Der Atomjäger

Arthur March. Der gebürtige Brixner gilt heute als einer der Urväter der Quantenphysik. Er unterrichtete an der Universität Oxford und entdeckte die Konstante der „kleinsten Zahl“.

Unbescheidenheit ist nicht seine Art. „Das wäre ja gelacht, dass eine Frau, die mit mir geschlafen hat, nicht den Wunsch hätte, ihr ganzes Leben mit mir zu verbringen. Ich schwöre im Namen des gerechten Gottes, dass es mit ihr genauso sein wird.“ Casanova, dem man diese Zeilen zutrauen würde, mag so gedacht haben, geschrieben hat sie jedoch ein Nobelpreisträger – der Physiker Erwin Schrödinger. Zwar ist die von ihm dermaßen Begehrte verheiratet – noch dazu mit seinem besten Freund – was Schrödinger allerdings nicht von seinem Eroberungswillen abhält. Und er hat Erfolg, Hildegunde March verfällt ihm, wird sogar von ihm schwanger. Scheidung kommt für sie nicht in Frage, ihr Mann toleriert das Verhältnis – vielleicht aus Bewunderung zu seinem Freund. Vielleicht auch, weil Arthur March kein Mann der großen Worte und Auftritte ist. Er lebt im Stillen und widmet sein Leben der Wissenschaft. Mit ein Grund, warum der Professor für Physik, der unter anderem an der Universität Innsbruck unterrichtete, im Schatten vieler großer Physiker steht – und das obwohl er als Pionier der Quantenphysik gilt.

Arthur March kommt am 23. Feber 1891 in Brixen zur Welt. In der idyl­li­schen Kleinstadt wächst March wohlbehütet auf. Nach dem Abschluss des Gymna­siums bei den Augustinern von Kloster Neustift kommt er 1909 nach Innsbruck, um Physik und Mathematik zu studieren. Die Lehrinhalte in Innsbruck entsprechen aber nicht den Er­­wartungen des humanistisch gebildeten jungen Mannes. Er beschließt, semes­terweise ­Vorlesungen in ­Mün­chen und Wien zu hören. Auslöser für den Abgang von Innsbruck ist nicht nur das mangelnde Niveau, sondern vor allem Professor Ottokar Tumlirz, der den Lehrstuhl für theoretische ­Physik innehat. Tumlirz, ein ausgewiesener Gegner der Quantentheorie, kann dem Studenten March – der sein Leben diesem Zweig widmen will – wenig bieten. Vor allem bei den Professoren Alfred Pringsheim und Arnold Sommerfeld in der Isarmetropole sowie bei Friedrich Hasenöhrl in Wien erwirbt er umfassende wissenschaftliche Kenntnisse in technischer Physik. Vor allem in Hasenöhrl findet der Studiosus einen Gleichgesinnten und es entwickelt sich eine Freundschaft. Die Semester in der Hauptstadt werden Marchs Leben aber auch in anderer Hinsicht prägen. March freundet sich mit zwei Studienkollegen an. Zu Erwin Schrödinger und Hans Thirring entwickelt sich eine lebenslange Freundschaft. 1913 promoviert March in Innsbruck zum Doktor der Philosophie. Nach Abschluss des Studiums beginnt er, am Mädchenrealgymnasium in Innsbruck zu unterrichten. Nebenbei habilitiert sich March 1917 an der Leopold-Franzens-Universität auf dem Teilgebiet der theoretischen Physik und schreibt wissenschaftliche Bücher. Im Jahr 1919 publiziert er sein erstes: Das Werk mit dem Titel ­„Theorie der Strahlung und der Quanten“ wird zwar in wissenschaftlichen Kreisen beachtet, aber es ist kein bahnbrechender Erfolg – obwohl es eines der besten Lehrbücher seiner Zeit ist, in dem Arthur March die damals vorhandenen Ansätze der Quantenphysik ­zusammengefasst hat. Der nunmehrige Professor vertieft seinen Kontakt mit seinem ehemaligen Studienkollegen Erwin Schrödinger. Schrödinger ist sogar kurzfristig im ­Gespräch für die Nachfolge von Tumlirz in Innsbruck. Doch es kommt anders. March verlässt 1924 den Gymnasialunterricht und widmet sich ausschließlich seinen Forschungen. Im Oktober 1926 ­erfolgt seine ­Bestellung zum außerordentlichen Universitätsprofessor und Vorstand der mathematisch-physikalischen Lehr­mittelsammlung. Ein eigenes ­Institut für Physik gibt es noch nicht. Im Juli 1929 heiratet March, im Oktober kommt Schrödinger nach Innsbruck und lernt Marchs junge Gattin Hildegunde kennen. Schrödinger ist von ihr beeindruckt, beschreibt sie sogar in einem Brief an seine Gattin Anny: „Sie ist groß gewachsen, schlank, hat mittellanges, brünettes Haar und strahlt eine ungekünstelte Herzlichkeit aus.“ Für Schrödinger ist es der Beginn einer geheimen Liebe, die noch für Aufsehen sorgen wird. In den folgenden Jahren lehrt und forscht March in Innsbruck. Sein Ruf wächst und er beschließt, nach England zu ­gehen.

1934 erhält Arthur March eine Einladung zu einer Gastprofessur nach Oxford. Die Weichen ­dazu stellt sein Freund Schrödinger. Er, der nunmehrige Nobelpreisträger, weiß um die wissenschaftlichen Fähigkeiten seines Studienkollegen aus Innsbruck. Oxford und Cambridge sind die Mekkas der quantenphysikalischen Forschung in Europa. Wissenschaftler aus allen Nationen forschen in diesen zwei traditionsreichen Uni­ver­sitäts-­Städten. Hildegunde March reist ihrem Gatten mit der ­Familie Schrödinger voraus. Zwei Monate später kommt auch March nach ­Oxford. Dort arbeitet er nun mit einigen der besten Physikern seiner Zeit, unter ihnen Max Born, Pjotr Kapitza und Erwin Schrödinger. Doch nicht nur Marchs Forschungen waren wohl für Schrödinger maßgeblich. Hildegunde ist der Hauptgrund. Sie gebärt am 30. März 1934 eine Tochter, die auf den Namen Ruth getauft wird. Doch der Vater ist nicht Arthur March. Ruth ist die Tochter von Erwin Schrödinger. Die Beziehung zwischen Schrödinger und Hildegunde sorgt für Aufsehen in Oxford, einer puritanisch geprägten Kleinstadt. Der Nobelpreisträger bemüht sich allerdings nicht, die Beziehung geheim zu halten. Seine Gattin Anny toleriert die Nebenbuhlerin. Und Arthur March sieht zunächst widerspruchslos zu.

1936 zieht die nun drei­köpfige Familie March wieder nach Innsbruck. Beruflich wird March zum Ordinarius für theo­retische Physik ernannt, doch privat ist es nicht mehr so wie zuvor. March und seine Frau leben zwar im selben Haus, räumlich aber getrennt. Er hat genug von den Eskapaden seiner Gattin, doch als ­religiöser Mensch kommt auch für ihn eine Scheidung nicht in Frage. Die folgenden Jahre sind privat eine angespannte Zeit. Nach Kriegsausbruch im Jahre 1939 trennt sich das Paar für sechs Jahre. Hildegunde March und ihre Tochter weilen zwischen 1939 und 1945 im Exil in ­Ir­land, Schrödinger und seine Gattin ermöglichen ihnen den Aufenthalt. Zwar leben die Schrödingers und Hildegunde March in getrennten Häusern, doch Schrödinger kümmert sich intensiv um die Mutter ­seiner Tochter. Arthur March beschließt, in Innsbruck zu blei­ben und lehrt an der Universität. Nach Kriegs­ende kehren, für March ziemlich überraschend, seine Ehefrau Hilde­gunde und Tochter Ruth nach Innsbruck zurück. March nimmt sie zu sich, Schrödinger frönt einer neuen Liebschaft. In den letzten Kriegsmonaten schließt sich March der ­österreichischen Widerstandsbewegung an. ­Eine Freundschaft mit dem späteren ­Landeshauptmann und Au­ßen­minister Karl Gruber entsteht. Nach Kriegs­ende wird March von Gruber zum Mitglied der Tiroler Landesregierung bestellt. Nach kurzer Zeit in der Politik kehrt der Physiker jedoch wieder an die Uni zurück und wird im Herbst 1945 Dekan der Naturwissenschaftlichen Fakultät. Drei Jahre später wird er auf Grund seiner wissen­schaft­lichen Leistungen zum Mitglied der Akademie der Wissenschaften in Wien bestellt.

Marchs wissenschaftlicher Durchbruch ist die Einführung einer beschränkten elementaren Länge, die Messungen im kleinsten Raum zulässt. Diese Konstante der „kleinsten Zahl“ ermöglicht der Quantenphysik die Messung der Abstände der Atome zueinander. Heute weiß man zwar, dass diese „kleinste Zahl“ von Arthur March zu hoch bemessen wurde, aber für die damalige Erforschung der atomaren Zusammenhänge ist sie ausreichend und bietet die Voraussetzung für weitere Teilchenexperimente. Doch der humanistisch gebildete Physiker beschäftigt sich nicht nur mit den neuen Wegen in der Naturwissenschaft, sondern erörtert in seinen zahlreichen Schriften auch die Gefahren der Entdeckungen. Er verurteilt massiv den Einsatz der Atombombe und verlangt eine internationale Kontrollbehörde, um der Entwicklung von Atomwaffen entgegenzusteuern. March forscht stetig und veröffentlicht weiterhin seine Erkenntnisse.

Privat hat sich seine fami­liäre Situation gebessert. Er verzeiht seiner Gattin Hildegunde und intensiviert auch wieder den Kontakt zu Schrödinger. Gegenseitige Besuche beider Familien häufen sich, über das ehemalige Dreiecksverhältnis wird Stillschweigen vereinbart. Doch gesundheitliche Probleme behindern Arthur March allmählich bei ­seiner Arbeit. Kehlkopfkrebs wird bei dem passionierten Pfeifenraucher diagnostiziert, eine Operation im Herbst 1955 verläuft erfolglos. Arthur March stirbt am 17. April 1957 in Bern nach einer schmerzhaften Strahlentherapie und fast dreijährigem Leiden. 

Erwin Schrödinger erfährt in Wien vom Tod seines Freundes. Tief betroffen kondoliert er Marchs Witwe Hildegunde mit einem Zitat Rainer Maria Rilkes: „Wir wissen nichts von diesem Hingehn, das nicht mit uns teilt. Wir haben keinen Grund, Bewunderung und Liebe oder Hass dem Tod zu zeigen, den ein Maskenmund tragischer Klage wunderlich entstellt.“  Johann Überbacher

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