat Erfolg, für Mayr ziehen sich die Wochen, ja Monate dahin. Der Vorteil ist, dass er in Südtirol nah seiner Heimat, seinem Wohnort Innsbruck und seiner heimlichen Verlobten Notburga „Burgele“ Plank ist. Im Februar 1915 schließlich geht es via Budapest nach Galizien, seine „Feuertaufe“ am 27. März steckt Erich Mayr noch recht locker weg: „Die Schrapnells pfiffen schon wieder recht lustig über unseren Köpfen vorüber.“ Weniger Tage später ist der Tonfall ein anderer, fällt doch Besserdich bei einem Angriff. Fünf Tage braucht es, um die Leiche des Leutnants, „ein Liebling der Mannschaft“, zu bergen. 

Im Mai erfährt das Kaiserschützenregiment vom Kriegsteintritt Italiens, wohl nicht nur Mayr hegt den Wunsch, „nach meinen geliebten Heimatbergen zu ziehen und dort kämpfend zu siegen oder zu fallen, anstatt auf fremder Erde einem noch so unbestimmten Los entgegenzugehen“. Im Juli schließlich wird das Regiment an die Südwestfront verlegt, ab September 1915 kommt Mayr bei Doberdò del Lago an der heutigen italienisch-slowenischen Grenze zum Einsatz. Sein Ton im Tagebuch wird nachdenklicher, er betet für jeden Gefallenen, der „als treues Opfer für sein Vaterland … sein Blut verspritzt“. Kurz vor Silvester verletzt sich Mayr, mit gebrochenem Fuß kommt er ins Spital, zuerst nach Laibach, dann nach Mödling. Bis Anfang April 1916 dauert der Aufenthalt, danach wird er zum „Rekonvaleszenten-Kader“ nach Krems abkommandiert. Ereignislose Tage, aber mühsamer Kanzleidienst, dermaßen monoton, dass Mayr im August 1916 fast fassungslos schreibt: „Habe ich mein Tagebuch vergessen oder ist es die tägliche Einerleiheit der Arbeit, eine Einerleiheit ohne Abwechslung, die mich abhielt, so lange nichts zu notieren?“

Bis Ende Juli 1918 – unterbrochen nur von verschiedenen Ausbildungen – bleibt Mayr im Kanzleidienst, dann ab an die Gebirgsfront, ins Valsugana. Es ist das letzte Aufgebot – 7. 8. 1918: „Mit dem Schlafen wird nicht viel werden, drüben am Tisch spielen meine Budenkollegen Neiber, Uhlatzky und Hauzvic Karten. Ein Deutscher, ein Ungar und ein Tscheche haben sich zusammengefunden, da gibt‘s Explosivstoff.“ Am 1. November gerät Erich Mayr bei Asiago in französische Kriegsgefangenschaft, es sollte die zermürbendste Zeit für ihn werden. Mayrs Lager befindet sich in Roanne (Region Rhône-Alpes), von seiner Heimat ist er abgeschnitten, vor allem erhält er nur wenig und unregelmäßig Post. Während des Kriegs funktionierte der so wichtige Kontakt mit der Heimat (in Österreich-Ungarn wurden in den vier Kriegsjahren über 820 Millionen Feldpostkarten versandt), jetzt dient die Einbehaltung der seltenen Post als ein Druckmittel gegenüber den Gefangenen. Zu den physischen Anstrengungen der Gefangenschaft kommen auch noch psychische dazu. Als Erich Mayr am 7. Jänner 1920 sein Tagebuch beendet („Mittwoch: Glücklich daheim!“) leidet er an einer schweren Rippenfellentzündung und an Lungentuberkulose. Doch er hat überlebt. 
Andreas Hauser

HINTERGRUND

Auf der Flucht

Im September 1914 geriet der spätere Wahl-Kitzbühler Lothar Ebersberg an der Ostfront in russische Kriegsgefangenschaft – für den k. u. k. Offizier der Beginn einer Weltreise. Plötzlich sind Russen in dem Dorf und um uns herum. An ein Entkommen ist nicht zu denken.“ Lothar Ebersberg, Assistenzarzt im 3. Bataillon der Salzburger Rainer, das 59. Infanterieregiment der k. u. k. Armee, kümmert sich in den ersten Septembertagen des Jahres 1914 um die zahlreichen Verwundeten, die sich von den Kämpfen bei Uhnow ins galizische Dorf -Poddubce schleppen. Ebersberg wird von den russischen Truppen entwaffnet, gefangengenommen und mit den verletzten Soldaten nach Uhnow, rund 70 Kilometer nördlich von Lemberg in der heutigen Ukraine, abtransportiert. Dort arbeitet er anfangs noch in einem von den Russen übernommenen österreichischen Feldspital, glaubt, dass die Gefangenschaft nur von kurzer Dauer sein wird. „Um diese Zeit glaubte man noch an den Wert sogenannter internationaler Vereinbarungen und wir Ärzte waren der Ansicht, dass dieser Zustand nur so lange dauern würde, bis es die Gefechtslage ermöglichte, uns nach den Bestimmungen der Genfer Konvention auszutauschen“, hielt Ebersberg nach dem Krieg in seinen Erinnerungen fest (das Manuskript befindet sich im Besitz seines Sohnes Horst Ebersberg). Doch es kommt anders. Am 15. September wird das Feldspital abgebrochen, die Gefangenen werden mit 170 Verwundeten nach Lemberg verlegt. 

Nach drei Wochen wird Ebersberg mit anderen gefangenen Ärzten nach Kiew transportiert, dann Richtung Ural, über das Gebirge hinweg nach Asien. Zusammengepfercht in Waggons geht es weiter nach Osten, bis nach Nikolsk-Ussurisk im äußersten Osten Russlands. Rund 200 Offiziere – überwiegend Österreicher, aber auch Deutsche – und Mannschaften werden dort in einem Lager untergebracht. Die Offiziere genießen gewisse Privilegien, dürfen mit Erlaubnisscheinen nach Nikolsk-Ussurisk. Ebersberg nützt diese Stadtbesuche, denn in seinem Kopf reift ein Gedanke – Flucht. Er lernt einige Brocken Chinesisch, sammelt Proviant und Ausrüstung, leiht sich Geld, besorgt sich einen Kompass und einen Spirituskocher, vor allem aber Kleidung. Er will als Chinese verkleidet fliehen. Eine Mütze, an die er einen Zopf näht, eine Jacke, eine weite Hose und Opanken – absatzlose Schuhe, gefüttert mit geklopftem Gras, die landesübliche Fußbekleidung. Ebersberg findet auch einen Fluchtgefährten, einen Dr. Meier aus Wien. Doch dieser muss wegen einer Halsentzündung passen. Bei Ebersberg meldet sich der Wiener Arzt Karl Kassowitz. Er will mit. Am 19. Dezember ist es so weit. Die Rucksäcke werden gepackt, die Verkleidung wird angelegt, Kopf und Gesicht werden gründlich rasiert und mit Ockerfarbe getönt. 

Als die Luft rein ist, kriechen die zwei Österreicher durch den Vorgarten, schaffen es in den Straßengraben, robben leise an den Posten vorbei, schmuggeln sich aus dem Lager. Doch plötzlich zwei russische Wachposten. Russen und Österreicher gehen sich entgegen, zögernd, langsam. Die Russen fragen, ob sie Tungusen, eine in dieser Gegend lebende Volksgruppe, gesehen hätten. Ebersberg verneint in seinem schlechten Russisch, die Wachposten sind daher noch mehr überzeugt, Chinesen vor sich zu haben, und lassen die beiden ziehen. 

Ebersberg und Kassowitz machen sich auf den Weg, die Route hat Ebersberg mithilfe eines Atlas, den er in Lemberg gestohlen hatte, festgelegt. Richtung Westen hinein nach China, rund 600 Kilometer zu Fuß. 35 Kilometer sind für die erste Etappe einge-plant, doch schon nach wenigen Kilometern hat sich Kassowitz die Füße wundgescheuert. Um sieben Uhr schlagen sie ihr Lager auf, mit schweißdurchtränkten Kleidern, die Bodenkälte dringt in die Knochen – an Schlaf ist nicht zu denken. Am Abend geht es weiter, auf einer breiten Straße steht ihnen plötzlich ein Kosake gegenüber. „Ein würgendes Gefühl beschleicht mich, ich spüre, wie mein Herz heftiger zu schlagen beginnt. Gerade im richtigen Augenblick erwische ich meinen Zopf und hänge ihn über die linke Achsel nach vorn.“ Die Täuschung gelingt, die zwei Flüchtlinge schleppen sich weiter. Seit 24 Stunden unterwegs, rund 50 Kilometer, kein Schlaf, kein Essen. Sie sind am Ende, legen eine Zwischenstation ein, schlafen, gehen weiter, rasten bei Morgengrauen, essen, schlafen und beschließen, am Nachmittag weiterzugehen. Von mehreren Wanderern werden sie ignoriert, erst ein älterer misstrauischer Chinese spricht sie an. Ebersberg antwortet auf Russisch, gibt sich als geflohener deutscher Kriegsgefangener zu erkennen, flucht auf die Russen – und gewinnt damit die Sympathie des Chinesen. Gegen ein kleines Entgelt erklärt sich dieser bereit, einen Rucksack zu tragen und sie zur Grenze zu bringen. Am Abend erreichen sie die Grenze, mithilfe ihres Begleiters finden sie Unterschlupf – und einen neuen Helfer. Ein junger Chinese mit dem Namen Kojuangfung – Ebersberg und Kassowitz nennen ihn jedoch nach kurzer Zeit nur Zankerl – verspricht, sie bis nach Peking zu bringen. Am nächsten Tag brechen die drei auf, über schneebedeckte Felder nähern sie sich der Grenze. Und dann, fast unspektakulär, überqueren sie ein kleines Flüsslein – „Chitei, Chitei! Miu Russki, miu Kosaki! Chitei!“ – „China, China! Keine Russen, keine Kosaken! China!“

Endlich fühlen sich Ebersberg und Kassowitz richtig frei, wie gefährlich ihr weiterer Weg aber immer noch ist, zeigt sich schon am nächsten Tag. Auf einer Straße kommen ihnen drei berittene Kosaken entgegen. Doch die Flüchtlinge haben Glück, es ist ihre letzte Begegnung mit Russen. Dann geht es weiter, zuerst zu Fuß, dann mit einem Pferdeschlitten. Am 5. Jänner treffen sie in der chinesischen Stadt Kirin ein, rund 600 Kilometer in 17 Tagen. Weiter geht‘s mit der Eisenbahn, am 12. Jänner erreichen sie Peking, treffen Österreicher, die ihnen finanziell unter die Arme greifen. Am 21. Jänner sind sie in Shanghai, schiffen sich ein, erreichen am 12. Februar San Francisco. Dann quer durch die USA, von New York nach Gibraltar. Dort sind die Schwierigkeiten noch nicht vorbei. Die Engländer prüfen fünf Wochen lang, ob Ebersberg und Kassowitz wirklich Ärzte sind. Endlich dürfen sie weiter, am 16. April 1915 Neapel, mit dem Zug geht‘s weiter über den St. Gotthard in die Heimat.

Zurück in Salzburg meldet sich Lothar Ebersberg bei seinem Regiment. Ein Vorgesetzter überreicht ihm eine Pistole, er wisse, was er nun zu tun habe, getreu dem Grundsatz: „Der brave Soldat stirbt, wenn notwendig, lässt sich aber nicht gefangen nehmen.“ Als jedoch die Umstände seiner Gefangennahme und seiner Flucht bekannt werden, ist alles anders. Für seine Leistung wird Ebersberg mit dem Franz-Josef-Orden mit Schwert und Diamant ausgezeichnet, die beiden Ärzte erregen öffentliche Aufmerksamkeit. Am 21 Mai 1915 hält Kassowitz in Wien einen Vortrag, „Unsere Flucht aus sibirischer Gefangenschaft“, mit Lichtbildern „nach Originalskizzen von Dr. Lothar Ebersberg“ . Zwei Tage später erklärt Italien Österreich den Krieg. Ebersberg dient bis Kriegsende als Arzt und Skiausbildner an der Dolomitenfront. Auch Kassowitz überlebt den Krieg in den Alpen. Er wandert später in die USA aus, wo er 1978 in Milwaukee stirbt. Ebersberg lässt sich in den 1920er Jahren in Kitzbühel nieder. Dort stirbt er 1962. 
Andreas Hauser