Fernweh mit Heimatliebe

Ludwig Rainer. Als einer der ersten „Musikproduzenten“ machte der Zillertaler Natursänger die Tiroler Volksmusik erstmals salonfähig und damit populär.

Eisiger Wind pfeift durch die Gassen zwischen Broadway und Wallstreet. Von High-Society-Glamour und dem Glanz des Geldes keine Spur. Schnee liegt auf dem lehmigen Platz vor den Backsteinhäusern rund um die ausgebrannte Trinity Church. Dennoch herrscht an jenem Weihnachtsabend 1839 reges Leben in diesem Stadtteil New Yorks. „... Christ in deiner Geburt. Christ, the Saviour, is born“, verhallt ein Lied allmählich in der Nacht und geht zum ersten Mal um die Welt. Still löst sich die Menschenschar rund um das Hamilton-Denkmal auf, leise Begeisterung für die Sänger aus „good old Europe“ macht sich breit: Die Neue Welt ist erobert. Und es sollte eine Ouvertüre mit Folgen sein – für den Fügener Ludwig Rainer (1821–1893) wie für die Musikgeschichte.

„Natursänger“ oder „Nationalsänger“ bezeichnet die Musikgeschichte jene Form der Gesangsdarbietung, die im Laufe des 19. Jahrhunderts ­ihren Siegeszug raus aus den Alpentälern über den Atlantik bis in den Wilden Wes­ten und über die osteuropäischen Steppen bis zum Ural feierte. Die Tiroler Lieder über Heimat, Almwiesen und das Landleben begeisterten über politische sowie ­gesellschaftliche Grenzen hinaus. Doch „natürlich“ war daran bald nur mehr ­wenig, bereits damals verschwamm die Grenze zwischen Volksmusik und volkstümlicher Musik allzu leicht. Die einfachen „Schnadahüpfel“ (mehrstimmig gesungene Vierzeiler) sollten auf die Dauer zu simpel sein: Instrumental „aufgefettet“ und um einige Jodler erweitert, verloren die Auftritte ihren improvisatorischen Charakter, wirkten vielmehr „gemacht“. Mancher Zeitgenosse von Rainer, Strasser und ­anderen Sängergesellschaften aber nahm die Darbietungen dieser „ächten ­Tiroler Sänger“ mit gemischten Gefühlen auf – wie etwa Heinrich Heine. Dieser erlebte 1828 die Ur-Rainer – die „Urformation“ der Rainer-Geschwister – bei ihrem Auftritt in London. Entgegen der Publikums-Begeisterung vertrat Heine allerdings einen ganz anderen Standpunkt: „Als ich in den glänzenden Konzertsälen der Londoner fashionable Welt diese Tiroler Sänger, gekleidet in ihre heimatliche Volkstracht, das Schauspielgerüst betreten sah und von da herab jene Lieder hörte, die in den Tiroler Alpen so naiv und fromm gejodelt werden ... ich habe nicht mitklatschen können bei dieser Verschacherung ...“ Ein vernichtendes Urteil, aber den eigenen Zeitgeist ­sollte der wortgewaltige Literat nicht treffen.

So plötzlich die europäische, biedermeierliche Gesellschaft ihr Interesse an der alpenländischen Bodenständigkeit entdeckt hatte, umso schneller eilten die ­Tiroler Sängerfamilien von einem Bühnen­erfolg zum nächsten. Und auch erfolg­reiche Salonkomponisten wie Franz ­Hüten (1793–1878) oder Virtuosen wie Franz Liszt (1811–1886) inspirierten sich an der musikalischen Mode „à la Tyrolienne“. Dass ­dabei der Zufall den Stein ins Rollen gebracht hatte, war vor diesem Hintergrund längst vergessen – und sollte ein guter Nährboden für Legenden sein.

Insgesamt drei „offizielle“ Versionen kennt die Rainer-­Forschung, wenn es um die so genannten Ur-Rainer geht. Ob es nun der Pferdehändler Felix Rainer war, der mit Gesangs­einlagen seine Reisekassa aufbesserte, oder der Viehhändler Joseph Rainer, der um 1820 in Leipzig wegen ein paar „jämmer­licher Pseudotiroler“ die Idee zur Gründung einer eigenen Truppe hatte – selbst Ludwig Rainer wollte es ­später nicht mehr so genau wissen. Dessen (in Süd­tiroler Privatbesitz befind­liches) Tagebuch sollte dies ebenso ­wenig vertrauens­würdig enthüllen wie seine Biografen Ludwig Steub (Reiseschrift­steller, 1812–1888) und Emil Auer („Ein Tiroler Sängerleben“, 1885). Gleichfalls hartnäckig hielt sich die Mähr der Ent­deckung durch den russischen Zaren ­Alexander höchstpersönlich: Gemeinsam mit Kaiser Franz auf dem Weg nach ­Verona, sei dieser 1822 bei ­seiner Einkehr in Fügen von den Rainern derart begeis­tert gewesen, dass er ihnen  das ­Versprechen abnahm, nach St. ­Peters­burg zu kommen.

Warum also auch immer – Tatsache ist: Im Herbst 1824 griffen die Geschwister Marie, Franz, Felix und Joseph zum Wander­stab, reisten quer durch die deutschen Lande und schafften es, vor sämtlichen Adelshäusern in München, Wien, Berlin und schließlich Hamburg aufzutreten. Höhepunkt war schließlich jenes ­famose Konzert 1828 vor der englischen Königin Viktoria, das der österreichische Botschafter Prinz Esterhazy arrangiert ­hatte und Heinrich Heine allein schon deshalb verstimmen musste. Freude und Ruhm waren groß, der Empfang in der Heimat (1829) dementsprechend. Doch allmählich wurde es ruhig um die Ur-Rainer, ­immer wieder tauchten neue „echte“ und „falsche“ Natursänger auf den Bühnen ­Europas auf – und nach einem geschei­terten Comeback in England 1838 sang das Quartett nur noch im engsten Freundeskreis.

So idyllisch manche Biografen die Kindheit Ludwig Rainers (* 21. Juli 1821) darzustellen vermochten, verlief diese doch alles andere als ­­­ru­hig. Als Produkt eines „Pantscherls“ zwischen Maria und ihrem Vetter Josef Rainer (Sohn des Fügener Dorfchirurgen), wuchs Ludwig zwar im Schoße seiner „Heimat“ auf, doch ohne seine Eltern. Während seine Mutter mit ihren Brüdern ständig auf ­Reisen war, wurde der Kinds­vater nach Wien verschickt. Er sollte erst später – dem Vater als Dorf­chirurg folgend – wieder heimkehren dürfen. Ludwig selbst war indes bei einer alten Färber­meisterin in Pflege gegeben worden und blieb es auch nach der zwi­schen­zeitlichen Heirat seiner Mutter.

Bleibt man bei den reinen Fakten,  gibt es über den jungen Ludwig Rainer nichts mehr und nichts weniger zu berichten. Denn sämtliche Erzählungen über diese historisch verschwommene Zeit wirken wie einem Grimm’schen Märchen entsprungen: Bei der Amme aufgewachsen, vom Schwieger­vater abgrundtief gehasst, als Ziegenhirte in die Berge geschickt, mit einer Stimme sondergleichen gesegnet, unglücklich verliebt – manches mag zutreffen, vieles bleibt unklar. Erst mit dem 10. August 1838 wird der 17-jährige Ludwig Rainer wieder greifbar. Als Augenzeuge des Schützenunglücks in Hall (eine Unterkunft war eingestürzt, 19 Menschen starben) sei das „ziemlich leichtsinnige Bürschlein“ – so Rainer nach eigenen Aussagen – sehr schnell erwachsen ­geworden.

Bereits zuvor hatte es Pläne der Ziller­taler Familien Holaus, Sprenger, Wasserer und Rainer gegeben, wieder ein Sänger­­ensemble in die weite Welt hinauszu­schicken. Was folgte, waren einige ­Auf­tritte im süddeutschen Raum, bei denen auch Ludwig Rainer bereits mit von der Partie war. Ein Jahr später (1839) tat sich die ers­te internationale Chance auf: ­„Eines Tages“, berichten Steub und Auer aus Rainers ­Amerika-Tagebuch, habe der fran­zösische „Speculant“ Eugen Burnand in Fügen logiert, nach den Tiroler Sängern gefragt und „gaschierte sie dann auf zwei Jahre für eine Kunstreise“. Das spund­junge Quartett Ludwig Rainer (Tenor), Simon Holaus (Bass, mit 22 Jahren der Älteste), Margarete Sprenger (Alt) und Helene ­Rainer (Sopran) nahm sofort an.

Schwaz, Innsbruck, Bregenz, Basel, ­Paris, Le Havre – 28 Tage später erreichten die vier Zillertaler den Hafen von New York, wo sie zunächst einmal sechs ­Wochen bleiben mussten, um die eng­lische Sprache halbwegs zu erlernen. Und New York bzw. der Broadway waren auch das Parkett der ersten Erfolge vor ameri­ka­nischem Publikum: Das Lied „Stille Nacht, heilige Nacht“ war nicht ohne Grund ­gewählt worden, mancher Einwanderer mochte es wohl ­bereits aus der Heimat kennen. 

Weitere ­Auftritte, vorzugsweise bei Messfeiern, folgten, erste Reisen nach ­Phila­delphia und Boston (1840) ebenso. Dass Ludwig Rainer während ­dieser „Lehrzeit“ eigene Rechnungs- und Tagebücher führte, lag wohl daran, dass die organi­­sa­to­ri­sche Lage kompliziert ge­wor­den war: Noch im selben Jahr kam es zum Bruch mit ­Burnand, ein gewisser ­„Direktor Mills“ war nun Tourneeleiter und die strapa­ziösen Reisen gin­gen quer durch den Kontinent. 

Von Boston über mehrere Stationen nach Baltimore (Ok­tober 1840), in den Süden nach St. Louis und New Orleans, über den St. John’s River und die Nia­garafälle bis nach Ohio (Dezember 1842) – zwischenzeitlich sollte sich die Truppe entscheidend verändern: Helene hatte sich in Mills verliebt, die Hochzeit (1841) war eine ­logische ­Folge. Rainer trennte sich von beiden und übernahm das Tournee-Marketing in Eigen­regie. Als Sopran enga­gierte er vorerst John Hader, einen ­irischen Jungen aus ­Boston, der aber ein halbes Jahr später ­seinen Stimmbruch hatte. Inzwischen war zwar Ersatz aus Fügen eingetroffen, doch glaubt man Rainers ­Erzählungen, schwangen Franz Rainer und Johann Sprenger die Heugabel wohl besser als die Stimmgabel. Außerdem stieß das nunmehrige Quintett immer ­öfter auf Konkur­renz aus heimischen ­Gefilden, was die ­Geschäfte schwierig gestal­tete. Im Mai 1843 fiel so schließlich der Entschluss zur Heimkehr.

Das Fernweh schien gestillt. Ludwig Rainer ließ sich als Gastwirt in Rattenberg nieder, hatte 1848 ­südlich des Brenners gegen die Soldaten Garibaldis gekämpft und wollte sich um Frau und Kind kümmern. Als jedoch 1851 die Weltausstellung in London stattfand, waren alle schönen Pläne dahin. „Direktor“ ­Rainer stellte ein neues Quintett zusammen, und die Auftritte in London ge­rieten zum vollen Erfolg: Die in bester Erin­nerung ­geblie­benen „Tiroler Minstrels“ wurden für ihre Darbietungen (z.B. „On the alp no sin is found“/„Auf der Alm ­gibt’s koa Sünd’“ oder „The Jodl chorus“) von „Her Majesty“ höchstpersönlich mit allen ­Ehren empfangen – und mit einer ­goldenen Uhr entlohnt.

Die anschließende Rückkehr Rainers nach Tirol sollte nach diesen Erfahrungen jedoch nur zum Intermezzo werden. Bereits 1855 lauschten Napoleon III. und seine Eugenie (anlässlich der Pariser Weltausstellung) in den Tuilerien den „Chantes ­Tyrolienne“, Auftritte an den skandinavischen ­Königshöfen folgten, der Weg nach Russland war nur mehr eine Frage der ­Organisation. 1858 brach Ludwig Rainer so mit ­einer ersten Truppe nach Russland auf – es sollten zehn Jahre werden. Winters in St. Petersburg und sommers in Moskau, immer am Puls des Zarenhofes, ­ent­wickelte Rainer ein ausgeklügeltes, musikalisches und wirtschaftliches System: ­Insgesamt fünfmal kehrte er nach Tirol ­zurück, ­stellte laufend neue Sänger ein und machte ­einen Großteil seines späteren ­Vermögens im Handel zwischen Moskau und Wien.

Reich an Ruhm und Geld kehrte Rainer mit seiner Familie 1869 wieder in die Heimat zurück und erbaute das ­Hotel Seehof in Achenkirch, doch den Wanderstab gab er damit nicht aus der Hand. Immer wieder ging Rainer „nebst Familie“ auf Tournee, feierte mit ­einem Konzert in München (1884) gar sein 50. Sängerjubiläum. Doch im Laufe der ­Jahre wurden die „Zyklen“ zunehmend kürzer, die Aufführungen dafür umso aufwändiger. Schuhplattler, Musikanten etc. – manche Ensembles umfassten mehr als zehn Personen. Und auch der Seehof war längst eine Touristen-Attraktion: Der „alte“ Rainer galt dort als Institution. ­Geistes-, Geld- und Blutadel gaben sich am Achensee die Klinke, als wollte man dem Zillertaler Natursänger ein geistiges Denkmal setzten. Doch nach seinem Tod (15. Mai 1893) sollte all der Ruhm schneller vergehen, als die Worte Ludwig Rainers auf seinem eigenen Grabstein in Achenkirch: „Ausgelitten, ausgerungen, viel gereist und viel gesungen.“  Johannes Vötter 

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