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29.08.2014

Primar Herbert Tilg: „Der Mensch ist tatsächlich, was er isst" ; Foto:Friedle

Bist du, was du isst?

Kann ein gesunder Darm der Schlüssel zu psychischem Wohlbefinden sein? Oder gar Krankheiten wie Multiple Sklerose oder Parkinson beeinflussen? Ein Gespräch mit Herbert Tilg, Gastroenterologe und Leiter der Innsbrucker Uniklinik für Innere Medizin I.

ECHO: Herr Professor Tilg, wie beurteilen Sie große Verkaufserfolge von Büchern wie „Darm mit Charme“ und warum ist das Thema überhaupt brisant?

Herbert Tilg: Giulia Enders‘ Buch ist witzig geschrieben und liefert wissenschaftlich belegtes Wissen. Es ist ein Bestseller, weil viele betroffen sind. Beschwerden im Verdauungstrakt kommen in unseren Breiten eigentlich am häufigsten vor, und zwar über alle Altersgruppen verteilt. Statistisch gesehen hat jeder Mensch mindestens einmal im Jahr kleinere oder auch größere Beschwerden. Wenn das Problem eskaliert, sucht man dann ärztlichen Rat.

ECHO: Was ist wichtig für die eigene Darmgesundheit? 

Tilg: Das ist medizinisch gar nicht so leicht definierbar. Der Darm ist ein sieben bis acht Meter langer Schlauch, der die Aufgabe hat, uns zu ernähren. Das erledigen dort hundert Trillionen lebensnotwendiger Keime, die insgesamt gut eineinhalb Kilo unseres Körpergewichts ausmachen, das sogenannte Mikrobiom. Diese Keime und Bakterien steuern für uns lebenswichtige Funktionen. Es überrascht also nicht, dass gerade im Darm der Großteil des Immunsystems zu finden ist. Hier werden Dinge aufgenommen, die gut für den Körper sind, aber auch andere vernichtet, die schädlich sein könnten – eine Armee von Bakterien wird bei Gefahr aktiv und bekämpft sie. Diese Bakterienwelt muss also funktionieren, damit unsere Gesundheit überhaupt gewährleistet wird. Wir wissen noch relativ wenig über sie, aber sie ist mit Sicherheit essenziell. 

ECHO: Wann ist der Darm eigentlich gesund?

Tilg: Wenn man nach dem Essen nicht unter übertriebener Blähsucht leidet, der Stuhlgang regelmäßig ist. Und selbst wenn man etwas über die Stränge schlägt, müsste noch etwas Spielraum vorhanden sein und etwaige Strapazen bald verziehen werden. Innerhalb des Darms sollte es folgendermaßen aussehen: Die Epithelzelle, also die oberflächliche Auskleidung des Darms, die insgesamt die Fläche eines Fußballfelds misst, muss wie ein englischer Rasen sein, also gut gepflegt, sauber, dicht und schön. Falls dies nicht der Fall ist, dringen die falschen Dinge durch die Darmwand und machen krank. Das Zusammenspiel zwischen Immunsystem, Darmrhythmik und Darmflora muss ebenso passen. Hierarchisch gesehen sind die Keime dafür ausschlaggebend, dass es uns gut geht. Davon tragen wir tausend verschiedene Familien in unserem Dünn- und Dickdarm.

ECHO: Kann man dieses Mikrobiom über die Ernährung beeinflussen?

Tilg: Ja, der Mensch ist tatsächlich, was er isst. Die Ernährung hat einen Einfluss auf Krankheit oder Gesundheit, eben weil Nahrung diese Keimzusammensetzung beeinflusst. Durch falsche Ernährung können eventuell „gute Spieler“ verdrängt werden, während sich „böse Spieler“ vermehren und das Gleichgewicht kippen. Die Keimwelt kommuniziert dann anders mit dem Immunsystem, es entstehen eventuell krankheitsbegünstigende Situationen oder Entzündungen, und das nicht ausschließlich im Darm. Ernährungsbedingt schlechte Botenstoffe können Gefäßentzündungen verursachen, also auch Herzinfarkte oder Arteriosklerose. Dass ungesunde Ernährung die Keimwelt manipuliert, ist ein völlig neues Konzept in der Medizin, das erst kürzlich entstanden ist. Und dank neuer molekularbiologischer Verfahren können wir nun endlich beginnen, diese Aspekte in der Biomedizin zu verstehen. Somit können wir auch die Darmgesundheit in ein ganz neues Licht rücken. Es wird gerade erforscht, ob der Darm und seine Keimwelt auch Herz-, Gefäß- und Hirnfunktionen steuern, denn es bestehen viele wichtige Kommunikationsschleifen zwischen Darm und dem zentralen Nervensystems. Die alten Sprüche waren von dem her immer schon sehr weise. Dass es schlecht ist, jeden Tag Schnitzel zu essen, war zwar jedem bewusst, jetzt kann man neue Daten generieren und messen, Hypothesen belegen und neu erstellen.

ECHO: Ist es auch möglich, dass sogar psychisches Wohlbefinden von einem gesunden Darm abhängt?

Tilg: Ja, das wird in Zukunft ein großes Thema sein. Psychische Befindlichkeiten bis hin zu Autismus, Parkinson oder Multiple Sklerose werden intensiv in Zusammenhang mit der Darm-Hirn-Achse erforscht. Der Darm hat ein größeres Nervensystem als das Gehirn. Und nicht nur die Verknüpfung zwischen Bauch und Gehirn, auch die Bauch-Herz-Achse oder der Einfluss des Darms auf die Blutgefäße. Die Darmgesundheit spielt sicher eine wichtigere Rolle, als vermutet. Sogar die Bauch-Lungen-Achse wird in Hinblick auf Asthmaerkrankungen erforscht.

ECHO: Kann eine unausgewogene Keimwelt auch Allergien verursachen?

Tilg: Bei Störungen im Darm können oft auch Hautprobleme entstehen, es gibt also auch eine Darm-Haut-Achse. Viele Darmerkrankungen verursachen Beschwerden an der Haut, ein Nesselausschlag ist beispielsweise auch bei jungen Leuten recht häufig. Tatsächlich ist ein Darminfekt die Ursache, und wir landen wiederum bei der manipulierten Keimwelt. Darmgesundheit und Allergien sind ebenso ein Riesenthema. Wir wissen etwa, dass das Mikrobiom von Kaiserschnittkindern nachweislich ein ganz anderes ist als jenes bei Vaginalgeburten. Sie tendieren eher zu Allergien. Eine normale Geburt ist der wichtigste Faktor bei der Reifung der kindlichen Mikrobiota, die mit drei Jahren vollständig abgeschlossen ist. Der Trend zum Kaiserschnitt ist medizinisch betrachtet problematisch.

ECHO: Muss man diese Keimwelt unabhängig vom Individuum betrachten und eher abhängig von der jeweiligen Umwelt?

Tilg: Das ist eine gute Frage. Wahrscheinlich gibt es einen Kernbereich, den alle Menschen haben müssen, um zu funktionieren, obwohl es sicherlich globale Unterschiede gibt. Ein Bereich wird sich je nach Nahrung unterscheiden, in Afrika hat man beispielsweise andere Essensgewohnheiten als in Italien. Hier ist die Keimwelt eine andere. Je nach Umgebung und folglich Ernährung sind auch die Frequenzen von Darmerkrankungen unterschiedlich hoch. Die Biomedizin muss noch einiges leisten, um solche Zusammenhänge zu erforschen. Die Auswirkungen von Nahrung auf die Keimwelt, welche Organe in welcher Form durch diese Prozesse beeinträchtigt werden, diese Schleifen müssen wir erst verstehen lernen, und zwar ganzheitlich, und den Menschen als Ökosystem wahrnehmen. Das führt letztendlich zu einer besseren Sicht auf Krankheiten und eröffnet neue medizinische Heilungsperspektiven.

ECHO: Ein guter Zeitpunkt, wo doch gerade Konsumenten industriell hergestellten Lebensmitteln immer skeptischer gegenüberstehen?

Tilg: Sicher, das kommt noch dazu. Man muss sich auch fragen, warum so viele Erkrankungen häufiger werden. Diese Vielfalt von Speisen, die in den letzten Jahrzehnten nahezu explodiert ist. Wir essen das ganze Jahr über alles, aus der ganzen Welt. Früher wurden in Tirol aber meist nur lokale Produkte konsumiert. Evolutionsbedingt waren auch unsere Keime nur auf Kartoffeln und Kraut abgestimmt, und es ist anzunehmen, dass diese aktuelle Vielfalt die Keimwelt überfordert, speziell die unkritische Aufnahme aller möglichen Lebensmittel, von den Zusatzstoffen mal abgesehen. Wichtig für das Mikrobiom bleibt die Homöostase, also ein friedliches Gleichgewicht aller Spieler da drinnen.
Interview: Marianna Kastlunger

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