Felsenfester Humor

Joseph Anton Koch.  Scharf der Witz, heroisch die Landschaften, unbändig die Lebensfreude, großzügig das Herz. Der große Meister aus dem Lechtal hinterließ mehr als herausragende Gemälde, war er doch selbst ein Monument seiner Zeit – ein quicklebendiges.  

Arthur Schopenhauer ärgerte die Gesellschaft durch seine mephistophelischen Witze und brachte die frommen Nazarener durch „heidnische“ Bemerkungen in Rage; der Landschaftsmaler Rohden schimpfte auf Fürst Metternich, weil derselbe in knickeriger Weise mit ihm um ein Gemälde handelte; der Kupferstecher Barth jammerte über die Erfindung des Buchdrucks, wodurch das innere Leben des Volkes getötet worden sei. Und mitten in die ernsteste Unterhaltung hinein krähte plötzlich Joseph Anton Koch wie ein Hahn und sprang unter dem Gesang „steigt mit mir über die Berge“ von einem Tisch auf den anderen. 

Ernst und Übermut, Tiefsinn und Leichtsinn, ideales Streben und kindliche Lebenslust charakterisieren das Treiben im Caffé Greco in Rom. Hier trafen sich die so genannten „Deutsch-Römer“ – Maler, Bildhauer, Philosophen und Schriftsteller, die  um 1800 den prüden, ­zent­rumslosen Norden verlassen und Rom zu ihrem Mekka erkoren hatten. Joseph Anton Koch war Stammgast in diesem Tempel des Freigeistes. Noch heute kann dort dem Portait des Tirolers zugeprostet werden, dessen  künstlerische Schaffenskraft gleich überschäumend war wie seine Neugier und Lebensfreude. 

Rund 800 Kilometer vom Geburtsort Elbigenalp entfernt, hatte Koch in Rom den perfekten Platz dafür gefunden. Die Heimat vermisste er wohl nicht allzu sehr, doch trug er sie zeitlebens „auf der Zunge“. So wird berichtet, dass sein Italienisch durch den hartnäckig kehligen Dialekt des Lechtals trotz der vielen Jahre recht ruppig geblieben sein soll. Und ruppig war er ja auch, sogar unberechenbar. Als feinsinnig wird er beschrieben, als poetisch, ja romantisch – jedenfalls als witzig, schalkhaft und bissig, wenn angebracht. Geradlinig war er selbst – nicht aber sein künstlerischer Weg, auf dem der Tiroler Meilensteine der deutschen Landschaftsmalerei des 19. Jahrhunderts setzte. 

Lange bevor sich Joseph Anton Koch in den schwindligen Höhen der Kunst bewegte, kletterte er in den schwindligen Höhen der Lechtaler und der Allgäuer Alpen. Am 27. Juli 1768 war er nicht in einen Künstlerhaushalt ­hi­neingeboren worden, sondern wuchs in einer Familie auf, deren Oberhaupt zeitweise elf Kinder zu ernähren hatte. Der Vater Joseph Koch handelte mit Heilkräutern und Südfrüchten, ein Gewerbe, das ihn Mitte des 18. Jahrhunderts auch nach ­Kob­lenz brachte, wo ihm ein rheinisches Mädchen recht gefiel. Auch er gefiel Anna Elisabeth Burdi offensichtlich, denn sie heiratete ihn und zog mit ihm im Jahr 1760 nach Elbigenalp – nach Obergiblen, um genau zu sein. 

Wahrscheinlich hat es den sechsjährigen Spross des Ehepaars Koch oft in die Kirche von Elbigenalp gezogen. Nicht nur um Gott zu besuchen, sondern um einen anderen Meister, den Maler Johann Jakob Zeiller, zu beobachten, der 1774 damit begann, die Kirche mit einem schwunghaften Fresko zu verschönern. Und für Schönheit, für gewaltige Schönheit, hatte der Kleine einen Sinn.

Diesen schärfte er, wie er später Ludwig Richter erzählen sollte, als er sich in den Sommermonaten als Schafhirte im einsamen Krabachtal sein Brot verdienen musste. Von einem Eremiten hatte Koch seinen ersten Unterricht bekommen, doch Papier und Schiefertafeln tauschte er in den Bergen mit glatten Felswänden ein, auf die der Hirtenjunge mit Kohle und umgeben von derselben, große Landschaften malte. 

Dass der Augsburger Weihbischof so gerne reiste – gelegentlich auch ins Lechtal – brachte die einschneidende Wende für den zwar an Giottos legendenhafte Anfänge erinnernden aber noch in den Felsen des Lechtales festsitzenden bildnerischen Drang des Hirtenjungen. 1782 wurde Bischof Ungelter auf das Talent des 14-Jährigen aufmerksam und schickte ihn zum Studium in das Seminar nach Dillingen. Dieses wurde von einem Lechtaler geleitet, der sich des Jungen annahm und bald bemerkte, dass dieser immer weniger an Grammatik viel mehr jedoch am Zeichnen interessiert war. Bei dem, so Koch, „elenden Bildhauer“ Martin Ignatz Ingerl, wohin er 1784 als „Lehrling“ geschickt worden war, hielt es ihn nicht lange. Zermürbend war dieses Intermezzo, Koch viel zu ehrlich mit seinem Urteil über die Kunst des Hofbildhauers und wieder war es Bischof Ungelter, der ihm einen Platz an der hohen Karlsschule zu Stuttgart – der berühmtesten Schule der damaligen Zeit – verschaffte. 

Hier bewährte er sich zwar vielfach als scharfer Beobachter und humorvoller Freund, seine bissigen Karikaturen über unliebsame Begleiter dieser Schulzeit deuten aber darauf hin, dass er sich in das von militärischer Zucht geprägte Regime der Akademie, nicht einfügen konnte, noch wollte. Die Französische Revolution heizte zudem Freiheitsliebe und Tyrannenhass an, sodass Koch, nachdem er 1791 wegen Insubordination angeklagt worden war, die Schule fluchtartig verließ. Friedrich Schiller hatte rund zehn Jahre zuvor den gleichen Ausweg aus dem sklavischen Zwang der Karls­schule gewählt.

Unterwegs nach Straßburg schnitt sich Koch seinen Haarzopf ab und schickte ihn zum Hohn an seine ehemaligen Vorgesetzten. Der Brief, den er kurz zuvor an sie geschrieben hatte, war ein weiteres Erinnerungsstück an den Schüler, der ihnen da entfleucht war. Darin heißt es: „Wo auf das Höchste gestiegene Sklaverei alle Tätigkeit der Seele zu Boden stürzt und sie gegen alle höheren Gefühle abstumpft ..., da ruft mich eine höhere Pflicht, die mein eigenes Selbst, meine ehrenwerten Eltern von mir fordern. Ich würde gewiss alle meine Seelenkräfte vor den Dienst des Herzogs in Tätigkeit gesetzt haben, wenn man mir die Bildung derselben nicht aufs äußerste erschwert hätte.“ 

Die französischen Revolutionäre, die Jakobiner, denen er sich mit wehenden Fahnen in Straßburg angeschlossen hatte, gingen Koch rasch auf die Nerven. Er war Künstler, kein Politiker und die Art, wie seine Freunde mit dem Menschenideal umgingen, ihr „Klubwesen und Parteimachen“ wurden ihm immer unheimlicher und unerträglicher. Überlegt, doch kurzentschlossen, nahm er „von der unpopulären Gesellschaft“ Abschied und ging nach Basel. 

Froh, ihn, diesen möglicherweise gefährlichen Jakobiner zu sehen, beziehungsweise in der Stadt zu haben, war erst der Schultheiß von Biel. Von hier und später von Neuchâtel aus unternahm Koch ungezählte Wanderungen in den Schweizer Bergen. Das so genannte „Alpen­erlebnis“ war gerade erfunden worden, Rousseaus Schilderungen Schweizer Gebirgslandschaften hatten dazu beigetragen und Koch, der an und auf Bergen aufgewachsen war, erlebte ihre Monumentalität völlig neu. Beispielsweise im Sommer 1794, als der Künstler in die Berner Alpen ging, „ich fraß Rahm mit am Feuer gebratenem Käse und stolperte gleich einem ­Gems­­jäger auf den Bergen herum.“ Was er dabei sah und wie, hielt er in frischen, unbefangenen Naturstudien fest. Diese sollten ihm später – in Rom dann – als Grundlage für seine bahnbrechenden Gemälde der Alpenlandschaften dienen. 

Beispielsweise für das 1817 entstandene Ölgemälde „Das Haslital bei Meiringen“. Wie bei anderen Landschaften Kochs, so wird auch vom Haslital gesagt, der Künstler habe es nach den Idealen der Französischen Revolution gemalt. Die Gleichheit zeigt sich darin, dass alles auf dem Bild Dargestellte gleich wichtig beziehungsweise gleichwertig ist: Die Felsen, die Resti-Ruine, die Menschen, die Häuser, die Bäume, die Tiere, die Wasserfälle – nichts ist unwichtig. Koch sagte selber, das Berner Oberland stelle „eine totale Vorstellung vom Alpenwesen“ dar. 

Dass darauf das Können des Genies, die heroische Alpenlandschaft so darzustellen, dass sich die monumentale Ausdruckskraft des Klassizismus mit dem kosmischen Naturgefühl der Romantik verbindet, eindrucksvoll nachvollzogen werden kann, wurde vielfach schon beschrieben. Doch das Bild zeigt auch die humorvolle Seite Kochs. Seine Signatur ist rechts vorne – mit dem Hinweis, dass er aus Tirol stammt – in eine Steintafel eingraviert. Vor ihr sitzen zwei Frösche, denen es „das Quaken“ verschlagen hat. Die Frösche symbolisieren zwei ­Kritiker, die angesichts dieser besonderen künstlerischen Leis­tung verstummen mussten. „Diese mit zierlichem Geschwätz schwängern, hochmütigen Bachstelzen, Morgenblättler, Abendblättler, Kunstblättler, diese erbärmlichen Gesellen dünken sich der poetische Geist zu sein, der bestimmt wäre, das Handwerk der Künstler zu beleben“, ätzte Koch, der Hüter des Geistes wahrer Kunst, einst über die Kritikerzunft, „sie loben alles, was im Kredit und Kalender der Mode steht; die Werke der Verstorbenen erheben sie, und die der Lebendigen töten sie.“

Als Koch das treffliche Bilderrätsel malte, war er längst ein Held seiner Zunft. Nur für drei Jahre hatte er seine Wahlheimat gegen Wien eingetauscht – die Ewige Stadt war 1795 die seine geworden. Rom war ein Magnet, Rom war das Paradies für jeden freiheitsliebenden Künstler, der es satt hatte, in den deutschen Landen der fürstlichen Prachtentfaltung zu dienen. Dafür nahmen sie das Risiko der finanziellen Unsicherheit gerne in Kauf und in Koch fanden viele einen Gönner, Mentor und Freund; „vom alten Koch“ zeugen ungezählte Erwähnungen in Briefen und Tagebüchern der „Romreisenden“ des beginnenden 19. Jahrhunderts. 

„Der alte Koch“ war neben dem dänischen Bildhauer Bertel Thorvaldsen und Johann Christian Reinhard zentrale Figur der römischen Künstlerrepublik, in der eine Kunst angestrebt wurde, die an den „aufgeklärten Verstand“ appelliert, in ihren Linien klar ist und das sinnlich entrückte des höfischen Barock ­hinter sich lässt. Der Mensch rückte in den Mittelpunkt, das würdevolle Menschenbild der Antike wurde beschworen, die humane Gesellschaft gepriesen. 

Während der Freigeist der Deutsch-Römer durch die Schriften Immanuel Kants und Friedrich Schillers angeheizt wurde, lieferte die Mythologie den Stoff für die Auseinandersetzung mit der Menschenwürde. Besonders Dantes „Göttliche Komödie“ hatte es dem Tiroler angetan. „Was macht der tolle Koch? Treibt er sich noch in Dantes Hölle mit Teufeln und Verdammten herum?“, fragte Anfang des 19. Jahrhunderts ein Künstlerfreund. Kamen Besucher in sein Atelier, fragte er sie stets, ob sie Dante gelesen hätten. Wenn sie verneinten, „rezitierte er sogleich einige Stellen daraus, und zwar in italienischer Sprache, welche er aber mit starkem Tiroler Dialekt grässlich aussprach.“ 

Koch wollte sich in Rom verewigen, wollte, dass etwas in seiner Stadt bleibt, ein Denkmal, „dass ich einmal da war“. 1828, nach Vollendung seines Auftrags, Fresken mit Szenen aus Dantes’ Hölle und Fegefeuer im Casino Massimo zu schaffen, war er zufrieden und sagte: „Ich habe in Rom ein Monument meiner Phantasie gestiftet. Genug, dass ich gezeigt habe, was meine Individualität unter einem schlechten, der Kunst ungünstigen Jahrhundert vermochte und hätte machen können, wenn ein besseres Gestirn geleuchtet hätte.“

Leicht war es nämlich auch für ihn nicht, die neu errungene Freiheit und Unabhängigkeit in Rom zu leben. Kunstmarkt und Sammler kristallisierten sich rasch als neue „Abhängigkeiten“ heraus. Legendär sind die Auseinandersetzungen mit dem zah­lungskräftigen Sammler Lord Bristol und auch Kochs Verhältnis zu seinem Unterstützer Prinz und später König Ludwig I. von Bayern war freundschaftlich und schwierig zugleich, da Koch mondänes Getue und strenge Etikette zutiefst ablehnte. In einem bissigen Pamphlet formulierte er die bittere Erfahrung, in Rom ein altes Übel gegen neue Zwänge eingetauscht zu haben. Den alten Todsünden, „welche die Kunst aus ihrem Paradiese vertrieben hat“, den Mäzenen und den Kunstakademien, fügte er neue hinzu: „Die Kunstschieberei, die Kunstantiquare, die Kunstindustrie und den Kunsthandel, die Bildergalerien und die überkluge Kennerschaft.“

So scharfsinnig gnadenlos er die Hürden seiner Zeit erkannte und formulierte, so unverbrüchlich innig war er jenen zugetan, die sein Herz gewonnen hatten. Josef von Führich, der mit ihm an den Fresken in der Villa Massimo arbeitete, gab seinen Eltern in einem Brief Einblick in das Temperament des Freundes: „Wenn er mir auf dem Nachhauseweg, den wir zusammen machen, ansieht, dass ich etwas müde bin, so fordert er mich gleich zu einem Wettrennen auf, welches er dann ohne weiteres selbst beginnt. In wunderlichen Sprüngen galoppiert er vor mir einher mit Gesang und hochgeschwungener Ramme, was sich bei seiner kleinen dicken Figur so possierlich annimmt, dass ich gewöhnlich vor Lachen stehen bleiben muss, was ihn dann wieder ungemein freut.“

Joseph Anton Koch lachte und arbeitete bis zu seinem Tod im Jahr 1839. Das Verschmitzte des Lechtalers ist nicht nur in den Anekdoten verewigt. Jedes Bildnis des Künstlers strahlt seinen Witz aus. Selbst jene, die in Stein gehauen wurden. Felsenfester Humor.  Alexandra Keller

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