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26.06.2014

Forscher Haberlandt; Foto: Universitätsverlag Wagner/Privatbesitz Haberlandt

„Und so etwas muss gerade in Tirol erfunden werden!“

Der Innsbrucker Forscher Ludwig Haberlandt ist ein Vergessener. Seine Arbeiten stießen zu seiner Zeit auf massive Ablehnung und erst spät wurde er als „Großvater der Pille“ gewürdigt.

D

er 1. Juni 1961 war für Deutschland ein einschneidender Tag, ja er verursachte mehr als ein Jahrzehnt später einen sprichwörtlichen Knick. 50 Jahre zuvor traf ein junger Mann eine für ihn einschneidende Entscheidung – der 26-jährige Mediziner und Forscher Ludwig Haberlandt fragte bei Wilhelm Trendelenburg, dem Innsbrucker Ordinarius für Physiologie, nach, ob er bei ihm eine Assis-tentenstelle antreten könne. Trendelenburg sagte zu „und so übersiedelte ich nach einem erlebnisschweren und arbeitsreichen Berliner Jahr im Herbst 1911 in die prächtige Hauptstadt Tirols“. Hier wollte der gebürtige Grazer Haberlandt sich seinen „herzphysiologischen Untersuchungen“ widmen. Das tat Haberlandt auch, eher nebenbei befasste er sich mit etwas, das seiner Karriere einen tatsächlichen Knick bescheren sollte – Transplantationsversuche mit Eierstöcken. Doch seine Erkenntnisse zur „hormonalen Sterilisation“ trugen Früchte und sind sozusagen die Wurzeln für das, was die Zeitschrift The Economist 1993 in die Liste der modernen Weltwunder aufnahm – die Antibabypille, die nach ihrer Zulassung 1960 in den USA, 1961 in Deutschland und 1962 in Österreich den sogenannten Pillenknick verursachte.

 

„Ich erinnere mich noch so gut, wie mir der Grundgedanke hierzu an einem Februar-abend des Jahres 1919 ganz plötzlich gleichsam wie durch eine höhere Eingebung gekommen war und mir sofort die weitgehende Bedeutung der Sache voll zum Bewusstsein kam“, erinnert sich 1921 Haberlandt in seinen Aufzeichnungen, die nun erstmals der Öffentlichkeit zugänglich sind. Der Grundgedanke war wirklich einfach: „Wenn man nicht wolle, dass ein Fuhrwerk zu einem Parkplatz vordringe, der bereits belegt sei, versperre man ihm den Weg. Ähnlich müsse es im Körper einer schwangeren Frau ablaufen: Hormone würden sich den Eizellen und Spermien zwar nicht in den Weg stellen, aber dafür sorgen, dass der Weg in der Gebärmutter unpassierbar sei. Empfängnisverhütung bestünde also in einer hormonell vorgetäuschten Schwangerschaft.“ 1919 – Haberlandt war gerade von der Universität Innsbruck zum Extraordinarius vorgeschlagen worden – begann der Forscher, Ovarientransplantationen bei Kaninchen und Meerschweinchen durchzuführen – bei einem Teil der Tiere hatte dies eine zeitlich begrenzte Sterilisation zur Folge. Darauf aufbauend folgten ab 1921 Injektionsbehandlungen mit Eierstock- und Plazentaextrakten sowie – bis 1927 – Fütterungsversuche mit Präparaten aus Ovarien trächtiger Tiere und Plazenten. Mit diesen Versuchen gelang ihm der Nachweis einer hormonellen Sterilisation. 

Schon die ersten Publikationen zum Thema sorgten für Aufregung – gar vom „Ei des Kolumbus“ war die Rede – und stießen auch auf wirtschaftliches Interesse. Ein deutsches Pharmaunternehmen sagte Haberlandt zu, sein Ovarialpräparat für Injektionsversuche am Tier herzustellen. Auch diese Laborexperimente am Tierorganismus waren erfolgreich – Haberlandt dachte schon im Jahr 1922 konkret an eine praktische Auswertung im Klinikbereich. An was er allerdings nicht gedacht hatte, waren die medialen Vorkommnisse und die ideologischen Auseinandersetzungen – weit über die Tiroler und österreichischen Grenzen hinaus. Sahen die einen darin die Chance, mithilfe einer „Antikindertablette“ gefährliche, weil illegale Abtreibungen und deren gesundheitliche und rechtliche Folgen zu verhindern, war es für andere ein Verbrechen am ungeborenen Leben. 

Ab 1927 explodierte die öffentliche Debatte. Die sozialistische Volkszeitung nutzte die Debatte für eine Generalkritik am konservativen Tirol, das etwa mit Kurzbadehosen-Verordnungen und Tanzverbotsgesetzen die „Moral“ aufrechterhalten wollte. Unter dem provokanten Titel „Und so etwas muss gerade in Tirol erfunden werden!“ schrieb die Zeitung die sexuelle Revolution herbei: „Man nimmt einfach eine Tablette ein und braucht sich nicht mehr vor eventuellen Folgen einer zärtlichen Stunde, nicht vor dem Staatsanwalt und seinem Paragrafen 144 zu fürchten.“ Die Haberlandt-Gegner wurden wenige Tage später ironisierend bloßgestellt, unter anderem bekamen Kirche („Herr Haberlandt, was Sie da treiben/dagegen müssen wir uns wehren!/Viel Kinder her! Wir brauchen Dumme/Damit sie uns‘re Macht vermehren.“) und Militär („Das fehlte noch! Sind Sie verrückt?/Weg mit den Pillen von der Mutter!/Sie bringen uns mit Ihrem Mist/Zum Schluss um das Kanonenfutter.“) ihr Fett ab. 

Doch die Gegner Haberlandts fanden sich auch in den eigenen Reihen, von Teilen der Fachwelt sah er sich massiver, teilweise sehr persönlicher Kritik ausgesetzt. Besonders ein Innsbrucker Kollege, der Anatom Alfred Greil, startete regelrechte Kampagen, bezichtigte Haberlandt der „Kulturwidrigkeiten“, der „Verbrechen gegen keimungsfähiges Leben“ und erarbeitete einen eigenen Gesetzes-entwurf (!) gegen den potenziellen Einsatz eines auf Haberlandts Forschungen aufbauenden Verhütungsmittels. Auch wenn Greils extreme Positionen keine Anhänger fanden, Haberlandt sah sich zunehmend am beruflichen Fortkommen behindert. In Innsbruck blieb ihm eine ordentliche Professur verwehrt, Berufungen nach Jena, Rostock und Graz scheiterten, Haberlandt geriet mehr und mehr ins wissenschaftliche und politische Abseits, zudem gelang ihm die Umsetzung seiner theoretischen Arbeiten in die Praxis nicht. Auch wenn er in seinen Erinnerungen in den ersten Jännertagen des Jahres 1931 festhielt, dass er „mit der Gesamtsumme meiner Leistung auch Ende 1930 recht zufrieden sein darf“, war er es nicht. Für den leistungsorientierten Haberlandt war der Druck zu groß. Am 22. Juli 1932 nahm er sich in Innsbruck das Leben. Die offizielle Todesursache lautete „Herzlähmung“. Die Familie – seine Frau und drei Kinder – wollte einen weiteren Medienwirbel um den Großvater der Pille vermeiden.
Andreas Hauser

HINTERGRUND

Carl Djerassi: Forscher & Künstler

Mit der erstmaligen Synthese eines oralen Verhütungsmittels ebnete Carl Djerassi (im Bild in einem Interview aus dem Jahr 2006) in den 1950er Jahren den Weg zur Entwicklung der Pille. Geboren wurde Djerassi 1923 als Sohn jüdischer Eltern in Wien. Aus Angst vor der Verfolgung durch die Nationalsozialisten verließ er 1938 Österreich und floh in die USA. Nach dem Chemiestudium startete er seine wissenschaftliche Karriere und wurde 1959 Professor an der renommierten Stanford University. Bereits 1951 gelang seinem Forschungsteam in Mexiko die Synthese des Sexualhormons Norethisteron, wodurch er in den folgenden Jahrzehnten als Erfinder der Pille zu Weltruhm gelangte. Seither gilt Djerassi als „Vater der Pille“, ein Beiname, der ihn etwas nervt, der ihm allerdings ermöglicht, mit einer ähnlichen Metapher auf die medizinischen Vorleistungen eines Innsbrucker Wissenschaftlers hinzuweisen: Für ihn ist Ludwig Haberlandt der „Großvater der Pille“. Für die Arbeiten zur Pille und nicht weniger als 1200 andere Forschungsarbeiten wurde Djerassi mehrfach ausgezeichnet, unter anderem in den USA mit der National Medal of Science sowie der National Medal of Technology und in Europa mit dem Österreichischen Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst, dem Große Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland, der Ehrenmedaille der Bundeshauptstadt Wien in Gold und vor Kurzem mit dem Ehrendoktorat der Naturwissenschaften durch die Universität Innsbruck, da – so Rektor Tilmann Märk anlässlich der Verleihung – „die Wurzeln für die Entwicklung der Pille bis nach Innsbruck zurückreichen“. 

Seit den 1980er Jahre widmet sich Djerassi auch dem literarischen Schaffen. Zu seinen Werken zählen Kurzgeschichten, lyrische Texte, fünf Romane, neun Theaterstücke sowie zwei Autobiografien und ein Memoirenband – vieles davon ist erstmals im Innsbrucker Haymonverlag erschienen. Djerassi machte sich aber auch als Kunstsammler und Mäzen einen Namen. Seit seiner Gründung im Jahre 1982 hat das Djerassi Resident Artist Program über 2200 Künstlern Wohn- und Arbeitsräume in der Nähe von San Francisco zur Verfügung gestellt.

 

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