Wo der Pfeffer wächst

Balthasar Springer.  Als die Erde noch eine Scheibe war und in fernen Ländern kopflose Wesen mit einem Auge auf der Brust lebten, wagte der Vilser Balthasar Springer im Jahr 1505 eine Meerfahrt nach Indien und verfasste darüber einen Bestseller. 

Am 19. Mai des Jahres 1506 „nach der Geburt Christi unseres Herrn“, tobte ein heftiger Sturm vor der Ostküste Afrikas. „Vom Meer her blies er bis am Abend zur Vesperzeit. Soviel Wasser lief in das Schiff, dass ein Mann bis zu den Achseln darin stand. Noch dazu 
lag das Schiff auf der linken Seite ganz unter Wasser. So war keine Hilfe mehr möglich als die von Gott, den wir innigst anriefen, uns Trost zu spenden und zu Hilfe zu kommen. Und das geschah dann auch.“ Das Schiff war voll bepackt mit Pfeffer und der, welcher diese Zeilen schrieb, war im Auftrag der Welser in Indien gewesen, um das schwarze Gold in den Bauch der Schiffe zu laden und 
damit nach der Rückkehr die Kassen des Augsburger Handels-konzerns klingeln zu lassen. 

Der 19. Mai 1506 war nicht der einzige Reisetag, an dem der Tiroler Balthasar Springer um die Erfüllung seiner Aufgabe und um sein Leben bangen musste. Erst 1498 war es Vasco da Gama als bisher einzigem Kapitän gelungen, in kühner Todesverachtung Afrika zu umsegeln, vorbei am Kap der Guten Hoffnung auf Indien zuzusteuern, wo die Gewürzfelder höchst verlockend nach unermesslichem Reichtum dufteten. Es war die Zeit, in der einerseits der Untergang der Welt erwartet wurde, andererseits die Befreiung des Geis-tes die Europäer zu Höchstleistungen anspornte. Eine Zeit, in der die Erde noch eine Scheibe war, in fremden Ländern kopflose Wesen mit einem Auge auf der Brust vermutet wurden, in der im Meer Ungeheuer lauerten, die Schiffe verschlangen. An den Tafeln Europas konnte der Reichtum eines Gastgebers daran gemessen werden, wie gepfeffert die Speisen waren, die er darbot. Je mehr der Gaumen explodierte und nach Erlösung dürstete, umso voller waren dessen Schatullen. 

Mit Pfeffer zu handeln war eine Goldgrube, der Landweg nach Indien aber zu unberechenbar geworden und so machte sich Anfang 1505 im Hafen von Lissabon eine gewaltige Flotte bereit, um angeführt von Francisco d’Almeida in See zu stechen und   sieben Jahre nach Vasco da Gama das Schicksal erneut herauszufordern. Rund 2500 Mann Besatzung verteilten sich auf 22 Karavellen. Ein Drittel sollte Lissabon nie wieder sehen. Im Geklirr der Ketten, im Tumult der scharfen Seemanns-Befehle, dem Gemurmel unzähliger Stoßgebete und den Gott-sei-mit-Euch-Zurufen derer, die am 26. März 1505 die Häfen um Lissabon säumten, spitzte zumindest einer der Passagiere seine Feder: „An diesem Tag sind wir in Gottes Namen losgesegelt gegen Indiam, wohin wir bei viertausend Meilen zu fahren hatten“, so Balthasar Springer. 

Der aus Vils im Außerfern stammende Tiroler war als Handelsvertreter der Welser Mitreisender auf einem Schiff der Almeida-Flotte, welches der mächtige deutsche Konzern finanziert hatte. Springer sollte im Jahr 1509 ein Buch veröffentlichen, in dem er die an Abenteuern reiche Fahrt beschreibt. Dieser Reisebericht – die „Merfart“, die Hans Burgkmair, einer der bekanntesten Künstler seiner Zeit, illustrierte, wurde ins Portugiesische, Flämische, Lateinische und im 18. Jahrhundert auch ins Französische übersetzt. Das kleine Büchlein wurde zum Bestseller, vermittelte es doch in kühler, knapper, distanzierter Sprache die ersten lebhaften Bilder der fremden Länder, der „Mohren“, der Heiden und der Königreiche, in denen der Pfeffer wächst, „wie bei uns die Weintrauben.“ Wüste Legenden von Kreaturen mit Hundeköpfen, einäugigen oder vierbeinigen  Menschen und Magnetbergen, deren Kraft die Nägel aus den Schiffsplanken reißt, bestätigt der Augenzeuge darin nicht, sondern klärt den Leser einleitend auf: „Die Meerfahrt und Entdeckung neuer Seewege zu vielen unbekannten Inseln und Königreichen, die von dem großmächtigen portugiesischen König Emanuel gefunden, erforscht, bekämpft und eingenommen wurden, auch sonderbare Kriegs- und Handelsbräuche, Lebensweisen und Wunderwerke der dort lebenden Völker und ihre Tiere findest du in diesem Büchlein wahrheitsgetreu beschrieben und abgebildet, so wie ich, Balthasar Springer, selbst es vor kurzem gesehen und erfahren habe.“

 Wie Balthasar Springer aussah, ist nicht bekannt. Man weiß von ihm nur, dass er aus Vils stammte, auf seinem Wappen ein springender Hund dargestellt war und er eben dieses Buch, diesen Bestseller geschrieben hat. Ob er klein war oder groß, blond oder dunkelhaarig, ob die Augen, mit denen er von der Reeling aus das Meer beobachtete, braun waren, grün oder blau? Es ist kein Bild überliefert von ihm. Und so bleibt es der Phantasie überlassen, sich den Gesichtsausdruck dessen vorzustellen – dem aus seiner Heimat Forellen oder Karpfen bekannt waren – als er kurz nach dem Auslaufen der Flotte einen merkwürdig unheimlich aussehenden Fisch sah – pechschwarz, groß wie ein siebzehnjähriger Knabe, einer, der nur am Rücken „Fischfedern“ trug. „Zu unserem Schrecken blies er das Meerwasser mannshoch in die Luft“, schreibt Springer über den ersten Tag auf See. 

Bald darauf erblickte der Vilser seinen ersten Delfin und aß davon, nachdem die Seeleute ihn geschossen und die Schiffsköche ihn verarbeitet hatten: „Er war fast so lang wie ein Mann und sah aus wie ein Schwein, das bei uns ungefähr vier Gulden wert gewesen wäre. Und wie ein Eber hatte er am hinteren Teil seines Leibs ein großes Geschröt [Hoden] und vorne statt eines Mundes einen Schnabel gleich einem Vogel, doch breiter und mit vielen kleinen scharfen Zähnen drin.“ Hundertsechsundzwanzig Menschen wurden auf Springers Schiff, der Leonhard, von dem einen Delfin satt.

Noch im April warf die Leonhard bei Kap Verde Anker, dort, wo laut Springer der König der Mohren wohnt. Der erste, aber nicht der letzte „Mohrenkönig“ auf der Reise. Springer schreibt: „Auch in diesem Königreich und auf den Inseln sahen wir merkwürdigerweise Menschen beiderlei Geschlechts ohne Scham untereinander wie die wilden Tiere: Manche bedeckten nur die Scham, andere liefen gänzlich nackt herum, und alle waren schwarz wie die Mohren.“ Als der König seinen Sohn auf das Schiff sandte, hatte die Besatzung für die große Ehrerbietung, die ihm von seinen Hofleuten und Dienern entgegengebracht wurde, „nur Spott übrig“.

Eines guten Schreibers der Gegenwart würdig, doch ungewöhnlich für seine Zeit und im Lichte der eigenen Tollkühnheit erstaunlich, enthält sich Springer überflüssiger und meist auch wertender Adjektive in der „Merfart“. Er lässt gleichsam die Ereignisse und Menschen in der Fremde für sich selbst stehen und durch diese Zurückhaltung nur wenig Rückschlüsse auf seinen eigenen Charakter zu. Wohl aber darauf, dass er recht aufgeweckt gewesen sein muss, mutig selbstverständlich und möglicherweise auch, dass er nicht mehr glaubte, die Erde sei eine Scheibe. Dann, wenn er schreibt: „Auf dem vorhin genannten Golf segelten wir unter der Sonne und dem Mond hindurch so weit, dass wir den Polum Articum [Polarstern] oder auch den Wagen nicht mehr sehen konnten und dafür alsbald der Polum Anarticum [Kreuz des Südens] in unseren Gesichtskreis kam.“ Es war Juni und es sei so kalt gewesen, „wie in unseren Landen um Weihnachten“.

 Nachdem das Kap der Guten Hoffnung umrundet war, die Seefahrer im Süden Afrikas ein Land mit gutem Wasser, wohriechenden Kräutern fanden und Menschen, die im Sand auf breiten Lederstücken gehen und sich in einer schnellen „seltsam wun-derlichen Sprache“ unterhielten (Springer beschrieb damit möglicherweise erstmals die Kap-Hottentotten) setzte die Flotte vor Kilwa Anker. Nachdem der dort herrschende König den Europäern signalisiert hatte, dass er ihnen nicht friedlich gesonnen sei, „fuhren wir früh am Morgen machtvoll mit acht Schiffen hin zur Stadt, wohl gewappnet für einen Gegenstoß der Feinde, und schossen etliche Heiden tot. Alsbald plünderten wir die Stadt und fanden viel Reichtum an Gold, Silber, Perlen, Edelsteinen sowie auch kostbare Kleidung.“

Zimperlich war sie nicht, die Streitmacht des portugiesischen Königs, doch die Spur der Gewalt beschreibt Springer nicht anders als die Früchte, Tiere oder Menschen auf der Fahrt – wenngleich er nach gewonnenen Schlachten Gott ähnlich lobt und preist, wie nach überstandenen Stürmen oder anderen Gefahren. Der August 1505 war diesbezüglich recht ereignisreich: „Am 9. August in der Nacht hatten wir große Angst und Sorge, dass ein oder zwei fremde Schiffe uns rammen könnten. Doch Gott der Allmächtige beschützte uns mit seiner göttlichen Gnade, sodass wir unbeschadet von den Schiffen wegkamen.“ Kurz darauf schossen und brannten die Seefahrer Mombasa und seine Heiden nieder, worüber sich wiederum der König von Malindi höchst erfreut zeigte, „der in unentwegter Feindschaft Krieg mit dem König von Bombasa [Mombasa] führte.“ Malindi sollte die letzte Station in Afrika sein, bevor die Almeida-Flotte daran ging, den Indischen Ozean zu überqueren – dem Pfeffer entgegen. 

Nicht alle Inder zeigten sich entzückt über die gewaltig arrogante Flotte vor ihren Küsten. Der König von Onor setzte ihnen beispielsweise mit seinen Kämpfern kräftig zu, sodass sie fast keine Beute machten. Der König von Cananor war weit freundlicher, er setzte den Hauptmann der Leonhard sogar als Nachfolger ein. Und am zweiten -November 1505 konnten die Reisenden in Cochin endlich beginnen, das Schiff mit dem schwarzen Gold zu beladen, das sie hierher gelockt hatte. „Gutschin [Cochin]“, schreibt Springer, „ist ein großes Königreich, aus dem einer der heiligen drei Könige stammt. Wenn du in diesem Land bist, so gehst du unter Palmen, und es ist ein an Gewürzen reiches Königreich. Der Pfeffer wächst gleich wie Weintrauben und ist schön grün. Dann pflücken sie ihn ab und dörren ihn auf einem Tuch in der Sonne. Er wird reif um Sankt Martin oder um Weihnachten, denn um diese Zeit ist es in diesen Landen Hochsommer und am heißesten.“

Die Rückreise nach Portugal im Jahr 1606 gestaltete sich, laut Springers Aufzeichnungen, turbulenter als die Hinreise. Er musste Gott und andere Heilige oft anrufen und sich für ihre Gnade bedanken. Mal lief ein Schiff auf Grund, mal brachen – am 19. Mai 1506 – das vordere Castel [Schiffsaufbau] und das Großsegel der Leonhard in Stücke. „Aber die Königin der Barmherzigkeit und der Heilige Jakob taten große Wunderzeichen an uns.“ Die Leonhard ankerte am 15. November 1506 vor Lissabon – mitgenommen von der Reise, schwer beladen, schwer reich. 

Genau genommen sind es nur die turbulenten Tage zwischen Anfang 1505 und Ende 1506, die das Leben des Balthasar Springer beleuchten. Erst der Innsbrucker Geograf Andreas Erhard sorgte mit dem Buch „Die Meerfahrt“ in den 1990er-Jahren dafür, dass dem Vilser die Ehre zuteil wurde, die ihm gebührt. Die Ehre für einen außergewöhnlichen Tiroler, einen Kaufmann, einen wachen Beobachter, der weder Tod noch Teufel, weder kopflose Wesen noch Seeungeheuer fürchtete, um in das Land zu kommen, wo der Pfeffer wächst.
Alexandra Keller 

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