Im Namen des Herrn

Jakob Hutter. Der hitzige Hutmacher aus dem Pustertal stieg zum Anführer der Wiedertäufer in Tirol und Mähren auf und begründete die Religionsgemeinschaft der Hutterer.

Der Mann hatte eine mörderische Fantasie. Wenn es darum ging, andere das Fürchten zu lehren, war ihm keine Maßnahme zu blutig und kein Folterszenario zu scheußlich. 

 „Etliche wurden zerreckt und gestreckt, daß die Sonne durch sie möcht geschienen haben. Etlich, daß sie an der Marter zerrissen und gestorben sein. Etlich zu Aschen und Pulver verbrennt unter dem Namen der Ketzer. Etlich an Säulen gebraten. Et­liche mit glühenden Zangen zerrissen. Etlich in Häusern versperret, alles mit einander verbrennt. Etlich an die Bäum gehängt. Etlich aber mit dem Schwert hingericht, erwürgt und zerhauen. Wie die Lämmer führet mans oft häuflingen zur Schlacht und zur Metzg und ermördeten sie nach des Teufels Art und Natur, der ein Mörder ist von Anfang.“ – Heißt es im Geschichtsbuch der Hutterischen Brüder über die Torturen, die Erzherzog Ferdinand I. (1503-1564) für angemessen hielt, um die ketzerische Brut zu vernichten. Denn der Landesfürst und spätere Kaiser war ein aufrechter Katholik, einer, der sich – gestützt durch die Geistlichkeit – dazu auserwählt fühlte, das reformatorische Gedankengut in Tirol mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln auszumerzen.

Auf der Fahndungsliste des Herrschers stand ein Name ganz oben – Jakob Hutter, Hutmacher aus Moos bei St. Lorenzen im Pustertal und Anführer der Wiedertäufer in ­Tirol. Für seinen Irrglauben sollte er brennen und mit ihm die ganze Sekte untergehen. Doch es kam anders – und das obwohl sich Hutter selbst oft um Kopf und Kragen redete.

Wie eine monströse Welle war die Reformation über die katholische Kirche und das Heilige Römische Reich hereingebrochen und hatte die Glaubensgemeinschaft gesprengt. Martin Luthers Lehre von der Freiheit des Christenmenschen verstanden viele als Aufruf, eine Gesellschaft freier und gleicher Menschen zu schaffen. Die sozialreformerischen Einflüsse der Reformation wurden im Bauernkrieg im Jahre 1525 ebenso wirksam wie in den Ansichten der so genannten Wiedertäufer. 

Denn diese propagierten nicht nur die Erwachsenentaufe, sondern auch Gütergemeinschaft und Gewaltfreiheit. Eine unerhörte Forderung in der rigiden Standesgesellschaft des ausgehenden Mittelalters. Doch während Klerus und Adel tobten, reagierte die Bevölkerung großteils aufgeschlossen auf die neuen Lehren und strömte in Scharen zu den – illegalen – Versamm­lungen. Unter den Sympathi­santen befand sich auch ein gewisser Jakob Hutter, Bauernsohn aus dem Pustertal.

Er war um 1500 im kleinen Weiler Moos bei St. Lorenzen auf die Welt gekommen und hatte eine Hutmacherlehre absolviert. Schon früh erwärmte sich der wissbegierige Bursche für das evangelische Gedankengut, doch kam er bald auch in Kontakt mit den Lehren der Wiedertäufer, deren hehre Ideale ihn zusehens fesselten. Trotz der massiven Verfolgung der Andersgläubigen durch die Regierung, begann er geheime Treffen zu organisieren und baute ein Informationsnetzwerk auf, durch das er nicht nur über die Aktivitäten der Herrschenden unterrichtet wurde, sondern auch landesweit regelmäßige Versammlungen arrangieren konnte. 

Ferdinand I., der die gottlosen Häretiker ein für allemal vernichten wollte, setzte alles daran, die Vereinigung mit Spit­zeln zu unterwandern, gründete ein „geheimes Ketzerkollegium“, das die Verfolgung der Verdächtigen koordinieren sollte, beauftragte ­eine „streifende Rott“, Andersgläubige ausfindig zu machen und setzte blutige Exempel. Ge­fangen genommene „Sektirer“ wurden auf grausamste Art und Weise gefoltert, zum Widerruf genötigt und anschließend öffentlichkeitswirksam hingerichtet.

Doch Hutter ließ sich nicht einschüchtern. Bereits 1529 galt er neben Jörg Zaunring als führender Täufervorsteher südlich des Brenners und ihn zu töten hieß – zumindest für den Landesfürsten – der Hydra den Kopf abschlagen. Während Zaunring in dieser extrem brenzligen Situation mit einer Gruppe von Wiedertäufern nach Mähren flüchtete, wo in Austerlitz Gleichgesinnte eine Kolonie gegründet hatten, harrte Hutter in Tirol aus, agierte aus dem Untergrund und organisierte den Exodus der Anhänger nach Mähren. 

Die Menschen vertrauten ihm; er war ein mitreißender Redner voller Überzeugungskraft und unerschütterlich in seinen Idealen von Gemeinschaft und Gottgefälligkeit. So wuchs die Zahl der Anhänger trotz der Repressalien durch die Regierung, und Hutter scharte eine Gruppe Unerschrockener um sich, denen er blind vertrauen konnte, predigte Gütergemeinschaft und taufte die Glaubensbrüder im Geheimen. Dennoch: Ferdi­nands diktatorische Maßnahmen zeigten Wirkung. Die ­Einheimischen wagten kaum noch, den friedliebenden Andersgläubigen zu helfen, drohten ihnen doch Gefängnis und Enteignung, schlimmstenfalls sogar der Tod. Die Gefahr, enttarnt zu werden, wuchs mit ­jedem Tag und so floh Hutter – nicht zuletzt auf Drängen seiner Anhänger – endgültig nach Mähren. Kaum angekommen sah er sich allerdings mit einer neuen, gefährlichen Situation konfrontiert.

Schon 1531 war es zu einem großen Krach in der Gemeinde gekommen, weil sich die Vorsteher gewisse Privilegien zugeschanzt und in den eigenen Säckel gewirtschaftet hatten. Als einige Mitglieder dies nicht mehr hinnehmen wollten, kam es zum Bruch und Zaunring zog mit seinen Anhängern nach Auspitz, um dort eine wahrhaft „gottgefällige“ Bruderschaft zu begründen, Hutter hatte bei der Reorganisation der Gemeinschaft geholfen und war danach wieder nach Tirol zurückgekehrt.

Nun aber wollte er die Füh­rungsrolle in der Gemeinde übernehmen und die für ihn auch in Auspitz offensichtlichen Missstände beseitigen. „Und weil ihn Gott zu seiner Gemein hab gesendet, wöll er mit höchstem Fleiß, was im Haus Gottes für Fehl gefunden werden, helfen bessern“, heißt es dazu in den Hutterischen Geschichtsbüchern, in denen über die Jahrhunderte kontinuierlich die Geschichte der Hutterer aufgezeichnet wurden und die neben der Bibel die wichtigste Grundlage für das Bekenntnis der Hutterer sind. 

Der Pusterer löste damit einen folgenschweren internen Machtkampf aus, bei dem er in keinster Weise bereit war nachzugeben. Er wollte die Führung mit aller Vehemenz: „Wie wohl würd es euch gefallen, wenn euer einer hinaus ins Land zög und dieweil einem andern das Volk befehlen tät, wenn er wieder heim käm, daß er müßt hinten nach gehn“, soll Hutter gesagt haben. Als er nachweisen konnte, dass der Gemeindevorsteher Leinen, Oberhemden und Geld in seinen Räumlichkeiten gehortet hatte, scheute sich Hutter nicht, den Rivalen öffentlich zu de­mütigen.

Er forderte den Abtrünnigen auf, Buße zu tun, an­schlie­ßend wurde der Vorsteher von der Gemeinschaft exkommuniziert und „dem Teufel überantwortet“. Dennoch war die Stimmung vergiftet und laut Hutters eigenen Angaben verbrachten die verstörten Gläubigen rund eine Woche mit inbrünstigem Beten, bis sich die Wogen wieder glätteten und der Prediger als neuer Leiter bestätigt wurde. Dabei stärkte sicherlich auch das Eintreffen weiterer Flüchtlinge aus dem Tiroler Raum Hutters Position.

Mit eiserner Hand reformierte Hutter die Gruppe, stellte die strikte Kirchenzucht über alles und schloss liberalere Mitglieder aus, weil sie den neuen Frieden gefährdeten. Einmischungen anderer Wiedertäuferverbände wies er strikt zu­rück und begründete dies damit, dass er durch Gottes Wille zum Vorsteher geworden sei, Angriffe gegen ihn seien ­daher gegen die Gemeinde, den Heiligen Geist und letztlich gegen Gott gerichtet.

Angehörige solcher abtrünniger Gruppen wurden nicht länger als Brüder und Schwes­tern gesehen, was nicht gerade zur Entspannung der Situation beitrug. Dennoch gelang es dem charismatischen Vorsteher, die innere Einheit wieder herzustellen. Mehr noch: Die dramatischen Ereignisse 1533 markierten letztendlich den Anfang der Hutterer als selbstständige Gemeinde, denn nach der Trennung von anderen Gruppierungen wurde die Abschottung gegen außen noch stärker betrieben und „große Lieb, Frieden und Einigkeit“ zogen ein. Doch die Harmonie war nur von kurzer Dauer. Knapp eineinhalb Jahre nach der großen Krise warf ihr großer Widersacher Ferdinand I. seine Netze in Mähren aus.

Dem Habsburger war natürlich nicht entgangen, dass die geflüchteten Häretiker sich – mehr oder weniger – unbehelligt von der Obrigkeit in Mähren niedergelassen hatten und ihr eigenes Land in Gütergemeinschaft bewirtschafteten. Innerhalb weniger Jahre war die Zahl der Täufer in Mähren auf mehrere Tausend angewachsen, ohne dass die Regierenden Gegenmaßnahmen getroffen hätten. In einem scharf formulierten Mandat forderte Ferdinand daher von seinen Untergebenen die Ausweisung der Sektierer und drohte den Ständen harte Strafen an, sollten sie diesem Befehl nicht nachkommen.

Auch die den Täufern gegenüber freundlich gesinnten Adeligen kamen nicht mehr umhin, sie zumindest formal des Landes zu verweisen. Einige rieten den Gemeinden sogar, sich aufzulösen und die Mitglieder auf kleinere Gruppen zu verteilen, um sich dann, wenn das „Trübsal“ endlich vorbei wäre, wieder zusammenzuschließen. Hutter, der sein Temperament selten zügeln konnte, war über die Maßnahmen des Herrschers dermaßen aufgebracht, dass er seinen Unmut den Gesandten des Lehensherrn entgegenschleuderte und ausrief: „Wenn der Bluthund ein Lust zu unserm Blut hat, so last ihn kommen!“ – er und seine Leute werden das Land auf keinen Fall verlassen. In einem Brief an den mährischen Landeshauptmann nannte er den König nochmals einen „Fürst der Finsternis, Gottlos Tyrann und Feind der göttlichen Wahrheit und Gerechtigkeit“ und sparte auch nicht mit Vorwürfen gegen die mährischen Stände, die sich zu Handlangern des Bösen machten und dafür Gottes gerechte Strafe erfahren würden. Damit hatte es sich Hutter auch bei den Landesfürsten verscherzt und konnte einer Inhaftierung nur durch Flucht entgehen. Nachdem er die Leitung der Bruderschaft einem weniger verdächtigen Gemeindemitglied übertragen hatte, machte sich Hutter schweren Herzens auf nach Tirol – wo Ferdinands Spitzel schon lauerten.

Wieder im Pustertal, begann er behutsam, das Untergrund-Netzwerk wieder aufzubauen, neue Täuflinge zu gewinnen. Unterstützung fand er dabei vor allem bei Sympathisanten und Glaubensgenossen, die dem gesuchten Häretiker Unterkunft gewährten und ihm Räumlichkeiten für Versammlungen zur Verfügung stellten. Trotzdem hoffte er auf eine baldige Rückkehr nach Mähren und hielt engen brieflichen Kontakt zu seiner Gemeinde. Allerdings spitzte sich die Lage für die rund 1000 Leute starke Gruppe zu, denn die Bevölkerung reagierte immer feindseliger auf die Außenseiter und schon bald war klar, dass sie sich in Mähren nirgendwo mehr niederlassen konnten.

In einem Brief an die mährischen Freunde schrieb Hutter: „O, wie gar mit großem Fleiß hab’ ich euch versammelt in göttlicher Lieb’, mit viel Müh und Arbeit, mit manchen großen Schmerzen, nun kommen die reißenden Wölfe und zerstreuen, verwüsten und zermalmen mit ihren Händen, das übrige zerstampfen sie mit ihren Füßen.“ Wie nah sein eigenes Ende war, ahnte er in diesem Moment noch nicht. 

Ferdinands Geflecht von Informanten hatte mittlerweile auch Hutters Organisation unterwandert und die Pfleger der einzelnen Gerichte waren angewiesen, ihre Aktionen zu koordinieren. Als wohl folgenschwerste Maßnahme erwies sich die eigens erlassene Erlaubnis an die Pfleger, während der Verfolgung Hutters in benachbarte Bezirke einzudringen. Damit fielen die so genannten „windstillen Zonen“, die sicheren Rückzugsgebiete für die Flüchtenden. Als der von düsteren Vorahnungen geplagte Hutter nach Klausen im Eisacktal kam, schnappte die Falle zu. Seine Verfolger waren über jeden seiner Schritte informiert gewesen, hatten den ganzen Ort umzingelt und ihn schließlich an der Verwaltungsgrenze zu Gufidaun aufgespürt. Noch in derselben Nacht wurden Hutter und seine Begleiter „ohne und mit Folter“ einvernommen und in Windeseile verbreitete sich die Kunde von der Verhaftung des Abtrünnigen. Neun Tage nach seiner Verhaftung kam Hutter am 9. Dezember 1535 gefesselt und geknebelt in Inns­bruck an. Von vorneherein war klar, dass der oberste Häretiker des Landes am Scheiterhaufen brennen sollte, trotzdem setzte die Regierung aus Propagandagründen alles daran, ihm einen Widerruf abzuringen.

Da keine Prozessakten zum Fall Hutter überliefert sind, geben nur die Hutterischen Geschichtsbücher Aufschluss über die unglaublichen Qualen, die er erdulden musste: „Als sie ihm nun groß Marter und Pein anlegeten, viel anfingen und ihn aber nicht mochten in seinem Gemüt verrucken oder von der Wahrheit abfällig machen, da vermeinten die Pfaffen aus ihrem bösen, rachgierigen Eifer, sie wollten den Teufel aus ihm bannen, ließen ihn in ein eiskaltes Wasser setzen und nach dem in ein warmen Stuben führen, mit Ruten schlagen. Auch habens ihm seinen Leib verwundt, Branntwein in die Wunden gegossen, an ihm angezündt und brennen lassen.“ Doch trotz der massiven physischen und psychischen Qualen blieb Hutter standhaft in seinem Glauben.

Am 26. Januar 1536 wurde das von den Misshandlungen mittlerweile extrem gezeichnete Oberhaupt der Hutterer zu einer letzten „Befragung“ geschleppt und wegen Häresie zum Tode verurteilt. Da weder das Protokoll dieser letzten Einvernahme, noch Prozessakten oder der Urteilsspruch erhalten sind, ist der genaue Todestag Hutters nicht nachweisbar.

Während die Hutterischen Geschichtsbücher den Freitag vor der ersten Fastenwoche, also den 3. März 1536 angeben, gehen einige Historiker davon aus, dass Hutter am Freitag nach der ersten Fas­tenwoche, also am 17. März, auf dem Scheiterhaufen unter dem Goldenen Dachl in Innsbruck verbrannt wurde. Ferdinand I. soll auf diese Todesart bestanden haben, obwohl sich der Scharfrichter für einen schnellen Tod durch Köpfen eingesetzt hatte.

Laut der Hutterischen Chroniken blieb ihr Anführer bis zu seinem qualvollen Tod standhaft und forderte seine Peiniger sogar noch auf, mit ihm ihren Glauben der Feuerprobe zu unterziehen. „Nun kommbt her ir Widersprecher! Lasset uns den Glauben im Feuer probiren“, habe er gerufen. Natürlich war keiner seiner Gegner bereit, dieser Aufforderung nachzukommen.

Doch Ferdinand I., mittlerweile römischer König, der geglaubt hatte, mit Hutters Ermordung den Wiedertäufern den Garaus zu machen, hatte sich getäuscht. Die Erinnerung an den „glaubensstarken Diener Gottes“ konnte er nicht auslöschen – ganz im Gegenteil: Sein Märtyrertod brannte sich unauslöschlich in die Erinnerung seiner Gemeinde ein. Gerade die Verfolgung war den Hutterern ein untrügliches Zeichen dafür, dass sie den „wahren Glauben“ gefunden hatten: „Wir sind Gottes heiliges Volk, das er sich auf dem ganzen Erdkreis auserwählet und berufen hat aus allen Völkern, darum wir auch von allen Menschen geschmähet, verfolget und verhasset sind.“

Heute leben in Kanada und im Norden der USA zwischen 50.000 und 70.000 Hutterer nach den Wertvorstellungen ihrer Vorfahren (siehe Kasten) und halten das Andenken an ihren geistigen Führer hoch. Jedes Schulkind lernt das Hutterische „Gemeinschaftsliedl“ auswendig, in dem es unter anderem heißt: „Die Gmein, die christlich Mutter, die hat viel Söhn verlorn, bis auf den Jakob Hutter, den hat Gott auserkorn. Ein frommer Mann er ware, Feind allem Eigennutz, mit ihm ein kleine Schare, doch so war Gott ihr Schutz.“  Susanne Gurschler

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