Adler, Pinsel, Leidenschaft

Anna Stainer-Knittel.  Die Eroberungen des Adlerhorstes machten sie als Geierwally weltberühmt. Doch mit dem Bild,  das man von ihr zeichnete, war sie nicht glücklich.  Anna Stainer-Knittel war mehr.  Eine eigenwillige Künstlerin und eine Tiroler Femme vitale in einer Zeit, die beides noch nicht kannte.

Ernst, energisch und zielbewusst schaut sie. Ein schwarzes Netz hält ihre Haare am Hinterkopf, die Kleidung wirkt bescheiden, ja nebensächlich. Das Gesicht ist golden erhellt und die Augen scheinen den Betrachter intensiv zu fokussieren. Doch vielmehr konzentrieren sie sich wohl auf die eigene Reflexion. 1861, im Alter von 20 Jahren malte Anna Knittel in München dieses Selbstporträt. Was dachte sie wohl, als sie sich dafür im Spiegel betrachtete und das, was sie sah, mit feinen Pinselstrichen auf die Leinwand übertrug? Waren ihre Gedanken nur darauf ­konzent­riert, die künstlerische Balance zwischen Realem und Idealem, zwischen traditioneller Komposition und frischer Beobachtung zu finden? Oder schweiften sie dann und wann ab? Nach Elbigenalp zum teils unberechenbaren Vater, zur Mutter, die überzeugt war, dass ein Mädchen aus dem Lechtal Brot backen und spinnen lernen sollte, statt ihre Zeit mit Dingen zu verschwenden, die möglicherweise nie den ­Lebensunterhalt sichern würden. Haderte sie gar mit dem Schicksal, kein Mann zu sein? Um so vieles leichter wäre es dann, der Leidenschaft nachzugehen, der Berufung, und das Können zu beweisen. 

Doch das Bild zeigt eine junge Frau, die wider alle Hemmschwellen darum kämpfte, ihr Leben selbst zu bestimmen und die zu den ers­ten Frauen im Habsburgerreich des 19. Jahrhunderts zählen sollte, die den traditionell vorgezeichneten Weg verließen, um ein kreatives und ökonomisch unabhängiges ­Leben zu führen. Dass sie als „Geierwally“ in die Geschichte einging, wird ihrem Leben nicht gerecht und auch nicht ihrem Werk.

Als Anna Stainer-Knittel 1841 zur Welt kam, war Innsbruck noch eine Tagesreise von Elbigenalp entfernt. Vier Jahre zuvor war die spätere Kaiserin Sisi geboren ­worden, vier Jahre später sollte der spätere ­Bayernkönig Ludwig II. das Licht der Welt erblicken. Anna Stainer-Knittel wuchs in einer Zeit auf, in der Revolu­tionen den Kontinent erbeben ließen und in der ­technische Errungenschaften ­zunehmend die Welt veränderten. Die Welt „draußen“, denn zwischen den ­hohen Wänden der Lechtaler und  Allgäuer Alpen – der Natur und ihren unberechenbaren Launen ­hautnah – waren ­Leben und ­Überleben kaum Fragen akademischer Dis­kussionen. Auch nicht im Haus von ­Anton und Kreszenz Knittel, ­Annas Eltern. 

Anton Knittel war Bauer, talentierter Büchsenmacher und Jäger – in Elbigenalp und darüber hinaus berüchtigt für seinen teils hitzköpfigen Zorn. Mit ihm ­verband Anna eine enge und stürmische Beziehung. Oft hatte sie unter seinen Ausbrüchen zu leiden und doch war er es, der ihr Talent entdeckte und zu einem ihrer stärksten Unterstützer wurde. Die Zeichnungen seiner jungen Tochter, die gerade die Grundschule absolvierte, wo sie unter anderem ihre Mitschüler gekonnt und originell karikierte, zeigte er Johann Anton Falger, dem weitgereisten Künstler und Lithografen. Seit 1831 wohnte Falger wieder in seiner Heimatgemeinde, wo er ein Jahr vor Annas Geburt den berühmten Totentanz gemalt hatte. Ebenso überzeugt von ihrem Talent nahm Falger das Mädchen in seine Zeichenschule auf und begann, sie zu unterrichten. 

Um einen passenden Ausbildungsplatz für seine Tochter zu finden, nahm Anton Knittel sie Mitte der 1850er Jahre mit auf eine Reise nach Deutschland, Frankreich und in die Schweiz. Sie besuchten Antons Bruder, der als Bildhauer in Freiburg arbeitete, betrachteten in Basel die romantischen Landschaften von Joseph Anton Koch, einem Großonkel der angehenden Künstlerin, doch einen Platz, wo sie weiterstudieren konnte, fanden sie nicht.  

Die Enttäuschung muss groß gewesen sein, als Anna sich wieder ausschließlich zu Hause nützlich zu machen hatte, Brot backen, Kühe melken, Flachs spinnen, stricken und auf abenteuerlich-gefährliche Weise Heu von den entlegenen Almen ins Tal bringen musste. Sie mochte es nicht, das Leben in den Bergen, das ihre Hände hart machte und feine Pinselstriche schwierig,  träumte davon, als freischaffende Künstlerin in Innsbruck zu leben. Wenn sie Stoff bekam, als Lohn für ihre Arbeit, nähte sie daraus Stadtkleider – überzeugt, diese irgendwann brauchen zu können. 

1859 fiel die Entscheidung. Im Frühling, Anna Knittel war gerade dabei, Teig zu Brotlaiben zu formen, bemerkte ­ihre Mutter, die am Spinnrad saß und das Dorfgeschehen beobachtete, dass ein elegant gekleideter Mann die Straße entlang stolzierte. Es war der Maler Matthias Schmid, den Anna kurz darauf im Gespräch mit ihrem Vater und Anton Falger vor der Tür entdeckte. Die drei Männer nahmen sie „in die Mangel“, fragten immerzu, ob sie wirklich Künstlerin werden wolle. Das war keine Frage für sie, die Frage war, wie das finanziert werden könne. In den 1910 geschriebenen Memoiren erinnert sie sich  daran, dass Schmid predigte, sie müsse einen eisernen Willen beweisen, hart an ihren Zeichnungen arbeiten und er würde im Herbst wiederkommen, um das Ergebnis zu betrachten. Schmid kam wieder, die Arbeiten Anna Knittels überzeugten und die Entscheidung wurde getroffen, dass Anna, finanziell unterstützt von Anton Falger, in München studieren sollte. Bereits am 28. Oktober 1859 machten sich Anton und Anna Knittel zu Fuß auf den Weg in die bayerische Residenzstadt. 

Noch in den folgenden 60 Jahren sollte die staatliche Kunst-Akademie in München keine Frauen aufnehmen, und so musste die Elbigenalperin in einer Vorschule der Akademie studieren. Ihre Leistungen wurden zwar benotet – schon im ersten Jahr mit „sehr gut“ – als Frau blieb ihr aber verwehrt, einen akademischen Grad zu erlangen. 

Im zweiten Jahr, als Anna Knittel Porträtmalerei studierte, kam es zu einem folgenschweren Eklat. Anton Falger war der Meinung, sie hätte eine Arbeit, welche er ihr aufgetragen hatte, nicht schnell genug erledigt, und versagte ihr jede weitere Unterstützung. Hinzu kam, dass ihr Vater sie in ­einem zornigen Ausbruch, an den sich die Künstlerin noch 50 Jahre danach lebhaft ­erinnern sollte, mit wüsten Beschimpfungen bedachte. Erst als im Spätsommer diesen Jahres ihre Arbeiten aus München nach Elbigenalp gebracht wurden und Vater wie „Wohltäter“ sich von ihrem Können überzeugen konnten, löste sich die Spannung ein wenig. Doch nur mit Hilfe ihrer Mutter, die dafür ein paar Kühe verkaufte, konnte Anna im Frühling nach München zurückkehren und das letzte Semester ihrer Ausbildung beginnen. Nach der Rückkehr ins Lechtal war ihre Zukunft so ungewiss wie zuvor ­– doch nur für kurze Zeit.

Das Jahr 1863 sollte entscheidend sein, sowohl für das echte Leben der Anna Knittel als auch für ihren Mythos. Das Landesmuseum Ferdinandeum kaufte um die damals horrende Summe von 44 Gulden Knittels Selbstporträt in Lechtaler Tracht, was ihr ermöglichte, nach Innsbruck zu ziehen und dort eine Zeichenschu­le für Mädchen zu gründen. 1863 ­sollte sie sich aber bereits zum zweiten Mal wagemutig und todesverachtend zu einem Adlerhorst abseilen lassen. 

Die Bergbauern des Lechtales kontrollierten stets den Adlerbestand, indem sie die Jungen raubten, da der Verlust eines einzigen Schafes darüber entscheiden konnte, ob eine Familie hungern oder satt sein würde. Weiters sicherte sich Anton Knittel durch den Verkauf von Adlern und anderen wilden Tieren einen Teil des Lebensunterhaltes für die Familie. Zu dem Nest in der Saxerwand, aus dem die 22-jährige Anna ihr zweites Adlerjunges holte, hatten sich die Männer der Region offensichtlich nicht gewagt. Über die mutige Episode wurde in der lokalen Presse berichtet. Und der Mythos nahm seinen Lauf. Der bayerische Schriftsteller Ludwig Steub machte daraus eine Erzählung, welche Matthias Schmid illustrierte, Wilhelmine von Hillern zu einem Roman inspirierte und Catalani zur Oper „La Wally“. Es ist nicht bekannt, wie Anna Knittel auf die Romanfigur reagierte, deren Vorbild sie war und deren fiktive Geschichte 1881 von der Innsbrucker Exl-Bühne in der Theaterfassung aufgeführt wurde. Bekannt ist allerdings, dass sie sich von den Illustrationen Schmids angegriffen fühlte. Der Maler, mit dem sie bis zu diesem Zeitpunkt rege korrespondierte, hatte den Augenblick, in dem sie den jungen Adler aus dem Nest nahm, nicht mit ihrem Gesicht sondern mit ihrem Rücken zum Betrachter festgehalten. Missverstanden fühlte sie sich in der Wiedergabe der physisch wie psychisch höchst schwierigen Situation, auf gemeine Weise reduziert auf den Rücken beziehungsweise „Hintern“. So dringlich war auch ihr Wunsch, als ganze Person wahrgenommen zu werden, dass sie rasch daran ging, ihre eigene Version des Abenteuers zu malen. Dieses Bild zeigt eine Frau mit rotem Kopftuch und in Männerhosen. Allein dadurch, dass sie den auf das Adlerjunge in ihrer Hand gerichteten Blick ­– im Bewusstsein des ungewöhnlichen Balanceaktes – nicht hebt, strahlt diese Frau eine besondere Hingabe aus. Die Präsentation des Bildes war der Künstlerin so wichtig, dass sie ihren Vater einen ausgeklügelt kunstvollen Rahmen dafür schnitzen ließ.

Bis Anfang der 1880er Jahre, als die Fotografie begann, ihren Platz zu beanspruchen, machte sich Anna Knittel als Porträtmalerin in Innsbruck einen Namen. Schätzungen zufolge hatte sie bis 1883 mindestens 130 Aufträge ausgeführt. Darunter waren auch Porträts von Erzherzog Karl Ludwig, Feldmarschall Radetzky und Kaiser Josef I. Ihr Privatleben bekam durch die Heirat mit dem Gipsformer Engelbert Stainer 1867  eine Wendung, die ihren Eltern massiv ­miss­fiel. Nach eigenen Angaben hatte Anna Knittel, bevor sie Anna Stainer-Knittel wurde, nicht weniger als 30 Heiratsanträge abgelehnt. Stainer war arm, ihm wurde nachgesagt, er hätte ein außereheliches Kind und Anton und Kreszenz Knittel machten keinen Hehl daraus, gegen diese Heirat zu sein.  Trotz dieses Widerstands und der lebhaft versicherten Drohung, von den Eltern „verstoßen“ zu werden, bestand Anna auf ihrem Recht, den Gatten selbst auszusuchen, heiratete Stainer und gründete mit ihm ein Geschäft in der Innsbrucker Maria-Theresien-Straße, wo sie beide ihre Arbeiten ausstellten und verkauften. 

Ungewöhnlich für ihre Zeit, wählte die Künstlerin einen Doppel-Namen und behielt so ihren Mädchennamen bei, trug ihr Haar kurz und bestand darauf, ihr eigenes Bankkonto zu behalten. In sechs Jahren bekam sie vier Kinder, was sie jedoch nicht daran hinderte, weiter zu malen und zu unterrichten. Erst zwei Jahre nach ihrer Heirat versöhnte sie sich mit ihren Eltern. Es war das Jahr 1869, als sie, in Begleitung ihres ­ers­ten Sohnes, schwanger mit dem zweiten, wieder nach Elbigenalp kam und dort ein weiteres Selbstporträt mit den Lechtaler Alpen im Hintergrund, vollendete. Darauf zeigt sie sich inmitten der atemberaubenden Bergkulisse als gesunde, robuste, unabhängige Künstlerin, die ihren Blick in die Ferne richtet und ihre Augen vor der gleißenden Bergsonne schützt. 

Landschafts- und Blumenmalerei sollten ihre Schwerpunkte werden, nachdem der Markt der Porträtmalerei aufgrund des Siegeszuges der Fotografie zusammenbrach. Anfangs widerwillig, dann jedoch mit dem gewohnten Elan, ging sie daran, botanisch exakte sowie erfundene Blumen und Blumenbouquets zu malen, welche bei der naturverliebten Klientel sowie bei Botanikern sehr beliebt waren. Stainer-Knittel bemalte auch Geschenkdosen, Teller, Vasen, Medaillons, Broschen, etc. Wieder war ihr „Out­put“ enorm. Bereits 1891 wurden ihre Werke im Ferdinandeum ausgestellt und 1911 widmete ihr das Landesmuseum eine Retrospektive. Anna Stainer-Knittel arbeitete bis zu ihrem Tod im Jahr 1915. Ihr letztes Selbstporträt, das eine Frau zeigt, die selbstsicher und in Frieden mit sich und dem Alter ist, blieb unvollendet. Die blauen Augen der 74-Jährigen blicken nicht in die eigene Refle­xion, sondern fangen den Betrachter ein und mustern ihn eindringlich. Die Fragen, die sich Anna Stainer-Knittel möglicherweise als 20-Jährige stellte, beantwortete sie durch ihr Leben – dem Leben einer eigenwilligen Künstlerin und einer Tiroler Femme vitale in einer Zeit, die beides noch nicht kannte.  Alexandra Keller

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