Genialer Außenseiter

Siegfried Reisch. Hunderte Patentanmeldungen, ein genial querdenkender Geist und ein fast schon verbis­sener Glaube an ein Irrsinnsprojekt machten den Kufsteiner Siegfried Reisch zum Vater der Trägheitsnavigation. 

Es ist also ihm zu verdanken, dass ­Piloten den Kurs halten, Navigationssysteme im Auto uns den Weg ansagen und Raketen ohne Sicht und Funk sicher durch das All düsen. Anerkennung hat er für diese Leistungen nie erhalten, Leistungen, die er in den verschiedensten Städten Europas erbracht hat: Wien, London, Stock­holm, Turin, München – der Wissenschaftler war rastlos, oft notgedrungen. Und dabei hat alles ganz bürgerlich begonnen. In Kufstein, am 24. September 1905, als Siegfried Reisch in eine alteingesessene und angesehene Familie hineingeboren wurde. Die Schulzeit war für das künftige Forschergenie eine Qual. Er fühlte sich wie „ein Galeerensklave an die Bänke der Schule geschmiedet“. Ein Lichtblick im grauen, mit lateinischer Syntax und Jahreszahlen durchsetzten Schulalltag waren nur die Chemie- und Natur­geschichte­stunden. Auch seinem Lehrer fiel Siegfrieds besondere Begabung und Leidenschaft auf diesem Gebiet auf und seufzend fasste er das Verhalten seines Zöglings zusammen: „Der Reisch interessiert sich aber rein für gar nichts auf dieser Welt, was man auch ohne Mikroskop sehen kann.“ Trotzdem eröffnete er dem einseitig interessierten Schüler mit der Erlaubnis der unbeschränkten Nutzung des naturwissenschaftlichen Labors ein „Tor zum Himmelreich“. Was seiner Leistung in den anderen Fächern nicht wirklich zuträglich war. Aber schließlich bestand er die Matura doch noch – und das sogar mit Auszeichnung. 

1924 immatrikulierte er an der Technischen Hochschule in Wien. Schon am Heimweg nach einer seiner ersten Vorlesungen sprang während einer Straßenbahnfahrt ein göttlicher Funke auf den jungen Kufsteiner über, der ihn bis an sein Lebensende nicht mehr loslassen sollte. In der überfüllten 2er-Straßenbahn fand er nur schwer einen Stehplatz in der Wagenmitte. Obwohl er nicht sah, wo die Bahn entlangfuhr, wusste er, ob der inzwischen schon gut bekannten Straßenführung, ­genau, wo sie sich gerade befand. Er erlebte an sich selbst die „Dynamik des Massenpunktes“. Und bekam seither den Gedanken über ein Gerät, das stets, unabhängig von Sicht und Funk, den Ort ­anzeigt, an dem sich ein mit ihm ausgerüstetes Fahrzeug gerade befindet, nicht mehr aus dem Kopf. Seine „geistige Jugendliebe“ war geboren. Aber bevor er sich eingehender mit dieser realistischen Fantasie eines Navigationsgerätes beschäftigen konnte, beendete er sein Studium und wurde Assistent an der Lehrkanzel für Mechanik. Während dieser Zeit im Elfenbeinturm erforschte Reisch unter anderem auch die ersten Ansätze und Patentansprüche zur Xerographie, die später das Fotokopieren möglich machen sollten. Schon bei dieser Errungenschaft passierte ihm, was sich wie ein roter Faden durch sein Leben zog: Er war damit seiner Zeit voraus, niemand erkannte die Bedeutung dieser Ergebnisse und die Lorbeeren erntete ein anderer. In diesem Fall der Amerikaner Chester F. Carlson. 

Erst als er im Herbst 1939 eine Stelle im Siemens Luftfahrtgeräte-Werk Hackenfelde in Berlin, dem bedeutendsten Rüstungsbetrieb des Dritten Reichs, antrat und dort den preußischen Kapitän a.D., Karl Otto Altvater, als Betriebsführer und großen Förderer kennen lernte, begann er ernsthaft mit den Forschungen rund um die absolute Navigation. Zwischen dem industriegewaltigen Hünen und dem ideenschwangeren, geistigen Vielfraß aus Österreich herrschte eine „Seelenverwandtschaft mit dem Navigationsfimmel“. Altvater sagte richtig voraus, dass „diese Verbindung des österreichischen Genies mit preußischer Tüchtigkeit eine Mischung ist, mit der man Berge versetzen kann“. Und diese Berge wurden versetzt. Zuerst im Werk in Berlin und dann ab 1941 in einem kleinen Laboratorium im Wiener Rainerpark, wohin sich Reisch aus Platzgründen zurückzog. Am 30. Mai 1942 meldete Reisch ein mit Geheimstempeln versehenes Patent mit dem Titel „Kreiselhorizont mit auf seinen Schwenkachsen wirkenden pendelgesteuerten Aufrichtmoment­erzeugern“ ein und wird dadurch zum Vater der Trägheitsnavigation und zum Erfinder des vollkommensten Navigationssystems der Zukunft. Durch diese bahnbrechenden Erkenntnisse war die Absolute Navigation keine Utopie mehr. Doch das Ende des Krieges nahte und Altvater legte Reisch beim Abschied nahe, ­alle Geräte und Unterlagen Richtung Westen zu schaffen, damit sie nicht den Russen, sondern den westlichen Alliierten in die Hände fallen. Obwohl Reisch dies nicht mehr gelingt, sind es schlussendlich doch die Amerikaner, die Reischs Ergebnisse beschlagnahmen. Davor veranstaltete er Mitte März 1945 noch ein „melancholisches Sonnwendfeuer“, bei dem er bergeweise Papier den Flammen übergibt. In diesem Feuer wurde ein Großteil seines Lebenswerks zu Asche und seine Forschungen rund um die Navigation beendet. Versprechen der Amerikaner, ihn bei den weiteren Entwicklungen miteinzubeziehen, werden sich in den kommenden Jahren als nichtig herausstellen, Stellenangebote von Firmen als unaufrichtig erweisen und alle Bestrebungen Reischs im Sand verlaufen. Er wird sich nie wieder eingehend mit der Trägheitsnavigation beschäftigen. 

Wie ein Kapitän, der sein sinkendes Schiff nicht verlässt, blieb Reisch in den letzten Kriegstagen in Wien, wo er den Zusammenbruch des Dritten Reiches miterlebt. Ein Spaziergang im Mai 1945 durch „Blut, Tod und blühende Bäume“ wurde zu Reischs zweitem Schlüsselerlebnis und führte zur „zweiten großen Lebensanstrengung, der er sich bis zu seinem Tode unterwarf“. Im Laufe der Zeit erhielt sie verschiedene Namen: Meta­kybernetik, Metakybernetische Anthropologie, Geistforschung, Friedensforschung ... Alle hatten eine Frage gemeinsam: Welcher Geist in uns treibt uns ­immer wieder zum Selbstmord? 

Nach Kriegsende wurde Reisch von den Engländern zehn Monate lang in Wimbledon bei London mit anderen klugen Köpfen interniert. Trotz allem nennt er es die schönste Zeit seines Lebens. In diesem Hotel hinter Stacheldraht musste er nichts tun, außer auf die Befragung warten, am Morgen beim Zählappell erscheinen und seine Knöpfe selbst annähen. Die wertvollen Wissenschaftler wurden gut verpflegt, an interessanten Gesprächspartnern mangelte es nicht und er konnte nach Herzenslust seiner großen Leidenschaft, dem Wannenbad, frönen. In diesem „Hirnmelkinstitut in einem Drahthotel“ entstanden die 300 Seiten Einleitung über die „Wissenschaft vom Frieden“. Sein „System zur Geistforschung“ wurde aber von der Wissenschaft nicht als großer Beitrag zur Friedensforschung gewürdigt. Auf diese glücklichen Monate folgten schwere Jahre. Zuerst im Royal Aircraft Establishment in Farnborough, wo er kurzzeitig Hoffnung hatte, seine Forschungen an der Trägheitsnavigation fortsetzen zu können, aber nur mit vielen anderen German Scientists (GS) weiter zum Nichtstun gezwungen war. Die Engländer verzögerten jeden Schritt mit der Standardantwort: „We are not in a hurry.“ 1949 beendete er diese ­„ver­spielte Lebenszeit auf silly island (Einfaltsinsel)“ freiwillig und kommt als ­wissenschaftlicher Mitarbeiter ans Luthander Institut in Stockholm. Nach insgesamt zweieinhalb Jahren und 20 Projekten in Schweden, Forschungen rund um die Weiterentwicklung des Computers und der Entwicklung der kleinsten Ziffernrechenmaschine, dem „Elektrischen Aba­kus“, landete Reisch bei dem Büromaschinenhersteller Olivetti in Italien. Als besonderes Souvenir aus dem Norden brachte er seine Ehefrau Alfhilde Maria mit. Bei Olivetti eckte Reischs Erfindungsgeist an. Als Ketzer und lästiger Phantast verschrieen, landete er als Sachbearbeiter in der Patentabteilung, was er sogleich für Forschungen rund um die Schreibmaschine nützte. 1964 steht er nach der Kündigung zum dritten Mal vor dem absoluten Nichts. Auch die nächste Anstellung bei der Deutschen Versuchsanstalt für Luft- und Raumfahrt (DVL und später DLR) endet in einem personalpolitischen Eklat und einer rückwirkenden Kündigung Reischs. Er hatte zwar den Entwicklungsvorschlag für eine „Elektronische Briefpost“ eingereicht und war damit erneut seiner Zeit voraus. Der DLR sah es nicht als seine Aufgabe an, künftige Kommunikationssysteme zu studieren. 

Nach seiner Pensionierung ließ sich Reisch in Herrsching am Ammersee nieder und legt 1972 noch eine Studie zur Energieproblematik der Bundesrepublik vor, die ebenfalls zur Makulatur verkam. Immerhin würdigte der österreichische Bundespräsident Franz Jonas sieben Jahre zuvor das Superhirn und verlieh ihm den Berufstitel eines Professors. 1984 erschien Reischs einziges Buch zu seinem zweiten großen Thema unter dem Titel „Geistforschung als Voraussetzung für den Weltfrieden“. Nach ­einem langen und vergeblichen Kampf um die Anerkennung seiner zahllosen Erfindungen und von ihm auf verschiedens­ten Gebieten gelegten Grundsteine, schied Siegfried Reisch mit 79 Jahren freiwillig aus dem Leben. Sogar mit seinem Tod war er damit seiner Zeit voraus.  Nina Heizer

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