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Feuer und Flamme

Hubert Lanzinger mogelt, als er Adolf Hitler porträtiert. Der Führer entspricht nämlich ganz und gar nicht dem germanisch-arischen Schönheitsideal, das die Nationalsozialisten propagieren.

 

Er ist kein strammer, blauäugiger, blondlockiger Titan und sein Gesicht hat nichts von jenem kantig-nordischen „Herrenmenschen“, der allen anderen überlegen sein soll. Lanzinger zeichnet die Züge des Führers schärfer, die Augen tiefer, die Figur insgesamt athletischer. Und er steckt ihn in eine Rüstung. Als „erzgepanzerter, unerschrockener Ritter“ mit stählernem Blick, herrschaftlich zu Pferd und mit der Hakenkreuzfahne in der Hand wird Hubert Lanzingers „Bannerträger“ Adolf Hitler zu einer der bekanntesten Ikonen des Nationalsozialismus. Hochrangige Nazis – von Ministerpräsident Hermann Göring bis zu Hitlers Leibfotografen Heinrich Hoffmann – wollen das 1,6 mal 1,6 Meter große Gemälde des Tiroler Künstlers haben. Doch dieser wimmelt ab, der „Bannerträger“ soll ein Geschenk für den Führer sein. Lanzinger malt ihn fünf Jahre vor dem Anschluss Österreichs an Nazi-Deutschland. Lanzinger ist überzeugter Nationalsozialist und bereits Mitglied der NSDAP.
Hubert Lanzinger (1880-1950) gehört zu den exponiertesten Tiroler Künstlern in der Nazizeit. Doch die Zahl derer, die sich im Dritten Reich angedient haben und/oder überzeugte Nazis waren, ist groß – ob unter den Literaten, den Malern oder den Musikern. Seit letztes Jahr die Diskussion um die Rolle des Tiroler Komponisten Josef Eduard Ploner (1894-1955), um die Rolle der ehemaligen Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft Tiroler Komponisten (ATK) zwischen 1938 und 1945 aufgebrochen ist – in einem CD-Booklet war Ploners unrühmliche NS-Vergangenheit nicht nur unterschlagen, sondern der Komponist gar als „idealtypischer Tiroler“ hingestellt worden – sind sie wieder ins Blickfeld der Öffentlichkeit gelangt. Während im literarischen Bereich die Aufarbeitung fortgeschritten ist, gibt es in der bildenden Kunst und in der Musik nach wie vor bemerkenswerte Lücken. In Monografien auch bedeutender Repräsentanten werden die Kriegsjahre, wenn überhaupt, dann in wenigen Sätzen abgehandelt. Eine große Zusammenschau der Kunst in Tirol während des Dritten Reiches fehlt bis dato komplett. Dabei wäre es fast 70 Jahre nach Ende des 2. Weltkrieges wirklich höchst an der Zeit, offen mit der Thematik umzugehen. Zumal hochrangige Kulturschaffende der Nazizeit nahtlos in das Kulturleben nach 1945 integriert wurden – viele in einflussreichen Positionen, hoch dekoriert und ohne sich vom nationalsozialistischen Gedankengut zu distanzieren oder gar distanzieren zu müssen.
Welch große Bedeutung die Nationalsozialisten der Kunst als Propagandamittel beimaßen, beweist allein die Tatsache, dass sie 1933, knapp einen Monat nach der Machtübernahme in Deutschland, das Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda einrichteten. An dessen Spitze stand kein Geringerer als Reichspropagandaminister Joseph Goebbels. Das im September des selben Jahres erlassene Reichskulturkammergesetz schuf die Basis, u.a. Schriftsteller, Theater, Musik und bildende Künste in entsprechenden Kammern zusammenzufassen. Die Aufnahmebedingungen waren ganz auf das „arische“ Kulturverständnis abgestimmt. Wer nicht Mitglied einer Kammer war, durfte seine Tätigkeit nicht ausüben. Für Hitler stand außer Zweifel, dass die Kunst, „unbewusst den größten direkten Einfluss auf die Masse der Völker ausübt, immer unter der Voraussetzung, dass sie wirkliches Bild des Seelenlebens sowie der angeborenen Fähigkeiten eines Volkes und nicht eine Verzerrung derselben zeichnet. (…) Die Kunst muss, um ein solches Ziel zu erreichen, auch wirklich Verkünderin des Erhabenen und Schönen und damit Trägerin des Natürlichen und Gesunden sein“, wie er 1935 in einer Rede festhielt. Zum ersten architektonischen Manifest des Dritten Reiches wurde 1937 das monumentale „Haus der Deutschen Kunst“. Im Zentrum der Präsentation von rund 900 der „vollkommendsten, fertigsten und besten“ aus rund 15.000 eingesandten Arbeiten von Deutschstämmigen aus aller Welt stand Lanzingers „Bannerträger“.

Ein Volk, ein Reich, die Kunst. Lanzinger, 1880 in Innsbruck geboren, erkannte im Führer und dessen Kampfansage an die Moderne jenen Heilsbringer, welcher der wahren Kunst zum Durchbruch verhelfen würde. Die Rede Hitlers zur Eröffnung der Großen Deutschen Kunstausstellung bestätigte ihn in seiner Einschätzung. Kündigte der Führer dort doch an, einen „unerbittlichen Säuberungskrieg“ gegen die „letzten Elemente unserer Kulturzersetzung“ führen zu wollen. Zu denen zählten für die Nazis Kubismus, Dadaismus, Futurismus und andere Formen der Abstraktion. Künstlerische Strömungen, denen die meisten Tiroler Künstler nördlich und südlich des Brenners mit Skepsis, wenn nicht mit Abscheu gegenüberstanden. Womit sie weltanschaulich in ein starkes Naheverhältnis zum Kunstverständnis der Nationalsozialisten gerieten. Und das lange vor dem Anschluss 1938.
Schon in den 1920er-Jahren begann sich hierzulande ein konservatives Kunst- und Kulturverständnis zu verfestigen, in dem die Moderne keinen Platz hatte. Die Heimat, die „Scholle“ als Hort der Werte, als Zeichen der Beständigkeit und des wahrhaftigen Tirolertums standen hoch im Kurs und manifestierten sich in idyllischen Landschaftsbildern, bäuerlichen Szenerien und mit religiösen Motiven unterlegten Gemälden. „Tatsächlich ist es so, dass die Moderne in den 1930er-Jahren in Tirol kaum eine Rolle spielte. Das heißt, die Kunst war in Tirol schon vor 1938 nivelliert, die Neue Sachlichkeit, die mit Ernst Nepo oder Rudolf Lehnert doch sehr wesentliche Vertreter in Tirol hatte, war deutlich abgeflacht“, erläutert Carl Kraus (siehe Interview S. 48). Der Kunsthistoriker betont, es habe zwar Ausnahmen gegeben, wie z. B. Johannes Troyer, Christian Hess oder Artur Nikodem, das Gros der Künstler aber sei in einer Art Heimatmalerei verhaftet gewesen. Was der Kunstideologie der Nazis sehr entgegen kam.
Künstler wie Lanzinger, aber auch Ernst Nepo (1895-1971), sahen mit der nationalsozialistischen Bewegung eine Zeitenwende heraufbrechen und wurden schon Mitte der 1930er-Jahre – illegal – Mitglieder der NSDAP. Den Anschluss Österreichs ans Dritte Reich sehnten sie herbei. So zierte am 6. April 1938 ein verklärendes Hitlerporträt Nepos das Titelblatt der „Innsbrucker Nachrichten“, die vollgepackt war mit Jubelmeldungen über die endlich erfolgte „Heimführung“ der Ostmark ins Reich und über den Besuch des Führers in Tirol. Nepo war zudem zeitweilig Leiter der Reichskammer der bildenden Künste für den Gau Tirol-Vorarlberg. Bei den Gau-Kunstausstellungen, die bald regelmäßig in Innsbruck stattfanden, fehlte kaum einer jener Künstler, die auch nach 1945 das kulturelle Leben in Tirol prägten, wie Thomas Riss, Nepo, Wilhelm Nicolaus Prachensky, Rudolf Stolz aber auch junge, wie Max Weiler oder Paul Flora.

Trotzdem wird jene Zeit in vielen Künstler-Monografien entweder komplett ausgespart oder mit wenigen Sätzen abgehandelt. Auch sonst ist die Befassung mit diesem Thema überschaubar. Neben ein paar Aufsätzen in zeitgeschichtlichen Publikationen und Nachschlagewerken wurde bis dato in Tirol nur in einer Ausstellung dezidiert versucht, einen umfassenderen Überblick über die Kunstproduktion vor und während des Zweiten Weltkriegs zu schaffen. 1988 fand im Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum die Ausstellung „Tirol 1938. Voraussetzungen und Folgen“ statt. „Die Geschichte der bildenden Künste in Tirol während des Dritten Reiches ist – auch ansatzweise – nicht geschrieben“, notierte der damalige Direktor Gert Ammann in seinem Katalog-Beitrag. Die grundlegende Aufarbeitung fehlt bis heute. Dies wiegt umso schwerer, als der Übergang von der katholisch-konservativ geprägten Kunstproduktion in Tirol zur nationalsozialistischen ohne Brüche und Schwierigkeiten stattfand, wie Johann Holzner, Leiter des Forschungsinstitutes Brenner-Archiv der Universität Innsbruck, hervorhebt (siehe Interview S. 47) – und man nach dem Krieg ebenso nahtlos an die Zeit vor 1938 anknüpfte.

Dabei gibt es durchaus vorbildliche Herangehensweisen, nicht nur in der Literatur. Carl Kraus verweist zum Beispiel auf die 2004/05 im Heeresgeschichtlichen Museum in Wien präsentierte und „akribisch recherchierte“ Ausstellung „Krisenjahre – Max Weiler und der Krieg“, wo die Position dieses international bedeutenden Tiroler Künstlers intensiv beleuchtet und analysiert wurde. „In anderen Monografien über Tiroler Künstler wird das Verhältnis zum Nationalsozialismus jedoch mitunter nach wie vor ausgeblendet“, bestätigt der Kunsthistoriker, der in seiner im Jahr 2000 veröffentlichten Lanzinger-Monografie sehr genau auf dessen politische und künstlerische Haltung zwischen 1933 und 1945 eingeht. „Lanzinger war hier natürlich eine besondere Herausforderung. Es ging bei ihm schon auch darum, zu schauen, wie sind die Mechanismen, wie funktionieren sie. Worin liegen diese Vorbehalte gegen die ‚jüdische‘ Presse, gegen die Moderne, begründet, die angeblich alles überschwemmt“, erläutert Kraus. Nach wie vor wird hierzulande allerdings schon das Pochen auf die Nennung der reinen Fakten gern als Generalangriff auf den Künstler interpretiert, als Verunglimpfung seines Werks gesehen. Als geradezu abstrus muss gewertet werden, wenn Auslassungen damit begründet werden, die Verstrickungen in der NS-Zeit würden als bekannt vorausgesetzt und müssten daher nicht angeführt werden. Ein Bereich, wo genau das nämlich bis dato kaum der Fall ist, ist die Musik, insbesondere die Blasmusik – wie nicht nur das Beispiel Josef Eduard Ploner, dieses aber exemplarisch, zeigt.

Der 1894 in Sterzing geborene Lehrer, Komponist und Chorleiter war Gründungsmitglied der Arbeitsgemeinschaft Tiroler Komponisten (ATK). Primäres Ziel der 1934 ins Leben gerufenen Vereinigung war es, ihren Mitgliedern zu mehr Aufführungen u.a. im Rundfunk zu verhelfen. Beim ebenso erklärten Ziel der ATK, dem Semitismus in der Musik entgegenzutreten, tat sich der von Rassenwahn und Antisemitismus getriebene Ploner besonders hervor. 1937 verfasste er ein offizielles Pamphlet der ATK, in dem er gegen die „Verjudung“ der österreichischen Rundfunkgesellschaft RAVAG wetterte. Die Hetzschrift wurde nicht nur an relevante Stellen in Österreich, sondern ebenso in Nazi-Deutschland geschickt, wo die ATK intensive und fruchtbare Kontakte pflegte, etwa zum Deutschen Reichssender oder dem Propagandaministerium in Berlin. Die ATK wurde nach dem Anschluss zwar aufgelöst, deren Mitglieder aber in nationalsozialistische Vereinigungen übernommen. Ploner machte unter Gauleiter Franz Hofer eine steile Karriere.
„Er erlebte die NS-Zeit offenbar als überaus anregend für sein Schaffen“, erläutert der Musikwissenschafter Kurt Drexel (siehe Interview S. 46). Im Auftrag des Gauleiters stellte er unter anderem das „Liederbuch für Front und Heimat des Gaues Tirol-Vorarlberg“ zusammen, das 1942 unter dem Titel „Hellau!“ veröffentlicht wurde. Für den Musikpädagogen Christian Wolf ist dieses Liederbuch „der Höhepunkt in der Vereinnahmung des alpenländischen Volksliedes durch die Nationalsozialisten“, wie er 1998 in seinem Buch „Musikerziehung unterm Hakenkreuz. Die Rolle der Musik am Beispiel der Oberschulen im Gau Tirol-Vorarlberg“ schreibt. Unter den Komponisten, die für den Führer komponierten und Lieder umtexteten, fand sich neben Ploner u.a. Artur Kanetscheider (1898-1977), Mitbegründer der ATK, NSDAP-Mitglied seit 1933 und nun Gau-Sachbearbeiter für Musikerziehung. Ploner selbst trat zwar erst 1938 der NSDAP bei, der Anschluss Österreichs ans Dritte Reich war für ihn jedoch ein Freudentag. „Wie du dir ja vorstellen kannst, muss auch auf kulturellen Gebieten zuerst vollständig ausgemistet werden. Die AKM (Anm.d.Red.: Österreichische Gesellschaft zur Wahrnehmung der Urheberrechte von Autoren, Komponisten und Musikverlegern) steht nun nach der ersten Radikalsäuberung ebenfalls judenrein da“, schrieb er an den befreundeten Komponisten Josef Gasser im März 1938. Noch im Oktober 1944 war sein „Glaube an den deutschen Endsieg fester denn je“.

Ein Volk, ein Reich, die Musik. Dennoch wurden Leben und Werk eines der drei „Säulenheiligen“ des Tiroler Blas- und Volksmusikwesens nach 1945 bis heute keiner kritischen Betrachtung unterzogen. Im Gegenteil. Wegen der Vertonung des Liedes „Land im Gebirge“ galt er vielen lange als „Egger-Lienz der Tiroler Musik“ („Tirol schöpferisches Land“, 1984). Dass er diese Kantate Gauleiter Hofer gewidmet hat, bleibt in den meisten biografischen Angaben über Ploner ebenso ausgespart wie die Tatsache, dass sie mit ihrem Text des Tiroler Schriftstellers Joseph Georg Oberkofler (1889-1962) ein Musterbeispiel jener NS-Dichtung ist, welche Blut und Boden, Scholle und Sippe verklärt. Im 2007 erschienenen „Blasmusik aus Tirol. Verzeichnis der Komponisten und ihrer Werke“ – herausgegeben vom Verband Südtiroler Musikkapellen und vom Landesverband Tiroler Blasmusikkapellen und von Land Tirol sowie Südtirol gefördert – steht davon nichts. Ebenso nichts Kritisches zur „Symphonie in ES-Dur“, mit der Ploner 1952 einen Kompositionswettbewerb gewann und die – wie Josef Tanzers (1907-1983) Suite „Tirol 1809“ – „NS-Bezüge in Form von musikalischen Zitaten“ enthält, so Kurt Drexel. Tanzer und Ploner gelten bis heute als prägende und wesentliche Wegbereiter der Blasmusik in Tirol nach 1945 und werden auf der Homepage des Blasmusikverbandes entsprechend gewürdigt – ihre Rolle im Nationalsozialismus ist ausgeblendet.
Als geradezu vorbildlich muss vor diesem Hintergrund die wissenschaftliche Aufarbeitung des literarischen Schaffens in Tirol im Dritten Reich betrachtet werden. Die bedeutendsten Autoren jener Zeit, wie etwa Josef Wenter oder der schon erwähnte Oberkofler haben den Anschluss sofort begrüßt und waren zum Teil wichtige Vertreter der NS-Kulturpolitik. „Oberkofler war in den frühen 1930er Jahren ein Hauptrepräsentant der sogenannten ‚vaterländischen Dichtung‘, der Repräsentant des katholischen Lagers schlechthin. Ab 1938 wird er einer der Hauptrepräsentanten des Dritten Reiches“, so Johann Holzner, Leiter des Forschungsinstitutes Brenner-Archiv. Oberkoflers „Gföllberg-Trilogie“ war eines der erfolgreichsten Werke im Dritten Reich. Er erhielt zudem den begehrten „Volkspreis für Deutsche Dichtung“, was gleichzeitig hieß, „alle Büchereien mussten das Buch ankaufen. Der Autor war also mit einem Schlag ein reicher Mann“, erläutert Holzner. Seine offensichtlich überaus starke Nähe zum nationalsozialistischen Gedankengut führte allerdings nicht dazu, dass Oberkoflers Werk nach 1945 etwa kritisch betrachtet wurde.

Ab 1949 erlebte die im Dritten Reich so erfolgreiche Gföllberg-Saga zahlreiche Neuauflagen und erlangte über verschiedene Buchgemeinschaften eine immense Verbreitung. 1953 erhielt Oberkofler die Ehrenmitgliedschaft des Südtiroler Künstlerbundes, 1954 ernannte ihn die österreichische Regierung zum Professor, 1956 übergab ihm das Land Tirol das Ehrenzeichen. Dazu kamen kurz darauf der Ehrenring des Bruder-Willram-Bundes und der Stadt Innsbruck. Mit dem Ende der Nazi-Herrschaft ging 1945 in Tirol augenscheinlich kein Bruch im kulturellen System einher. Den Grund dafür sieht Holzner in der Weitertradierung jenes „christlich-germanischen Kulturideals“, das in Tirol schon lange vor 1938 prägend war, sich ohne Problem in die Nazi-Ideologie einfügte und nach 1945 weiter gepflegt wurde.
„Man hat nach 1945 die Brücken zwischen den Nationalisten und den katholisch-konservativen Kreisen aufrecht erhalten, um sich gegenseitig zu schonen. Und man hat – das ist übrigens nach jedem Krieg auch heute noch so – alles zugedeckt. Das ist vielleicht auch notwendig, um den Wiederaufbau zu starten. In Tirol aber hat man nicht nur massiv zugedeckt, man hat massiv wieder dieselben Leute gefördert. Eine Aufarbeitung passierte über Jahrzehnte gar nicht“, so der Literaturwissenschafter.

Unter seiner Leitung entsteht derzeit eine elf-bändige, kritische Studienausgabe zum Werk von Franz Tumler (1912-1998). Dieser hatte den Anschluss ebenso begeistert begrüßt, ebenso glühende Bekenntnisse zum Führer abgelegt wie etwa Gertrud Fussenegger (1912-2009), die bereits 1933 Mitglied der NSDAP war und eine berühmt gewordene Hymne auf Hitler schrieb. Die beiden, die einige Zeit auch ein Paar waren, galten rasch als die wichtigsten Jungautoren der Ostmark, bald des gesamten Dritten Reiches. Fussenegger gelang es in ihrer schriftstellerischen Arbeit nach 1945 nur bedingt, sich von ihren ideologischen Wurzeln zu lösen, obwohl sie die Dokumente aus jener Zeit bereitwillig für eine Bibliografie offenlegte. Ihre 1979 veröffentlichte Autobiografie etwa bezeichnete der Literaturwissenschafter Klaus Amann als „peinliches Dokument der Verdrängung und Verstocktheit“ („Die Dichter und die Politik. Essays zur österreichischen Literatur nach 1918“, 1992). Bei Tumler zeichnet sich ein anderes Bild. Im Zuge der kritischen Auseinandersetzung mit seinem Gesamtwerk wird deutlich, dass er sich 1942 vom nationalsozialistischen Gedankengut zu distanzieren begann und später literarisch einen kompletten Bruch mit Diktion und Inhalt der NS-Literatur vollzog, wie Holzner betont. „Jemanden ein für alle Mal zu verurteilen, halte ich für falsch. Man sollte nichts zudecken, die Dinge klar ansprechen, aber auch offen bleiben für die Entwicklung, die ein Künstler macht. Man muss auch Künstlern zugestehen, dass sie sich irren und dass sie sich ändern können“, resümiert der Literaturwissenschafter.

Dafür muss man sich aber auch wirklich kritisch mit ihnen auseinandersetzen, ohne Scheuklappen, ohne zu beschönigen. Wenn es um die Verstrickungen von Tiroler Künstlern mit dem Nationalsozialismus geht, passiert das häufig aber immer noch nicht.  Susanne Gurschler


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