Projekt DREI. Berufsschüler spielen Theater. Bei diesem österreichischen Pilotprojekt erfahren junge
Menschen, was Ausdruck auf der Bühne in ihrer eigenen Persönlichkeitsentwicklung bewegen kann.
Glühende Wangen, strahlende Augen, Spannung und dann ... der erlösende Applaus. Eine wahre Gefühlswelle erfasste die Schülerinnen und Schüler der Berufsschule in Tamsweg nach ihrem erfolgreichen Auftritt in der „Alten Post“.
Nicht weniger emotional ging es im Publikum zu. Besonders zwei Frauen waren es, die den Atem anhielten und mit freudigem Erstaunen das Ergebnis ihrer Arbeit genossen: Die Kulturvermittlerin und Toihaus-Mitbegründerin Helga Anna Gruber und ihre Mitstreiterin, Pädagogin an der LBS Tamsweg, Eva Frigge. Sie hatte die Koordination für das Pilotprojekt „DREI“ übernommen.„DREI ist der erste Versuch in Österreich, an einer Berufsschule durch Theaterarbeit Persönlichkeitsentwicklung bei jungen Menschen zu unterstützen“, sagt Helga Gruber. Und wie sehr dieses Angebot dank einfühlsamer Mitarbeit von jungen, engagierten SchauspielerInnen und LehrerInnen der LBS Tamsweg genau diesen bewegenden Effekt erzielt hat, bestätigt die Kulturvermittlerin eindrucksvoll in ihrer Arbeit.
„Meine Begegnung mit Sylvia Hatházy hat eine Idee in mir wachsen lassen. Sie betreut ein langjähriges und sehr erfolgreiches Projekt der Drogeriemarktkette dm in Deutschland, das ein wichtiger Eckpunkt in deren Ausbildungspolitik ist“, blickt sie zu den Anfängen zurück. Seit zehn Jahren ist das Theaterspielen vertraglich ein fester Bestandteil in ihrer Lehrlingsausbildung. „dm hat damit sehr gute Erfahrung in der Entwicklung der jungen Erwachsenen zu selbstständigen, eigenverantwortlich arbeitenden und selbstbewussten Mitarbeitern gemacht“, sagt sie.
Nun stellte sich für die umtriebige kulturschaffende Pädagogin die Frage: Wie können Erfahrungen aus dem deutschen Modell an einer österreichischen Berufsschule Anwendung finden? Der Weg führte Helga Gruber zu allererst zur Berliner Regisseurin Sylvia Hatházy. Diese folgte der Einladung und leitete in den vergangenen Jahren mehrere Theaterworkshops in der Landesberufsschule Tamsweg. Am Ende entstand die Idee für das aktuelle Projekt.
DIE UMSETZUNG. Gemeinsam mit jeweils zwei Schauspielern fand im Rahmen des Unterrichts ein vierteiliger Theaterworkshop mit insgesamt zwölf Stunden statt. Die besondere Herausforderung für die SchülerInnen war es, eigene Theaterszenen aus Themen zu entwickeln, die sie selbst bewegten. Sie erprobten dabei Möglichkeiten der Kommunikation und des persönlichen Ausdrucks, gleichzeitig wurde die eigene Kreativität geweckt, die intensive Zusammenarbeit mit den MitschülerInnen gefördert und nicht zuletzt das Vertrauen in die eigene Persönlichkeit gestärkt. „Es entstanden viele kleine Ideen, die sich langsam zu zwei tragenden Themen zusammenfügten. Da die Fragen und Antworten von den Jugendlichen selbst – aus ihrem Alltag und ihrem Leben in Schule, Familie und Freizeit – entwuchsen, war es nicht schwer, die jungen Menschen für eine intensive Mitarbeit zu begeistern“, erklärt Gruber die Basis des Erfolgs. Einen wesentlichen Grundstein legten jedoch auch das Direktorium der Schule sowie Eva Frigge. Die Pädagogin, die durch ihre Fächer Deutsch, Kommunikation und Politische Bildung sehr schnell einen fächerübergreifenden Zugang fand, engagierte sich als Projektkoordinatorin und gab den jungen Menschen durch ihren Einsatz gleichermaßen Mut und Anregung.
„Nachdem die Jugendlichen die Themen zusammengetragen hatten, machten wir uns gemeinsam auf die Suche nach Theaterstücken, die diese Thematiken behandeln. Damit schloss sich der Kreis harmonisch und die Schülerinnen und Schüler fanden schnell eine entsprechende Identifikation mit dem Stück“, so Gruber.
MINIDRAMEN ENTSTANDEN.Zum Thema „drinnen – draußen“ der 1. Klasse Einzelhandel inspirierte das Stück „Yvonne, die Burgunderprinzessin“ von Witold Gombrowiczs. Begleitet wurden die Eleven von den Schauspielern Elisabeth Krön und Markus Rupert. Minidramen II, gespielt von den SchülerInnen der 2. Klasse Büroberufe und begleitet von Barbara Macheiner und Robert Wimmer, drehte sich um das Thema „Wofür würde ich sterben?“ Zur Inspiration diente Felix Mitterers Stück „Besuchszeit“.
Selbst für Kulturvermittlerin Helga Gruber war so manche Entwicklung in dieser kurzen Zeit ebenso erstaunlich wie erfreulich. Dabei ging es erstrangig nicht darum, aus den SchülerInnen „perfekte SchauspielerInnen“ zu machen, sondern Prozesse anzustoßen. „Wir wollen damit auch nicht vordergründig den Theatern neue Kunden zuführen. Es ist unser Anliegen aufzuzeigen, dass Theater tiefgehend ist. Die Auseinandersetzung mit Theater greift in die Persönlichkeit ein“, sagt Gruber nach Abschluss dieses „ersten Aktes“ ihres Projektes. Denn es soll ja weitergehen. Und diese Idee soll sich ausweiten. Zu diesem Zweck plant sie im Toihaus eine Tagung für Berufsschullehrer, um ihnen Idee und Umsetzung nahezubringen. Natürlich soll es auch in Tamsweg weitergehen. Die Begeisterung ist groß. Doch das Wissen, das dort erarbeitet wurde, kann auch Grundlage für viele weitere Projekte werden.
Unterstützt wird die Idee von der Arbeiterkammer, vom Land, von Kulturkontakte Austria und vom Toihaus. Der Mensch braucht neben Fachwissen noch eine Reihe anderer Fähigkeiten, um im Berufsleben den Anforderungen und dem Mitbewerb gewachsen zu sein. Dieses kreative Rüstzeug – das übrigens schon viele Unternehmen in Seminaren zur Weiterbildung und Kompetenzstärkung anbieten – braucht viele Unterstützer. Besonders aus der Lehrerschaft.
Und so kann dieser Weg auch zur spannenden Lehrerfortbildung führen, die nicht nur für den Beruf der Pädagogin und des Pädagogen ein wichtiger Schnittpunkt sein kann, sondern auch für ihre bzw. seine eigene Persönlichkeit.
Andrea Hinterseer







