Unterm Lebensrad

Simon Stampfer. Der Osttiroler Bauernsohn, der unbeirrbar dem Pfad der Wissenschaft folgte und mit seinem „Lebensrad“ die Bilder zum Laufen brachte.

Eine klirrend kalte, sternenklare Nacht. Stille und unendliche Weite spannt sich über das abgelegene Gehöft. Ein zehnjähriger Osttiroler Bub blickt fasziniert in das Flackern am Firmament. Irgendwo dort oben zieht ein Kleinplanet seine Bahnen, der 150 Jahre später entdeckt werden wird. Asteroid 1950 DD erhält 1993 den Namen Stampfer – nach dem Bauernbursch, dessen Laufbahn vom Hilfslehrer über den Professor für Elementarmathematik bis zum Mitbegründer der Österreichischen Akademie der Wissenschaften führt. Als vielseitiger Erfinder, der eine der Grundlagen der Cinematographie legt, geht er in die Geschichte ein.

Zurück ins Jahr 1800. Noch hat der zehnjährige Simon Stampfer keinen einzigen Tag die Schulbank gedrückt. Stattdessen muss das Simmerl als erstgeborenes von fünf Kindern auf den umliegenden Almen Ziegen hüten. Seine Eltern, Bartlmä und Magdalena Stampfer, die sich als Wanderweber und Taglöhner verdingen, haben sich kurz vor seiner Geburt am „Unterroaner-Hof“ zu „Gruben in der Seinize“ niedergelassen. Die Abgelegenheit des Gehöftes, noch mehr die fehlenden finanziellen Mittel verunmöglichen den Schulbesuch in Windischmatrei, wie Matrei in Osttirol damals genannt wird. Doch ist das nicht das einzige „Pech“ des Knaben. Bei Holzarbeiten trifft ihn ein Trumm und verletzt ihn schwer. Die Bewegungsfähigkeit des rechten Armes bleibt eingeschränkt und die Wunde am Kopf dürfte zu seiner späteren Schwerhörigkeit und schließlich Taubheit geführt haben. „Was soll aus dem Bub nur werden?“, mögen sich die Eltern über den von Statur schwächlichen Simon gedacht haben. Ein wohlhabender Bauer stiftet schließlich das Schulgeld, und der 11-Jährige findet Aufnahme im Matreier Pfarrhaus. Dekan Georg Brandstätter erkennt seine geis­tige Begabung und vermittelt Simon nach drei Jahren Volksschule in das Franziskanergymnasium nach Lienz. 

Als 1805 Napoleons Truppen einziehen und Tirol zu Bayern kommt, wird das Gymnasium 1807 geschlossen. Stampfer, der so spät erst seine Ausbildung beginnen durfte, lässt sich nicht beirren und tritt den Fußmarsch über den Felbertauern an. Völlig mittellos erreicht er Salzburg, wo er am Gymnasialunterricht teilnehmen darf, aufgrund des fehlenden Schulgeldes aber keine Noten bekommt. Einen Teil seines Unterhalts verdient sich der junge Mann mit Nachhilfeunterricht. Als 20-Jähriger besucht er erstmals Vorlesungen als ordentlicher Schüler. Als er 1811 einen Preis erhält, wird sein Alter mit 19 Jahren angegeben. Vermutlich aus Scham über seinen späten Schuleintritt dürfte der am 28. Oktober 1790 geborene Stampfer ein falsches Geburtsdatum angegeben haben. Seine Leistungen lassen jedoch nichts zu wünschen übrig. „Bey sehr dürftigen Umständen hat der Fleiß dieses jungen Mannes in mathematisch-physikalischen Fächern, die seinen Wünschen und Absichten vorzüglich zusagen, verhältnißmäßig ausgezeichnete und aller Empfehlung würdige Kenntnisse zu erringen gewußt“, vermerkt die Professorenschaft 1814 einhellig auf dem Zeugnis. Mit solchen Referenzen entschließt er sich, Lehrer zu werden. Bei der Lehramtsprüfung in München wird ihm jedoch nur eine durchschnittliche Leistung attestiert, wobei seine „Gabe des wissenschaftlichen und speculativen Denkens“ freilich mit „sehr gut“ beurteilt wird. Das reicht nicht, um eine Stelle in Bayern zu erhalten. Bei Stampfers Ehrgeiz eine ziemliche Enttäuschung, die er bei Lehramtsprüfungen in Innsbruck 1817 und 1818 erneut einstecken muss. Tirol geht damit ein bedeutender Wissenschaftler verloren. In Salzburg erhält er 1816 wenigstens eine Stelle als Hilfslehrer für angewandte und Elementarmathematik sowie Physik. 

Als Salzburg 1816 von Bayern zurück an Österreich fällt, gilt es, damit verbundene Grenzveränderungen zu vermessen. Mit August von Fallon und Karl Myrbach von Rheinfeld werden die tüchtigsten Geometer der Zeit zu Rate gezogen – und ein gewisser Simon Stampfer als wissenschaftlicher Berater. Der Mathematiker erweist sich als Experte, der „durch Angabe entsprechender Meßapparate und Vermessungsmethoden an der glücklichen Lösung der Aufgabe den wesentlichsten Antheil hatte“. In der Folge nimmt Stampfer an der Kastralvermessung der Monarchie teil. Zum Zwecke der Längengradmessung zwischen München, Wien und Prag, die zwischen 1818 und 1823 mittels Blickfeueroperationen auf dem Unters- und dem Schneeberg durchgeführt wird, bezieht er astronomische Berechnungen ein. Mit bescheidener Gerätschaft erreicht er etwa bei der Polhöhenmessung eine Genauigkeit, die noch Jahrzehnte später nicht übertroffen wird. Zudem nützt der gewiefte Physiker die Blicksignale, die 1822 durch Pöllerschüsse gegeben werden, zur Ermittlung der Schallgeschwindigkeit. „Das Mittel aus 88 Beobachtungen gibt 1025,9 Pariser Fuß als Bewegung des Schalles in einer Sekunde“, veröffentlicht er 1825 seine Erkenntnisse.

Schon 1815 hatte Stampfer begonnen, sich mit Astronomie zu beschäftigen und verschlang regelrecht alle Bücher, derer er zu diesem Thema habhaft werden konnte. 1816 durfte er sich im Turm des Schlosses Mirabell eine Sternwarte einrichten. Da der Bau nicht als Observatorium bestimmt war, musste der autodidaktische Astronom aus einer Dachluke den Nachthimmel be­obachten. Das bescheidene ­astronomische Labor ging verloren, als 1818 ein verheerendes Feuer den Turm einäscherte. Was Stampfer damals an Aufzeichnungen verloren ging, bleibt im Dunkel der Geschichte. Im Jahr zuvor hatte er Kontakt zur Sternwarte Kremsmünster aufgenommen, um an Fachliteratur zu kommen. In einem Dankesschreiben an dessen Vorstand, Pater Thaddäus Derfflinger, schreibt er: „Ich bitte um Nachsicht, dass ich Euer Hochwürden mit meinen astronomischen Nöthen belästigte; hier in Salzburg hat gar niemand Begriff oder Sinn dafür.“ Umso erfreulicher der Besuch Kremsmünsters im selben Jahr, wo er endlich mit modernen astronomischen Geräten hantieren konnte. Seine Verbindung zur Sternwarte hielt er bis zum Lebens­ende aufrecht.

Günstig standen die Sterne für Stampfers beruflichen wie privaten Lebensweg in den folgenden Jahren. Anfang 1819 wird der supplierende Gymnasiallehrer zum ordentlichen Professor der reinen Ele­mentar­mathematik am Lyceum Salzburg ernannt. 1822 heiratet er die um vier Jahre ­ältere Johanna Wagner und bezieht eine Wohnung in der heutigen Getreidegasse 13. Zu Neujahr 1824 wird die Tochter ­Maria Aloysia Johanna geboren, ein Jahr später erblickt der einzige Sohn Stampfers, Anton Simon Josef das Licht der Welt. Gipfelerlebnisse anderer Art erlebt er bei der „Glocknerfahrt“, die er mit seinem Freund Peter Karl Thurwieser – ein gebürtiger Kramsacher, der in Salzburg als Theologe wirkt – 1824 unternimmt. Ziel der beiden ist es, den Glockner, dessen Höhe lange Zeit nicht exakt bekannt war, neu zu vermessen. Thurwieser, der als Pionier der Alpinistik in die Geschichte eingehen sollte, bildet mit dem ­Forscher ein wissenschaftlich und menschlich kongeniales Duo. Wie Stampfer in seinem Bericht „Reise auf den Glockner im September 1824“ schildert, unterhalten sie sich beim Aufstieg über physikalische Phänomene, z. B. dass man beim Sturz in eine Gletscherspalte aufgrund des spitz zulaufenden Winkels wahrscheinlich zerquetscht würde. Doch auch für Späße sind die Herren zu haben. Nach einem Schlechtwettereinbruch schießen sie vom Kleinglockner Raketen und Feuerwerksstücke ab, was bei Bewohnern der umliegenden Bergdörfer, die dergleichen noch nie gesehen hatten, zu Erzählungen von übernatürlichen Phänomenen führt. Stampfers Messung der Altitude des Glockners von 11.758 französischen Metern (0,325 Meter) hielt zwar nicht bis zum heutigen Tage stand, doch fügte er mit diesem „Ausflug“ seinem Forscherdrang ein weiteres Kapi­tel hinzu. 

Den Zenit seiner wissenschaftlichen Karriere erreicht Stampfer 1825 mit seiner Berufung an das „k.k. Polytechnische Institut zu Wien“. Kaum jemandem aus derart einfacher Herkunft war  es vor ihm gelungen, eine Professur an einer der angesehensten Hochschulen Europas zu erreichen. Die Lehrkanzel für Praktische Geometrie ist die ­erste im deutschsprachigen Raum, an der Vermessungskunde als selbstständiger Gegenstand gelehrt wird. Stampfer wird zum Begründer einer einheitlichen Lehre des Fachs. Von praktischem Nutzen sind seine Logarithmisch-Trigonometrischen Tafeln, die seit der Erstveröffentlichung 1822 zig Auflagen erlebten und noch heute in den Universitäts­bibliotheken zu finden sind. Nachdem er 1826 mit seiner Familie nach Wien in die Taubstummengasse übersiedelt war, lebte er nicht nur als angesehener Hochschulprofessor, sondern wurde zu einem der facet­ten­reichsten Erfinder seiner Zeit.

Zunächst macht sich Stampfer um die Optik verdient. 1828 stellt er Untersuchungen über die Objektive des zwei Jahre zuvor verstorbenen Joseph Frauenhofer an. Dessen Konstruktion achromatischer Fernrohre war bahnbrechend, blieb aber ein Geheimnis. Stampfer konnte­ es lüften und lieferte die theo­retischen Grundlagen hoch­­­wertiger Optik, die bis heute noch von Bedeutung sind. Für seine eigenen Konstruk­tionen kam ihm die Feinmechanische Werkstätte des Polytechnischen Instituts zugute. In dem fabelhaften Mecha­niker Christoph Starke fand er einen Kompagnion und Freund, mit dem er viele Stunden verbrachte und hervorragende astronomische Instrumente entwickelte, die in alle Welt exportiert wurden. Des Weiteren entwickelte der Forscher ein einfacher zu handhabendes Planimeter, mit dem der Flächeninhalt einer Figur durch bloßes Umfahren des Umfangs mit einem Stift zu berechnen war. 1840 erhielt er den Auftrag, ein optisches Entfernungsmessgerät für Marinezwecke zu konstruieren, und für die „Weinvisierer“ – Finanz­beamte, die den Inhalt der Fässer prüfen mussten – kreierte er einen Visierstab. Da der Astronom sich auch mit der Genauigkeit von Zeitmessungen ­beschäftigte, wurde er 1838 beauftragt, das Uhrwerk des Rat­haus­­turms von Lemberg zu verbessern – natürlich mit Erfolg. Sekundengenauigkeit, was das Messen des Elevationswinkels anbelangt, erreicht Stampfer mit seinem Nivelier-Instrument, für das er 1836 ein Patent beantragte. Unter seinen zahlreichen Konstruktionen ging er mit jener in die Geschichte ein, für die er bereits 1833 sein Privi­leg – wie ein Patent damals hieß – erhalten hatte: das „Lebensrad“. 

Schon lange suchten Erfinder nach Möglichkeiten, Bewegung festzuhalten und als solche wiederzugeben. Ein auslösender ­Moment für die Beschäftigung mit der Wahrnehmung von Bewegung war das „Zaunphänomen“: Die Speichenräder eines fahrenden Wagens scheinen, durch einen Zaun gesehen, stillzustehen. Peter Mark Roger, der sich damit beschäftigte, stellte 1820 fest, dass eine Lampe, die alle Zehntelsekunden aufleuchtet, als permanentes Licht wahrgenomen wird. Aufgrund der Netzhautträgheit bleibt ein Bildeindruck auch nach der Lichteinwirkung für den Bruchteil einer Sekunde bestehen. Die Entdeckung des so genannten „stroboskopischen Effekts“ zog die Wissenschaftler in ihren Bann. Darunter Michael Faraday, der ­weltberühmte Naturforscher, dem das Wissen über den Elektromagnetismus zu verdanken ist. Er entwickelte die Faradaysche Scheibe – eine Zahnkranzscheibe, die bei bestimmten Geschwindigkeiten den Eindruck erweckt, stillzustehen oder sich rückwärts zu bewegen. Auf den Gedanken, den Lückenkranz der Scheibe mit Bildern einzelner Bewegungsphasen zu bemalen, kam Faraday nicht. Dafür – nicht selten in der Geschichte – zwei andere Wissenschaftler zur gleichen Zeit. Einer davon war der Brüsseler Professor Joseph Antoine Plateau. 1832 hat er die Idee, „das Stroboskop mit 16 Zeichnungen eines Tänzers zu füttern“. Sein „Phemakistikop“ beschreibt er in den Schriften „Sur un nouveau genre d’illusions d’optique“, und datiet die Erfindung mit 20. Jänner 1833. Stampfer hatte im Dezember 1832 mit Versuchen begonnen, stroboskopische Scheiben herzustellen. Bei der Einreichung seines „Lebensrades“ für ein österreichisches Privileg am 24. April 1833 erklärt er seine Erfindung: „Diese besteht darin, Figuren und farbige Formen, überhaupt Bilder aller möglichen Art, nach mathema­ti­­schen und physikalischen Gesetzen so zu zeichnen, dass, wenn dieselben mit gehöriger Schnelligkeit durch irgend einen Mechanismus vor dem Auge vorbeigeführt werden, während der Lichtstrahl beständig unterbrochen wird, die mannigfaltigsten optischen Täuschungen in zusammenhängenden Bewegungen und Handlungen dem Auge sich darstellen. Wobei diese Bilder am einfachsten auf Scheiben von Pappe oder irgend einem andern zweckmässigen Materiale gezeichnet werden, an deren Peripherie Löcher zum Durchsehen angebracht sind. Wenn diese Scheiben, einem Spiegel gegenüber, schnell um ihre Achsen gedreht werden, so zeigen sich dem Auge beim Durchsehen durch die Löcher die belebten Bilder im Spiegel.“Mit dieser Beschreibung hat der Erfinder bereits das Grundprinzip des Kinos umrissen. Als 1845 der österreichische Ingenieur Franz von Uchatius die Laterna magica, sprich die Projektion von Bildern, mit dem Lebensrad kombiniert, ist der nächste Schritt gesetzt. Thomas Alva Edison verwendet als erster perforierte Zelluloidfilme und erhält 1891 das Patent für sein Kinestokop – einen Guckkasten mit Kurbel, der später mit einem Elektromotor versehen wird. 1895 ist es dann soweit: Die Zuschauer warfen sich entsetzt in ihre Sitze zurück, als eine Dampf­lokomotive immer größer werdend auf sie zubrauste. Die Brüder Lumière hatten zum ersten Mal zuckende Bilder auf die Leinwand gezaubert. Die endgültige Geburtsstunde von Film und Kino.

Stampfers optische Zauberscheiben waren damals schon Geschichte, doch bleibt sein Verdienst, einen entscheidenden Markstein auf dem Weg zu den laufenden Bildern gesetzt zu haben. 1847 wird der hoch geachtete Wissenschaftler zum Mitglied der neu gegründeten Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften. Im Jahr darauf zieht er sich aufgrund seiner zunehmenden Schwerhörigkeit vom Lehramt zurück. Ein schwerer Schlag ist der Tod seines Sohnes, dem eine wissenschaftliche Karriere zugedacht war, und der jüngeren Tochter Barbara Maria, die 1850 kurz hintereinander an Lungentuberkulose sterben. Seine ältere Tochter Louise heiratete 1853 Stampfers Mitarbeiter Joseph Philip Herr und zieht mit ihm nach Graz, wo dieser als Profes­sor der Höheren Mathematik und Praktischen Geometrie am Johanneum lehrt. Am Weih­nachtsabend 1856 stirbt auch Stampfers Frau. Der praktisch taube, am rechten Arm gelähmte Witwer geht nur mehr selten aus der Wohnung, in der er sich eine kleine Sternwarte eingerichtet hatte. Turmspitzen, Mauerkanten und ­Blitzableiter dienten ihm zu Messungen. Unzählige Stern­durch­gän­ge­ beobachtete der betagte Simon Stampfer. Allein, der Kleinplanet, der einmal seinen Namen bekommen sollte, blieb ihm auch jetzt noch verborgen.  Olaf Sailer 

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