Tibets Schweigen

Peter Aufschnaiter. Seine abenteuerliche Flucht mit Heinrich Harrer von Indien nach Tibet ging in die Geschichte ein. Während Harrer die Kunde von dem bis dahin kaum bekannten Land in die Welt trug, machte sich der stille Aufschnaiter um dessen Entwicklung verdient und fand eine Heimat, die ihn nicht mehr los ließ.

Noch liegen in der Ecke meiner neuen Wohnung die Kleider, in denen ich hier ankam, und dort sind die Steine, die ich sammelte, nicht als geologische Schaustücke, sondern als greifbare Erinnerung. Wenn ich sie ansehe, so steigen vor mir die Landschaften auf, die endlosen Weiten, die stummen Yakherden, die schweigsamen Menschen und die ­Blumen, von denen ich auch einige Mappen voll als Erinnerung habe. Dies sind die Dinge, an die ich denke, immer denken werde.“ Als Peter Aufschnaiter diese Zeilen schrieb, hatte er Tibet hinter sich gelassen. Schweren Herzens musste er die Flucht ergreifen, nachdem seine Freiheit durch die neuen chinesischen Machthaber bedroht war. Der Lauf der Geschichte hatte ihn wieder eingeholt. War es doch der Zweite Weltkrieg, der ihn auf das Dach der Welt getrieben hatte. Als Flüchtender war er gekommen, als Flüchtender musste er gehen. Dazwischen lagen fast acht Jahre, die ihn prägten, die ihm unvergesslich blieben. Während sein Freund und Fluchtgefährte Heinrich Harrer seine Erfahrungen aus Tibet in Büchern verpackte, sein Wissen in die Welt trug und den halben Globus umreis­te, kam Aufschnaiter nicht mehr los von diesem Land, dem er bis zum Lebens­ende möglichst nahe blieb. Es scheint, er hatte den Ort gefunden, der seiner eigenen Natur entsprach. Nach seinem Tod 1973 schrieb Pema Gyalpo, die Schwester des Dalai Lama: „Seine Liebe galt dem Himalaya und den Menschen dieser Region. Er liebte sie in einer stillen Art und dies war das Schönste an seinem Wesen.“

Die Berge waren dem Kitz­büheler freilich nicht fremd. Am 2. November 1899 als Sohn des Tischlermeisters Peter Aufschnaiter und dessen Gattin Katharina geboren, wagte er sich schon als 12-Jähriger auf die Ski, als dies noch als exotisches Vergnügen galt. So war er mit dem Skipionier und damaligen Kitzbüheler Bürgermeister Franz Reisch in weißer Landschaft unterwegs. Ab 1911 besuchte er das Realgymnasium Kufstein und machte seine ersten Bergerfahrungen im Wilden Kaiser. Bereits damals kam er mit dem fernen Asien in Berührung, allerdings in literarischer Form. Als er 1947 von Tibet aus mit dem bekannten Schwedischen Reiseforscher Sven Hedin Kontakt aufnimmt, schreibt er in seinem Brief: „Als Schüler im Gymansium war eines der ersten Bücher, das ich überhaupt las, Ihr damals gerade herausgekommenes ‚Transhimalaya‘ und ich hätte nicht geträumt, daß eines Tages das Schicksal mich in diese ferne Welt verschlagen würde.“ Der 1. Weltkrieg, der seine Schulzeit 1917 unterbrach, verschlug ihn zunächst in Fels und Eis. Am 3. 11. 1918 geriet Aufschnaiter als Zugsführer der 17. Hochgebirgskompanie in Gefangenschaft. Nach seiner Entlassung im August 1919 legte er noch im selben Jahr die Matura ab und inskribierte an der Universität Innsbruck. Nach einem Jahr wechselte er an die Technische Hochschule in München, wo er landwirtschaftliche Fächer belegte. Damals eignete er sich das Wissen an, das ihm und Tibet noch gute Diens­te leisten sollte. 1927 bekam er sein Diplom.

Aufschnaiters Weg nach Zentralasien führte über die Berge. 1921 trat der Student dem Akademischen Alpenverein München bei, wo er Anschluss zu bekannten Bergsteigern fand. Darunter auch der Notar Paul Bauer, der zum Förderer und Freund des Tirolers wurde. 1929 wurde Aufschnaiter zum Leiter der ersten deutschen Himalaya-Expedition auf den Kangchendzönga, mit 8597 Metern der dritthöchste Berg der Welt, ernannt. Neben seinem bergsteigerischen Können spielten dabei seine Sprachkenntnisse eine Rolle. So hatte er sich in jungen Jahren neben Englisch und Italienisch auch Hindi angeeignet. Bei der foldenden Expedition, zwei Jahre später, gerät er bereits in den Bann Tibets. Ein Bergkamerad wird berichten: „Peter war wie verzaubert.“ Er selbst wird 1952 bei seiner Flucht von der Erinnerung heimgesucht: „Damals, auf dem Rückweg vom Kangchendzönga, fuhren wir im Auto durch die Dörfer im Tista-Tal unterhalb von Gangtok. Es war Abend, in den Hütten loderte das Feuer, und die Bewohner nahmen zusammen das Abendessen ein. Ich fragte mich bei diesem Anblick, weshalb ich nicht einfach ausstieg und mich zu den Leuten setzte. Alle meine Probleme würden dort nicht existieren, das Leben wäre einfach. Durch ein unerwartetes Geschick war es mir später gegönnt, so zu leben, wie ich es damals in einem kurzen Augenblick erhofft hatte.“

1939 wurde Aufschnaiter eine Expedition, an der auch Heinrich Harrer teilnahm, auf den Nanga Parbat anvertraut – dem „deutschen Schicksalsberg“, an dem bereits fünf Expeditionen gescheitert waren und der erst von dem Innsbrucker Ausnah­me­bergsteiger Hermann Buhl 1953 bezwungen wurde. Nachdem in Europa der 2. Weltkrieg ausgebrochen war, wurden die Bergsteiger als Angehörige des Deutschen Reiches in Indien verhaftet und kamen in das Internierungslager Dehra Dun in Nordindien. Nach fast fünf Jahren und mehreren Ausbruchsversuchen gelang Peter Aufschnaiter, Heinrich Harrer und fünf anderen am 29. April 1944 die Flucht. Doch nur Harrer und Aufschnaiter, auf dessen Anraten der Weg Richtung Tibet eingeschlagen wurde, erreichten ihr Ziel. Die Kenntnisse der tibetischen Sprache, Schrift und Kultur, die sich der Tiroler in der Gefangenschaft angeeignet hatte, erleichterten die Odyssee, die freilich abenteuerlich blieb. „Am 17. Mai 1944 grüßten uns die Gebetsfahnen auf dem Grenzpaß Tsangchok La, und wir sahen vor uns zum ersten Mal das tibetische Hochland – ein einmaliges Erlebnis“, wird Aufschnaiter sich zurückerinnern.

Erst acht Monate später erreichen die beiden die Hauptstadt Lhasa – zerlumpt, halb verhungert und am Ende ihrer Kräfte. Trotz der Strapazen kommt Aufschnaiter nicht umhin, in seinen Berichten die Schönheit der Landschaft und die Gastfreundschaft der Menschen zu beschreiben. Und trotz der recht unterschiedlichen Charaktere schließen die beiden Freundschaft fürs Leben. Bei der Ankunft in Lhasa wird zunächst wenig Notiz von den Fremden genommen, sie erhalten ein Quartier im Lagerhaus des Elektroingenieurs. Nach einer Einladung durch den Vater des Dalai Lama bricht der Bann. Sie werden großzügig ausstaffiert und herzlich empfangen. Zudem lernen sie einen der reichsten und gebildetsten Männer des Landes, Minister Tsarong, kennen. Die Aufforderungen der Behörden, das Land zu verlassen, verlieren sich umso mehr, als die beiden beginnen, sich nützlich zu machen. 

 „Peter Aufschnaiter war mit seiner Höflichkeit und Bescheidenheit schnell wohlgelitten in Lhasa, zumal bei den Mönchen. Es war ein hoffnungsvolles Omen für unsere Zukunft, daß er wenige Monate nach unserer Ankunft zu einem hohen religiösen Würdenträger gebeten wurde, der ihn mit dem Bau eines Bewässerungskanals beauftragte“, schreibt Harrer in seinen „Erinnerungen an Tibet“. Mit einem Nivelliergerät ausgestattet, macht sich der Tiroler an die Arbeit und es entsteht unter seiner Leitung der erste Bewässerungskanal des Landes, weitere folgen. Bald findet sich das nächste Aufgabengebiet. An Stelle eines alten bescheidenen Wasserkraftwerks, dessen Druckrohre aus Holz bestehen, geht Aufschnaiter den Bau eines neuen mit 750 KW an. Bei den Grabungsarbeiten stößt er auf archäologische Funde, die nicht seine einzigen bleiben sollten. Als Nächstes folgt eine Flussverbauung, die ebenfalls zu vollster Zufriedenheit der tibetischen Regierung ausgeführt wird. Infolge seiner wertvollen Arbeit wird Aufschnaiter tibetischer Staatsbeamter – als erster Europäer. Im Ausland wird als eines seiner größten Verdienste die Kartographierung der Hauptstadt Lhasa angesehen werden. Er erstellt sie als Voraussetzung für das geplante Abwassersystem. Mit einem 60 Jahre alten Theodoliten entwirft der Landwirtschaftsingenieur, unterstützt von Harrer, eine Karte, die noch heute Bewunderung erweckt. 

Aufschnaiter lässt sich in einem kleinen Haus außerhalb der Hauptstadt nieder. „Die ­Abgeschiedenheit, in der ich lebte, war dazu angetan die meiste Zeit mit irgendeiner ­Beschäftigung auszufüllen“, schreibt er in einem Briefentwurf. Doch kein Ton von Einsamkeit. Nachdem er sich nach dem erzwungenen Verlassen Tibets in Nepal niedergelassen hatte, lernte ihn die Schweizer Entwicklungshelferin 

Annemarie Spahr kennen, die sein Haus bis zu seinem Tod führte. „Über dem Arbeitstisch hing eine nackte Glühlampe, unter deren Schein Peter Aufschnaiter arbeitete. Während einer seiner häufigen Abwesenheiten ließ ich in der Zimmerwand ein Fenster einbauen. Seine beinahe überschwengliche Dankbarkeit berührte mich sehr. Wie wenig brauchte er zur Zufriedenheit“, schildert sie den bescheidenen, außergewöhlichen Menschen.

Aufschnaiter, der sich auch für besseres Saatgut einsetzte, um das Leben der Tibeter zu erleichtern, konnte viele seiner Projekte nicht mehr zu Ende bringen. Nach dem Einmarsch der chinesischen Armee verließ er am 20.12.1950 Lhasa, wo er noch eine Landepiste errichtet hatte, um eine eventuelle Evakuierung des Dalai Lama aus der Luft zu ermöglichen. Noch über ein Jahr hielt er sich in dem Land auf, von dem er sich genauso schwer wie von seinen Aufgaben trennen konnte. Noch am Weg zur Grenze topographierte er den 8046 m hohen Shisha Pangma, der damals ein weißer Fleck auf der Landkarte war. 

Am 23. Jänner 1952 stand er vor einer Hängebrücke über den Lenti Chu, der die Grenze zwischen Tibet und Nepal bildet. Ein trauriger Augenblick für den als schweigsam und verschlossen beschriebenen Menschen. Kurz vor seinem Tod nach den schönsten Erinnerungen seines Lebens gefragt, sagte er: „Als ich allein über die hügeligen Weiten ­Tibets ging.“  Olaf Sailer 

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