Spatzenmahl

Die Schere zwischen Arm und Reich ging um 1500 weit auseinander – während Adel und Bürgertum in Luxus schwelgten, war für den Großteil der Bevölkerung Schmalhans Küchenmeister.

Wenn es um die tatsächlichen Essgewohnheiten der Bevölkerung um 1500 geht, ist wenig so aussagekräftig, wie der Inhalt der Latrinen. Als ergiebig erwies sich etwa die Grabung „Goldener Engl“ in Hall. In der Latrinengrube 1 fanden die Stadtarchäologen Tierknochen von mindestens 35 Vogelarten, von der Meise bis zum Adler . Ob groß, ob klein, ob mächtiger Greifer oder zarter Singvogel – man war offensichtlich nicht wählerisch, wenn es darum ging, das tägliche Einerlei mit etwas Fleisch aufzupeppen. 

Während Adelige und das durch Handel und Bergbau reich gewordene Bürgertum rauschende Feste feierten, aufkredenzten, dass sich die Tischplatten bogen, war das Leben der einfachen Bevölkerung durch magere, einseitige Kost geprägt. In ihrem Leben ging es vor allem um eines: Täglich die knurrenden Mägen zu füllen.

Der Bergbau, der Hall und Schwaz zu blühenden Metropolen in Tirol gemacht hatte, war Fluch und Segen zugleich. So schwoll Schwaz binnen kürzester Zeit zur mächtigen Metropole an mit all den Nebenerscheinungen, die der plötzliche Aufschwung mit sich brachte. Während Händler und Gewerken sich eine silberne Nase verdienten, dem Adel nacheiferten und sich im Zentrum herrschaftliche Häuser errichteten, wuchsen am Ortsrand unkontrolliert die einfachen Siedlungen der Knappen und die schäbigen Unterkünfte der Tagelöhner. Von überall her strömten Menschen in die Silberstadt auf der Suche nach Arbeit und gesichertem Einkommen. Zumal auch im ländlichen Bereich alles andere als Überfluss herrschte. 

Das bäuerliche Dasein war geprägt von großen Unsicherheiten. Krankheiten, Missernten oder Viehseuchen, aber auch Kriege konnten eine Familie mit einem Schlag in die Armut katapultieren. Dazu kam die Willkür der Herrschenden und Feudalherren, die ihre Vorratskammern auf Kosten der hart arbeitenden, einfachen Bevölkerung füllten. Trotz aufkommender Dreifelderwirtschaft, Mastbetrieben und viel versprechender Veredelungsformen bei Obst- und Gemüsebau profitierten vor allem Adel und Bürgertum von den neuen Errungenschaften. Der Großteil der Landbevölkerung fristete ein karges Dasein. Wie prekär die Situation der ländlichen Bevölkerung um 1500 war, zeigte sich im Aufstand 1525. Unter der Führung des bischöflichen Schreibers Michael Gaismair erhoben sich die Bauern und forderten neben Jagd- und Fischereirechten, auch eine Reduktion der Steuern, Sonderabgaben und Arbeitsverpflichtungen, die den ohnehin schwer schuftenden Stand enorm belasteten – maßgeblich verbessern konnten sie ihre Situation mit der Revolte aber nicht.

Hauptnahrungsmittel der ländlichen Bevölkerung waren Hafer und Gerste, die zu einem wässrigen Brei verkocht wurden. Dazu kamen Rüben, Kraut und Kohl. Fleisch war ein Luxusgut und kam meistens nur auf den Tisch, wenn eines der Arbeitstiere seinen Dienst nicht mehr verrichten konnte. Vom Euter bis zur Klaue wurde alles verwertet, zähes Fleisch einfach so lange gekocht, bis es auseinanderfiel. Gang und gäbe waren nach wie vor offene Feuerstellen, über denen das magere Mahl brodelte. Während Adel und Bürgertum aus wertvollen Keramiktellern löffelten, aus Gold-, Silber- und Glasbechern schlürften, wurde bei den einfachen Leuten wenn nicht direkt aus der Pfanne, dann aus Holzgeschirr geschöpft. Löffel und Messer gehörten zum persönlichen Eigentum, das man bei sich trug. Nur wohlhabende Bauern besaßen edleres Geschirr für besondere Anlässe. Der einseitige Speiseplan der Kraut- und Rübenfresser, wie die Landbewohner abschätzig genannt wurden, führte natürlich zu zahlreichen Mangelerkrankungen und ließ die Lebenserwartung deutlich sinken.

Ein großes Gefälle gab es auch zwischen Groß- und Kleinbauern sowie Kleinhäuslern – von den Mägden und Knechten ganz zu schweigen, die ihr Dasein in totaler Abhängigkeit fristeten. Kein Wunder also, dass aufstrebende Zentren gerade arme Leute magisch anzogen. Glück hatten die wenigsten. Weit mehr als die Hälfte der Bevölkerung in den urbanen Gebieten drohte latent unter das Existenzminimum zu rutschen, rund zehn Prozent lebten überhaupt von der Bettelei, 20 Prozent waren zumindest gelegentlich auf Almosen angewiesen. Auch die Einkommensschere bei sicheren Jobs ging weit auseinander. Eindeutiger Spitzenverdiener in Hall zum Beispiel war der Münzmeister. Dessen jährliches Salär betrug 300 Taler bzw. Gulden, während ein Stadtknecht mit 20 über die Runden kommen musste. Das alles aber waren Peanuts gegenüber dem, was Adel und Herrschende an Einkünften verbuchen konnten. In seiner allegorischen Autobiografie „Weisskunig“ beziffert Kaiser Maximilian I. seinen jährlichen Ertrag allein aus dem Silberbergwerk Schwaz mit 150.000 Gulden.

Die stetig wachsende Bevölkerung in den florierenden Zentren konnte längst nicht mehr allein durch die Erträge aus dem Umland versorgt werden. Große Mengen an Lebensmitteln wurden von weit hergeschafft. Steigende Nachfrage und teurer Transport führten dazu, dass selbst Grundnahrungsmittel empfindlich teurer wurden. Die Konsequenzen spürten insbesondere die ärmeren Bevölkerungsschichten ganz unmittelbar. Rund 80 Prozent ihres Einkommens gaben die Menschen damals für Essen und Trinken aus. Eine gigantische Zahl, wenn man bedenkt, dass heute nur noch rund 15 Prozent des Lohns dafür aufgewendet werden. In Schwaz lagen die Preise für Lebensmittel im 16. Jahrhundert weit über dem österreichischen Durchschnitt, was immer wieder für großen Unmut insbesondere bei den Knappen führte.

 Die meisten von ihnen waren Zugewanderte, waren etwa aus Böhmen und Sachsen in die Tiroler Berge gekommen und kaum integriert. Nicht nur ihre raue Art, auch ihr oft zügelloser Lebenswandel sowie ihre zahlreichen Privilegien wurden von Einheimischen und Kirche misstrauisch beobachtet und sorgten immer wieder für Reibereien. Andererseits profitierten gerade die Wirtsleute massiv von der Trinkfreudigkeit der Bergleute, die ihre harte und lebensgefährliche Tätigkeit unter Tage mit großen Mengen an Alkohol wegspülten. Zudem ließ die Bevölkerungsdichte Handel und Handwerk blühen. Viele Knappen versorgten sich zwar teilweise über ihre eigenen kleinen Äcker oder holten sich Lebensmittel von den Bauernhöfen in der Umgebung, doch für die Schwazer Lebensmittelhändler blieb genügend Nachfrage, wie die hohe Zahl allein an Bäckern und Metzgern zur damaligen Zeit zeigt.

Im Gegensatz zu anderen Bevölkerungsschichten landete bei den Knappen häufig Fleisch im Topf. Sie wurden nämlich zum Teil in Naturalien bezahlt, wobei Fleisch als „allererste Leibesnahrung“ angesehen wurde, deren Fehlen die Arbeitsleistung herabsetzen könnte. So veranschlagte der Gewerke Melchior Putz alle 14 Tage zwei Pfund Schmalz und zwei Pfund Schweinefleisch pro Knappen. Bei rund 6500 Bergleuten, die 1526 allein in den Revieren Falkenstein und Ringenwechsel beschäftigt waren, bedeutete dies einen Bedarf an rund 314.000 Pfund Fleisch und noch einmal so viel Schmalz. Laut einem Schreiben der Landesregierung brauchten die Schwazer neben einer großen Zahl an Kleinvieh 90 Ochsen in der Woche. Dazu kam ein enormer Absatz an Brot, wurde doch der Bedarf einer durchschnittlichen Knappenfamilie mit fünf Laib pro Woche veranschlagt. Der Silbersegen traf so insbesondere Bäcker und Metzger. 

Sie dürften ihre versorgungsmäßig bedeutende Stellung weidlich ausgenutzt haben. Jedenfalls gab es immer wieder massive Beschwerden über unverhältnismäßig hohe Preise. Die Knappen drohten nicht nur einmal mit Streik, was die öffentliche Hand veranlasste, regulierend einzugreifen. Dabei waren die Bergleute gegenüber dem Rest der Bevölkerung ohnehin privilegiert. Die Einkäufe beim Bäcker etwa waren am Vormittag ausschließlich Knappen und ihren Familien vorbehalten. Erst am Nachmittag durften die anderen bedient werden. Wie stark Handwerk und Gewerbe sowie Bergbau in Schwaz ineinander verflochten waren, zeigt sich nicht zuletzt darin, dass mit dem Niedergang des Erzabbaus insbesondere auch viele ihre Einkünfte verloren. Nur wenige der Betriebe überlebten die Krise – viele Menschen verarmten wieder.

Ihr Alltag war geprägt von der Sorge, den nagenden Hunger zu stillen. Nur die Privilegierten, nur Adel, Klerus und Großbürgertum konnten sich weiterhin an reich gedeckte Tische setzen, die sich unter verschwenderisch zubereiteten Gerichten bogen. Für den Großteil der Tiroler Bevölkerung blieb schon ein gesottener Vogel, hie und da ein kleines Stückchen Fleisch kostbare und delikate Abwechslung im täglichen Brei-Einerlei.  
Susanne Gurschler

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