Alpines Utopia

Michael Gaismair hat als Bauernführer für die Utopie einer gerechteren Welt gekämpft und dafür mit seinem Leben bezahlt.

Bergbauernkind, Bauernführer, Utopist, Karrierist, Rebell, Visionär, Pfaffenfresser – das sind nur einige Bezeichnungen, auf die man stößt, wenn man sich näher mit dem Südtiroler Michael Gaismair beschäftigt. Geboren wurde Gaismair um das Jahr 1490 in Tschöfs bei Sterzing. Tatsächlich war sein Vater Jacob Bergbauer, wer das aber automatisch mit Not und Armut gleichsetzt, liegt falsch. Gewiss, die Bewirtschaftung eines Bauernhofes im Mittelalter, noch dazu im alpinen Raum, wird ein heute unvorstellbar hart verdientes Brot gewesen sein und kaum genug zum Leben abgeworfen haben. Aber diese Vorstellung ist wohl mehr Klischee als Wahrheit. Zumindest was die Gaismairs betrifft. Vater Jacob hatte sich bereits vor der Geburt Michaels die Schürfrechte an drei Grubenfeldern gesichert, und auch wenn das Silbervorkommen mit dem in Schwaz nicht verglichen werden konnte, einen veritablen Zusatzverdienst bedeutete die mühsame Arbeit im Berg allemal. Die Gaismairs wurden zusehends vermögender und Jacob konnte seinen Besitz stetig mehren.

Kein schlechter Start also ins Leben für Michael Gaismair. Da er als zweitgeborener Sohn nicht das Erbe seines Vaters übernehmen konnte, schickte der bildungs- und standesbewusste Jacob Gaismair seinen Sohn auf die Lateinschule nach Sterzing. Geleitet vom Deutschen Orden, wurden die Schüler in den sogenannten sieben freien Künsten unterrichtet, darunter Logik und Rhetorik. Vor allem Letzteres sollte für das Leben des Michael Gais­mair noch eine bedeutende Rolle spielen.

Nicht zu einhundert Prozent historisch gesichert, dafür aber höchstwahrscheinlich, hat Michael Gaismair nach erfolgreichem Abschluss der Lateinschule in Padua das Studium der Rechtswissenschaften aufgenommen. Für einen Nichtadeligen wie ihn war dieses Studium die einzige Möglichkeit, im Staatsdienst unterzukommen.

Nach dem Examen in Padua und der Heirat mit Margarete zogen die Gaismairs nach Nordtirol, genauer gesagt nach Schwaz, in die damalige Welthauptstadt des Silber-Bergbaus. Gaismair war einer von 30 sogenannten Grubenschreibern und er wird damals bereits auf zahlreiche soziale Ungerechtigkeiten gestoßen sein. Aus dieser Zeit gibt es einen Beschwerdebrief an den Innsbrucker Hof, in dem die Schwazer Bergknappen in siebzehn angeführten Punkten eine Verbesserung ihrer Arbeits- und Lebensbedingungen fordern. Verfasst hat das Schreiben Michael Gaismair und es ist das erste Beispiel, in dem er sich für Benachteiligte einsetzt. Genützt hat der Brief de facto nichts.

Weitaus prägender sollte sich für Gaismair der nächste Schritt auf der Karriereleiter erweisen. Spätestens ab Juli 1518 ist er als Schreiber für den Landeshauptmann von Südtirol, Leonhard von Völs, tätig. Dieser entsprach nun wirklich nicht dem Bild des gütigen Landesvaters, sein Regierungsstil war eindeutig auf die persönliche Vorteilnahme ausgerichtet, eine Tatsache, die Gaismair nicht entgangen sein konnte. Aber wie konnte das Gaismair mit seinem Sinn für Gerechtigkeit vereinbaren? Zu diesem Zeitpunkt war ihm seine Karriere offenbar wichtiger und er hielt deswegen den Mund, wo er glaubte, den Mund halten zu müssen. Gerechtigkeit ja – aber dafür das hohe Einkommen und das erworbene Sozialprestige riskieren? 

Martin Luther veränderte in jenen Tagen mit seinen im Jahr 1517 in Wittenberg angeschlagenen Thesen die christliche Glaubenswelt, auch Gaismair hatte von den Schriften Luthers Kenntnis. Grundsätzlich fühlte sich das „offizielle Tirol“ kaum von den Lehren Luthers bedroht, von der katholischen Kirche natürlich abgesehen. Die hohe Geistlichkeit, die Klosterherren und Bischöfe sahen zusehends ihre Privilegien gefährdet, ein Umstand, der wiederum den anderen Ständen nicht schlecht ins Konzept passte: Verliert die Kirche Privilegien, dann wird man diese vielleicht für sich selbst in Anspruch nehmen können.

Michael Gaismair war mittlerweile zum Landtagschreiber aufgestiegen, als sich am 14. Juli 1524 in Bruneck etwas Unerhörtes ereignete: Peter Pässler, ein Fischer aus Antholz, wirft in einem angeschlagenen Schreiben der gesamten Stadt Bruneck inklusive dem Bischof den Fehdehandschuh hin. Hintergrund ist ein Streit um Fischereirechte, die der Bischof von Bruneck dem Pässler entzogen hatte. Weil Peter Pässler seinem Nachfolger aber unentwegt den Zugang zu den Fischgründen verunmöglicht, wird er schließlich verhaftet. Am 9. Mai 1525 soll es in Brixen zur Verhandlung und der damit verbundenen Hinrichtung Peter Pässlers kommen. Aber eine Gruppe von bewaffneten Bauern stürmt den Richtplatz und befreit den Todeskandidaten. Dieser 9. Mai 1525 gilt als der Beginn der Tiroler Bauernkriege. 

Michael Gaismair hatte zu dieser Zeit das Vertrauen seines Dienstherrn Leonhard von Völs verspielt, denn er soll bei der Rekrutierung von Söldnern für den Landeshauptmann in die Kassa gegriffen haben. Zu belegen ist das nicht mehr, aber eine andere Erklärung für den dramatischen Karriereknick ist bis heute nicht zu finden. 

Degradiert zum einfachen Schreiber, zeigte sich bei Gaismair nun vermehrt seine rebellische Ader. Ist er im stürmischen Mai 1525 nur einer von vier Sprechern der aufständischen Bauern, so ist er schon wenige Wochen später der von allen respektierte Anführer. Seine Intelligenz, seine hervorragende Rhetorik und sein großes militärisches Geschick prädestinieren ihn dazu. Die Bauern besetzen und plündern in Südtirol immer mehr Klöster und Burgen, die Revolution ist nicht mehr aufzuhalten. Gaismair steht permanent in regem Kontakt mit den Aufständischen in Bayern und der Schweiz, denn überall in Mitteleuropa erheben sich die Bauern gleichzeitig.

Noch im Mai 1525, mittlerweile von den Aufständischen zum Hauptmann ernannt, präsentiert Gaismair mit den Meraner Artikeln eine erste Tiroler Landesordnung, die einer Kriegserklärung gegen Klerus und Adel gleichkommt. Alles was Kutte trägt, soll aus den Klöstern verschwinden, aller Besitz der Geistlichkeit unter den Bedürftigen aufgeteilt werden. Alle bisherigen Abgaben an adelige Feudalherren werden ersatzlos gestrichen und jeder darf nur so viel Land besitzen, wie er selbst bewirtschaften kann. Weiters wird eine unabhängige Justiz gefordert, damals etwas völlig Unvorstellbares. Die Macht des Erzherzogs wird von Gaismairs radikaler Landesordnung nicht angegriffen, im Gegenteil: Er soll die Alleinhoheit über sämtliche Steuern, Abgaben, Zölle etc. innehaben. Die Landesordnung Gaismairs zeigt durchaus Parallelen zu den Augsburger „Zwölf Artikeln“, eine Kopie ist sie nicht. Die Bauernrebellen nehmen das revolutionäre Programm mit großer Begeisterung an, in der Innsbrucker Hofburg bricht Panik und Hektik aus, denn einen Bauernkrieg im eigenen Land kann Ferdinand I. weiß Gott nicht gebrauchen.

Auf einem Pseudo-Landtag im Juni und Juli 1525 werden die Forderungen vierzig Tage lang von allen Ständen, außer dem davon dezidiert ausgeschlossenen Klerus, diskutiert, allein 200 Bauerndelegierte waren nach Inns­bruck gekommen. Doch das Blatt wendet sich, während des Landtags machen Berichte von schweren Niederlagen der Bauern im Elsass, in Thüringen und Franken die Runde. Ferdinand war letzten Endes nur zu lächerlichen Zugeständnissen bereit. Gaismair musste als Hauptmann abdanken, alle dem Klerus geraubten Güter und Gelder mussten rückerstattet werden. 

Im August 1525 wird Gaismair unter einem Vorwand nach Innsbruck gelockt und dort verhaftet. Nach erfolgreicher Flucht im Oktober taucht der Bauernführer vorerst in seiner alten Heimat unter, bevor er Ende des Jahres nach Zürich reist und dort mit dem Reformator Ulrich Zwingli Kontakt aufnimmt. Gaismair schart ein ganzes Heer Getreuer um sich und 1526 schreibt er seine zweite Tiroler Landesordnung, die noch radikaler als die erste ist und im Prinzip das Modell einer egalitären, agrarkommunistischen Gesellschaft darstellt. Utopia in den Alpen.

Noch im selben Jahr kommt er mit seiner Bauernarmee den Aufständischen im Salzburger Radstadt zu Hilfe, der Einsatz scheitert aber und Gaismair muss Hals über Kopf flüchten. In Tirol kann er nicht mehr bleiben, er wird per Steckbrief gesucht, tot oder lebendig. In Venedig erhalten Gaismair und die ihm verbliebenen Getreuen Asyl. Er tritt in die venezianische Armee ein und verfolgt weiterhin das Ziel, gemeinsam mit Tiroler und Trentiner Bauern gegen die landesfürstlichen Truppen zu kämpfen. Zu mehr als einigen Scharmützeln kommt es nicht mehr, denn 1527 schließt Venedig Frieden und kann nun keinen Bauernrebellen und keine Bauernarmee mehr im Land brauchen.

Gaismair geht mit seiner Familie nach Padua, wo er am 15. April 1532 von gedungenen Mördern mit 40 Messerstichen niedergestreckt wird. Auftraggeber wird wohl direkt Erzherzog Ferdinand gewesen sein, auch wenn endgültige Beweise dafür fehlen.

Michael Gaismair hat für eine gerechtere Welt gekämpft und er hat verloren. Seine Utopie von einer auf Gleichheit beruhenden Gesellschaftsordnung hat sich bis heute nicht erfüllt. Zumindest nicht überall.  
Gernot Zimmermann

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