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24.09.2014

Wolfgang Rauch: „Ein Rohr, das normalerweise 100 bis 50 Jahre hält, kann in 20 Jahren kaputt sein“; Foto:Friedle

„Es stinkt nach faulen Eiern“

Aluminiumsulfat, ein unbedenklicher Trinkwasserzusatz, zerstört vielerorts das Kanalnetz in ­rasantem Tempo. Die Experten Wolfgang Rauch und Manfred Kleidorfer von der Uni Innsbruck erklären im Interview, wie der massive Schaden entsteht und warum wir schnell handeln sollten.

ECHO: Wie wird Aluminiumsulfat, das bei der Trinkwasseraufbereitung völlig ungiftig ist, in den Abwasserrohren plötzlich zur betonzerfressenden Gefahr?

Wolfgang Rauch: Es gibt zwei Mechanismen: Wenn es warm ist und im Betonrohr gleichzeitig sehr wenig Sauerstoff vorhanden ist, produziert eine spezifische Art von Bakterien Schwefelwasserstoffgas. Das stinkt und es ist giftig. Eine zweite Art von Bakterien wandelt anschließend Schwefelwasserstoff in Schwefelsäure um und die greift das Betonrohr an.

ECHO: Warum sollte uns das interessieren?

Manfred Kleidorfer: Es macht Probleme im Betrieb und es stinkt nach faulen Eiern. Die Schwefelsäure führt zu Betonkorrosion und das vermindert die Lebensdauer der Rohre. Es gibt alle möglichen Maßnahmen, z.B. werden Deomatten eingelegt, um gegen den Geruch zu kämpfen. Es ist auch relativ viel unternommen worden, um das Sulfat aus dem Wasser rauszubekommen. Was die Forscher von der Universität Queensland jetzt herausgefunden haben – und so simpel es klingt, so toll ist es auch –, ist, wie das Sulfat dort reinkommt: Ein wichtiger Eintragspfad ist die Trinkwasseraufbereitung.

ECHO: In welchem Umfang entstehen dadurch Schäden?

Rauch: Das Gas stinkt in einem Ausmaß, dass die Bevölkerung sich beschwert, weil der Geruch unerträglich wird. Es ist giftig für alle, die sich im Kanal selbst aufhalten. Der Angriff auf den Beton kann sehr massiv sein. Wir haben Schädigungsraten im Bereich von Millimetern pro Jahr. Ein Rohr, das normalerweise 100 bis 50 Jahre hält, kann in 20 Jahren kaputt sein. Die Lebensdauer wird also erheblich verkürzt.

ECHO: Die modernen Abwasser-systeme sind weltweit etwa gleich alt, zwischen 100 und 50 Jahren. Bedeutet das, dass es Probleme geben könnte, weil sie auch ungefähr gleichzeitig ausgetauscht werden müssen?

Kleidorfer: Das Alter der Leitungen ist durch Reparaturen und Erweiterungen unterschiedlich. Es müssen also nicht alle auf einmal getauscht werden, aber es kommt zu einem hohen Erhaltungsaufwand. Das ist kein Riesenproblem, wenn man sich darum kümmert. Die Gefahr ist nur, dass unterirdische Infrastruktur vernachlässigt wird, weil man sie nicht sieht. Der schlechte Zustand wird oft erst bemerkt, wenn es bereits zu spät ist. 

ECHO: Besteht derzeit die Gefahr, dass der richtige Zeitpunkt verpasst wird?

Kleidorfer: Die Gefahr ist auf jeden Fall da. Man muss sich anschauen, was in den nächsten Jahren passiert. Wenn man von einer Lebensdauer der Rohre von 100 bis 50 Jahren ausgeht, bräuchte man eine jährliche Sanierungsrate von ein bis zwei Prozent. Derzeit sind wir weit darunter. Man muss hoffen, dass das in den nächsten Jahren anzieht.

ECHO: Was sind die Konsequenzen, wenn man die Sanierung des Abwassersystems weiterhin schleifen lässt?

Kleidorfer: Es kann einen Wasserrohrbruch geben und damit Wasserunterbrechungen. Ein Wasserrohrbruch ist jetzt keine Katastrophe, je öfter das vorkommt, desto schwieriger wird es allerdings. Der „Vorteil“ unter Anführungszeichen bei der Wasserversorgung ist, dass man den Schaden sofort sieht. Beim Kanal haben wir Freispiegelabflüsse. Das heißt, wenn es dort einen Schaden gibt, dann versickert das Abwasser und es kann zu Umweltproblemen kommen, oder wenn das Rohr im Grundwasser liegt, gelangt Grundwasser in das Kanalrohr, was zu erhöhten Kosten in der Kläranlage führt.

ECHO: Wie groß ist der Sanierungsbedarf in Österreich?

Rauch: Wir können davon ausgehen, dass wir in den nächsten zehn bis 20 Jahren massive Investitionen brauchen, um diese Infrastruktur zu erhalten. Um ein plakatives Bild zu gebrauchen: Wir haben uns vor 50 Jahren einen VW Käfer gekauft und haben keinen Cent in die Sparkasse getan, damit wir uns dann später einen neuen kaufen können. Wir sanieren ein bisschen und hoffen, dass das System lange hält. In Tirol brauchen wir laut Schätzungen in den nächsten zehn Jahren etwa 700 Millionen Euro Gesamtinvestitionen für Neubauten und Sanierung. 

ECHO: Weltweit schätzen Sie das Einsparungspotenzial durch den Verzicht auf Aluminiumsulfat auf 100 Milliarden Euro pro Jahr. Wie groß wäre es in Österreich?

Rauch: Wir haben in Österreich ein vergleichsweise sehr teures, weil hochentwickeltes System. Der Wiederbeschaffungswert der Infrastruktur, die wir vergraben haben, kostet etwa 5000 Euro pro Person, das sind ungefähr 50 Milliarden. Wenn ich für das Wassersystem eine Lebensdauer von 100 Jahren annehme, bin ich bei einer halben Milliarde pro Jahr. Wenn ich diese Lebenserwartung hinauszögern kann, erspare ich mir relativ viel Geld. In Österreich ist allerdings nur ein geringer Teil der Systeme betroffen, wir haben nicht überall Betonrohre und haben wenig Bedarf für Aluminiumsulfat in der Wasseraufbereitung. Für uns ist es eher in lokalen Bereichen interessant. Die Möglichkeit, dass wir mit einem Verzicht auf Aluminiumsulfat die Welt retten und unsere Finanzen sanieren, ist daher eher gering.

ECHO: Aluminiumsulfat wird verwendet, um Verunreinigungen und Schwebstoffe aus dem Wasser zu filtern. Braucht man bei uns kaum Sulfat, weil unser Wasser so sauber ist?

Rauch: Ja. Weil wir hauptsächlich Quellwasser verwenden, ist kaum Verunreinigung vorhanden. Es spielt vor allem bei der Trinkwasseraufbereitung aus Oberflächengewässern wie Seen eine große Rolle.

ECHO: Die Rohre, die jetzt ausgetauscht werden, müssen für den Bedarf in 100 Jahren gebaut werden. Wird dabei auch der Klimawandel berücksichtigt?

Rauch: Ja, er wird berücksich-tigt. Die zu erwartenden Änderungen im Klima und im Niederschlag liegen allerdings im Prozentbereich. Es wird mehr Niederschlag im Winter geben und weniger im Sommer. Es ist nicht anzunehmen, dass Riesenprobleme auf uns zukommen. In anderen Regionen sieht das ganz anders aus. Wir leben hier auf einer Insel der Seligen, zumindest was die generellen Wasserressourcen angeht. Probleme könnten wir aber in Bezug auf Extremniederschläge und dadurch entstehende urbane Überflutungen sehen.
Interview: Sonja Kainz

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