Hedi Sailer. Die Witwe von Toni Sailer im Interview über ihren „Tonai“, über die schwere Zeit als Sterbebegleiterin für Gaby Sailer und über die Tatsache, dass ihr Mann erst relativ spät Wertschätzung in seiner Heimatstadt Kitzbühel erfahren hat.
ECHO: Frau Sailer, am 24. August des Vorjahres ist Toni Sailer gestorben. Wo, glauben Sie, befindet sich ihr Mann jetzt?
Hedwig Sailer: Es gibt eine höhere Macht und Toni wird irgendwo wohlbehütet, für all das Gute und Schöne entlohnt werden, was er auf dieser Welt getan hat. Ich bin auch überzeugt davon, dass ihn seine Mutter abgeholt hat und er sich unter all seinen Lieben befindet. Daran glaube ich ganz fest. Denn wenn es kein Leben nach dem Tod gäbe, dann wäre doch alles Dasein hier auf der Erde sinnlos.
ECHO: Rund um das Hahnenkammrennen wird es hier im Haus Tonis Sailers immer besonders rund gegangen sein. Empfinden Sie die nun eingetretene Stille als etwas Bedrückendes?
Sailer: Nein, überhaupt nicht. Ich komme ja praktisch jede Woche von meiner Wohnung in Salzburg hierher und dieses Haus ist mein Ruhepol. Auf einen Außenstehenden mag es vielleicht etwas leer wirken, für mich ist aber Toni immer noch so präsent überall. Hier an seinem Lieblingsplatz sitze ich oft und trinke eine Tasse Tee. Ob Sie es glauben oder nicht, ich rede mit Toni – ja, ich unterhalte mich richtiggehend mit meinem Mann. Und auch wenn ich das Haus betrete, habe ich das Gefühl, dass mir der Toni bereits die Tür aufmacht. Für mich ist er nicht weg, diese Art der Trauer verspüre ich nicht.
ECHO: Sie haben Toni Sailer unter tragischen Umständen kennengelernt, als Sterbegleiterin für seine todkranke Frau Gaby.Wie ist er damals auf Sie gekommen?
Sailer: Er hat mich am Heiligen Abend 1999 angerufen und mich gefragt, ob ich die Pflege seiner Frau übernehmen könne. Zwar hatte ich eigentlich schon jemandem anderen zugesagt, wie ich aber dann drei Wochen später Toni und Gaby vor ihrem Haus stehen gesehen habe, da hätte ich gar nicht sagen können, wer von beiden zu betreuen war. Ein furchtbarer Anblick und mir war sofort klar, hier werde ich dringend gebraucht. Gaby Sailer litt an einer schrecklichen Krankheit, einer Sonderform von Parkinson, der pranukleären Blickparese. Unheilbar und begleitet von ständigem Verfall bis zum Tod. Die Liebe der Gaby Sailer musste ich mir dann sehr hart erarbeiten, aber nach einigen Wochen hatte ich ihr Vertrauen gewonnen. Die schweren Auswirkungen der Krankheit sind mit dem ständig drohenden Verlust von Würde verbunden, etwa wenn die Zugehfrau die Windeln wechseln muss. Diese Würde habe ich Gaby zurückgeben können. Jeden Tag haben wir eine Stunde Toilette gemacht, wir sind zum Friseur gefahren. Gaby Sailer war immer eine sehr schöne Frau und das sollte sie auch bis zum Schluss bleiben.
ECHO: Nach dem Tod von Gaby Sailer im November 2000 sind Sie bei Toni im Haus geblieben. War er damals schon krank?
Sailer: Nein. Nach dem Tod seiner Frau hat mich Toni gefragt, ob ich nicht noch bleiben möchte. Er könne sich nicht vorstellen, allein in das nun leere Haus zurückzukehren. Auch sein Sohn Florian, der damals noch in München studiert hat, bat mich, mich um seinen Vater zu kümmern. Ich beschloss also zu bleiben, solange er mich braucht. Daraus sind dann sechs Jahre geworden, bis mich der Toni eines Tages gefragt hat, ob ich ihn heiraten möchte.
ECHO: Im Kampf gegen seine Krankheit hat Toni Sailer beeindruckende menschliche Größe gezeigt. Was, glauben Sie, hat diesen Mann so stark werden lassen?
Sailer: Er wollte für all diejenigen stark sein, die ihn geliebt, verehrt und geachtet haben. Er wollte auch überhaupt nicht, dass seine Krankheit publik wird. Deshalb waren wir nach der Pensionierung der Zugehfrau auch die letzten zwei Jahre ganz allein im Haus. Der Toni Sailer sollte für die Leute der Toni Sailer bleiben, so wie sie ihn kannten. Aber Toni war schwerst krank, fünf verschiedene Krebserkrankungen in fünf Jahren. Aber bis zum Schluss hat niemand etwas davon geahnt. Einmal sind wir bei einer Veranstaltung gewesen, da hat Toni vorne die Festrede gehalten und ich bin hinter ihm mit den Morphiumtropfen gestanden. Seine Krankheit hat er mit überwältigender Stärke hingenommen.
ECHO: Menschliche Enttäuschungen hat Toni Sailer auch einige hinnehmen müssen, manche von vermeintlich engen Weggefährten. Was hätte er wohl zu manchem seiner Grabredner gesagt?
Sailer: Wenn jemand tot ist, dann wird er als Held gefeiert. Das ist ebenso altbekannt, wie dass der Prophet im eigenen Land nichts gilt. Und was Toni gerade für seine Heimatstadt Kitzbühel getan hat, ist gar nicht abzuschätzen. Sie haben ihn zwar nie schlecht behandelt, aber sie haben ihm auch nie jene Wertschätzung entgegengebracht, die ihm zugestanden wäre. Das ist schade. Aber jetzt bemühen sie sich sehr, das muss man sagen. Ein bisserl spät vielleicht, aber groß wird man ja ohnehin immer erst, wenn man verstorben ist.
ECHO: Frau Sailer, als Sterbebegleiterin sind Sie ständig mit dem Tod konfrontiert und finden stets tröstende Worte für die Hinterbliebenen. Wer hat denn Sie in den letzten Monaten getröstet?
Sailer: Wissen Sie, ich habe drei großartige, gesunde Kinder und fünf gesunde Enkelkinder. Meine Kinder sind meine große Stütze. Wenn man einen so engen Kontakt zueinander hat wie wir – als Mutter kann dir ja gar nichts Großartigeres passieren. Und ich bin auch fest davon überzeugt, dass mich meine Kinder liebevoll bei sich aufnehmen werden, wenn einmal meine Stunde gekommen sein wird.
Interview: Gernot Zimmermann
Zur Person
1999 lernt die gebürtige Salzburgerin Toni Sailer unter tragischen Umständen kennen. Die als Sterbebegleiterin tätige Hedwig (Hedi) Margaretha Pichler pflegt Sailers Frau Gaby bis zu deren Tod im November 2000. Danach bleibt sie als Betreuerin Sailers in dessen Haus bei Kitzbühel, wo er ihr im Jahr 2006 einen Heiratsantrag macht. In Sigi Bergmanns „Sonntagskind“ schreibt Hedi Sailer über ihre gemeinsame Zeit mit Österreichs Jahrhundertsportler.
TONI SAILER „Sonntagskind“, 256 Seiten, s/w illustriert, aufgezeichnet von Sigi Bergmann, ISBN: 978-3-902406-57-6, € 23,60, Seifert Verlag







