Der Radio-Mann

Otto Nußbaumer. Dem in Wilten geborenen Radiopionier gelang 1904 als erstem Menschen die Übertragung von Musik und Sprache mittels Radiowellen.

Die Töne kamen ohne Nebengeräusch, die Übermittlung der Sprache war allerdings für den praktischen Gebrauch ungenügend. Wohl hatte ich keinen Apparat hergestellt, der praktischen Betriebszwecken genügte. Aber ich hatte den Beweis der Möglichkeit der drahtlosen Telegraphie erbracht und das war mein Ziel“, mit diesem knappen und trockenen Kommentar beschreibt Otto Nußbaumer 1929 seine in Wahrheit epochale Erfindung. Als erstem Menschen war es ihm  1904 gelungen, Töne und Sprache in Form von Radiowellen zu senden und zu empfangen.

Warum Otto Nußbaumer trotz  hervorragender Voraussetzungen, wie so viele Andere auch, das typische „Österreichische Erfinderschicksal“ erlitt, ist nicht mehr wirklich nachvollziehbar. Fest steht, dass der am 31. März 1876 in Wilten geborene Radiopionier ab 1908 in Salzburg das Leben eines pflichtbewussten Beamten lebte, dessen Hobby die Elektronik war und der einen Hang zur Bequemlichkeit hatte, wie der Historiker Harald Waitzbaumer schreibt. 

Bereits als Volksschüler interessiert Otto Nußbaumer die Welt der Technik und der Physik. Besonders fasziniert ist der Junge vom rhythmisch ­tickenden Telegrafen im Büro seines Vaters. Dieser ist Bahnhofsvorstand in Leoben, eine Stelle, für die die Familie Nußbaumer 1881 von Wilten nach Leoben übersiedelt ist. Der häufige Aufenthalt des Jungen am Arbeitsplatz seines Vaters wird in den meisten Biographien als Schlüsselerlebnis geschildert. Er selbst meint dazu in einem Interview im Jahr 1929, kurz vor seinem Tod: „Von dieser Zeit an beginnt mein Interesse für Elektrotechnik, wenn man so sagen darf. Vorerst noch für Elektrostatik, so dass ich mit der Zeit mit der Elektrotechnik, soweit sie für Volksschüler verständlich war, schon sehr vertraut wurde.“ Unter anderem erlernt er in dieser Zeit auch das Morsealphabet und entwickelt sich sehr rasch zu einem sehr guten Telegrafisten. 

Ein weiteres einschneidendes Ereignis ist der frühe Tod seiner Mutter kurz vor Beendigung seiner Volksschulzeit. Sein Vater schreibt ihn zu dieser Zeit am Landes-Obergymnasium in Leoben ein. Doch der Verlust der Mutter und die wenige Zeit, die dem berufstätigen Vater für die Erziehung bleibt, setzen dem 10-Jährigen sehr zu. So stürzt der vereinsamte Junge sich voller Enthusiasmus auf die Physik. Alles andere verliert für ihn an Bedeutung. Sein einziges Interesse gilt technischen Einrichtungen aller Art. Klassisch-humanistische Fächer interessieren ihn hingegen kaum. In seinen Erinnerungen schreibt Nußbaumer: „Mein lieber Vater konnte mich wegen des Dienstes nicht so überwachen, wie es notwendig gewesen wäre.“ Auch die Hauslehrer können ihn nicht im Zaum halten. Häufig wird Vater Nußbaumer angerufen, weil sich sein Sohn, allein und nur mit einer Grubenlampe ausgerüstet, in den Kohlebergwerken der Umgebung herumtreibt. So ist es auch kein Wunder, dass er die erste Klasse wiederholen muss. Daher schickt ihn sein Vater – er verspricht sich davon mehr Aufsicht über den Wildfang – in das Stiftsgymasium Kremsmünster. Nach drei Jahren, Otto Nußbaumer scheitert an Griechisch und Latein, rät der Direktor der Schule, den „untalentierten“ Jungen bei einem Schuster in die Lehre zu schicken. 

Auf den Rat eines Freundes wird der inzwischen 15-Jährige jedoch auf die Landesoberrealschule nach Graz geschickt. Neben der Tatsache, dass an dieser Schule hauptsächlich Fächer gelehrt werden, die dem Interesse Nußbaumers entsprechen, hat er auch das Glück, auf Lehrer zu treffen, die sein Talent erkennen und fördern. Sein Physikprofesser macht ihn bald zu seinem Assistenten. In seiner Freizeit konzentriert sich Nußbaumer auf das Studium und auch auf die Herstellung physikalischer Geräte. Bei einem Elektromechaniker namens Davok, dessen Geschäft auf dem Weg zur Schule liegt, erlernt er handwerkliche Grundlagen wie Drehen, Feilen, Schmieden und Löten. Mit der Zeit gelingt es ihm sogar, Geräte zu bauen, die zum Teil im Physikunterricht verwendet werden. 1896 maturiert er und ­inskribiert an der Technischen Hochschule Graz das Fach Maschinenbau. 

Die Studienrichtung Elektrotechnik ist zu dieser Zeit noch nicht als eigenständiges Fach etabliert. Weshalb  Nußbaumer mit seinen ausgeprägten elektrotechnischen Neigungen nicht das Fach Physik belegte, ist nicht klar. Allerdings belegt er auch „Elektrotechnische Übungen“ bei Albert von Ettingshausen. Nußbaumer ist ein begeisterter und höchst erfolgreicher Student und darf noch während des Studiums bei Experimenten assistieren. 1899 besteht er seine erste und am 9. Dezember 1900 seine zweite Staatsprüfung und erlangt den Ingenieurstitel. Bereits ein halbes Jahr später bietet ihm sein Lehrer Ettingshausen eine, mit 2400 Kronen allerdings nicht übermäßig gut bezahlte, Stelle als Assistent an. 

Neben seiner alltäglichen Arbeit beginnt sich Nußbaumer besonders mit den Fortschritten auf dem Gebiet der drahtlosen Nachrichtenübermittlung zu beschäftigen. Ein wichtiger Impuls dafür ist sicher die nach der Jahrhundertwende stark wachsende Zahl an Veröffentlichungen zu diesem Thema. So erscheint unter anderem im Frühjahr 1903 ein ausführlicher Artikel über die Forschungen von Ferdinand Braun. Dessen induktive Schaltung zur Antenne hin konnte den Nutzungsgrad der von einem Sender ausgestrahlten Energie um vieles erhöhen und vor allem die so genannte Dämpfung vermindern. Auch Nußbaumer orientiert sich in seinen Versuchen an diesem System, verwendet zur Wellenerzeugung allerdings nicht den Funkeninduktor, sondern den so genannten singenden Lichtbogen. 

Dieser erzeugt auf Grund seiner Temperaturschwankungen einen hörbar pfeifenden Ton, dessen Frequenz durch die Veränderung der Selbstinduktion variiert werden kann. Schließlich hat er die zündende Idee. Nußbaumer ersetzt die als Selbstinduktion funktionierende Drahtspule durch einen Funkeninduktor und verbindet diesen mit dem „Braun’schen Schwingungskreis“. Mit dieser Sendeanlage ist es ihm nun möglich, einer hochfrequenten Schwingung die Sprachfrequenz mittels Mikrofon gleichsam ­aufzudrücken. Doch nun muss Nußbaumer zu seinem Leidwesen feststellen, dass die in der drahtlosen Telegrafie verwendeten „Cohärer“ für den Empfang seiner „Radiowellen“ nicht geeignet sind. Ein Cohärer ist im Grunde nichts anderes als eine Vakuumröhre, mit feinen Metallspänen gefüllt. Wird dieser von „Wellen“ getroffen, dann werden die Späne leicht aneinander „gefrittet“. Damit sinkt der Widerstand im Empfängerstromkreis und der Morseschreiber zeichnet die einlangenden Signale auf. Nachteil dieser „Fritter“ ist, dass dieser auch nach dem Ende der Signalübermittlung leitfähig bleibt und damit die Modulation, die für Sprach- und Musikübertragungen notwendig war, verhindert. Nach langwierigen Versuchen findet Nußbaumer auch dafür eine Lösung. Er nimmt Eisenpulver und glüht dieses über einer schwachen Flamme, so entsteht daraus Eisenoxyd in Form kristalliner Klumpen. Diese füllt er dann in eine Glasröhre. Dieser Cohärer funktioniert im Prinzip genauso wie der erst später erfundene Kristalldetektor, besitzt auf Grund der Gleichrichterwirkung des Eisenoxydes hervorragende Empfangseigenschaften und ist immer für neue Signale „ansprechbar“. Am 15. Juni 1904 ist es dann soweit. Nußbaumer führt die Anlage seinem Vorgesetzten Albert von Ettingshausen vor. Dieser kommentiert nach den technischen Erläuterungen und die darauf folgende Übertragung der Steirischen Landeshymne: „Ja es geht.“ Ein ziemlich trockener Kommentar für eine Weltpremiere – die erste Radioübertragung der Welt. Ettingshausen erkennt den wirklichen Wert dieser Erfindung nicht. Nußbaumer, der auf Grund seines Geldmangels kein Patent anmeldet und auch ein Angebot der Firma Telefunken ausschlägt, bittet Ettingshausen wiederholt, sein Ansuchen um Subventionen vom Unterrichtsministerium zu unterstützen. Er will seine Forschungen fortsetzen, um das von ihm entdeckte Prinzip zu einer auch praktisch tauglichen Apparatur weiterzuentwickeln.Die Anwort Ettingshausens ist, dass weder er noch das Rektorat in der Lage seien, sich mit diesen Spielereien zu befassen oder gar ein Gesuch an das Ministerium weiterzuleiten. 

Wie Nußbaumer darüber dachte, weiß man nicht, er hat sich zeitlebens nie öffentlich dazu geäußert. Auch nicht über die Gründe, aus denen er zwei Jahre später seine akademische Laufbahn aufgab und sich um den Posten eines Landesbediensteten bewarb. Sicherlich dürften die materielle Absicherung seiner Familie – er hatte 1906 geheiratet und seine junge Frau war schwanger – eine beträchtliche Rolle gespielt haben. Jedenfalls übersiedelte Nußbaumer 1908 nach Salzburg, wo er die Stelle eines beamteten Dampfkesselkommissärs antrat. Das ist der ­Beginn einer für diese Zeit typischen Beamtenkarriere, in der Nußbaumer damit rechnen konnte, als höherer Beamter und, gemäß der Standesstruktur, als gutsituierter, honoriger Bürger in einen wohlverdienten Ruhestand zu treten. Zwar wurde seine Laufbahn durch den Ersten Weltkrieg unterbrochen, aber bereits 1919 wurde Nußbaumer erstmals als Vorstand der Abteilung für Maschinenbau und Elektrotechnik genannt und schließlich zum Hofrat ernannt. 1929 wird er auf Initiative des Steirischen Radioklubs und der Technischen Hochschule Graz geehrt und erhielt schließlich das Goldene Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich.

Am 5. Jänner 1930 verstirbt Otto Nußbaumer, 54-jährig, vermutlich an den Folgen einer Tuberkulose.  Hugo Huber 

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