Hölzernes G´lachter

Peter Mitterhofer. Der Erfinder der Schreibmaschine war ein cleverer Tüftler, ein vielseitiger Konstrukteur, ein kauziger Bursche – und leider auch ein ziemlicher Pechvogel. 

Peter Mitterhofer steckt schon ziemlich tief im besten Alter, als es bei ihm endlich einen „Schnaggler“ macht. Jenen Schnaggler, bei dem sich auf gut (süd)tirolerisch entscheidet, ob einer „gescheiter“ wird, also Bodenhaftung kriegt, oder eben nicht. Am 29. April 1862 bimmeln im kleinen Ort Partschins oberhalb von Meran die Hochzeitsglocken und die Einwohner des rund 1300-Seelen-Dorfes sind mit ziemlicher Sicherheit der Ansicht, dass es beim Peter endlich „gschnaggelt“ hat. Denn das „Peaterle“ hat nun doch noch eine gefunden, die das Leben mit ihm teilen will.

Was macht es da schon, wenn der Pfarrer dem zukünftigen Ehemann ein so miserables Leumundszeugnis ausstellt, dass dem vor Zorn der Hals anschwillt. Wen kümmert es, dass der Bräutigam schon fast 40 Jahre alt, die Braut gar 46 ist. – Natürlich wird getuschelt! Wie sollte es auch anders sein. Von einer Liebesheirat kann man da ja wohl schwerlich sprechen. Auch bringt Marie Steidl eine nennenswerte Mitgift in die Ehe; von ihren Eltern hat sie ein Haus mit Werkstatt am Dorfrand und eine kleine Landwirtschaft geerbt. Mitterhofer dagegen, gelernter Zimmermann und weit gereister Geselle, ist zwar ein handwerklich äußerst geschickter Mann, aber irgendwie ein schräger Typ mit allerlei Flausen im Kopf und wenig Geschick in finanziellen Dingen.

Hätte einer gesagt, dieser Bursche wird mit seinen Flausen den Ort einmal weltberühmt machen, wären wohl alle in schrilles Gelächter ausgebrochen. Doch wer an diesem Tag in der kühlen Partschinser Kirche glaubt, dem Peter würden seine Grillen nun vergehen, der ist schief gewickelt. Denn Mitterhofer steht knapp davor, eine wirklich bahnbrechende Erfindung zu machen. So bahnbrechend, dass er seine Zeitgenossen damit überfordert – wie mit so vielem.

Peter Mitterhofer ist ein findiger Bursche, ein echter Tausendsassa. War er immer schon. Das weiß man in Partschins, schließlich hat er hier die Volksschule besucht und stets hervorragende Noten erhalten, nicht zuletzt für seine kreativen Ideen und seine Ausdauer beim Lösen kniffliger Fragen. Nach Abschluss der Pflichtschule ist allerdings klar, dass Peter in die Fußstapfen seines Vaters treten wird und er lernt in dessen Pachtbetrieb sowohl das Tischler- als auch das Zimmermannshandwerk. Der Junge ist äußerst geschickt im Umgang mit dem Material und zeigt einen ungewöhnlichen Erfindungsreichtum. Doch ist er ist nicht nur handwerklich begabt, er verfügt auch über eine kräftige Singstimme und ein beachtliches musisches Talent. Da in der Großfamilie mit neun Kindern stets Schmalhans Küchenmeister ist, baut sich der Bursche seine Musikgeräte einfach selber. So fertigt er etwa eine Gitarre, eine Zither und ein dreisaitiges „Raffele“, ein zitherartiges Instrument. Der unermüdliche Tüftler entwickelt sogar ganz neuartige Geräte; eines ist mit Tasten, Verbindungshebeln und Hämmerchen ausgestattet, die auf Holzplättchen schlagen, eine Art Xylophon, das eigenartige Töne von sich gibt, die wie Gelächter klingen – was dem Erfinder prompt den Übernamen „Peter mit dem hölzernen Glachter“ einbringt. Und natürlich belustigt der muntere Geselle bei diversen Anlässen mit seinen „Theaterlen und Spergamentlen“ die Dorfbewohner. Denn der Tüftler, der sich zwar nur schwer in die Dorfgemeinschaft einordnen lässt, ist ein selbstbewusster Zeitgenosse und darüber hinaus ziemlich wissbegierig.

Als er von seinem Vater alles über das Handwerk gelernt und sein Können perfektioniert hat, treibt es ihn aus der Enge des Geburtsortes hinaus in die große weite Welt. Er packt seine Instrumente ein und macht sich auf die Wanderschaft. Mehrere Jahre verbringt er rastlos „auf der Walz“, verdingt sich in Handwerksbetrieben in Österreich, Deutschland und der Schweiz, soll aber auch in Frankreich und in den Balkanländern gearbeitet haben. Wann genau er sein Bündel ein letztes Mal schnürt, um wieder nach Hause zurückzukehren, ist nicht überliefert. Um 1860 dürfte er allerdings wieder Heimatluft schnuppern, denn da beginnt er seine Hochzeit mit der reifen Marie vorzubereiten. 

Unterwegs hatte sich Mitterhofer seinen Salär mit verschiedenen Aufführungen aufgebessert, war unter anderem als Bauchredner aufgetreten und hatte pub­likumswirksam auf seinen selbstgefertigten Musikinstrumenten gespielt. Auch den Partschinsern präsentiert sich der Heimkehrer nun als Hansdampf in allen Gassen. Er lädt immer wieder zu „Abend-Unterhaltungen“, und kündigt diesbezüglich auf Flugzetteln an, dem Publikum „durch sein künstliches Blasen aus freiem Munde, mit welchem er sehr täuschend die Töne der Trompete und des Bombardon nachzuahmen imstande ist, wie auch durch sein Bauchreden, Singen und Pfeifen einen vergnügten Abend zu verschaffen“.

Das Multitalent zeigt zudem keinerlei Respekt vor den Honoratioren und nimmt sie in seinen selbstgedichteteten Liedern gehörig auf die Schaufel; mit seinen Ansichten über den Glauben treibt er nicht nur den Pfarrer sondern auch den Bürgermeister zur Weißglut – was ihm dann auch mehrere Wochen Kerker einbringt und das negative Leumundszeugnis bei seiner Hochzeit. Wen wundert es da, dass viele Dorfbewohner ihn für einen ziemlich schrägen Kerl halten, manche sogar für einen Narren. Zumal er in seiner Werkstatt auch noch die absonderlichsten Gerätschaften baut.

Schon kurz nach der Hochzeit beginnt er über eine ganz neue Erfindung zu brüten, die ihn so intensiv beschäftigt, dass er innerhalb von wenigen Jahren fünf Modelle baut. Er hat es sich in den Kopf gesetzt, eine Maschine zu entwickeln, die das manuelle Schreiben ersetzt. Wie er auf diese Idee kommt, ist später nicht mehr nachzuvollziehen, einige spekulieren, er habe im Gefängnis einfach zu viel Zeit zum Spintisieren gehabt. Die Art und Weise, wie er seinen ersten „Schreibapparat“ baut, legt allerdings nahe, dass sein „Hölzernes Glachter“ ihm den entscheidenden Anstoß für die Konstruktion gibt.

Das Gerät selbst sowie Tasten und Hebel sind aus Holz, der Typenkorb ist aus Metall und die Lettern sind aus Nadelspitzen gefertigt, die von unten gegen eine mit Papier bespannte Schreibplatte schlagen. “In derselben Reihenfolge als die Buchstaben in einem Wort nacheinander folgen, müssen die betreffenden Tasten des Apparates berührt werden, worauf das gewünschte Wort in Druckbuchstaben schon am Papier ersichtlich sein wird. Auf diese Art kann auf dem Apparat fortgespielt werden, die Zeilen bilden sich von selbst und laufen ebenso regelmäßig fort wie beim Buchdruck“, schreibt Mitterhofer in seinem Gesuch im Jahre 1866.

Denn der Tischlermeister ist sich sehr wohl bewusst, dass er eine „praktische werthvolle Erfindung“ gemacht hat und begibt sich mit der verbesserten und säuberlich verpackten dritten Ausführung (sie ist seit 1923 verschollen) im selbstgefertigten Handwagen zu Fuß nach Wien, um bei Kaiser Franz Joseph um  Unterstützung anzusuchen. Nachdem die Sachverständigen die Konstruktion begutachtet haben, lässt der Kaiser dem Zimmermann 200 Gulden auszahlen. Was zur damaligen Zeit ein achtbares Sümmchen ist und der lange verbreiteten Meinung widerspricht, dass der Erfinder aufgrund seiner verbissenen Arbeit an der Weiterentwicklung der Maschine am Bettelstab gelandet sei. Mitterhofer ist zwar ein Kleinhäusler, aber zum Leben reicht es allemal.

Die Subvention, an die der Auftrag gebunden ist, den Apparat weiter zu entwickeln, beflügelt Mitterhofer, sein Werk zu perfektionieren und so verbringt er die meiste Zeit in seiner Werkstatt, tüftelt an Verbesserungen und stellt nicht nur jedes einzelne Teil selbst her, sondern auch das Werkzeug, das er für den Bau der Modelle benötigt. Schlussendlich reist er im Dezember 1869 mit dem mittlerweile fünften Modell, der „Krönung seines Schaffens“, auf dem Schubkarren nochmals nach Wien. In seinem Schreiben an den Kaiser bedankt er sich nochmals für die seinerzeits gewährte Unterstützung und erklärt, die 200 Gulden gut verwendet und nun das Modell eines „Typenschreibapparates“ vollendet zu haben. Er bitte nochmals, ihm eine „kleine Subvention gnädigst zu bewilligen“ oder die von ihm erfundene Maschine „für irgendeine Modellsammlung“ anzukaufen. 

„Das Resultat, welches der schlichte, aller Vorbildung entbehrende Landmann durch richtige Kombination und staunenswerte Ausdauer erzielt hat, sei anerkannt, und das vorliegende, in allen ­seinen Details musterhaft ausgeführte Modell würde für die Sammlung einer technischen Lehranstalt eine willkommene Bereicherung sein und strebsamen Schülern zum anregenden Beispiel dienen können, wie weit es der denkende und fleißige Mensch bringen kann“, heißt es im Prüfbericht. Der Regent genehmigt daraufhin nochmals 150 Gulden und die Maschine wird dem Wiener Polytechnikum übergeben. Damit ist das Schicksal der Erfindung besiegelt und die weiteren Ereignisse machen dem Begriff „verkanntes Genie“ alle Ehre. 

Das gebrauchsfähige Gerät mit Volltas­tatur verschwindet im Lager und gilt über Jahrzehnte als verschollen. Erst am 21. Juni 1910 taucht die Maschine wieder auf, wer sie gebaut hat, scheint nicht mehr nachvollziehbar. Über Jahre wird sie daraufhin im Technischen Museum Wien als „Alte Schreibmaschine unbekannter Herkunft, angeblich österreichisch 1842 (?)“ geführt. Die Meinungen, wer diese Schreibmaschine entworfen hat, gehen in Fachkreisen lange auseinander und erst 1952 tippt ein Wissenschafter – zunächst erfolglos – auf Peter Mitterhofer.

Bald darauf regt der Direktor des Technischen Museums in Wien Nachforschungen in diese Richtung an und mit tatkräftiger Unterstützung des Wiener Schriftsetzers Alois Hudik wird endlich der Nachweis erbracht, dass es sich bei dieser Schreibmaschine um das „verschollene, letzte Modell“ von Mitterhofer handelt. Die endgültige Bestätigung liefert allerdings ein Brief, den der Partschinser auf dieser Schreibmaschine 1869 an seinen Förderer, Franz Ferdinand von und zu Goldegg und Lindenburg, geschrieben hat, und der 1960 in den Archiven der Familie wieder auftaucht. Doch das Verschwinden des Modells hat noch einen weiteren, nicht minder dramatischen Nebeneffekt, der sich zumindest bis in die 70er-Jahre des letzten Jahrhunderts hinein als äußerst hartnäckiges Gerücht hält, nämlich den des Plagiats.

Denn der Zimmermann aus Partschins ist nicht der einzige, der an der Entwicklung einer Schreibmaschine arbeitet. In Dänemark baut Hans Rasmus Malling eine Schreibkugel, die allerdings mit der Form der Mitterhofer’schen nichts gemein hat und aufgrund der schwierigen Handhabung kaum verwendet wird. Ganz im Gegensatz zu den Geräten, die in Amerika auf den Markt kommen. Dort tüfteln der Buchdrucker Christopher Latham Sholes und der Zeichner Carlos Glidden an einem funktionsfähigen Schreibapparat. Zwischen 1867 und 1868 lassen sie drei Modelle patentieren, die jedoch noch Mängel aufweisen; und bereits 1874 kommt die erste serienmäßig hergestellte Maschine, die „Sholes&Glidden“ auf den Markt. Sie findet jedoch wenig Anklang und verstaubt in den Regalen. Der Siegeszug ist damit dennoch eingeleitet.

Über viele Jahre wird in der deutschen Presse aber auch von einzelnen Wissenschaftern immer wieder behauptet, die Amerikaner hätten in Wien die Modelle, die der Partschinser zur Begutachtung abgegeben hatte, plagiiert und dem armen Bauern damit seine Idee geklaut. Das trifft allerdings nicht zu, weder Sholes noch Glidden haben das Werk Mitterhofers gesehen.

Mitterhofers herausragende Leistung liegt darin, dass bereits sein erstes Modell, das er 1864 fertigstellt, alle wesentlichen mechanischen Merkmale einer Schreibmaschine vereint und die von 1869 voll funktionsfähig ist. Somit ist er zweifellos der Erfinder der Schreibmaschine. Doch die Gutachter in Wien erkennen nicht, welch bahnbrechende Entwicklung sie vor sich haben. Mitterhofer selbst verliert anscheinend das Interesse an seiner Erfindung. Aus Wien zurückgekehrt, versteckt er die verbliebenen vier Modelle in der Dachkammer seines Hauses, weil es ihn, wie er in ­einem autobiografischen Gedicht schreibt, „einfach nicht mehr freuen will“. Das Basteln kann er trotzdem nicht lassen; in seinen letzten Lebensjahren widmet er sich aber vor allem der Entwicklung praktischer Geräte für die Haus- und Landwirtschaft. So baut er etwa eine hölzerne Waschmaschine, die aus einem Walzwerk in einem starken Gestell besteht und mit einer Kurbel bedient wird. 

Die Dorfbewohner belustigt er bis ins  hohe Alter mit ausgefallenen Reimen und lustigen Gstanzln und mit seinen Darbietungen auf dem „Hölzernen Glachter“, der handgefertigten Zupfgeige und dem selbst gebastelten Leierkasten. Auf den „Schnaggler“, der den Peaterle endlich gscheiter machen wird, warten die Partschinser allerdings vergeblich. Sie wissen nicht, dass es die Schreibmaschine ist, die alles ändert. Peter Mitterhofer stirbt im Alter von 71 Jahren und wird in aller Stille an der Ostmauer der Dorfkirche begraben.  Susanne Gurschler 

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