Keine "Pfaffen"-Braut

Herlinde Pissarek-Hudelist. Sie errang Weltruhm, denn sie eroberte eine 2000 Jahre währende Männerbastion: 1988 wurde sie die erste weibliche Dekanin einer Theologischen Fakultät und errang damit die höchste Position, die jemals eine Frau in der katholischen Kirche innehatte.

Und vergessen Sie mir die Martha nicht.“ Mit diesen Worten schließt sie ihre Vorlesungen. Regelmäßig. Während die Studenten den Hörsaal verlassen, wird darüber stets getuschelt. Immer dasselbe? Das sollte wohl witzig sein? Für die ehrwürdige Dekanin ist es aber alles andere als so gemeint. Die sieben Worte sind für sie ein wesentlicher Teil ihres Glaubens­bekenntnisses – die biblische Martha ihr Vorbild. Diejenige, die sich den ersten Platz unter lauter Männern erkämpft hatte, genauso wie sie selbst. Herlinde Pissarek-Hudelist – die erste Frau, die an der Theologischen Fakultät Innsbruck promoviert hatte, die erste, die weltweit Dekanin einer solchen Fakultät geworden war. 1988 hatte Pissarek-Hudelist diese Position erreicht, die höchste, die je eine Frau in der römisch-katholischen Welt­kirche innehatte.

Am 5. Juni 1932 erblickt Herlinde als erstes Kind von Anna und Hermann Hudelist das Licht der Welt. Ihr Vater ist Tischler. Die Kindheit ist von der Beengtheit des Wohnraumes und von Armut geprägt. Drei Jahre nach ihrer Geburt kommt ihr Bruder Hermann zur Welt. Nach Absolvierung der Volksschule besucht sie die Oberschule für Mädchen in Innsbruck. Leicht ist es für die Familie nicht, in dieser Zeit zwei Kinder zu ernähren. Ihr Vater stammt aus Kärnten, bei seinen Verwandten können Herlinde und Hermann die Sommerferien verbringen. ­Ferienaufenthalte, die für die zwei Kinder eine unbeschwerte Zeit bedeuten. Schon zu diesem Zeitpunkt zeigt sich, dass Herlinde anders als ihre Altersgenossinnen ist. Auf dem Kärntner Bauernhof verschwindet die Heranwachs­ende oft tagelang am Speicher, um zu lesen, liest alles, was greifbar ist. Ihr Interesse an ­Literatur wird zu einer lebenslangen Leidenschaft. Nach der Matura am ehemaligen Bun­des­realgymnasium für Mädchen in der Sillgasse fällt ihre endgültige Entscheidung, Theo­logie zu studieren. Alle Bekannten, Freunde, selbst Professoren raten ihr davon ab: Eine Frau habe mit diesem Studium keinerlei Chancen. Sie nimmt die Bedenken ernst und studiert ­zunächst neben Theologie auch Germanistik und Alt-Philologie. Doch kaum drei Monate Theologie-Studentin, wird sie schon ersucht, Religionsstunden an Pflichtschulen zu übernehmen. In den folgenden Jahren unterrichtet sie, neben dem Studium, an der Hauptschule in Hötting und auch in der dort ansässigen Sonderschule. Die praktische Theologie lernt sie so von der „Pieke“ auf. Erfahrungen, die sie ein Leben lang begleiten werden. Doch noch eine andere Bestimmung kristallisiert sich in diesen Jahren für die Studentin heraus, die ihre Tochter Anna später wie folgt beschreibt: „Sie war damals überzeugt, nicht zum Heiraten bestimmt zu sein. Im Besitz ­eines Mundwerks, das nicht wenig tätig war, ohne Geld und nicht hübsch – das war ihr einfacher Schluss. Umso größer war dann wohl ihre Überraschung über die Beziehung zu Theodor Pissarek.“ Eine Liebesbeziehung zwischen dem Studenten der Psychologie und ihr entwickelt sich. Aus ihr entsteht eine Bindung, die in der Heirat am 17. Jänner 1959 gipfelt. 

Dies passt jedoch nicht zum Bild einer Theologin und Lehrerin, zumindest nicht in dieser Zeit. Eine Theologie­studentin, noch dazu eine, die von einem Mann nach der Vorlesung abgeholt wird, passt nicht in das gängige Frauenbild. Vorwürfe und Tratsch über ihre Beziehung sind die Folge. Doch sie interessiert sich nicht dafür. Im Juni 1960 promoviert Pissarek-Hudelist als erste Frau an der Theologischen Fakultät Innsbruck. Ihr „Doktor-Vater“ ist Hugo Rahner. Rahners Bruder Karl, der große Konzilstheologe, sollte in weiterer Folge die wissenschaftliche Arbeit der 28-jährigen Theologin prägen: Pissarek-Hudelist wird für vier Jahre seine Assistentin. Martha Heizer, die fast ein Jahrzehnt mit Pissarek-Hudelist zusammengearbeitet hat, charakterisiert den Einfluss Rahners wie folgt: „Sie kannte sich, durch die Arbeit mit Rahner, in der Dogmen-Geschichte aus wie keine andere. Sie sagte immer: ‚Wenn man das mal richtig studiert hat und weiß, wie viel sich geändert hat, dann macht das einen schon sehr locker im Umgang mit den heutigen Dogmen.‘ Vor allem hat sie aber der universale Heilsoptimismus von Rahner, dass eben keiner vor Gott verloren ist, geprägt.“ Diese Jahre sind für die Jung-Verheiratete auch privat erfolgreich. 1961 kommt das erste von vier Kindern zur Welt. Nach der Tätigkeit bei Karl Rahner, der dem Ruf der Münchner Fakultät folgt, bleibt sie als Assistentin der Professoren Walter Croce und Hans Bernhard Meyer weiter an der Universität tätig. Ab dem Jahr 1967 kehrt sie für fast 14 Jahre der Universität den Rücken zu, wirtschaftlich bedingt. Sie beschäftigt sich mit der ­Arbeit in der Erwachsenenbildung und erteilt Religionsunterricht an der Verwaltungsschule des Landes Tirol, an der Bildungsanstalt für Kindergartenpädagogik und an der HBLA für wirtschaftliche Berufe. Erst 1981 kehrt sie wieder an die Universität zurück. Und habilitiert sich drei Jahre später als Professorin für Katechetik und Religionspädagogik. In diesen Jahren lernt die engagierte Theo­login aber einen Bereich kennen, der ihr Tun und Denken bis zu ihrem Tod prägen wird: Die feministische Theologie, einen Zweig der katholischen Theologie, den sie mitentwickeln und dessen Galionsfigur die Innsbruckerin sein wird.

Als Herlinde Pissarek Hudelist 1960 an der Uni promoviert, steht die Kirche vor einer Umwälzung. Das II. Vatikanische Konzil wird von Papst Johannes XXIII. einberufen, um die Kirche für den Menschen des 20. Jahrhunderts zu öffnen. Für Herlinde Pissarek-Hudelist ist dies ein Anlass, die theologischen Lehrmeinungen und die Praxis in ihrer Kirche zu hinterfragen. In der feministischen Theologie findet sie dabei die Basis für ihr religiöses Weltbild. Zwar lernt Pissarek-Hudelist diesen Bereich erst in den späten siebziger Jahren kennen, aber schon zuvor setzt sie sich für eine bessere Stellung der Frau in der männlich dominierten Glaubensgemeinschaft ein. Martha Heizer beschreibt Herlinde Pissarek-Hudelists Haltung wie folgt: „Sie war sofort begeistert, als sie erstmals mit dieser Richtung in Kontakt kam und hat sich innerhalb einiger Monate bemüht, alles zu lesen, was es von Theologinnen gab. Da sie ja die traditionelle Theologie genauestens kannte, war es für sie leichter, diese neuen Gedankengänge für sich selbst umzusetzen. Dazu trug auch ihr ganz tiefer Glaube und ihre Treue zur Kirche bei, Dinge, die in ihrem Leben überaus wichtig waren.“ Ihre Kirchentreue muss sie vor allem bei ­ihrer Bestellung zur Professorin und bei ihrer Wahl zur Dekanin unter Beweis stellen. Es wird ihr beides nicht leicht gemacht. Professoren innerhalb des Jesuitenordens laufen gegen ihre ­Ernennung Sturm. „Manch einer glaubte wohl, wenn eine Frau Dekanin ­ei­ner Jesuitenuniversität wird, dann geht die Welt bald unter“, sagt Martha Heizer dazu. Unterstützung erhält Piassarek-Hudelist vor allem vom Innsbrucker Bischof Reinhold Stecher, der auf ihrer Seite steht. Eine Hilfe, die nicht einseitig ist, denn Herlinde Pissarek-Hudelist hat ­eine Prämisse – absolu­te Loya­lität zum Papst und zur Hierarchie der Kirche, insbesondere zu der der Bischöfe. ­Etwas, das vor allem ­ihre Kolleginnen verwundert. Als ­Ende der achtziger Jahre unliebsame Bischofsernennungen in der Österreichischen Kirche für Aufsehen sorgen, beschreibt Martha Heizer die Haltung von Herlinde Pissarek-Hudelist: „Sie war zu Kardinal Hans Hermann Groer und Bischof Kurt Krenn immer sehr liebenswürdig und freund­­­lich. Sie sagte immer, es sei ­eine Frage der christlichen Einstellung.“ Abseits kirchlicher Debatten ist Herlinde Pissarek-Hudelist als Dekanin eine Frau, die Projekte umsetzen will. Ihr Hauptanliegen ist vor allem der Umbau der Fakultät in Innsbruck. Fast jede Woche reist sie nach Wien, um mit dem Ministerium zu verhandeln, um die fianziellen Mittel für die neue ­Bibliothek zu sichern. Sie hat Erfolg. Seither ist dieses Projekt eng mit ihrem Namen verbunden. Erleben kann Herlinde Pissarek-Hudelist die Vollendung ihres Werkes jedoch nicht mehr. Im Juni 1993 erfährt sie die bittere Diagnose – sie leidet an Krebs. Doch damit nicht genug. Ihr innig geliebter Mann Theodor stirbt Anfang Oktober nach jahrelangem ­Leiden an Leukämie. Wenige Wochen zuvor ereilt sie die Nachricht vom Tod ihrer Mutter, die sie neben ihrem Mann jahrelang betreute. 

Am 19. Juni 1994 schließt Herlinde Pissarek-Hudelist im Beisein ihrer Kinder die Augen für immer. Bei ihrem Begräbnis nimmt eine unüberschaubare Menge von Studenten und Kollegen von ihr Abschied. In der Pfarrkirche von St. Niko­laus hält ihr Professoren-­Kollege Martin Hasitschka die Predigt. Er ­beginnt sie mit den Worten, mit denen die Verstorbene ihre Vorlesungen schloss: „...und vergessen Sie mir die Martha nicht.“  
Johann Überbacher 

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