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Gedenktafel am Innsbrucker Westfriedhof, Foto: Vandory

Tod im Zillertal

Im September 1928 starb im Zillertal der Jude Morduch Halsmann bei einer Bergtour. Der anschließende Prozess gegen seinen Sohn Philipp zählt zu einem der größten Justizskandale der Ersten Republik.

Der 8. August 1991. Der israelitische Teil des Innsbrucker Westfriedhofs, direkt am Südring, nur durch die Friedhofsmauer von der Straße getrennt. Eine kleine Trauergesellschaft trifft sich, um einem Toten die letzte Ehre zu erweisen. Keine Träger, kein Leichnam. Bestattet wird ein Kopf. Ein Kopf, der über 70 Jahre in der Inns­brucker Gerichtsmedizin ausgestellt worden war, eingebettet im Konservierungsbad, zuerst als Beweismittel, dann als Schaustück. Doch auch die letzte Ruhe am Westfriedhof wird dem Toten nicht gewährt. Auf Verlangen von Rainer Henn, dem damaligen Vorstand der Gerichtsmedizin, wird der Kopf wieder ausgegraben. Es fehlt die notwendige Unterschrift auf dem Bestattungsdokument – der Schädel muss jedoch eindeutig identifiziert, sprich seinem einstigen Träger zugeordnet werden. Dann wird Max Morduch Halsmanns Kopf erneut begraben und ein Schlussstrich unter das letzte, makabere Kapitel eines Justizskandals gezogen, der 1928 mit dem Tod von Halsmann im Zillertal seinen Ausgang nahm.

Was damals, am 10. September 1928, zwischen Dominikushütte und Gasthof Breitlahner, knapp oberhalb des Zamserbaches passierte, ist bis heute ungeklärt. Der let­tische Zahnarzt Max Morduch (Morduk) Halsmann, seit einigen Tagen mit seiner Frau Ita und dem Sohn Philipp auf Urlaub in Tirol, stirbt bei einer Bergtour. Noch am gleichen Tag wird Philipp, der seinen Vater auf der Wanderung begleitet hat, vom Mayr­hofner Postenkommandanten verhaftet – es be­stehe der „dringende Verdacht des Mordes an seinem Vater“. Philipp wird beschuldigt, seinen Vater mit einem Stein erschlagen und anschließend in den Zamser Bach geworfen zu haben. Der Student bestreitet die Vorwürfe. Sein Vater sei vom Weg abgekommen, abgestürzt und habe sich dabei die tödlichen Kopfverletzungen zugezogen. Zeugen gibt es keine, im Dezember 1928 kommt es in Innsbruck zum Prozess. Ein Prozess, der für Philipp Halsmann von Anfang an unter keinen guten Vorzeichen steht. Denn der 22-Jährige ist nicht nur ein Fremder und Intellektueller, dessen Sprache und Rhetorik den Geschworenen fremd ist, er ist vor allem Jude.

Der Oberöster­reicher Martin Pollack ist in seinem Roman „Anklage Vatermord“* den Geschehnissen vor der Verhandlung und während des Prozesses gegen Philipp Halsmann nachgegangen und zeichnet ein beklemmendes Bild von Innsbruck in den späten 20er Jahren. Schon 1994 hat sich der Innsbrucker Historiker Niko­­ Hofinger­ mit der Halsmann-Affäre beschäftigt und kommt zum gleichen Schluss: „Die Stilisierung Philipp Halsmanns zum Märtyrer am ‚Hakenkreuz der Justiz‘ einerseits und zum Mündel der ‚jüdischen Weltverschwö­rung‘ andererseits misst den Ereignissen in Innsbruck eine Bedeutung zu, die den Skandal zu Recht in eine Reihe mit Presseskandalen, Justizskandalen und antisemitischen Skandalen der Ersten Republik stellt.“* Denn das Gerichtsverfahren ist gekennzeichnet von einer mangelnden Beweisführung und wird von stark antisemitischen Tönen begleitet.
Trotz der relativ kleinen jüdischen Gemeinde in Tirol – in der Zwischenkriegszeit zählte sie nur rund 500 Mitglieder – war der Antisemitismus in Tirol stark verwurzelt. 1919 wurde in Innsbruck unter dem Motto „Tirol den Tirolern“ der Tiroler Antise­mitenbund gegründet. Der erste Obmann war der Wildschönauer Bürgermeister sowie spätere Landwirtschaftsminister und Dreizehnlinden-Gründer Andreas Thaler. Das Zehn-Punkte-Programm sah unter anderem das Verbot des Kaufs von Grund und Boden durch Juden vor, verlangte das strengste Vorgehen bei der Erteilung des Heimatrechtes an Juden, ein Berufsverbot für Juden in der Öffentlichen Verwaltung, als Richter und Staatsanwalt wurde gefordert. Das deklarierte Ziel: ein judenfreies Tirol.

Ebenfalls 1919 fanden in Innsbruck die ersten Versammlungen von Nationalsozialisten statt, ein Jahr später trat Adolf Hitler im Stadtsaal auf. Zwar blieb die NSDAP in Innsbruck lange Zeit eine­ kleine Gruppierung – erst 1933 wurde sie mit 41 Prozent die stimmenstärkste Partei im Inns­brucker Gemeinderat – doch machte sie bereits im Jahr 1928 zwei Mal auf sich aufmerksam. Bei der Sonnwendfeier im Juni leuchtete ein riesiges Hakenkreuz von der Nordkette und am 4. Dezember, neun Tage vor dem Prozessbeginn gegen Philipp Halsmann, provozierten die Nationalsozialisten eine Saalschlacht in Inns­bruck.
Das Verfahren gegen Halsmann dauert vier Tage. Für die Zeugen der Staatsanwaltschaft, unter ihnen der Hüttenwirt Josef Eder – der später in der Tiroler Volks-Zeitung mit dem Satz „Wenn ich Richter wäre, ich ließe alle Juden einsperren, dann wäre Österreich saniert!“ zitiert wird – und der Gerichtsmediziner Karl Meixner, besteht kein Zweifel: Es war Mord. Meixner spielt im Prozess eine nicht unbedeutende Rolle. Detailliert erklärt er, warum die schweren Kopfverletzungen nicht durch einen Absturz verursacht wurden. Seinen „Untersuchungsgegenstand“ kennt er genau. Schon im Zillertal haben Gerichtsmediziner den Kopf von der Leiche Morduch Halsmanns abgetrennt und nach Innsbruck zu weiteren Untersuchungen geschickt – und sein Körper wird, gegen den jüdischen Ritus verstoßend, ohne Kopf begraben.

Am Sonntag, dem 16. Dezember, ziehen sich um ein Uhr die Geschworenen zur Urteilsfindung zurück. Sie brauchen nicht lange. 25 Minuten später kehren sie in den Gerichtssaal zurück. Das Urteil lautet: schuldig wegen Mordes, zehn Jahre schwerer Kerker, verschärft durch einen Fast­tag im Jahr. Obwohl der Angeklagte seine Unschuld beteuert, obwohl der Staatsanwalt kein Motiv finden kann, obwohl keiner der Zeugen der Verteidigung den 22-Jährigen für fähig hält, einen Mord zu begehen, obwohl niemals an die Möglichkeit gedacht wird, dass eventuell ein unbekannter Dritter der Täter sein könnte. Selbst der Wiener Staranwalt Richard Preßburger kann Halsmann nicht helfen. Im Gegenteil. Der Jude Preßburger, ein Vertreter des „roten“ Wien, ist den Tirolern suspekt. Zurück in der Zelle unternimmt Philipp Halsmann einen Selbstmordversuch, ein Wachebeamter rettet ihn.
Das Urteil führt zu großer Aufregung, nicht nur in Tirol. Wiener Zeitungen haben den Prozess interessiert beobachtet und sprechen von einem Fehlurteil, die „Neue Freie Presse“ fragt besorgt, „ob Philipp Halsmann nicht das Opfer eines schwerwiegenden Irrtums wurde, ob nicht das Gespenst des Jus­tizmordes drohend und aufwühlend vor uns auftaucht.“

In Tirol ist die Stimmung aufgeheizt, man verwehrt sich gegen die Einmischung von außen. „In der Judenpresse ging nach Bekanntwerden des Urteiles ein großes Gejammer los“, kommentiert das „Alpenland“. Inns­brucker, wie der Kaufmann Richard­ Glaser und Rot-Kreuz-Präsidentin Ottilie Stainer, die sich für den Angeklagten einsetzen, erhalten Drohbriefe. Vier Universitätsprofessoren – Theodor Erismann, ­Alfred Kastil, Theodor Rittler und Ferdinand Kogler – verfassen eine Protestnote, in der sie ihre Sorge festhalten, dass es sich um ein Fehlurteil handeln könnte. Als das Schreiben veröffentlicht wird, werden Vorlesungen der Professoren gestört, Rittler wegen „würdelosen Verhaltens im völkischen Sinne“ aus der schlagenden Burschenschaft „Oberösterreichische Germanen“ ausgeschlossen.
Am 13. März 1929 wird das Urteil vom Obersten Gerichtshof wegen Mängeln im Sachverständigen-Gutachten aufgehoben, im September kommt es zu einem neuen Prozess – ein in Tirol noch nie da gewesenes Medienspektakel, Reporter aus der ganzen Welt kommen nach Innsbruck. Journalisten aus Innsbruck, Wien, Berlin, Madrid, New York und Paris unterzeichnen eine Unterstütz­ungs­erklärung für Philipp Halsmann.

Doch der zweite Prozess verläuft wie der ers­te. Um Ressentiments entgegenzuwirken wird Halsmann von den zwei Innsbrucker Anwälten und Nichtjuden Franz Pessler und Paul Mahler vertreten. Vergeblich, die antisemitische Grundstimmung lässt­ keinen fairen Prozess zu. Mit Sätzen wie „Wir werden den Juden schon eintunken!“ und „Den Juden werden wir schon einsalzen!“ werden Geschworene in einem­ Brief an das Justizministe­rium zitiert, in Predigten wird der Vatermörder Halsmann erwähnt, die Nationalsozialisten organisieren einen Vortrag, „um gegen die jüdischen Bedrücker und für ein freies deutsches Volk“ zu moblisieren. Am 19. Oktober wird Philipp Halsmann erneut verurteilt – vier Jahre wegen Totschlag.
Halsmanns Anwälte bringen das Urteil ein zweites Mal vor den Obersten Gerichtshof. Unterstützt werden sie dabei von Intellek­tuellen aus ganz Europa. Jakob Wassermann, Albert Einstein, Thomas Mann, Erich Fromm und Georges Clemenceau appellieren an Bundes­präsident Willhelm Miklas, der achtjährige Erich Fried schreibt einen Brief an die jüdische Wochenzeitung „Die Wahrheit“. Doch der OGH bestätigt das Urteil. In der Folge wird Miklas mit Begnadigungsschreiben bombardiert. Im September 1930 wird Halsmann im Zuge eines Verwaltungsaktes be­gnadigt und aus Österreich ausgewiesen. Philipp Halsmann geht nach Frankreich, ändert seinen Namen in Philippe Halsman, wird Foto­graf. 1940 flieht er vor den Nazis nach Amerika und wird einer der bedeutendsten Pressefotografen. 101 Titelblätter des „Life Magazine“ stammen von ihm, er porträtiert Marilyn Monroe, Albert Einstein, Salvador Dali, John F. Kennedy. Nach Österreich kehrt Halsmann nie wieder zurück, er stirbt 1979.

Vier Jahre später erscheint ein Sammelband mit seinen berühmtesten Fotos, in der Kurzbiografie steht keine Zeile über die Ereig­nisse in Innsbruck. Ende der 80er Jahre recherchiert der Publizist Markus Wilhelm in der Causa Halsmann und entdeckt, dass 1928 nur der Torso von Morduch Halsmann begraben wurde und der Kopf immer noch in der ­Gerichtsmedizin zur Schau gestellt wird. Auch Hans Haider, Kulturchef der „Presse“, schaltet sich ein und schreibt 1991 einen Brief an den damaligen Wissen­schafts­minis­ter Erhard ­Busek. Die Universität Innsbruck, die Medizinische Fakultät, das Oberlandesgericht und die ­Innsbrucker Staats­an­walt­schaft ­werden mit dem Fall betraut, bis der Kopf zur Bestattung freigegeben wird. Für den ­Innsbrucker Gerichtsmediziner Rainer Henn hat die entwürdigende Szene am 8. August 1991, die das jüdische Exhumierungsverbot missachtete, keine Konsequenzen.
Drei Monate später, am 12. November 1991, wird unter Anwesenheit des Oberrabbiners der ­Israelitischen Kultusgemeinde Wien, Chaim Eisenberg, des damaligen Präsidenten der Kultusgemeinde, Paul Grosz, und seiner ­Innsbrucker Kollegin, Esther Fritsch, sowie Innsbrucker Polit-Prominenz am Westfriedhof das Kaddisch, das jüdische Totengebet, für Morduch Halsmann gesprochen. Das wirklich letzte Kapitel in der Halsmann-Affäre.  Andreas Hauser

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