Dioxin Leutasch. Im Frühjahr 2008 sorgte das Leutascher Dioxin-Kalb österreichweit für Aufregung. Die dem Skandal folgende Ruhe ist trügerisch, denn neben weiteren Dioxin-Fällen traten in der Zwischenzeit so manche Fragwürdigkeiten zutage.
Ein billionstel Gramm ist für Laien, die ihr Gewicht in Kilo angeben und im Küchenalltag höchstens mit 10-Gramm-Einheiten hantieren, nicht vorstellbar. Und doch hat auf Gramm bezogen die zwölfte Stelle hinter dem Komma eine Bedeutung, die vernichtend sein kann. Dann, wenn dabei der Dioxingehalt im Fett eines Rindes oder in der Milch einer Kuh angegeben wird. Übersteigt dieser Pikogramm-Gehalt den zulässigen Grenzwert, sind die Folgen für das Tier - falls es noch lebt – letal, für den, der es verzehrt, möglicherweise gesundheitsschädlich und jene für den Bauern existenzbedrohend. Denn der betroffene Betrieb darf weder das Rindfleisch noch die Milch verwerten und muss im Verdachtsfall zudem meist die Kosten der sündteuren Untersuchungen tragen.
Rund 1.000 Euro kostet es, wenn Chemiker im Zuge einer aufwändigen Laboranalyse den Dioxinen oder dioxinähnlichen Verbindungen auf die Spur kommen wollen. Finden sie dabei Beunruhigendes beziehungsweise für den Konsumenten Schädliches, beginnt ein Reigen, bei dem vor allem die Angst mittanzt. Die Angst vor einer Dioxinvergiftung, die nach dem Unfall in einer Chemiefabrik nahe Seveso im Jahr 1976 geboren wurde und sich in Windeseile weltweit ausbreitete.
Zwischen einigen hundert Gramm und wenigen Kilogramm des hochgiftigen Dioxins TCDD waren damals freigesetzt worden und hatten zu verheerenden Folgen bei den Menschen in und im Umkreis der Fabrik geführt. Die Mengenangabe zeigt, warum bei derartigen Giften billionstel Gramm Relevanz haben. Rund 200 Menschen erkrankten sofort an schwerer Chlorakne, über 3.000 Tierkadaver wurden kurz nach dem Unfall gezählt – die Tiere hatten vergiftetes Gras und Blätter gefressen. Die Zahl der Todesopfer ist nach wie vor unbekannt. Als Spätfolge wurden ein Anstieg verschiedenster Krebsarten in der Region nördlich von Mailand festgestellt und auch, dass das „Sevesogift“ den hormonalen Stoffwechsel der Betroffenen verändert hatte. Nach dem Unfall kamen beispielsweise viel mehr Mädchen zur Welt als Jungen, das Verhältnis der Geschlechter geriet vollkommen durcheinander. Die Angst, die mittanzt, sobald das Wort Dioxin fällt, hat ihren Grund.
In Österreich entstand dieses unangenehme Dioxin-Kribbeln im Nacken erstmals, als im April 2009 bekannt wurde, dass bei einem Kalb aus Leutasch eine Dioxinmenge knapp über dem Grenzwert nachgewiesen worden war. Allein der Zufall, der hinter dieser „Entdeckung“ steckt, wirft Fragen auf.
Das Tier wurde im benachbarten Bayern geschlachtet. Wäre es zuvor bei einem österreichischen Metzger gelandet, hätte beim Verzehr des Kalbsschnitzels niemand gewusst, was sich in dem Schmankerl verbirgt. In Österreich wird Fleisch nicht, wie eben in Deutschland, stichprobenartig im Hinblick auf Dioxin oder dioxinähnliche Verbindungen wie polychlorierte Biphylene (kurz: dl-PCB) untersucht, weswegen die Nation diesbezüglich bestens vor Skandalen geschützt ist. Das bedeutet zwar auch, dass die österreichischen Konsumenten nicht den Schutz genießen wie jene in Deutschland, doch wo nicht gesucht wird, kann nichts gefunden werden. Und wo nichts gefunden wird, muss nicht gehandelt werden. Herrlich logisch.
Fiese Art. Die aus diesbezüglich logischem Grund heile Dioxin-Welt Österreichs geriet wegen des Leutascher Kalbls gehörig ins Wanken. Für einen kurzen Augenblick zumindest. Denn wie’s scheint wurde die rasch bediente Einzelfall-Theorie nur zu gerne geglaubt. Ohne einen Blick in den betroffenen Betrieb geworfen zu haben, sprach der Tiroler Bauernbundobmann etwa bald davon, dass es ein schlampiger Hof sei, von dem das Kalbl stammte. Nur die Leutascher, die den Hof kennen, wussten, dass das eine so fiese wie unhaltbare Unterstellung war. Doch auch die Tatsache, dass eventuelle Unordnung noch nicht dazu führt, dass die Mutter aller todbringenden Gifte freigesetzt wird, war unerheblich.
Denn die offizielle Erklärung, dass das Dioxin über eine Wildfütterungsanlage aus kreosothbehandeltem Holz in das Kalb gelangt war, führte rasch dazu, dass der Dioxin-Skandal vergessen wurde. Die zuständigen Beamten und Politiker durften angesichts des geschwind geschwundenen Interesses der Bürger sowie angesichts des Kelchs voll giftelnder Geschichten, der damit an ihnen vorüberging, aufatmen und machten keinen großen Wind daraus, dass im Sommer 2009 auch bei Tieren des Nachbarbauern Dioxin nachgewiesen wurde. In Mengen, die gerade noch unter dem Grenzwert lagen.
Die Fragen, die sich angesichts der Leutascher Geschichte aufdrängten, wurden nie gestellt und mussten nie beantwortet werden. Da wäre beispielsweise die Frage, warum dem offenbar brandgefährlichen Gift in Österreich eine so geringe Bedeutung zugemessen wird, dass Stichproben heimischer Lebensmittel nicht an der Tagesordnung sind. Oder eben jene, warum das in Deutschland sehr wohl der Fall ist. Da wäre die Frage, warum aufgrund der Leutascher Erkenntnisse nicht umgehend Jagd auf alle Futterraufen gemacht wurde, die aus kreosothbehandeltem Holz gezimmert wurden. Schließlich ist seit langem bekannt, dass das Holzschutzmittel Kreosoth krebserregend ist und die potenzielle Vergiftung der Tiere mit Dioxin hätte Anstoß für derartige Aktionen beziehungsweise Reaktionen sein können. Passierte nichts von alledem, weil Dioxin in Österreich kein großes Thema bleiben soll? Oder schlicht, weil nicht weiter gesucht werden soll, damit nichts gefunden werden kann?
Als ECHO beispielsweise im September 2009 über die weitere Entwicklung des vergessenen Dioxin-Skandals berichtete, konnte keine der verantwortlichen Stellen darauf antworten, ob es nun wirklich die Futterraufe war oder doch eine andere „Dioxinquelle“ in Frage kommen könnte. Der Innsbrucker Ernährungsmediziner Maximilian Ledochovski hatte beispielsweise darauf aufmerksam gemacht, dass Dioxin oder dioxinähnliche Stoffe durch Fräsaspahlt und Straßensplitt in die Nahrungsmittelkette gelangen können. Wieder fiel auf, dass Österreich anders ist. Muss Fräsasphalt beispielsweise in anderen Ländern doch als Sondermüll entsorgt werden, während hierzulande bedenkenlos Wirtschafts- und Forstwege damit aufgeschüttet werden dürfen.
Aufgefallen war auch, dass auf einem weiteren Grundstück der betroffenen Leutascher Dioxin-Ecke über viele Jahre Straßensplitt und sonstiger Müll abgelagert worden war. Nur drei landwirtschaftliche Anwesen zählen zur engeren Nachbarschaft. Pikanterweise gehört der dritte Hof dem Bruder des Leutascher Bürgermeisters und ein großer Teil des Grundstücks wird von der Straßenreinigungs- und Entsorgungsfirma genutzt, die Bürgermeister Thomas Mössmer und seinem Bruder Egon gehört. In Zeiten, in denen das noch Gang und Gäbe war, war dort eine große Grube aufgefüllt worden, mit Müll aller Art. Welcher Art genau, will Bürgermeister Mössmer nicht verraten. Im Zusammenhang mit Dioxin-Fragen schweigt er konsequent. In jüngerer Zeit wurde auf dem Gelände jedenfalls offenbar Straßensplitt abgelagert, Fräsasphalt auch und es wurden die Straßenreinigungsmaschinen gewaschen, wobei der dabei abfließende Dreck nicht gehindert wurde, in den Bach abzufließen, der alle drei Anwesen verbindet. Dies nun warf den Verdacht auf, dass die Dioxinquelle möglicherweise auf dem Mössmer’schen Grundstück zu finden sei. „Die Untersuchungen der entnommenen Boden- und Schlammproben auf dem Anwesen der Fa. Mössmer ergaben ein negatives Ergebnis“, sagt Landesveterinär Eduard Wallnöfer. Auf ECHO-Anfrage hatte Amtstierarzt Paul Ortner schon im Oktober 2009 die Auswertung der Bodenproben bekannt gegeben und dabei angemerkt, dass es für Bodenproben keine festgelegten Grenz- bzw. zulässigen Höchstwerte gibt. „Nach der mir vorliegenden Literatur gelten Böden mit Werten bis zu 5 ng/kg TM als unbelastet“, stellte Ortner damals fest. Die Werte des Mössmer’schen Schlammes lagen darunter, doch auf die Frage, ob er demnach ausschließen könne, dass die Böden des Mössmer-Grundstückes als Dioxinquelle in Frage kommen, antwortete er nicht mehr. Und auf die Frage, warum kurz nach Aufkeimen des Dioxin-Skandals in Leutasch der zuvor unbefestigte Platz der Firma Mössmer asphaltiert und warum ebenso plötzlich ein Ölabscheider installiert wurde, antworteten schon im Frühherbst 2009 weder der Bürgermeister noch sein Bruder. Wurden vielleicht unbedenkliche Bereiche untersucht? Was steckt wohl unter dem Asphalt? Was passierte vorher?
Fragenhaufen. Die Informationspolitik in Sachen Dioxin als eigenartig zu bezeichnen, scheint leicht untertrieben. So antwortet Landesveterinär Wallnöfer beispielsweise auf die Frage, ob auch die Tiere Egon Mössmers untersucht wurden, mit: „Die Untersuchung erfolgte auf Basis einer Sammelmilchprobe.“ Welches Ergebnis diese Untersuchung erbrachte, sagt er aber nicht.
Die ausständigen Antworten führen nur zu noch mehr Fragen. Was, wenn Straßensplitt und Fräsasphalt die Umwelt derart mit Dioxin belasten, dass die Tiere ungenießbar werden beziehungsweise die Gesundheit jener, die sie verzehren, gefährdet? Steht der Bürgermeister unter besonderem Schutz? Im Zwickel zwischen Leutascher Ache und Leutascher Seebach wurden beispielsweise viele Tonnen Splitt und Asphalt abgelagert. Der Berg ist mengenmäßig sehr beeindruckend, doch Bürgermeister Mössmer verweigert beharrlich, darüber Auskunft zu geben, welche Art Dreck dort angehäuft wurde. Sollte es sich auch um Straßensplitt handeln, wäre dieser nicht nur wegen der potenziellen Dioxin-Gefährdung aller Tiere, die im Einflussgebiet der beiden Bäche leben, als Umweltsünde zu bezeichnen.
Im Oktober 2009 war Bürgermeister Mössmer von der „Rundschau“, einem Regionalblatt des Seefelder Plateaus, zur Splitt- und/oder Salzstreuung auf den Landesstraßen interviewt worden. Im Artikel wird unter anderem darauf eingegangen, dass sich Salz zum Ende der Wintersaison verflüchtigt, Streusplitt hingegen mühsam und teuer aus den an die Straßen grenzenden Wiesen geräumt werden müsse. „Der Splitt selbst gilt als kontaminiert und muss für weitere 28 Euro pro Tonne entsorgt werden“, heißt es im Artikel. Die kleine Insel zwischen Ache und Bach ist alles, nur keine anerkannte beziehungsweise genehmigte Deponie für in welcher Form auch immer kontaminierte Stoffe. Warum klärt der Bürgermeister die Umstände und Zustände nicht auf und macht sich dadurch möglicherweise unangreifbar für die Verdachtsmomente? Kann er nicht? Will er nicht? Hat er Übles zu verbergen? Es ist keine tolle Visitenkarte, mit Umweltsünden oder gar mit Dioxin in Verbindung gebracht zu werden. Schon gar nicht für einen Bürgermeister, der Hausherr im Leutascher Gemeindeamt bleiben will.
Dort, im Leutascher Gemeindeamt, fand Mitte Dezember 2009 eine Sitzung statt. Eine Dioxin-Sitzung. Die Leutascher Buschtrommeln verkündeten rasch, dass daran rund 15 Leute teilgenommen haben sollen. Drei Vertreter des Umweltministeriums beziehungsweise des Umweltbundesamtes sollen aus Wien „eingeflogen“ worden sein, Landesveterinär Wallnöfer war dabei, Amtstierarzt Ortner auch, Bürgermeister Mössmer war dabei sowie Fachleute von Umweltschutz, Wasserschutz und Kriminalpolizei. Ganz genau weiß das niemand außerhalb des erwählten Zirkels, denn die Sitzung hätte wohl ähnlich geheim bleiben sollen, wie deren Anlass oder das Ergebnis. „Analyse und Bericht der Fachexperten; Abstimmung der weiteren Vorgangsweise“, erklärt Landesveterinär Wallnöfer knapp den Hintergrund der Zusammenkunft. „Die einhellige Meinung der anwesenden Fachexperten bestätigt, dass keine Gefahr für den Konsumenten besteht“, sagt er auch. „Überdies ist sichergestellt, dass die Untersuchung weiter geführt wird.“ So ruhig, wie es nach außen den Anschein hatte, war und ist es nicht im Zusammenhang mit der Dioxin-Causa in Leutasch. In Gerüchten war die Rede davon, dass auch Wild betroffen sei vom Gift. Dann wieder hieß es, dass ein privat in Auftrag gegebenes Gutachten dies widerlegte. Und Wallnöfer stellt fest: „Die Ergebnisse der untersuchten Wildproben liegen alle unter dem für die Tierarten Rind und Schaf festgelegten zulässigen Höchstwert.“ Gerüchteweise hatte es auch geheißen, dass eine vor vielen Jahren abgebrannte Almhütte, von der Wasser in das betroffene Gebiet gelangte, als Dioxinquelle in Frage käme. „Dieser Verdacht wurde entkräftet!“, sagt Wallnöfer mit Ausrufezeichen, um dann einen Unsicherheitsfaktor anzufügen: „Die Besichtigung der damaligen Brandstätte ist nach der Schneeschmelze geplant.“
Es scheint verhext. Die Vorstellung, dass all diese Unsicherheiten zutage getreten sind, weil zufällig ein Tiroler Tier in Deutschland geschlachtet und untersucht wurde, ist wenig beruhigend bis zumindest verwirrend. Was käme wohl raus, wenn die Untersuchungen der Tiere und Böden auf ganz Tirol ausgeweitet werden würden? Ein Supergau? Wird die Sache deswegen so klein und letztlich auf einen einzigen Hof in Leutasch fokussiert gehalten? Wer weiß. Auffallend scheint jedenfalls, dass Tiroler beziehungsweise Österreicher, die diesbezüglich einen einzigen Fall bearbeitet haben, nun die Forderung aufstellen, dass das Thema „Dioxin“ nicht nur regional, sondern international diskutiert werden sollte. „Aufgrund aktueller wissenschaftlicher Erkenntnisse müssen die gesetzlich festgelegten Höchstwerte evaluiert werden“, sagt Landesveterinär Wallnöfer.
Dass angesichts der billionstel Gramm im Fett, die bei den Dioxin-Untersuchungen beziehungsweise Grenzwerten relevant werden, Chemiker sich auf die Schenkel klopfen im Wissen, dass diese Werte verschwindend klein und vernachlässigbar sind, nützt wenig. Dass eine Veterinärin aus Deutschland im Mai 2009 zum Untersuchungsergebnis des längst verzehrten Leutascher Kalbs meinte, das Rind sei gesund gewesen und der Befund vergleichbar mit einem Stück Würfelzucker im Bodensee, ist ebenso irrelevant für jenen Leutascher Hof, der durch die festgestellten Pikogramm in seiner Existenz gefährdet ist. Existenzgefährdet durch die Pikogramm, die fiese Unterstellung sowie die Geheimniskrämerei, die nichts als Unsicherheit schafft. Und Nährboden für giftige Gerüchte. Denn die Angst, die mittanzt, sobald das Wort Dioxin fällt, hat nun einmal ihren Grund.
Alexandra Keller







