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Kultur
12.05.2010

Skandal in der Provinz

Agnes Larcher. Vor 35 Jahren sorgte ein Skandal für politischen Wirbel in Tirol und erregte international Aufmerksamkeit – die Lehrerin Agnes Larcher wurde fristlos entlassen, weil sie in der Klasse ein Franz-Xaver-Kroetz-Stück behandeln wollte.

 

Für Eva Mattes bedeutet das Stück den Durchbruch am Theater. 18 Jahre ist sie alt, kaum eine Handvoll Sätze kommen in den zwei Stunden über ihre Lippen und für eine halbe Szene steht sie völlig nackt auf der Bühne – mit „einem schweren, plumpen Körper", wie in der Süddeutschen Zeitung zu lesen steht: „Mit einem schweren, plumpen Körper, ohne dass sich auch nur einen Augenblick lang die übliche peinliche Zweideutigkeit aus Scham und ihrer demonstrativen Verdrängung einschaukelte." Nein, es gibt keinen Skandal, als Eva Mattes nackt auf der Bühne steht, im Jahr 1972, in Hamburg, im Stück „Stallerhof" von Franz Xaver Kroetz, der die urbanliberalen Theaterbesucher mit bäuerlichem Realismus aus der Beschaulichkeit reißt – auf den kleinen Bühnen, den Werkraumbühnen, versteht sich. Gerade groß genug, dass Kroetz in den Feuilletons gefeiert wird, als der, der aus der bayerischen Provinz wie eine Rakete in den deutschen Theaterhimmel geschossen ist.
Für Agnes Larcher bedeutet das Stück das Ende an der Schule, das Ende als Hauptschullehrerin in Tirol. Sie ist 35 Jahre alt, sie ist keine, die sich den Mund verbieten lässt, aber eine, die moderne Unterrichtsmethoden in die Schule bringt, eine, die am Puls der Zeit ist, auch am literarischen. Sie wählt das Stück „Stallerhof" von Franz Xaver Kroetz, dem in Deutschland gefeierten Bühnenautor, um mit ihren Schülerinnen das Thema „Außenseiter" zu diskutieren. Es scheint ihr mehr als geeignet, geht es doch um ein geistig zurückgebliebenes Kind, das aufgrund der sozialen Kälte seiner Umgebung zum chancenlosen Außenseiter werden muss. Beppi wird als „Schwachsinnige" abgestempelt, als Belastung und soziale Schande empfunden. Sie wird gedemütigt und bestraft, geschwängert und ausgestoßen. Jedes Fünkchen Hoffnung in den Boden getreten.
Agnes Larcher fotokopiert das Stück, verteilt es zusammen mit dem Drama „Geisterbahn" (ebenfalls aus der Feder des Jungdramatikers) an ihre Schülerinnen und das sorgt für einen Skandal, im Jahr 1973, in Absam, Tirol. Er beginnt mit der sofortigen Entlassung der Lehrerin und landet als „Fall Larcher" national und international in der Presse. 

Nackte Tatsachen. Franz Xaver Kroetz ist im Innsbruck des Jahres 1973 kein Unbekannter mehr. Im Frühjahr hat das legendäre Theater am Landhausplatz dessen Stück „Michis Blut" aufgeführt. Das gediegene Publikum des Landestheaters verirrt sich zwar nicht dorthin, doch es genießt einen hervorragenden Ruf als innovative, mutige Bühne vor allem bei Studenten und aufgeschlossen-liberalen Kreisen, die hier eine neue Form des Theaters suchen und finden. Zu ihnen gehört auch die Lehrerin Agnes Larcher. Sie unterrichtet an der Hauptschule in Absam, Buben und Mädchen sind noch getrennt. Sie ist eine gute Lehrerin, macht keinen Frontal-, sondern viel Projektunterricht, sie animiert die Schülerinnen zu selbstständigem Arbeiten und Denken, fördert und fordert sie in diese Richtung. Das kommt nicht bei allen gut an – am wenigsten beim Direktor, der noch einer von der alten Schule ist. Es kommt auch nicht gut an, dass sie durchaus kämpferisch und selbstbewusst für ihre innovativen Unterrichtspraktiken eintritt, an deren oberster Stelle steht, die Schüler zum kritischen Hinterfragen anzuregen und deren Lebenswelt in den Unterricht zu integrieren. „Viele von uns haben heimlich ‚Bravo' gelesen. Sie hat mit uns das Jugendmagazin kritisch unter die Lupe genommen", erzählt Irene Prugger, die den „Fall Larcher" damals hautnah miterlebt hat (siehe Interview). Für diese Wirklichkeitsnähe tut sie viel.
Keine Unterrichtseinheit, auf die sie nicht hervorragend vorbereitet ist, da wird nicht nur einfach drauflos diskutiert, es gibt immer einen roten Faden, die Lehrerin lenkt, lenkt ein, stellt Fragen, hinterfragt Antworten und die Schülerinnen tun es auch. Themen werden erarbeitet, nicht auf das Pult geknallt und abgehandelt, auch und vor allem die schwierigen. Und so wählt Larcher für ein aktuelles Thema zwei zeitgenössische Stücke, von einem modernen Autor. „Beim Lesen von ‚Stallerhof' und ‚Geisterbahn' hatte ich das Gefühl, als ob mir ein Spiegel brutaler Wirklichkeit vor Augen gehalten würde. Die dargestellten Situationen kamen mir bekannt vor, ebenso die stumpfe Sprache, die von Klischees strotzt", wird Agnes Larcher später im Buch „Vom Schonraum Schule" schreiben, in dem ihr Fall aufgearbeitet wird.
Die Geschichten, die in diesen beiden Dramen erzählt werden, sind so nah an der Wirklichkeit, dass Larcher im Land immer wieder Beispiele auffallen und vergleichbare Begebenheiten aus ihrer Erinnerung aufsteigen. Es gibt sie doch fast in jedem Dorf, die „armen Hascherln", die „Dorfdeppen" und „Schwachköpfe", die ausgenutzt und misshandelt, ausgeschlossen und geschmäht werden, die man versteckt, weil sie „eine Schande" sind.
Am Samstag, den 2. Juni 1973, verteilt Larcher die fotokopierten Texte in der Klasse 4b der Absamer Hauptschule, mit der Ankündigung, den Text in der darauffolgenden Woche zu besprechen. Die Texte sollen die Schülerinnen unter der Bank verstauen, die Lehrerin will sie mit ihnen gemeinsam erarbeiten – nicht zuletzt, weil auch drastische Szenen vorkommen, die mit drastischen Worten beschrieben werden. Damit dürfen 14-Jährige nicht allein sein. Doch die Neugierde ist zu groß, einige nehmen den Stapel mit nach Hause. Übers Wochenende bricht dann die Hölle los und überrollt den Montag. Bereits am Dienstag hält der Direktor der Lehrerin einen Bescheid der Bezirkschulbehörde unter die Nase, dass sie die zwei Stücke nicht mit ihrer Klasse lesen dürfe, da sie „nicht approbiert" und „nicht entwicklungsgemäß" seien. Die Lehrerin „nimmt die Weisung zur Kenntnis" und zieht gleich zu Beginn ihrer Unterrichtseinheit die verteilten Kroetz-Texte wieder ein. Damit hätte die Sache erledigt sein können. Ist sie aber nicht.

Nackte Willkür. Denn tags darauf erhält Larcher Post von der Landesschulbehörde. Darin steht, dass sie mit sofortiger Wirkung entlassen sei, „weil sie sich durch die entgeltliche Weitergabe von nicht entwicklungsgemäßem, vom Bundesministerium für Unterricht und Kunst als Klassenlesestoff nicht approbiertem Lesegut an Schüler der Hauptschule Absam sowie durch die Verwendung dieses Lesegutes im Deutschunterricht einer besonders schweren Verletzung der Dienstpflichten schuldig gemacht" habe. Außergewöhnlich an dieser Begründung ist nicht nur, dass die meisten Lehrer „nicht approbiertes Lesegut" verwenden, außergewöhnlich ist die Härte, mit der vorgegangen wird.
Dazu kommt, dass sich die Personalvertretung der Tiroler Pflichtschullehrer bezüglich der Entlassung öffentlich hinter den Arbeitgeber und gegen die Lehrerin stellt. In einer Mitteilung an sämtliche Kollegen werden nicht nur ein paar Leseproben aus dem inkriminierten Stück zur Untermauerung des Standpunkts angeführt, Larcher wird auch negativ angekreidet, dass sie sich aktiv gegen die Willkür der Behörden zur Wehr setzt. Denn sie hat es nicht nur gewagt, eigenmächtig eine Elternversammlung einzuberufen, sie hat auch „Presse und Rundfunk mobilisiert". Die Gutachterschlacht bezüglich „altersgemäß oder nicht" wird rasch zum Politikum, Kroetz zum gesellschaftsgefährdenden Kommunisten abgestempelt, Larcher als Linke gebrandmarkt – zur damaligen Zeit ein Sakrileg im Heiligen Land Tirol. Bischof Rusch sieht sich genauso berufen, von der Kanzel herab gegen Larcher zu wettern, wie es bösartige, anonyme Drohbriefe an die „Kinderverderberin", die „minderwertige Drecksau" hagelt. Die Fronten sind rasch verhärtet (siehe Interview mit dem Literaturwissenschaftler Johann Holzner), lassen sich nicht mehr durchbrechen – die Literatur spielt dabei nur eine Mini-Rolle. Immer die gleichen kurzen Passagen aus „Stallerhof" werden herangezogen, um zu zeigen, um was für ein „Dreckstück" es sich da handelt. Es sind die, wo es um „scheißen" und „onanieren" geht, der große Rest fällt unter den Tisch. Auch in den meisten Medien.
Von der „Tiroler Tageszeitung" über das „Salzburger Volksblatt", „Die Presse" und das Wochenmagazin „profil" bis hin zur „Wochenpresse" wird ausführlich über den Fall geschrieben und rasch schwappt der Provinzskandal bis in die Feuilletons deutscher Zeitungen. Die „Süddeutsche Zeitung" titelt mit „Die ‚Geisterbahn' – für Mädchen vom Lande verboten" und das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel" mit „Sünde und Schande – Österreich hat einen Schulskandal". Der Literaturkritiker Hellmuth Karasek hält in der „Zeit" fest: „Auch wenn man ahnt, wie lächerlich die Schulleitung, die rauschebärtigen Kollegen und die feig vorschnelle Schulbehörde am Ende dastehen werden – in der Zwischenzeit ist vor den Augen der 14-jährigen Schülerinnen ein schmieriges Stück Wirklichkeit abgerollt, über das ihnen nicht erst ein Kroetz-Stück die Augen öffnen musste." Ein halbes Jahr später kommt es zwischen dem Land Tirol und der Lehrerin zu einem Vergleich im arbeitsgerichtlichen Prozess, den Agnes Larcher angestrengt hat. Der „Fall Larcher" ist damit abgeschlossen, erhält eine illustre Position in der Riege der Tiroler Kunstskandale. Doch in der Hauptbetroffenen wirkt er bis heute nach.
Agnes Larcher, die Tirol bald nach dem Eklat verlassen hat, wollte nichts sagen. Auf ECHO-Anfrage teilte ihr Mann mit, sie wolle auf gar keinen Fall mehr über diese Geschichte sprechen, es gehe ihr immer noch zu nahe. Für Agnes Larcher bedeutete das Tiroler „Schmierenstück" einen schmerzhaften Einschnitt. Susanne Gurschler


Verhärtete Fronten

Johann Holzner. Der Literatuwissenschaftler wurde 1973 in dieser Causa als Gutachter zurate gezogen.

ECHO: Aus heutiger Sicht, war die Aufregung um „Stallerhof" damals gerechtfertigt?
Johann Holzner: 35 Jahre später muss man natürlich aufpassen, man rekonstruiert ja die Ereignisse anders. 1973 war eine völlig andere gesellschaftspolitische Situation als heute und natürlich auch eine andere literarische Kultur. Das „Schocktheater", und „Kroetz-Stücke" waren ein Musterbeispiel dafür, hat damals das Publikum in den Großstädten – und natürlich am Land noch viel mehr – geschockt. Diese sogenannten neuen kritischen Volksstücke von ­Kroetz, Sperr oder Turrini konnten nur in Kellertheatern aufgeführt werden, vor einem studentischen, aufgeschlossenen Publikum. Wenige Jahre später wäre dieser Fall in Absam keiner mehr gewesen, nicht nur, weil es dieses Schocktheater nur ein paar Jahre lang gab. Mitte der 1970er Jahre hat das Volkstheater in Wien all diese Stücke schon ins Abonnement genommen, sie wurden hoffähig.
ECHO: Was hat die Leute hier eigentlich so entsetzt?
Holzner: Ich glaube, es hat einfach schockiert, dass ein solches Stück 14-jährigen Schülerinnen zur Diskussion präsentiert wurde. Ich würde dieses Stück auch heute noch nicht mit 14-Jährigen diskutieren, einfach weil es nicht altersgemäß ist. Damals wurde aber gleich der Ruf laut, es handle sich um Zensur, die Frage des „altersgemäßen" ist sehr rasch in den Hintergrund getreten. Und das Ganze bekam sofort eine sehr politische Dimension, da Behörden und Politik eingegriffen haben und auch die Kirche sich eingemischt hat. Das, worüber man hätte diskutieren sollen, nämlich ob diese Texte altersgerecht sind, darüber wurde nicht diskutiert.
ECHO: Bei Durchsicht der Unterlagen entsteht rasch der Eindruck, dass es eigentlich auch nicht um das Stück ging, sondern darum, eine Lehrerin loszuwerden, die unbequem ist, und da hatte man die Möglichkeit ...
Holzner: ... ja, den Eindruck kann man gewinnen.
ECHO: Es hat Podiumsdiskussionen und Versammlungen gegeben, Politiker und Geistliche gaben ihre Meinungen dazu, die Medien schalteten sich ein. Wie lief die Diskussion ab?
Holzner: Eine richtige Diskussion hat eigentlich nicht stattgefunden. Ich saß bei einer am Podium und da war rasch klar: Entweder du bist für oder gegen Larcher. Dazwischen gab es nichts. Die Stimmung war extrem aufgeheizt. Allein schon der Versuch, die Intention des Autors zu erläutern, zu erklären, auf welche Entwicklungen der „Stallerhof" reagiert, führte zu tumultartigen Szenen. Da wurde nicht mit dem Florett gekämpft, sondern mit dem Beil. Andererseits wollten Gruppierungen, die sich eigentlich gegen Larcher gestellt hatten, etwa der katholische Lehrerverein, plötzlich wissen, wer ist Kroetz, worum geht es im Stück. Als hinterwäldlerisch wollten die meisten nicht gesehen werden.
ECHO: Welche Konsequenzen hatte aus Ihrer Sicht dieser Skandal?
Holzner: Für die gesellschaftspolitische Entwicklung im Land war dieser Fall schon wichtig. Er hat manchem zu denken gegeben. Politiker haben sich in der Folgezeit stärker zurückgehalten, wenn es um solche Themen ging. Der damalige Kulturlandesrat, Fritz Prior, hat bald schon öffentlich bekräftigt, dass er Frau Larcher wieder einstellen würde in einem Gymnasium. In späteren Jahren gab es zwar hie und da einen kleineren Kunstskandal, aber diese große Gegenüberstellung – hier der politische Diskurs, dort der künstlerische bzw. literarische – ist zu einem Ende gekommen. Bei den Debatten über Felix Mitterers „Stigma" oder Rudi Wachs „Gekreuzigten" hat sich die Politik sehr zurückgehalten. Dass einige Leserbriefschreiber bis zum heutigen Tag aufschreien, wenn sie mit zeitgenössischer Kunst konfrontiert werden, das ist eine Sache. Dass das niemand mehr ernst nimmt, die andere.
Interview: Susanne Gurschler


Sehr engagierte Lehrerin

Die Schriftstellerin Irene Prugger war damals Schülerin von Agnes Larcher an der Hauptschule Absam und vom „Skandal" direkt betroffen.

Irene Prugger über die ersten Eindrücke
Agnes Larcher kam in der dritten Hauptschulklasse zu uns, und ich kann mich noch erinnern, dass wir zuerst alle nicht erfreut darüber waren. Wir hatten einen sehr netten Deutschlehrer gehabt, ein eher gemütlicher Typ, und wir merkten gleich, dass es nun nicht mehr so gemütlich bleiben würde. Wir hatten gleich Respekt vor ihr, sie war eine Autorität, sprach sehr korrekt und am Anfang hat uns das auf Distanz gehen lassen. Es war sehr schnell klar, dass sie unser kritisches Potenzial fördern wollte und das bedeutet ja immer Arbeit und Engagement, was bei Schülern nicht immer auf offene Ohren stößt. Sie hat uns aber bald von sich und ihrem großteils sehr lebendigen Unterricht überzeugt.

Über den (Literatur-)Unterricht
Sie gestaltete Teile des Unterrichts zu Projektunterricht um, den damals noch kaum jemand praktiziert hat, der heute aber zum Pflichtprogramm gehört. Sie hat uns u.a. die Regeln der Diskussion beigebracht, uns zum Zeitungslesen animiert und da viele von uns natürlich auch heimliche „Bravo"-Leserinnen waren, mit uns dieses Jugendmagazin kritisch unter die Lupe genommen. Wir waren eine reine Mädchenklasse und sehr angepasste Schülerinnen. Sie hat uns ermuntert, aufmüpfig zu sein und unsere Meinung zu äußern. Damals brauchte es bei vielen Jugendlichen dazu noch die Ermunterung.
Sie brachte uns die Literatur auf sehr anregende Weise nahe. Für mich war es sozusagen eine Initiation in dieses Interessensgebiet, als wir mit ihr „Die Waage der Baleks" von Heinrich Böll lasen. Das war damals ein beliebter Schulbuchklassiker, aber sie hat mit uns diese Kurzgeschichte so intensiv und spannend erarbeitet, dass ich danach alle Bücher von Böll gelesen habe.

Über den „Stallerhof" und den „Skandal"
Als Agnes Larcher mit uns das Stück „Stallerhof" lesen wollte, waren wir alle schon sehr gut zusammengespielt, hatten eine gute Vertrauensbasis in der Klasse und wir wären durchaus reif gewesen, das Stück in der Klasse zu diskutieren, ohne daran Schaden zu nehmen. Die Groteske entwickelte sich dann, als wir mit dem Stück, das die meisten von uns inzwischen schon gelesen hatten, uns selbst überlassen und noch dazu von einem Tag auf den anderen mit dem Verlust unserer Lehrerin konfrontiert wurden. Das alles ging so schnell, dass sie nicht einmal mehr Gelegenheit hatte, mit uns darüber zu reden. Wir wurden vom Direktor dann darüber unterrichtet, dass es sich bei diesem Stück um ein „Schmierenstück" handelt, das nur auf „Schmierenbühnen" gespielt werde und dass eine Lehrerin, die so etwas mit uns lese, nicht tragbar ist. Der Skandal war, eine Lehrerin zu entlassen, obwohl 80 Prozent Eltern hinter ihr standen und es war ein Skandal uns Schülerinnen gegenüber, denn wir wurden in dieser Sache für unmündig erklärt, wir wurden nicht einmal angehört. Das Argument, uns schützen zu wollen, hat sich damit als lächerlich erwiesen. Es war ein beschämendes Theater.

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