Im Fernsten Osten

Martino Martini.  Mit seinen Beobachtungen und Landkarten brachte Martino Martini China den Europäern ein großes Stück näher. Gleichsam en passant inspirierte der Jesuitenpater aus Trient Friedrich II. von Preußen und stellte das katholische Weltbild des 17. Jahrhunderts auf den Kopf.

Nachdem er seine Gemahlin und seine Tochter getötet hatte, erhängte sich Kaiser Chong­zhen. Kurz nur war Peking belagert worden, bevor es fiel. Zu gutmütig war dieser Kaiser von China, zu schwach – zu aufreibend und einschneidend waren die Ereignisse, die das Reich unter seiner Regentschaft erschüttertet hatten. Das Eunuchen- und Haremswesen, in Peking ein nicht zu unterschätzender Machtfaktor, hatte überhand genommen. Es fehlte an Geld und es fehlte an Truppen, um die Mandschu im Norden erfolg­reich zurückzudrängen. Miss­ernten hatten in vielen Provinzen Hungersnöte ausgelöst. Diese Not nutzte Li Zicheng, um einen Bauernaufstand zu organisieren und Peking zu erobern. Der Selbstmord Chongzhens beendete die nahezu 300 Jahre dauernde Herrschaft der Ming-Dynastie. Im Westen, dort, wo die Sonne untergeht, schrieb man das Jahr 1644.

Mit Martino Martini war ein Tiroler gleichsam Zeuge dieser Ereignisse im fernen Osten. Er konnte verfolgen, wie Li Zicheng sich zum Kaiser von China ausrief, kurz darauf jedoch einen großen Fehler büßen musste. Der Bauernführer hatte die Konkubine eines einfluss­reichen Ming-Generals entführt. Derart „gehörnt“ schloss sich dieser General den Mandschu an, die Li Zicheng noch im selben Jahr aus der in Ruinen liegenden Hauptstadt vertrieben. Die Mandschu begründeten die Quing-Dynastie, die mit dem 1911 „gestürzten“ Pu Yi den letzten Kaiser Chinas stellen sollte. Martino Martini konnte den Europäern über die Umstände berichten, die zum Wechsel der chinesischen Dynastien geführt hatten. 

Doch nicht nur diese, von den aufklärungssüchtigen Intellektuellen Europas mit außerordentlicher Spannung verfolgten Beschreibungen der Herrschaftsverhältnisse in der fremden Welt waren es, die den Mann aus dem Trentino berühmt machen sollten. Weil Martini herausragender Jesuit, Missionar und Wissenschaftler seiner Zeit war, lobte Papst Johannes Paul II. ihn beispielsweise beim Trient-Besuch im Jahr 1995 als besonders ­erinnerungswürdigen Sohn der Stadt. Martinis „Novus Atlas ­Sinensis“ gilt schließlich als eine der größten kartografischen Leis­tungen des 17. Jahrhunderts. Dieses Werk stellte lange Zeit den genauesten und vollständigsten Atlas von China dar, der mit ­seinen 17 Karten und 171 Textseiten über Landeskunde den Rahmen herkömmlicher kar­tografischer Werke sprengte. Durch Martini bekamen die Europäer erstmals einen lebhaften Einblick darin, wer die Chinesen sind, wie sie leben, wie sie essen, woran sie glauben. Und sie bekamen eine genaue Vorstellung davon, wie unvorstellbar groß dieses sagenumwobene Reich wirklich ist. 

33 Jahre nachdem der erste Jesuit über See nach China gekommen war, wurde Martino Martini 1614 in Trient geboren. Mit 18 Jahren trat er in Rom in die Gesellschaft Jesu ein, studierte bis 1639 am Collegium Romanum und brach 1640 erstmals nach China auf. Welch lebensbedrohliches Abenteuer eine derartige Reise im 17. Jahrhundert sein konnte, sollte er sieben Jahre später zu spüren bekommen: Nachdem er sieben chinesische Provinzen bereist, alle Städte und größeren Siedlungen besucht, geografisch beschrieben und mit einer höchst achtungsvollen und zurückhaltenden Art Menschen und Leben beobachtet hatte. Dann, als er den turbulenten Heimweg antrat, von den Holländern gefangen genommen wurde und erst Ende 1654 nach Rom kam – randvoll mit Wissen, das europäische Weltbilder zu erhellen und zu erschüttern vermochte. 

„In ganz Asien gibt es keine Region, die ein größeres Ansehen und eine höhere Kultur erreicht hat, als der fernste Osten“, schrieb er. „Dies gilt für Politik und Staatskunst nicht weniger, als für den Gebrauch der Schrift und den Stand des Wissens. Schon seit ältesten Zeiten haben die Chinesen ihre Geschichte selbst schriftlich überliefert. Diese reicht bis fast dreitausend Jahre vor Christi Geburt zurück.“ Als die Europäer dies zu lesen bekamen, entbrannte ein theologischer Streit, der über 100 Jahre dauern sollte.

Den Aussagen des alten Tes­taments zufolge war die Welt im Jahr 4004 vor Christus erschaffen worden und die Sintflut war im Jahr 2348 v. Chr. eingetreten. Wie war es dann möglich, dass die chinesische Geschichte fast 3000 Jahre vor Christus begonnen hatte? Wie war es möglich, dass – wie Martini mittels seiner Studien der klassischen ­chinesischen Historiografie errechnet hatte – der erste chinesische Kaiser seine Herrschaft 600 Jahre vor der Sintflut angetreten haben muss­te? Das Alter der Welt wankte, die katholischen Theologen waren aufgebracht, das ganze intellektuelle Europa ­diskutierte hitzig und Friedrich II. von Preußen nahm diese Auseinandersetzung zur Vorlage für einen Briefroman. Darin kritisiert ein imaginärer Chinese europäische Unsitten – vornehmlich Zustände in der katholischen Kirche und im Speziellen jene in der römischen Kurie. Ein spitzfindiger Eklat ausgelöst durch einen nicht weniger spitzfindigen ­Tiroler.

Die Aufzeichnungen des Missionars – die Chinesen nannten Martini Wei K’uang-kuo, Chi-t’a i – beschränkten sich nicht auf ­Historisches oder Geografisches. So zeigte er sich beispielsweise von der Überlegenheit chinesischer Medizin höchst beeindruckt: „In der Heilkunst übertreffen uns die Chinesen, was die Praxis betrifft, in jeder Hinsicht. Im Gegensatz zu unseren Ärzten, die etwas mehr Gewicht auf Diskussionen und Spekulationen legen, haben die chinesischen einen viel größeren Erfolg in der Heilung von Krankheiten. Aus ältester Zeit besitzen sie Bücher über die Natur von Heilkräutern, Steinen und Bäumen, die in einer Art ­Lexikon zusammengefasst sind.“ Bereits im Jahr 1622 hatte Pater Johannes Schreck erstmals die Akupunktur beschrieben. Mar­tini war vor allem vom Abfühlen des Pulses fasziniert: „Sie ha­­ben so vorzügliche Kenntnisse über den Pulsschlag, dass sie beim ­Abfühlen manchmal sogar ­ver­borgene Geschwüre entdecken.“ 

Die Tätigkeit der Jesuiten war nicht einseitig auf das Missionieren oder das eindringliche Beobachten des Fremden konzentriert. Oft arbeiteten die Missionare – großteils hervorragende Wissenschaftler – am kaiserlichen Hof, besonders Verdienstvolle rückten gar in den Rang eines Mandarin auf. Größte Achtung erfuhren beispielsweise die französischen Patres, als sie Kaiser Kangxi von Malaria heilten. Zum ersten Mal verwendeten sie dafür Chinin als Medikament. Die Ähnlichkeit des Wortes mit China ist zufällig, hatten die Missionare die sogenannte „Chinarinde“, die später auch „Jesuitenpulver“ genannt wurde, doch 1638 in Peru entdeckt, in weiterer Folge über die Welt verbreitet und Millionen Malariakranken das Leben gerettet.

Martini arbeitete nicht am kaiserlichen Hof, wiewohl er ihn ausführlich studierte. Shanhai, Ningpo und Hangchow, dessen Jesuitenresidenz er ab 1648 als Superior leitete, waren die „Standorte“ des Trentiners, falls er nicht gerade durch die Provinzen reiste, Längen- wie Breitengrade der Orte eruierte und Kultur sowie Bräuche der Chinesen miterlebte. 

Des Interesses europäischer Leser konnte er sich beispielsweise bei seiner Beschreibung der Eheschließung sicher sein. „Bei den Chinesen“, so Martini, „ist es der Bräutigam, der seiner Braut eine Mitgift gibt. Sogar ärmere Familien kaufen gewissermaßen die Braut von ihren Eltern. Die Verlobten haben sich vorher weder gesehen noch miteinander gesprochen. Die Braut wird in einer Sänfte zum Haus des Bräutigams getragen. Eine Schar von Begleitern geht dabei voraus, die am hellichten Mittag Fackeln tragen. Am Ziel angekommen übergibt ein Diener dem Bräutigam den Schlüssel zur Sänfte. Nur diesem ist erlaubt, die Sänfte zu öffnen und endlich die Braut in Empfang zu nehmen.“ Bis zur Schlüssel­übergabe berichtet Martini recht neutral über die Hochzeits- beziehungsweise Ehegepflogenheiten in China. Kritisch wird er, geht es um die Geliebten der chinesischen Männer: „Es gilt nicht als sittenwidrig, wenn der Mann in seinem Haus eine Konkubine hat, so dass man das Los der Frauen als sehr ungerecht betrachten muss.“

Als Martinis umfangreiche Werke über China in Europa veröffentlicht wurden, konnten die Leser die Seide fließen und das Gold in den prächtigen chinesischen Städten blitzen sehen. Bei der Beschreibung des Kaiserpalastes in Peking etwa erweckte er Phantasie, wenn es darum ging, sich vorzustellen, was hinter der letzten Mauer des Palastes verborgen war. Dort, wo nur der Kaiser selbst, seine Gemahlin, die Eunuchen und des Kaisers Konkubinen Zutritt hatten. Er relativierte gleichsam die sagenumwobene, vier Provinzen begrenzende Chinesische Mauer, deren Länge er mit 300 deutschen Meilen angab und ein wenig abschätzig über die legendenhafte Berühmtheit sprach, welche die Mauer in Europa genoss. 

Martini beschrieb auch die Höflichkeitsrituale, die unter den Chinesen so verbreitet seien, „dass einem davon fast der Schwindel überkommt“, erklärte, wie angenehm und bequem es sei, mit Stäbchen zu essen, „wenn man sich nur einigermaßen daran gewöhnt hat“, und berichtete mit Abneigung von einer grausamen Sitte: „Kleine Füße gelten als ein ganz wichtiges Merkmal weiblicher Schönheit und Attraktivität. Deshalb drücken und pressen sie als ers­tes den neugeborenen Mädchen die Füße ganz fest zusammen und schnüren sie mit Bändern ein, sodass sie nicht mehr wachsen können. Man wundert sich wirklich über diese lächerliche Torheit in einem kulturell so hochstehenden Volk. Selbst wenn man ihnen die schöne Helena vorführen würde, würden sie sie wegen ihrer großen Füße für hässlich halten.“

In ein katholisches Wespennest stach Martini schließlich, als er sich dafür stark machte, die Verehrung des Konfuzius nicht als „Götzendienst“ zu betrachten. „Die meisten Städte besitzen ein dem Konfuzius gewidmetes Gymnasium. Glanz und Größe kennzeichnen diese Schulen, die dem Philosophen durchaus würdig sind: Man findet dort weder Statuen noch Götzenbilder“, so der Missionar, „[...] Dort erklären die Lehrer die Philosophie des Konfuzius und seine Schriften und den Kandidaten werden dort ihre Würden übertragen. Auf vielfältige Weise bekunden diese, dass sie in ­tiefer Dankbarkeit der von Konfuzius empfangenen Lehre zustimmen. Dies wird von bestimmten Personen, welche sich nur oberflächlich und nicht ohne Vorurteile mit diesen Dingen beschäftigt haben, als Aberglaube betrachtet.“ 

Mit dem letzten Satz spielte Martini auf einen erbitterten Konflikt unter den Theologen an, den sogenannten „Ritenstreit“ oder „Akkomodations-Streit“. Aufgrund dieser Auseinandersetzung, welche die Grundlagen der jesuitischen Missionarstätigkeit bedrohte, war Martini von China zurück nach Rom geschickt worden. Die Methode der Jesuiten stützte sich darauf, die gebildeten Schichten bei Respektierung bestehender kultureller und sozialer Verhältnisse für das Christentum zu gewinnen. Auch vor diesem Hintergrund wird die von großer Achtung zeugende Weise verständlich, mit der Martini dem Fremden im ferns­ten Osten begegnete. 

Das ritenfeindliche Dekret des Dominikaners Juan Bautista de Morales verteufelte diese respektvolle Missionierungsart, goss damit Öl ins Feuer und Ende 1654 legte Martini dem Heiligen Offizium der Inquisition in Rom Denkschriften zugunsten der chinesischen Ahnen- und Konfuziusriten vor. Mit zumindest vorübergehendem Erfolg. 1656 erklärte das Heilige Offi­zium, dass den Chinesen die ­Riten unter bestimmten Voraussetzungen gestattet waren und hieß damit die Methode der Jesuiten gut. Bis 1696, als Charles Maigrot den Streit neu entfachte, blieb dieses Dekrekt unwidersprochen. Papst Clemes XI. verbot 1704 die Missionsmethode der Jesuiten und untersagte 1715 die Teilnahme von Katholiken an chinesischen Kulthandlungen. Damit sollte mehr als nur die katholischen Missionsbemühungen in China zerstört werden. Doch Martino Martini musste das nicht mehr miterleben. 1656, ein Jahr nachdem er mit dem „Novus Atlas ­Si­nensis“ den europäischen Blick auf China erhellt hatte, war er bereits nach Hangchow zurückgekehrt, wo er im Juni 1661 – als Wei K’uang-kuo, Chi-t’a i – starb.  Alexandra Keller 

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