Die Kanoniere vom Gänsebühl

Gregor Löffler. Der „beste Büchsenmacher“ seiner Zeit veränderte gemeinsam mit Vater Peter und Sohn Hans Christof den Geschützguss nachhaltig.

Die Wende ist gelungen. Panik macht sich plötzlich breit auf den brennenden Schiffen der spanischen Armada. Von Schlacht­ordnung keine Rede mehr. Schwerfällig, langsam, schier hilflos wirken die Manö­ver, während die bienen­schwarm­artigen Angriffe der englischen Flotte keine Ruhe ins Geschehen kommen lassen. Kanonensalve um Kanonensalve folgt aus sicherer Entfernung, Schiff um Schiff wird isoliert und geentert. Die „Unbesiegbare“ ist geschlagen, Sir Francis Drake und Captain Charles Howard sind an jenem stürmi­schen 8. August 1588 die Männer der Stunde. Ein Sieg für die Ewigkeit, für Gott und Königin Elisabeth I. und vor ­allem für die Geschütze „Löffler’scher Manier“. 

130 Schiffe, 27.000 Soldaten, 2600 Kanonen – ­numerisch gesehen galt die Armada (span. die Bewaffnete) als unüberwindbar. Die iberische Flotte sollte endlich für ­klare Verhältnisse sorgen, denn die englischen Freibeuter hatten die spanischen Edelmetall-Transporte aus der Karibik lang genug zum Hasardspiel gemacht. Es ging um die ­Herrschaft zur See – und auf dem Kontinent. Denn das spanisch-öster­rei­chische Habsburger-Imperium stand vor ­einer Zerreißprobe: Nicht nur, dass man in den ­Kolonien mit Piraten zu kämpfen hatte, auch in den Niederlanden unterstützten englische Armeen den Freiheitskampf (1568–1648). Zwar hatte der Seesieg der „Heiligen Liga“ vor Lepanto gegen die Türken (1571) die habsbur­gische Vormachtstellung im Mittelmeer gesichert und damit ­je­ne der Venezianer gebrochen – die gemeinsamen Feinde waren sich nun jedoch einiger denn je. Hinter den Fassaden der Lagunenstadt mochte es vielleicht bröckeln, das Intrigennetz des Dogen sowie sein ambivalentes Verhältnis ge­gen­­über den Habsburgern ­taten es hingegen nicht. Und das hatte Folgen. Aus dem Nichts heraus, so schien es, verfügten die eng­lischen Seefahrer über eine ­Artillerie, die alle anderen an Präzision, Weite und Leichtigkeit übertrafen. Eigenschaften, über die bisher nur das kaiserliche ­Arsenal verfügt hatte und die man ausnahmslos von Löffler’schen Geschützen kannte. Ein Staatsgeheimnis. – Und wer der ­Verräter?

Damals ein „unerklärliches“ Geheimnis, ist dieses heute ­gelüftet: Adam Dreyling, Sohn eines Schwazer Gewerken und seit 1580 auf der Flucht. Als Neffe der Löffler erlernt er in Büchsenhausen das Gießen. Und als nunmehriger „Meister des siebten Siegels“  kennt er die Geheimnisse des „auf­rech­ten Gusses“ bis ins letzte ­Detail, doch familiäre Intrigen treiben ihn aus ­Tirol. Angeblich von ­einem venezianischen (?) Kupferhändler nach London geschleust, machen Dreylings Waffen England zur neuen „Königin der Meere“. 1590 wird der frühere Gewerke schließlich in Böhmen entdeckt, verhaftet und in Schwaz vor das Berggericht gestellt. Der fadenscheinigen Beschuldigungen freigesprochen, verschwindet Dreyling aus den Quellen – was bleibt, ist nicht mehr als ein Epitaph zu Ehren der Gewerkenfamilie Dreyling in der Pfarrkirche Schwaz.

Erzgewinnung, Schmelze, Form, Formbrand, Schmelzofen, Me­tallmischung, Guss – kaum ein Gewerbe wirkte jemals ­­ge­heimnisvoller als das Gusshandwerk. Ob es nun aus Kon­­kurrenzdenken oder reinem Selbst­schutz war, kein Büchsenmacher ließ sich in die Karten schauen. Die Verzierungen der Kanonen machten dieses Kriegshandwerk ­da­bei durchaus auch zu einem Kunsthandwerk – „angewandte Kunst“ im wahrsten Sinne des Wortes. Doch nur Kar­taunen, Feldschlangen und dergleichen auf Auftrag zu ­gießen, damit war es nicht ­getan. Auch die mitunter sehr riskante Bedienung der Geschütze war (zumindest anfangs) ureigenste Aufgabe ­des Büchsenmeisters. Erst als das Handwerk „marktwirtschaftlicher“ und die „Produzenten“ damit unabkömmlich wurden, konnte sich mancher dem Kampfgetümmel ent­ziehen. So ließ etwa Gregor Löffler bereits 1525 Kaiser Karl V. wissen, dass er „in den kriegsleuffen im velde mit schiessen nit dienen kann noch mag“. Ein Verstoß gegen die Tradition, aber selbst ein Kaiser sah ein, dass ein eventueller Tod des „pesten giesser seiner zeit“ im Feld der wei­­te­ren Geschützproduktion  hin­der­lich sein konnte. Schließlich schickte sich der Innsbrucker Gießer bereits ­damals an, nahtlos an die Leistungen seines Vaters Peter Löffler (um 1470–1530) anzuschließen.

Dieser war als Sohn des Christof Leiminger – „Löffler“ genannt – im Jahre 1488 als Büchsenmeister in die Dienste Erz­her­zog Sigmunds des Münz­reichen getreten. Trotz Verleihung eines neuen Wappens (eine schwarze ­„Löffel­gans“ auf rotem Schild), sollte es aber ­einige Zeit dauern, bis sich der „Herr vom Gensbühl“ seinen Namen machte. 

Musste Löffler in Innsbruck zunächst gegen die bewährten Höttinger Gusshütten Seelos und Endorfer bestehen, so war die Konkurrenz aus Augsburg und Nürnberg ebenfalls nicht zu unterschätzen. Daher konzentrierte er sich vorerst auf den Glockenguss. Erst als ­Kaiser Maximilian I. sein Ar­senal in Tirol aufzubessern gedachte, ergriff Löffler 1501 die Gelegenheit und erfüllte die Wünsche seines Landesfürsten tadellos. Die „Sträußin“, die „Neuösterreicherin“ und die „Frau Humb­serin“ gehörten zweifellos zu den besten „Haupt­stücken“ (Großkaliber) ihrer Zeit. Dies sollte zwar den Ruf der Löffler’schen Geschütze begründen, aber vor allem eines bringen: viele Aufträge. Dass sich Kriegshandwerk und Kunstguss dabei nahe blieben, dafür haftete der Meister höchstpersönlich. Denn Peter Löffler war immer noch der mit Abstand bedeutendste Glockengießer seiner Zunft und schuf zudem 1509 für ­Kaiser Maximilians Grabmahl den ersten der „Schwarzen Mander“ – die ­Figur König ­Ferdinands von Portugal.

Als 1519 der „letzte Ritter“ bzw. der erste große Förderer des „Zeug­wesens“ starb, hatten sich mit ihm inzwischen auch die ­­­An­sprüche in der Kriegsführung ­gewaltig ver­ändert. Die Landsknechte und die Artillerie verschlangen nunmehr einen Großteil der Kriegskassen. ­Zuverlässigkeit und Leichtigkeit in der Handhabung der Waffen waren ­gefragt, stän­dige Innovationen gefordert. Doch mit ständiger Zunahme der Geschütz­typen galt es, ­Ord­nung in die Schlacht­reihen zu bringen. Hatte schon Maxi­milian ­eine erste Einteilung (siehe Kasten oben) vorgenommen, so war eine „Typennormierung“ nun dringlicher denn je. Denn die ursprüngliche Einteilung der Büchsen in vier „Geschlechter“ war durch die immer kleineren Kaliber schnell überholt. Eine noch ­genauere Systemati­sierung vorzunehmen und vor allem die Gusstechnik zu revolutionieren – das sollte der ­eigent­liche Verdienst Gregor Löfflers (um 1490–1565) sein. 

Dabei hatte dieser als ­Perfektionist nur ein Ziel vor ­Augen – den perfekten, naht­losen Guss: Zuerst wird ein Lehmmodell über einer mit ­Seilen umwickelten Spindel angefertigt, dessen Form eine eisenbeschlagene Schablone bestimmt. Sämtliche Ver­zie­rungen werden dabei geson­dert geformt und erst dann am feuchten Modell befestigt. ­Sobald nun die gesamte Form getrocknet ist, wird diese aufrecht (!) in eine Grube gestellt und das flüssige Metall kann einfließen – der Augenblick des Löffler’schen Geheimnis! Denn die Zinn-Beigabe (Menge und Moment) verändert die Geschützeigenschaften wesentlich. Doch hierzu schweigen sich die Meister Löffler und Dreyling in den Quellen wie in der Realität höchstpersönlich aus. Tatsache ist, dass sie Schwazer und Rattenberger Kupfer bevorzugten und jenes aus Taufers wegen seiner „vitri­olischen Art“ ablehnten. Ein solches „Einfressen“ des Pulvers in das Rohr (Explosi­onsgefahr!) wollte man verhin­dern, weshalb man zusätzlich ein weniger salpeterhaltiges Pulver entwickelte.

Wie seine Brüder Wenzel, Alexander, Philipp und Franz hatte auch Gregor Löffler sein Handwerk von der Pike auf ­gelernt und übernahm 1522 die Werkstatt seines inzwischen ­alten, arbeitsunfähigen Vaters. Des eigenen Talents bewusst, lehnte er es jedoch von Anfang an ab, in den Dienst des Trient­ner Bischofs Bernhard von Cles zu treten. Und die Antwort an seinen „Lehensherren“ und Kaiser Karl V. sollte bekanntermaßen ähnlich ausfallen. Für 80 Gulden Sold konnte Löffler ­ebenso gut in Augsburg bei freier Woh­nung und Werkstatt un­terkommen. Von Kriegsdienst war dort ­keine Rede, und zehn Jahre Vertragsgarantie waren ein weiterer guter Grund, das ­Angebot 1524 anzunehmen. Als wenig später (1525) der Bauernkrieg ausbrach, sollte dies der Tiroler Landesfürst Erzherzog Ferdinand I. bitter bereuen, denn Löffler ging trotz der Notlage seines Herren keinen Deut von den Forderungen ab: Fixe Aufträge, freie Wohnstatt, kein Heeresdienst. Erst 1527 kam es zur ­Einigung, angesichts der dringend benötigten Geschütze mussten Kaiser und Landesherr wohl oder übel auf die ­Bedingungen eingehen.

Reich an Wissen, Wertschätzung und Vermögen kehrte Löffler 1530 schließlich nach Innsbruck zurück und wurde mit Aufträgen überhäuft: Allein 1538 goss er z.B. für den nunmehrigen Deutschen König (und späteren Kaiser) Ferdinand I. 94 Geschütze. „Ausgebucht bis ans Lebensende“ – unter diesem Motto arbei­tete Gregor Löffler, ab 1563 wegen einer „Leibsschwäche“ jedoch nur mehr in beratender Funktion für seinen Sohn Hans Christof. Die giftigen Dämpfe hatten die Gesundheit des Meisters ruiniert.

Als Hans Christoph Löffler (1526-1597) seinen Vater im Jahre 1565 ­ersetzte, konnte er nicht nur auf dessen Know-how zurück­greifen, sondern vor allem auf dessen Ruf. Wenn er auch – der Familientradition folgend – die Kunst- und Glockengießerei nie vergaß, so verlegte sich der neue Büchsenmeister zusehends auf die ­Bewältigung der Aufträge. Die Innovationen waren vom Vater längst gesetzt, nun galt es für den Sohn, diese zu vermarkten. Waren die Jahre 1570–1590 ­somit die erfolg­reichs­ten und produktivsten in der Tätigkeit der Löffler-Familie, so waren sie zudem die bewegtesten. Und die leidige „Dreyling-Affäre“ (wiewohl sie nun wahr oder erfunden ist) war wohl nur ein Ausdruck dessen, was die Zukunft bringen sollte: Das Geheimnis des perfekten Gusses war im Prinzip nur eine Frage des Preises. Die Türkenkriege führten zu ständigen Reisen Hans Christofs nach Prag und Wien, das Gießen im fernen Innsbruck war also wirtschaftlich längst ein Unding. 

Ein Erfolg, dem die Büchsenhausener schlussendlich ihren Tribut zollten: 1594 wanderten die Löffler nach Wien aus. Drei Jahre später starb Hans Christof, dessen Kinder sein Vermögen wohl gut verwalteten, sein Wissen jedoch kaum mehr pflegten. Und als die Engländer und Spanier 1604 im Londoner Frieden ihre Kolonialmacht in Amerika besiegelten – da ­hatten beide Parteien längst vergessen, welche Rolle der Gänsebühl zuvor gespielt ­hatte.  Johannes Vötter 

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