Magische Momente

Christian Josef Tschuggmall. Allein die Fertigkeiten, die er sich aneignete, hätten für sieben Leben gereicht und mit seinem mechanischen Theater begeisterte er die Menschen bis nach Russland. Der Pitztaler war ein erstaunlicher Lebenskünstler und ein Stehaufmännchen in Zeiten des Elends.

Der Bajazzo klackert linkisch am Arm seines Herrn. Ein bisschen lächerlich sieht er aus in seiner rot-weiß gestreiften Pluderhose, dem roten Mäntelchen und der weißen Halskrause. Zu allem Überfluss bedeckt auch noch eine rote Zipfelmütze das quirligweiße Haar. Mit kalkigem Gesichtchen und blutroten Wangen starrt der Kleine in den Zuschauerraum. 

„Verehrtes Publikum, jetzt ist er noch tot, aber gleich wird er zum Leben erwachen und alles tun, was ein Bajazzo gerne tut“, sagt der Zirkusdirektor mit volltönender Stimme in die erwartungsvolle Menge hinein. Dann hebt er den schlaffen Körper hoch, trägt ihn zum hölzernen Esel mit den eisernen Speichenrädern und setzt ihn auf dessen Rücken. Im selben Augenblick zucken die Lebensgeister wie ein Stromschlag in den Leib des Bajazzo und den des Reittieres. Der Hanswurst dreht den Kopf zum Publikum, rollt lausbübisch mit den Augen und zieht den Esel an den Ohren, derweil dieser verdattert  den Kopf in die Höhe reißt, mit dem Schwanz wedelt und sich aufgeschreckt im Kreis dreht. Während die Zuschauer gebannt die Szene beobachten, holt der Meister schon die nächste Figur.

Acht Jahre hat Christian Josef Tschuggmall an seinem „mechanischen Kunst-Theater“ gebaut, nun präsentiert der Autodidakt ein schier unerschöpfliches Pandämonium  an Automaten-Figuren. Bald werden er und sein Kabinett europaweit in aller Munde sein. Das Blatt wendet sich ­wieder einmal für einen Mann, dessen Lebensgeschichte bereits zu diesem Zeitpunkt mühelos für einen Abenteuerroman reichen würde.

Denn dem 1785 in Wenns geborenen Multitalent wird im Leben nichts geschenkt. Der Vater, ein notorischer Säufer, ist selten daheim und die geplagte Mutter, die fünf Kinder alleine durchbringen muss, hat kein Ohr für die Wünsche ihres ältesten Sohnes. Nur drei Monate darf er die Schule besuchen, dann muss er wieder zuhause das Vieh hüten. Dabei würde der geschickte Junge so gerne eine Lehre beim Tischler im Dorf machen. Heimlich schleicht er sich in die Werkstatt und verinnerlicht jede Handbewegung, jede Erklärung des Meisters. Als die Mutter ihm auf die Schliche kommt, hagelt es nicht nur bittere Vorwürfe, sondern auch kräftige Hiebe. Daraufhin reißt  der 10-Jährige aus und schlägt sich bis nach Memmingen im Allgäu durch. Erst als die Mutter ihm verspricht, dass er sich nicht nur Werkzeug kaufen, sondern auch hie und da die Werkstatt des Schreiners besuchen darf, ist er bereit, nach Hause zurückzukehren.

Schon bald darauf haut er tief enttäuscht wieder ab. Ein entfernter Verwandter bietet dem begabten Burschen an, bei ihm in Wien das Bildhauerhandwerk zu lernen, aber die Mutter lehnt dies rundweg ab. Diesmal kommt der widerborstige Junge bis nach Zürich, wo er eine Anstellung als Laufbursche kriegt. Neugierig wie er ist, lässt er sich einmal hinreißen und gibt das Einkaufsgeld für die Vorstellung eines Seiltänzers aus. Vor lauter Scham darüber flüchtet er zurück nach Wenns.

Nun endlich darf er das Tischlerhandwerk erlernen und mit 18 Jahren kehrt er seinem Heimatdorf den Rücken und beginnt, in Imst als Maschinist zu arbeiten. Der Bursche ist dermaßen schnell von Begriff, dass er binnen kürzester Zeit sein Können perfektioniert. Doch einigen in der Marktgemeinde schmeckt der Erfolg des Pitztalers überhaupt nicht und so verprügeln sie ihn derart brutal, dass er über ein Jahr an den Folgen zu leiden hat. Schlussendlich kehrt er völlig mittellos wieder in sein Dorf zurück, heiratet die Imsterin Elisabeth Posch und übersiedelt nach Schwaz.

Doch rächt sich für ihn nun schmerzhaft, dass seine Mutter das Lehrgeld nie bezahlen konnte und er daher keine abgeschlossene Ausbildung als Tischler hat. Denn sowohl in der Silberstadt als auch später im Engadin, wo er im Handumdrehen einer der gefragtesten Handwerker wird, vertreiben ihn die ansässigen Zunftmeister. So übersiedelt der Wenner mit seiner mittlerweile fünfköpfigen Familie nach Vorarlberg, wo er sich als Drechsler und Büchsenmacher betätigt und eine kleine Landwirtschaft erwirbt. Aber das Leben meint es einfach nicht gut mit dem vielseitigen Mann.

In den Hungerjahren 1816 und 1817 gehen seine Einnahmen so drastisch zurück, dass er beinahe all seine Habe verkaufen muss, um die Familie mit dem Nötigsten zu versorgen. Sein Schwager, Domprediger in Brixen, rettet ihn aus dieser prekären Situation und holt seine Verwandten ins Eisacktal. Karl Franz Graf Lodron, Fürstbischof von Brixen, ist sehr angetan von der Fingerfertigkeit des Nordtirolers und deckt ihn mit Aufträgen ein; Tschuggmall übt sich alsbald als Uhrenflicker und als Schnitzer von Krippenfiguren. Da die Stadt keinen Seifensieder hat, bringt sich der Autodidakt kurzerhand auch diese Profession bei und eröffnet mit der finanziellen Hilfe seiner Freunde einen Betrieb in der Bischofsresidenz.

Und schon wieder schlägt das Schicksal unbarmherzig zu. Bei einem Hochwasser verliert er nicht nur die Werkstatt, sondern auch das Haus. Ihm bleibt nichts anderes übrig, als sich als Kohlenbrenner und Holzfäller durchzuschlagen. Dabei verletzt sich Tschuggmall mit einer Axt so schwer, dass er ein halbes Jahr mit Krücken gehen muss. In diese Zeit fällt dann ein Ereignis, das sein Dasein endlich wieder in eine positive Richtung lenkt. 

Ein Kunsttischler und Krippenschnitzer führt in der Bischofsresidenz seine „mechanischen Kunst­reiter und Seiltänzer vor“ und Lodron ist dermaßen angetan von den „Automaten“, dass er Tschuggmall beauftragt, ein Figurenkabinett zu bauen. Um 1820 beginnt der talentierte Mann, die ersten her­zustellen, und das ohne Vor­lage, denn er soll die Darbietung nicht selbst gesehen ­haben, sondern nur aus den Erzählungen des Fürstbischofs kennen. 

Und weil er es für die Fertigung der Figuren braucht, bringt er sich auch noch ganz nebenbei die Handwerke des Schlossers, des Schmieds, des Bildhauers und des Uhrmachers bei. Er verbeißt sich in die Idee, die Natur mit Hilfe der Mechanik nachzubilden und tüftelt über den richtigen Proportionen ebenso wie über der größtmöglichen Beweglichkeit der Glieder und Gelenke. Bis ins Detail wirklichkeitsgetreu sollen seine Geschöpfe werden und für die Perücken verwendet Tschuggmall Echthaar. Schließlich will er kein gewöhnliches Puppenspiel schaffen, sondern ein „als Bereicherung der höheren Mathematik und Physik anerkanntes Kunsttheater“, wie er später auf einem Ankündigungsplakat betont.

Tschuggmalls „mechanisches Kunst- und Automatentheater“ kommt derart gut an, dass er beschließt, mit dem Kabinett die Welt zu erobern. Also macht er sich mit seiner Familie auf eine „Kunstreise“, die ihn zunächst über Oberitalien, Süddeutschland bis nach Wien führt, wo er am 3. April 1830 eine Vorstellung am kaiserlichen Hof gibt. Von dort zieht er weiter nach Prag, Dresden und Hannover wieder zurück nach Österreich, später nach Galizien, Petersburg und Moskau.

Die Leute sind hingerissen von seinen kunstvoll gefertigten Figuren, die so lebensecht wirken und die unglaublichs­ten Kunststücke vollbringen. Auch Tschuggmall selbst, der bei den Vorführungen geistreiche und witzige Zwiegespräche mit seinen Seiltänzern, Kunstreitern und Harlekinen führt, wird bejubelt. Er ist gern gesehener Gast an den Adelshöfen in Österreich, Ungarn, Deutschland, Polen und Russland. „Der Kaiser von Russland beschenkte den Künstler mit einem Brillantring, die Kaiserin ließ sich seine Familie vorführen und der König von Sachsen beehrte ihn mit einem Privatbesuche“, steht in der „Tiroler Zither“ vom 23. Februar 1852.

Nach über zehn Jahren auf Achse gönnt sich der Automatenbauer endlich eine längere Pause, repariert die mittlerweile arg mitgenommenen Figuren und verfasst einen Bericht über die teils äußerst gefährlichen Erlebnisse in Russland. Den Niedergang des mechanischen Theaters erlebt Tschuggmall nur noch in ­Ansätzen mit. Auf seiner nächs­ten großen Tour, die ihn wieder durch den deutschsprachigen Raum führt, erleidet der mittlerweile 60-Jährige einen tödlichen Schlaganfall. Susanne Gurschler

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