Im Namen des Herrn

Christoph Grienberger. Er ist Freund von Galilei und Kepler. Und – er kämpft für die Anerkennung des heliozentrischen Weltbildes.

Er wollte niemals Richter sein und doch muss er ein Urteil fällen. Ein Gutachten erstellen, das die Welt und das Weltbild im wahrsten Sinne erschüttern wird. Schauplatz dieses Prozesses ist die Heilige Stadt, anno 1615. Der Angeklagte ist Galileo Galilei. Ankläger ist der mächtige Kardinal Roberto Bellarmino. Der Sachverständige, der entscheiden soll, ist Christoph Grienberger – geboren in Hall in ­Tirol. Er ist ein Freund des Angeklagten, ist ebenso Astronom und Wissenschaftler. Doch auf beiden lastet der Fluch der Inquisition. Galileo Galilei wird ihr Opfer und Grienberger ihr unfreiwilliger Helfershelfer.

Als Christoph Grienberger am 2. Juli 1561 in Hall in Tirol zur Welt kommt, ahnt niemand, welch bedeutender Wissenschaftler er später werden wird. Im Alter von 19 tritt er dem Jesuitenorden bei, der seit 1569 auch in Hall ansässig ist. Er studiert zunächst Rhetorik und Philo­sophie in Prag, unterrichtet später an verschiedenen Ordenskollegien Mathematik. Ab 1589 studiert er Theologie in Wien. Doch bald ereilt ihn der Ruf nach Rom. Am Collegium Romanum wird er Schüler von Christoph Clavius, dem angesehensten Astronomen seiner Zeit. Sechs Jahre später wird er Professor für Mathematik in Graz, wo er den Astronomen Johannes Kepler kennen und schätzen lernt. 1612 übernimmt er in Rom den Lehrstuhl seines Lehrers Clavius und unterrichtet über 20 Jahre lang Astronomie. 

Die astronomische Forschung steht im Mittelpunkt der Jesuiten-Ausbildung. Die Gründe dafür sind aber nicht spiritueller Natur, sie sind profan: Es geht um Macht. Denn der noch junge katholische Orden hat eine Maxime – die Missionierung der Ungläubigen, ein zudem lukratives Geschäft. Auf der Liste der zu missionierenden Länder steht zu Beginn des 17. Jahrhunderts China an vorderster Stelle. Die dortigen Astronomen genießen auch in der westlichen Welt einen vorzüglichen Ruf. Die Jesuiten nützen das gemeinsame Interesse an der Sternenkunde – eine Zusammenarbeit entsteht, durch die der Orden gleichsam Fuß fassen kann. Das grenzüberschreitende Projekt ist zwar erfolgreich, wird jedoch entscheidend behindert – durch die Lehrmeinung der Kirche, dass die Erde der Mittelpunkt des Sonnensystems sei. Ein Problem, das den Jesuiten zu schaffen macht. Grienberger forscht und entwickelt nun einen Fixsternkatalog. Ebenso entwickelt sich in diesen Jahren eine Freundschaft mit Galileo Galilei, die bald auf eine harte Probe gestellt wird.

Galileo Galilei will, dass die Kirche seine Erkenntnis akzeptiert: Die Erde dreht sich um die Sonne. Auch Grienberger und sein Lehrer Clavius sind dieser Meinung, doch Kirche und Klerus halten eisern am traditionellen Weltbild fest – die Erde ist (und bleibt es offiziell für fast 400 Jahre) der Mittelpunkt des Systems. Auch der Ordensobere der Jesuiten, General Claudio Acquaviva, erteilt die Weisung, am geozentrischen Weltbild festzuhalten, egal welche ­Er­gebnisse die Forschungen auch bringen würden. 1616 setzt Papst Paul V. ein Kollegium von elf Theologen ein, darunter auch Grienberger. Sie haben die Aufgabe, folgende Theorien zu beweisen: Die Sonne ist der Mittelpunkt „der Welt“ und unbeweglich, während die Erde nicht das ­Zent­rum des Universums bildet und sich um sich selbst dreht. Der Beschluss des ehrwürdigen Gremiums steht von vornherein fest: Beides wird als „töricht und absurd“ verworfen, Galilei ermahnt, von seinen Erkenntnissen Abstand zu nehmen. Doch dieser denkt nicht daran zu widerrufen. Grienberger ist ratlos, findet keinen Ausweg aus dem Konflikt zwischen Wissenschaft und Kirche. Er schreibt Galilei: „Der Widerspruch und Zweifel gegen alles, was ich in Ihrer Botschaft fand, bin ich durch eigene Beobachtung zur vollen Anerkennung bekehrt worden. Ich habe gegen Beobachtungen Widerspruch erhoben, die ich viel mehr bewundern, verehren und verteidigen müsse.“ Zwar kritisiert er offen die Lehre und Methode der Kirche („Hart ist es, auf Meinungen zu verzichten, die sich seit vielen Jahrhunderten eingebürgert haben und die durch die Autorität so vieler Weisen bekräftigt worden sind.“), doch als Kardinal Roberto Bellarmin persönlich in die Causa Galilei eingreift, ist der Widerstand gebrochen. Denn Bellarmin ist nicht nur der mächtigste Mann der Kirche, er ist auch Oberster der Heiligen Inquisition. Ein 15 Jahre dauernder Prozess beginnt, den Galileo Galilei verliert. Er wird inhaftiert, gefoltert und muss seine Lehre widerrufen. Als Gnadengeschenk erhält er dafür die ewige Verbannung in ein Kloster.

In Grienberger brodelt es, denn er weiß, dass Galilei recht hat. Während er in der Öffentlichkeit die Meinung der Kirche verteidigt, forscht er im Hintergrund weiter und entwickelt mit seinem Mitbruder Christoph Scheiner ein Heliotrop: ein Fernrohr, das sich um zwei Achsen dreht und zur Beobachtung der Sonne und vor allem deren Flecken dient. Die Zusammenarbeit ist erfolgreich – die beiden Astronomen ­pub­lizieren gemeinsam den dritten Band des Buches „Rosa Ursina“, das bahnbrechend für die Erforschung des Planetensystems wird. Neben der Forschung ist Grienbergers Hauptaufgabe aber immer noch die Ausbildung der jesuitischen China-Missionare. Einer der bekanntesten Schüler Grienbergers ist dabei Johann Adam Schall von Bell, der vom Kaiser von China sogar zum „Mandarin erster Klasse“ ernannt wird. Dem dermaßen geadelten Grienberger-Schüler gelingt es überdies, Mitglieder der kaiserlichen Familie zum katholischen Glauben zu bekehren. Ein Erfolg, den Grienberger, dessen letzte Lebensjahre wieder von der Auseinandersetzung um Galileis Lehrmeinung gekennzeichnet sind, nicht mehr verfolgen kann. 

Der Haller Jesuit stirbt am 11. März 1636 in Rom im Wissen, dass Galilei Recht hatte – die Sonne ist der Mittelpunkt des Universums. Ein Faktum, das die katholische Kirche lange Zeit nicht wahrhaben wollte – erst am 2. November 1992 wird Galileo Galilei von Papst Johannes Paul II. rehabilitiert. Genau 350 Jahre nach Galileis Tod dreht sich für die Kirche seither offiziell die Erde um die Sonne.  Johann Überbacher

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