Nach Stich und Faden

Josef Madersperger. Der Kufsteiner Schneidersohn opferte über Jahrzehnte seine Energie und Ersparnisse der Erfindung der Nähmaschine. Am Ende blieb ihm eine bronzene Medaille und das Obdachlosenasyl.

Im Jahre 1850 trat die Nähmaschine ihren Siegeszug um die Welt an. Unter einem Namen, mit dem die technische Errungenschaft seither unwillkürlich verbunden wird – jenem des Isaac Merrit Singer. Der talentierte Techniker, der sich bereits eine Felsenbohrmaschine und eine Schnitzmaschine hatte patentieren lassen, nahm in dem Jahr einen Job in Bosten bei der Firma Orson C. ­Phelps an, die eine Lizenz zur Herstellung von Nähmaschinen der Marke Lerrow & Blod­gett besaß. In nur elf Tagen und mit einem geborgten Kapital von 40 Dollar konstruierte er seine „Singers N0 1“ und legte damit den Grundstein für sein Imperium.

Im Jahre 1850 befand sich der Amerikaner Elias Howe in England und geriet ständig mit dem Korsettmacher William Thomas in die Wolle, der die Rechte an seiner Erfindung – einer Nähmaschine – gekauft hatte, die niemand haben wollte. Schon in Amerika konnte Howe trotz monatelanger Vorführungen keine einzige seiner Maschinen loswerden. Nachdem es auch in Europa nicht klappte, kehrte der Erfinder mittellos in seine Heimat zurück, die Schiffspassage musste er sich als Schiffskoch verdienen. In Amerika angekommen, traute er seinen Augen nicht. In den Geschäften gab es für 100 Dollar Nähmaschinen zu kaufen. Ein gewisser Singer hatte ein Modell, das gegenüber den Vorläufern einige Verbesserungen aufzeigte, am 12. August 1851 patentieren lassen. Elias Howe, der für seine Erfindung bereits am 10. September 1846 ein Patent erhalten hatte, platzte der Kragen. Nach einem schier endlosen Prozess um das Erfinderrecht entschied der Richter, dass die Gewinne der Nähmaschinen Singers geteilt werden müssen. Singer und Howe wurden zu Multimillionären.

Im Jahre 1850 wurde der Leichnam eines 81-jährigen Mannes zusammen mit 24 anderen in ein Armengrab gelegt. Auf seinem letzten Weg begleitete ihn wohl nur seine Frau, die ihm ein halbes Jahr später ins Grab folgen sollte. Vielleicht auch ein paar Bewohner des Versorgungshauses St. Marx im 3. Wiener Gemeindebezirk. In dem Asyl für Obdachlose hatte der betagte Mann mit seiner Frau sein letztes Lebensmonat verbracht. Von hier zum Friedhof St. Marx, auf dem 1784 auch Wolfgang Amadeus Mo­zart in ein anonymes Reihengrab gebettet worden war, waren es nur fünf Minuten. Ein kur­­zer, ein kläglicher Trauerzug für einen Mann, dessen Erfindung ihm Eingang in die Geschichte, doch auch die Vernichtung sei­ner Existenz brachte. Josef Madersperger hatte 31 Jahre vor Howe und 35 Jahre vor Singer das Patent für seine Nähmaschine erhalten. ­Allein, das nützte ihm wenig.

„Mit Urkunde vom 21. ­Juli 1746 kaufte der ‚ehrsame Georgen ­Mattersperger zu Wündisch-Matrey, Land Salzburg gebürtig, seiner Profession ein Schneidergesell‘ von den Kindern des verstorbenen Schneidermeisters Jakob Egger eine Behausung, Gartl und Schneidermeis­terschaftsgerechtigkeit in Kufstein“, steht im Verfachbuche des Bezirksgerichts zu lesen. Maderspergers Vater gehörte der Zunft der Gewandschneider an. Ein goldenes Handwerk für den, der die Betuchten zu seinem Kundenkreis zählte. Der Geschäfts­gang des Georg Madersperger dürfte nicht der schlechteste gewesen sein. Zwischen 1748 und 1788 wird er mehrmals als Ladmeister der Zunft genannt. 1767 ehelicht der Schneidermeister Gertraud Riederin. Im Jahr darauf, am 6. Oktober, erblickt Josef Madersperger das Licht der Welt. Über seine Jugend ist nichts bekannt, doch wird ihm sein Vater den Umgang mit Nadel und Zwirn beigebracht haben. Zunächst als Lehrling im Elternhaus, dürfte sich der Geselle dann auf Wanderjahre begeben haben. Schon damals war das ersehnte Ziel der Schneider London oder Paris, doch so weit dürfte es den Tiroler nicht verschlagen haben. Bekannt ist nur, dass Madesperger 1790 mit seinem Vater zu Fuß nach Wien aufbrach. Im Jahr zuvor war das Haus der Familie abgebrannt. Zwar wurde es wieder in Stand gesetzt, doch musste der Schneider seinen Besitz verkaufen. Die Mutter blieb in Kufstein, und auch den Vater hielt es nicht lange in der Großstadt. Er kehrte bald zurück und starb 1792 in Kufstein.

Seinem Sohn dürfte es zunächst nicht schlecht ergangen sein, zumindest nicht schlechter als anderen in seinem Gewerbe. 1799 legte Madersperger in Wien den Bürgereid ab, 1803 ließ er seine Mutter nach Wien kommen und verpflichtete sich, für ihren Unterhalt zu sorgen. 1806 läuteten die Hochzeitsglocken. Die Frau, die bis an sein bitteres Lebensende an seiner Seite bleiben sollte, war die aus der Gegend von Darmstadt stammende Katharina Klara Hann. Eine Putzmacherin, wie der mittlerweile antiquierte Begriff für Modistin lautete. Und eine geduldige Person, dürfte doch ein guter Teil des Einkommens im Hause Madersperger in die fixe Idee ihres Gatten geflossen sein. Schon seit 1799 hatte er sich intensiv damit beschäftigt, eine Maschine zu konstruieren, die das Nähen erleichtern und vor allem beschleunigen sollte. Brachte es ein geübter Schneider zu 30 Stichen in der Minute, so sollte seine Erfindung schließlich das Zehnfache leisten. Doch bis dahin war es noch ein langer Weg. Ohne jedwede technische Vorbildung brauchte er sieben Jahre, um sein ers­tes Modell zu entwickeln.

Es ist anzunehmen, dass sich Maders­perger zunächst am händischen Vorgang des Nähens orientierte. Um diesen in einen mechanischen zu übersetzen, bastelte er an einer Art eiserner Hand, musste jedoch erkennen, dass er damit nie sein Ziel erreichen würde. 1807 ging er dazu über, eine beidseitig spitze Nadel mit dem Öhr in der Mitte zu verwenden. Die selbe Idee hatte bereits der Deutsche Charles Frederic Weisenthal im Jahre 1755. Dieser steht damit an der Spitze der langen und auch lange wirtschaftlich erfolglosen Geschichte der Versuche, eine Nähmaschine zu erfinden. Es war im Übrigen nicht das einzige Mal, dass Madersperger bei seinen Konstruktionen ein Detail ersann, das schon erfunden war. Zum einen, weil er eben ein technischer Laie war, zum anderen, weil die bisherigen „Wunderwerke“ keine Verbreitung erfuhren. Von den ersten maschinellen Nähversuchen ist die Konstruktion des englischen Schuhmachers Thomas Saint von 1790 und die des Rheinländers Balthasar Krems um 1800 erhalten. Letztere hatte bereits einen gesteuerten Greiferhaken und einen Stachelradtrans­port für das Nähgut. Auch das Maders­pergsche Modell von 1807 hatte zwei Greifer, die die Nadel abwechselnd von oben und unten durch den Stoff zogen. War der ca. einen halben Meter lange Faden ­verbraucht, musste ein neuer eingefädelt werden. Ein Umstand, der den Schneidermeister unzufrieden zurückließ. Er tüftelte weiter und es dauerte noch mal sieben Jahre, bevor ihm der Streich gelang.

Am 26. April 1814 richtete Madersperger ein Gesuch an die k.k. niederösterreichische Landesregierung um die Verleihung eines ausschließenden Privilegiums – wie ein Patent damals hieß – für seine neu erfundene Nähmaschine. Nachdem dieses mit der Begründung abgelehnt wurde, dass die Maschine „noch nicht fertig sei“, wandte sich der Schneider direkt an die Hofkanzlei des Kaisers. In der Folge kam es auf höchster Ebene zu ­einem Disput, in dessen Verlauf die Grundlage für das spätere Patentrecht geschaffen wurde. Auch die Hofkanzlei samt beigezogenen „Kunstverständigen“ hatte zunächst eine ablehnende Haltung und verkündete: „Ausschließliche Vorrechte werden nur auf Erfindungen und Werke erteilt, von deren Werthe die Staats-Verwaltung die nöthige Ueberzeugung habe und von welchen sich ein allgemeiner Nutzen zuverläßlich und wenigstens in einer bestimmten Zeitfrist erwarten lasse.“ Zudem wurden Bedenken geäußert, dass durch das Privileg Geldgeber verlockt werden könnten, für die Erfindung Mittel zur Verfügung zu stellen, die dann verloren gehen würden. Die konservative Haltung der Geheimräte fügt sich in das Bild der Zeit, als der Kongress tanzte und sich das Metternichsystem der geistigen Mottenkiste bediente. Nur der Staatsrat Sigmund Freiherr von Schwitzern verfocht eine liberalere Haltung und meinte, bei der Erteilung von Privilegien sei ausschließlich darauf zu achten, „ob die Erfindung neu sei!“ Dabei verwies er auf die dementsprechenden Grundsätze in England, das sich damals als das Land der Erfindungen schlechthin zeigte. Außerdem, so argumentierte er, stehe es Geldgebern ja frei, wo sie ihr Kapital investieren, sie hätten selbst das Risiko abzuwägen. Schwitzern setzte sich durch, das „Patentrecht“ wurde neu formuliert und Madersperger bekam am 16. Februar 1815 ein von Kaiser Franz I. unterfertigtes Dekret, in dem ihm „ein auf sechs Jahre erstreckendes Privilegium für seine Nähmaschine“ erteilt wurde.

Gefühle der Freude und Genugtuung mögen den Schneider damals bewegt haben, doch sie währten nicht lange. Bereits am 12. März bekam er ein weiteres Dekret zugestellt, in dem er zur Zahlung der üblichen Taxen bis zum 20. Mai aufgefordert wurde. Madersperger wollte oder, wie vermutet wird, konnte nicht zahlen. Noch im selben Jahr legte er seine Gewerbeanmeldung als Schneidermeister zurück und reichte beim Magistrat ein Ansuchen um Bewilligung eines Obstverschleißers ein. Ob er aufgrund einer vagen Zusage, ihn finanziell zu unterstützen, seinen angestammten Beruf aufgab, oder ob sich bei ihm rasche Resignation breit machte, weil niemand seine Erfindung verwerten wollte, bleibt Spekulation. Drei Jahre später, am 27. Juli 1818, wurde die Hofkanzlei jedenfalls deutlich. Er und ein anderes, ebenfalls zur Taxzahlung aufgefordertes „Individuum“ hatten das ihnen erteilte Privilegium über mehrere Jahre unbenützt gelassen, ihren Anspruch „ganz darauf verloren“ und das Recht sei als „ganz erloschen“ anzusehen. Es wurde sogar die Polizei-Oberdirektion eingeschalten, um Madersperger ausfindig zu machen. Doch dieser blieb verschollen. Ob er weiterhin eine kleine Textilwerkstatt betrieb und stetig an seiner Erfindung bastelte, wie manche meinen, oder sich anderweitig durchs Leben schlug, wird man nie erfahren.

Als der mittlerweile 71-Jährige seine Nähmaschine 1839 dem k.k. Polytechnischen Institut in Wien vermacht, betritt Madersperger ein letztes Mal die historische Bühne. Noch einmal kämpft er für sein Lebenswerk, dem er so viel Zeit und Energie gewidmet hatte. Im Frühjahr des folgenden Jahres stellt er beim neu ­gegründeten niederösterreichischen Gewerbeverein ein Ansuchen um Förderung seiner Erfindung. Die Kommission der Sektion für Mechanik stellt fest, dass die von Madersperger in Zeichnungen vorgelegte verbesserte Maschine „schon wirksamer erscheine und überhaupt vielleicht in der Folge irgendwie wichtig werden könne“. Statt finanzieller Unterstützung erhält er als Belohnung eine bronzene Medaille. 

Wahrscheinlich musste der verarmte Erfinder selbst diese versetzen, um den Weg mit seiner Frau ins Obdachlosenasyl möglichst lange hinauszuzögern. Dass die Nähmaschine „irgendwie wichtig“ werden sollte, bewies die Geschichte. Als sein Werk bei der Weltausstellung in Wien 1873 ausgestellt wurde, erregte es Bewunderung, und sein Name tauchte aus dem Dunkel der Geschichte wieder auf. Inzwischen war die Nähmaschine populär, wurden bunte Postkarten mit der „eisernen Nähmamsel“ weltweit versandt, surrte in so manchem Haushalt eine „Singer“. Wenngleich seine Nachfolger verbesserte Konstruktionen schufen, bleibt dem gebürtigen Tiroler eine außergewöhnliche Pionierleistung, die er schuf, als der Geist des Maschinenzeitalters seine ersten, zarten Fäden sponn.  Olaf Sailer 

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