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Chronik
26.02.2013

Walter Föger (li,), Wolfram Föger, Foto: Friedle

Mord ohne Ende

Der Mordfall Angelika Föger weckt enormes öffentliches Interesse. Damit wird die Justiz unter Druck gesetzt, ist es doch nicht nur Verzweiflung, welche die Familie des Opfers fast 23 Jahre nach der blutigen Tat zu ungewöhnlichen Maßnahmen greifen lässt. Es sind Zweifel, die sie nicht zur Ruhe kommen lassen. Zweifel, dass es sich beim verurteilten Mörder wirklich um einen Einzeltäter gehandelt hat.

Angelika Föger ist tot. Sie wurde am 9. Juni 1990 in Grän im Tannheimertal brutal ermordet. Ein heftiger Kampf fand statt. Die damals 32-jährige Mutter zweier Kinder wurde mit Messerstichen verletzt und gewürgt. Niemand darf so sterben. Das sind die Fakten dieses Falls. Jene Fakten, die unbestritten sind und unbestritten bleiben. 

Der 9. Juni 1990 war ein Samstag. „Wir hatten ein Landesliga-Fußballspiel – Reutte gegen Matrei“, erzählt Walter Föger. In der Halbzeit – es muss so gegen 18.45 Uhr gewesen sein – standen Polizisten am Rand des Spielfelds. Walter Föger erinnert sich, angesichts der Uniformierten unruhig geworden zu sein. Als er bemerkte, dass sie auf ihn zukamen, beschlich ihn Angst. Angst, dass mit den Kindern etwas passiert sei. „Sie sagten, dass ich die zweite Halbzeit nicht spielen könne“, so Föger weiter. „Sie sagten, dass meine Frau tot sei, sie sei ermordet worden und den Täter hätten sie schon.“ 

In dem Moment endete Walter Fögers altes Leben. Ein schönes Leben mit Familie, Fußball, Beruf und dem ganz banalen Ziel, eine Eigentumswohnung zu kaufen. Das neue Leben begann gelähmt. Im wahrsten Sinne des Wortes. Walter Föger musste ins Krankenhaus Reutte gebracht werden. Beruhigungsspritzen fesselten ihn ans Bett. „Ich konnte mich nicht mehr bewegen, war geistig aber voll da“, erinnert er sich. Er hörte, wie um ihn herum über den Mord gesprochen wurde, konnte selbst nichts sagen und dachte, er werde wahnsinnig. In gewisser Weise scheinen es diese Zustände zu sein, die Walter Fögers Leben seit dem 9. Juni 1990 immer wieder einholen. Wie gelähmt zu sein, sprachlos auch und dem so empfundenen Wahnsinn nahe. „Ich bin einfach fertig“, sagt er. „Ich will, dass der Fall endlich aufgeklärt wird. Die wahren Täter sollen zur Verantwortung gezogen werden.“ Seit über 22 Jahren will er das. Vorher, meint er, würde er nicht zur Ruhe kommen. 

Am 29. Jänner 2013 erfuhren fast 500 Zuschauer im Veranstaltungszentrum Breitenwang, warum Walter Föger so hartnäckig dafür kämpft, dass der Mord an seiner Frau von der österreichischen Justiz neu aufgerollt wird. Dass auch der damals für den Mord zu 13 Jahren Haft verurteilte Martin Kofler im Publikum saß, mutet höchst bizarr an. Gruselig irgendwie. So unheimlich, wie die ganze Geschichte. 

Die Informationsveranstaltung dauerte knapp drei Stunden, kein Zuschauer verließ den Saal, gefesselt verfolgten sie die Ausführungen des Witwers und seines Großcousins Wolfram Föger, dem ehemaligen Polizisten, der ihm bei seinem Kampf zur Seite steht. In unzähligen Details erläuterten sie die Ungereimtheiten, die ihrer Meinung nach den offiziellen Ermittlungsergebnissen und Gutachten zuwiderlaufen, welche zur Verurteilung Koflers geführt hatten. Angesichts ihrer Dokumentation zu erkennen, was sie meinen und worauf sie ihre Theorie aufbauen, ist einfach. Wo ist das blutgetränkte Leinentuch geblieben, das offensichtlich im Gang des Hauses lag, in welchem Angelika Föger ermordet wurde? Ist der blutgetränkte Gürtel ihrer Bluse, der auf den Tatortfotos zu sehen ist und mit dem die junge Frau möglicherweise stranguliert wurde, verschwunden? Warum wurde nicht geklärt, wer die Blutspuren im Waschbecken hinterlassen hat? Wurde mit dem Schwamm, der darin zu sehen ist, die Tatwaffe abgewischt? Was passierte mit den hellen Haaren, welche in der Hand des Opfers gefunden wurden? Kann es sein, dass derart wichtiges Beweismaterial aus der Asservatenkammer der Justizbehörden verschwindet? Darf es sein, dass derart wichtiges Beweismaterial nicht intensiv untersucht wird, schlicht um herauszufinden, wem diese Haare wirklich gehören? Wurde der tödliche Stich lange nach der ersten Attacke gesetzt? Wenn ja, warum? Wenn ja, von wem?

Die Fragen nähren die Zweifel der Familie Föger daran, dass der Mord Anfang der 1990er Jahre lupenrein und wasserdicht aufgeklärt wurde. Ihre These wiegt schwer. Für alle Beteiligten. Denn Walter und Wolfram Föger gehen davon aus, dass Martin Kofler kein Einzeltäter war. Sie gehen sogar davon aus, dass jemand anderer Angelika Föger den tödlichen Stich versetzt haben könnte. Jemand, der dafür nie zur Verantwortung gezogen wurde. 

Am 24. Dezember 2012 veröffentlichte Walter Föger einen „Offenen Brief an den wahren Mörder meiner Frau“. Es ist ein bedrückendes Schreiben, in welchem Föger unter anderem festhält: „Ich schreibe diesen Brief nicht in Bitternis, nein, dafür fühle ich mich schon zu ausgelaugt. [...] Ich schreibe dies an einen Menschen, nicht an eine sogenannte ‚Bestie‘. Ich schreibe dies mit der Bitte und der Hoffnung, dass DU zu einer Entscheidung kommst, dass Dir dieser Brief hilft, eine jahrelange Last von den Schultern zu werfen. Die Last der Schuld! [...] Doch bitte ich dich, ich bitte ganz innig darum, dass dieses schlimme Martyrium, welches meine beiden Kinder und ich die letzten zwanzig Jahre durchmachen mussten und von dem auch Du nicht verschont bliebst (ich weiß das ganz genau!), nun beendest. Bitte beende es. Bitte stell’ dich endlich, steh’ zur Wahrheit, lass dieses lange Martyrium endlich aufhören.“ 

Beruht das lange Martyrium auf einem Justizirrtum? Ist es ein Justizskandal? Oder ist es eine Verschwörungstheorie? Die Causa bewegt. Das tat sie schon immer. Von Beginn an rankten sich beunruhigende Gerüchte durch das Tannheimertal. An jenem Samstag im Juni 1990 begann auch für die Unternehmers-Familie, die Angelika Föger als Buchhalterin und Martin Kofler als Lehrling beschäftigt hatte, ein neues Leben. Ein Leben voller Verdächtigungen. Bald wurde der Sohn in diese Verdächtigungen eingebaut. Er war blond, in etwa gleich alt wie Martin Kofler, doch war er – laut den Angaben seiner Familie – zur Tatzeit nicht in Tirol gewesen. Vor allem nach dem Selbstmord eines anderen Familienmitglieds erhielten die Gerüchte über die Familie neues Feuer. Dieses Feuer sollte über die Jahre nie wirklich erlöschen. 

Weit über das Außerfern hinaus wurde darüber getuschelt, dass der Mord an Angelika Föger nicht wirklich bzw. nicht dem „wahren Tathergang“ entsprechend aufgeklärt wurde. 1994, als Walter Föger aufgrund seiner Zweifel neue Untersuchungen durch die Ermittlungsbehörden anstrebte, berichtete ein Tiroler Medium umfangreich über den Fall Föger. Darin hieß es: „Ein möglicher Justizirrtum beschäftigt das Außerfern: Sitzt der heute 21-jährige Martin Kofler aus Grän seit drei Jahren wegen eines Mordes im Gefängnis, den er nie begangen hat? Wer hat die 32-jährige Mutter von zwei Kindern, Angelika Föger, im Juni 1990 wirklich erstochen? Ist der wahre Messermörder der freundliche Nachbar von nebenan?“ Das Drama von Grän blieb über die Jahre hinweg ein Mysterium. Bis heute ist es das. Heute mehr denn je. Nicht nur der vollbesetzte Saal in Breitenwang war deutlicher Beweis dafür. Im Dezember 2012 erst hatte Walter Föger eine Homepage aktiviert (www.mordfall-angelika.foeger-graen.com), auf der er eingangs die Frage stellt, die ihn seit über 22 Jahren nicht ruhig schlafen lässt: „Wer ist der wahre Mörder meiner Frau?“ 

Am 6. Februar 2013 war die Homepage bereits 380.000 Mal angeklickt worden. Allein diese Zahl ist aufsehenerregend. Die zweite Halbzeit des jüngsten Fußball-Länderspiels Österreich gegen Wales sahen, laut Statistik des ORF, beispielsweise nur 331.000 Zuschauer. Der Mordfall im Außerfern lockte nach kurzer Zeit schon mehr Menschen an den Bildschirm als König Fußball. Das macht die mehrfach mysteriöse Geschichte fast schon zu einem gesellschaftlichen Phänomen – selbst wenn nicht klar ist, was jene bewegt, die sich im Internet über den Mord an Angelika Föger informieren. Mitleid? Entsetzen? Voyeurismus?

Auch durch CSI und sonstige Serien abgebrühten „Krimi-Profis“ stockt angesichts der Tatortfotos und vor allem angesichts der Bilder, die von der Ermordeten aufgenommen wurden, der Atem. Ein fiktiver Mord liest sich leicht und sieht sich leicht. Besonders schlimme Stellen können überblättert oder durch das Wissen, dass es sich um Filmblut handelt, leicht ertragen werden. Die Bilder eines echten Opfers sind hingegen kaum auszuhalten. Das Wissen darum, dass es sich um echtes Blut handelt, macht ein „leichtes Ertragen“ unmöglich. Allein das Foto der rechten Hand der toten Angelika Föger, jener Hand, in welcher die hellen Haare gefunden wurden, reicht aus, um das Grauen ein wenig zu begreifen, das sie durchmachen musste. Es ist ein kleines Detail des Albtraums, in dem sie starb. Die Hand ist blutverschmiert und liegt halboffen da. Der goldene Ehering blitzt ins Auge, Kratzer und Wunden sind sichtbar. Die Kriminalisten haben Abwehrverletzungen festgestellt. 

Im Gerichtsverfahren sollte Martin Kofler aussagen, dass er Angelika Föger „nur vergewaltigen und mit dem Messer einschüchtern“ wollte. Nur vergewaltigen. Wie irrsinnig das doch an sich schon klingt. Unfassbar wirkt dieser Satz aber angesichts der auf die Fotos gebannten Blutspuren oder der Dokumentation der Tatrekonstruktion, die den Todeskampf Angelika Fögers so plastisch machen. Juristisch sind Aussagen wie diese von höchster Relevanz. Wer einen Mord kaltblütig geplant und umgesetzt hat, darf nicht mit Milde rechnen. Zwischen vorsätzlichem Mord und Totschlag liegen – strafrechtlich betrachtet – Welten. Als ab Februar 1991 der Mordprozess gegen Martin Kofler stattfand, scheinen sich die Geschworenen unsicher gewesen zu sein. Sie hielten Kofler anfangs „wegen vorsätzlicher schwerer Körperverletzung mit tödlichem Ausgang“ für schuldig. Am Ende aber kam es zum Schuldspruch wegen Mordes. Der 1972 Geborene wurde zu 13 Jahren Haft verurteilt. Im Urteil heißt es: „Der Angeklagte Martin Kofler [...] ist schuldig, er hat am 9. Juni 1990 in Grän die Angelika Föger vorsätzlich getötet, indem er sie würgte und ihr mit einem sogenannten ‚Solinger-Jagdmesser‘ vier Stiche in den Rücken, in die rechte Brust sowie in den Bereich der linken Schulter und des linken Oberschenkels versetzte, wodurch es zu einem Verbluten in den beiden Brusthöhlen kam.“ Genau so hatte es die Staatsanwaltschaft in ihrer Anklage formuliert. Sie hatte sich dabei auf die Ermittlungsergebnisse der Kriminalisten, auf das Gutachten der Innsbrucker Gerichtsmedizin und das Geständnis Martin Koflers gestützt. Noch am 9. Juni 1990 hatte Kofler dieses Geständnis gegenüber einem Außerferner Gendarmerie-Beamten abgelegt. Der Lehrling muss schwer betrunken gewesen sein. Der Blutalkoholspiegel, der beim damals 17-Jährigen festgestellt worden war, lag bei 1,9 Promille. 

„Sein Motiv sei sexueller Natur gewesen, sagte er. Er habe Angelika vergewaltigen wollen und sie angegriffen, um ihren Widerstand zu brechen. Nachdem sie jedoch das Bewusstsein verloren habe, sei er sich der Schwere seiner Tat bewusst geworden. Deshalb sei er zum Haus des Nachbarn gerannt, um die Sanitäter zu rufen. Diese seien aber zu spät eingetroffen, um ihr Leben zu retten“, so John Leake, Autor des Buches „Eiskalter Tod, Unfall oder Verbrechen?“, in dem er neben dem – ebenfalls im Tannheimertal passierten – Mord an Raven Vollrath auch über Angelika Föger schreibt. „Mit diesem Geständnis (dem Geständnis Martin Koflers, Anm.) schien der Fall gelöst. Es gab jedoch am Tatort gefundenes Beweismaterial, das Angelikas Witwer seitdem keine Ruhe lässt.“ 

Noch vor dem letzten Verhandlungstag gegen Martin Kofler, der am 16. April 1991 am Landesgericht Innsbruck stattgefunden hat, meldete sich Walter Föger bei Richter Peter Tischler, der den Vorsitz im Mordprozess führte. In einem Amtsvermerk hielt Richter Tischler fest: „Vor der HV (Hauptverhandlung) meldete sich fernmündlich Karl Föger (gemeint war Walter Föger), Gatte des Opfers, um mit mir zu sprechen, weil er Grund zur Annahme habe, dass hier Hinweisen nicht nachgegangen würde, wonach es für ihn erwiesen wäre, dass mehrere Täter seine Gattin ermordet hätten. Ich habe eine solche Unterredung abgelehnt und ihn an seinen Vertreter RA Dr. Hepperger verwiesen.“ Im selben Amtsvermerk, der lange nach der darin erwähnten Hauptverhandlung (am 6. November 1991) verfasst wurde, hielt Richter Tischler auch ein Telefonat mit der Schwägerin Angelika Fögers fest, in welchem diese um eine Besuchserlaubnis bei Martin Kofler bat. „Sie könne nicht glauben, dass der Beschuldigte die Tat so begangen habe“, heißt es im Amtsvermerk. Auch die Schwägerin meinte, dass es sich um mehrere Täter gehandelt haben müsse. „Sie habe daher das Bedürfnis, mit dem Beschuldigten selbst dies zu bereden.“ 

Die Besuchserlaubnis wurde nicht erteilt. Martin Kofler wurde des Mordes an Angelika Föger verurteilt. Kofler hätte allen Grund dafür gehabt, die Theorie der Familie zu unterstützen, er selbst sprach aber nie von Mittätern und stritt gegenüber Wolfram Föger auch ab, Geld von irgendwem für das Geständnis bekommen zu haben. Nach achteinhalb Jahren wurde Kofler aus der Haft entlassen und am 29. Jänner 2013 zeigte er bizarren Mut, als er die Informationsveranstaltung zum Mord an Angelika Föger besuchte. Stimmt, was die Familie des Mordopfers schon kurz nach der Tat zu vermuten begann, dann wäre Martin Kofler das Opfer eines Justizirrtums gewesen. Mit dem an Überzeugung grenzenden Gefühl, dass Martin Kofler unschuldig war, ein Bauernopfer, sollen einige Besucher der Veranstaltung nach Hause gegangen sein. Welch’ verstörende Situation.

Auf Walter Fögers Homepage ist der dreistündige Vortrag in voller Länge abrufbar. Dramaturgisch perfekt und technisch professionell präsentierten Walter und Wolfram Föger dabei die Ergebnisse ihrer jahrelangen Auseinandersetzung mit der Tat, dem Tatort und den vermeintlichen Fehlern der Ermittlungs- wie der Justizbehörden. Es fällt schwer, sich dem Sog zu entziehen, den Verdächtigungen und der Verschwörungstheorie. Ziel der Veranstaltung wie der Homepage ist es, die Öffentlichkeit auf den Fall aufmerksam zu machen und Druck auf die Justizbehörden zu erzeugen. „Es war wichtig, jetzt in die Offensive zu gehen“, so Walter Föger. „Ich kann nicht mehr machen, als aufzuzeigen und anzuzeigen. Die Justiz muss tätig werden, sonst brauchen wir keine Justiz mehr. Ich hätte gerne, dass sie mir das alles plausibel erklären.“ 

In seinem Kampf, der derzeit seinen Höhepunkt erlebt, scheint es so etwas wie einen Knackpunkt zu geben. Einen tragischen Knackpunkt, der mit dem Büschel heller Haare zusammenhängt, die in Angelika Fögers rechter Hand gefunden worden waren. „In ihrer blutigen Hand fanden sich etwa 20 hellblonde Haare, und es war offensichtlich, dass sie diese dem Peiniger während des Kampfes vom Kopf gerissen hatte“, schreibt John Leake.

Diese Haare bilden die Basis vieler Verdächtigungen und Mutmaßungen gegenüber jenem Innsbrucker Gerichtsmediziner, der mit dem Fall betraut worden war. Am 9. Juni 1990, Walter Föger hatte gerade erfahren, dass seine Frau ermordet worden war, war der Gerichtsmediziner am Tatort. Im Protokoll zu diesem Lokalaugenschein heißt es: „In der rechten Hand (des Opfers) befinden sich hellere Haare, die offensichtlich nicht der Haarfarbe der Frau entsprechen.“ Die Spurensicherung hatte ebenfalls von blonden Haaren gesprochen, „die augenscheinlich nicht vom Opfer stammen“. Nach der Obduktion des Opfers, die am 10. Juni 1990 im Krankenhaus Reutte stattfand, hielt der Gerichtsmediziner fest, dass „das Haupthaar (des Opfers) dunkelbraun“ ist. 

Im gerichtsmedizinischen Gutachten, das mit 10. April 1991 datiert ist, wurde festgehalten: „Im Gegensatz zum insgesamt dunkleren Haupthaar der Angelika Föger trug die Frau deutlich hellere bis weiße Haare im Bereich einer Geheimratsecke.“ Zuvor hatten die Gerichtsmediziner vermerkt, dass die Haare weder Martin Kofler noch seinem ehemaligen Arbeitgeber zugeordnet werden und dass die Haare „durchaus von ihr selbst stammen“ können. 

In den unterschiedlichen Aussagen zur Farbe der Haare, der für sie nicht nachvollziehbaren Möglichkeit, dass Angelika Föger sich die Haare im Zuge des Kampfes selbst ausgerissen haben könnte und in der aus ihrer Sicht wichtigen und unbeantworteten Frage, wem diese Haare nun wirklich gehörten, liegt für die Familie Föger der Ursprungsverdacht, der sich über die Jahre halten und zu einem bedrohlichen Szenario auswachsen konnte: Dem Verdacht des Amtsmissbrauchs und der Urkundenfälschung gegenüber dem Gerichtsmediziner, der damals als Assistent unter dem Leiter der Gerichtsmedizin, Professor Rainer Henn, arbeitete. Mehrfach und zuletzt am 28. Dezember 2012 wurde der Gerichtsmediziner von Walter Föger bereits bei der Staatsanwaltschaft angezeigt. Föger vermutet, dass die Gutachten, die letztlich zur Verurteilung Martin Koflers geführt hatten, falsch waren. „Auf die tatsächliche Spurenlage wurde im Gutachten nicht eingegangen“, sagt Föger. „Geschworene und Angehörige wurden in die Irre geführt.“ In seiner jüngsten Anzeige arbeitete Föger die Gutachten zweier US-amerikanischer Wissenschaftler ein, die sich vor allem mit den Messerstichen und Blutspuren auseinandersetzten. Diese Gutachten erhärten letztlich Fögers These, dass Martin Kofler möglicherweise nicht allein war beziehungsweise der Tathergang eine andere Abfolge gehabt haben könnte, als in den offiziellen gerichtsmedizinischen Gutachten dargestellt.

Auch bei der Lektüre der Gutachten der amerikanischen Forensiker ist es diese Kluft zwischen dem Drama des 9. Juni 1990 und den trockenen Worten der Wissenschaft, die schwer überbrückt werden kann. Kaum vorzustellen, wie es Angehörigen gehen muss, wenn sie sich derart intensiv und immer wieder mit blutigen Details auseinandersetzen, die stets von Schmerz und Angst des Opfers erzählen. Ist das Foto der rechten Hand Angelika Fögers ein kleines Detail für den Albtraum, in dem sie starb, so sind die Haare, die in dieser Hand gefunden wurden, ein kleines Detail für den Albtraum, in dem sich Walter Föger seit Beginn seines Kampfes befindet. Es ist ein Teufelskreis. Denn nie wurde geklärt, wem die Haare gehören. Und es wird nie geklärt werden können. Es gibt keine Haare mehr.

Der oben angesprochene tragische Knackpunkt im Zusammenhang mit diesen Haaren passierte 1992. Die Zweifel der Familie wurden nach der Verurteilung Martin Fögers nicht geringer. Mit ihren Bedenken wandten sie sich vertrauensvoll an den damaligen Vorstand des Instituts für gerichtliche Medizin der Universität Innsbruck, Rainer Henn. „Er erklärte uns, dass es ein neues Verfahren für die Haare gebe, er werde es machen, sobald es so weit ist“, erinnert sich Walter Föger. Das neue Verfahren, von dem Henn sprach, war die DNA-Analyse, die ab dem Beginn der 1990er Jahre begann, die Gerichtsmedizin zu revolutionieren. „Kurz darauf teilte er (Dr. Henn) der Familie Föger mit, er habe ein revidiertes Gutachten erstellt. Nach seiner Rückkehr aus Kärnten, wo er einen Vortrag über den Eismann Ötzi halte, wolle er beim Innsbrucker Gericht eine Wiedereröffnung des Falles beantragen“, schreibt John Leake. Für Walter Föger war diese Ankündigung Henns wie eine Offenbarung. „Wenn nichts gewesen wäre, hätte er wohl gesagt, Herr Föger, es war so, finden Sie sich damit ab und verarbeiten Sie das“, mutmaßt Walter Föger. 

Nie wird er wissen, ob seine Hoffnung damals berechtigt war oder ob sich Professor Henns Aussage lediglich darauf bezog, die Haare einer DNA-Analyse unterziehen zu wollen, oder ob Henn ihm vielleicht bald geraten hätte, sich mit dem Ergebnis der Gerichtsverhandlung abzufinden und die Sache so gut es eben möglich ist zu verarbeiten. Auf dem Weg zurück aus Kärnten kam Rainer Henn bei einem Autounfall ums Leben und auf der Gerichtsmedizin wusste niemand über ein revidiertes Gutachten Bescheid.

Diesem tragischen Rückschlag folgten zahlreiche Anträge Fögers, die Haare analysieren zu lassen. Ab 1993 waren DNA-Analysen an österreichischen Gerichten als Beweis zugelassen und Föger hoffte, mit einem DNA-Beweis die These Gewissheit werden zu lassen, dass Martin Kofler nicht allein war. Zudem widerrief Kofler 1995 und sagte, er sei es nicht gewesen. Auch die Familie Kofler beantragte daraufhin eine DNA-Untersuchung der Haare und nachdem diese abgelehnt wurde, wandte sie sich Unterstützung suchend an FPÖ-Chef Jörg Haider. Am 23. Jänner 1996 schrieb Haider an die Familie Kofler: „Wegen der Ablehnung der DNA-Analyse durch das Landesgericht Innsbruck bin ich nun mit Schreiben an den Justizminister herangetreten, um ihn zu einer nochmaligen Prüfung der Entscheidung anzuregen. Nachdem der Republik Österreich weder Kosten auflaufen noch mit einer totalen Zerstörung des Beweismittels gerechnet werden muss, halte ich die Ablehnung der DNA-Analyse für sachlich nicht gerechtfertigt und hoffe, dass das Justizministerium sie doch noch genehmigt.“ Auch diese Intervention fruchtete nicht. Mit dem Hinweis, dass es sich bei den Haaren um wichtiges Beweismaterial handle, wurden die Anträge abgelehnt. Und heute steht fest, dass es gar keine Haare mehr gibt. „Sie sind verschwunden“, sagt Wolfram Föger. „Entweder wurden sie vom Landeskriminalamt verschustert oder von der Gerichtsmedizin. Die Letztversion ist, dass der leere Nylonsack mit Klippverschluss, der Sack, in dem die Haare aufbewahrt worden sind, leer ist.“ 

Kurt Spitzer, leitender Oberstaatsanwalt in Innsbruck, erklärt dies damit, dass „dieses Beweismaterial infolge der zahlreichen vergleichenden mikrobiologischen Untersuchungen verbraucht“ wurde. Eine DNA-Analyse sei seinerzeit im Jahre 1991 noch nicht möglich gewesen. 

Es gibt keine Haare mehr, die untersucht werden und die Theorie der Familie Föger bestätigen könnten – oder eben nicht. Allein deswegen werden ihre Zweifel wohl ewig bestehen bleiben. Allein deswegen wird die Verzweiflung angesichts der Möglichkeit, dass Kofler Mittäter gehabt haben könnte, die nicht zur Rechenschaft gezogen wurden, wohl nicht abklingen. Sie hoffen weiter, dass die Justiz den Mordfall neu aufrollt und in den von ihnen zusammengetragenen und breitenwirksam dargestellten Widersprüchlichkeiten einen Anlass entdeckt, die Spuren und Beweise von damals neu zu bewerten. Hunderttausende Menschen scheinen sich zwischenzeitlich schon dafür zu interessieren. Und dafür, wie es weitergeht.

Angelika Föger ist tot. Sie wurde am 9. Juni 1990 in Grän im Tannheimertal brutal ermordet. Ein heftiger Kampf fand statt. Die damals 32-Jährige Mutter zweier Kinder wurde mit Messerstichen verletzt und gewürgt. Niemand darf so sterben. Das sind die Fakten dieses Falles. Jene Fakten, die unbestritten sind und unbestritten bleiben.
Alexandra Keller


 

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