Die Dynastie erwacht

In knapp zwei Jahrhunderten gelang der Familie Habsburg der Sprung von der kleinen ­eidgenössischen Grafschaft hin zum europäischen Weltreich. Militärische Stärke und ­gelungene (Heirats-)Politik gingen von Anbeginn Hand in Hand.

Der erste Irrtum war sein greises Alter, welches ihm wohl nur eine kurze Schaffenszeit ermöglichen würde. Der zweite Irrtum war, ihn als militärischen Schwächling einzuschätzen. Der dritte Irrtum betraf seine geringe politische Durchsetzungskraft. Rudolf von Habsburg war für das Kurfürstenkollegium der optimale Kompromisskandidat für die Würde des römisch-deutschen Königs. Seit dem Tod des letzten Kaisers, Friedrich II., dem großen Staufer, darbte das heilige römische Reich über 20 Jahre ohne Oberhaupt dahin. Innere Unruhen und Druck von Seiten des Vatikans setzten die deutschen Kurfürsten unter Zugzwang, dieser führungslosen Zeit ein Ende zu bereiten. Nachdem diese Epoche jedoch ohne übergeordnete Gewalt für die deutschen Fürsten, Grafen, Vögte oder Bischöfe durchaus nutzbringend war, fiel der Vorschlag des Burggrafen von Nürnberg auf fruchtbaren Boden. Rudolf von Habsburg war ideal. Alt. Schwach. Unbedeutend.

Der Graf aus dem nordschweizerischen Kanton Aargau wusste die Gunst der Stunde zu nutzen. Als er 1291 in Speyer, der alten Kaiserstadt am Rhein, an der Seite des letzten Staufers seine letzte Ruhe fand, war sein Werk für die Geschichte Europas, für die deutschen Lande, vor allem aber für das Hause Habsburg vollbracht. Rudolf I. begründete mit seinem Schaffen eine fast sieben Jahrhunderte überdauernde Dynastie.

Die Unterschätzung seiner Person, seiner Ambitionen verhalf Rudolf I. nicht nur zur römisch-deutschen Königswahl, auch brachte sie ihm sogleich die zuerst politische, später militärische Auseinandersetzung mit einem der mächtigsten Männer seiner Zeit – König Ottokar II. von Böhmen. Seit seiner Krönung im Jahre 1253 erweiterte Ottokar sein Herrschaftsgebiet bis 1270 kontinuierlich: Die Herzogtümer Österreich, Steiermark, Kärnten und Krain sicherte sich der Böhmenkönig durch Heiratspolitik sowie militärische Macht und war somit zum Zeitpunkt der Wahl Rudolfs der Machtfaktor in Mitteleuropa – somit seiner Ansicht nach die einzig würdige Wahlmöglichkeit. Die Königswahl Rudolfs im Jahre 1273 stellte für Ottokar einen solchen Affront dar, dass er den neuen römisch-deutschen König verächtlich als „armen Grafen, mit dem er schon fertigwerden würde“ bezeichnete. Eine absolute Fehleinschätzung, die Rudolf die Möglichkeit in die Hand gab, seine Position als römisch-deutscher König zum Wohle seiner Habsburgerfamilie zu nutzen.

Nachdem Ottokar die Wahl Rudolfs nicht anerkannte, Vorladungen zu Reichstagen missachtete und Reichslehen schuldig blieb, wurde der böhmische Herrscher 1275 wegen „nachgewiesenen Ungehorsams und unterlassener Lehensnahme“ seiner Länder für verlustig erklärt und aufgefordert, das entfremdete Reichsgut zurückzugeben. Rudolf versuchte damit, politischen Druck auf seinen Gegenspieler auszuüben, was jedoch – trotz verlässlicher Unterstützer – noch nicht zum gewünschten Ergebnis führte: „Soll ich eurem Herrn zwei solche Lande wie Österreich und Steir voll Furcht nach Schwaben senden? Eher soll noch mancher frohe Geier Fraß finden, ehe er mir‘s aberdroht und aberzwingt“, ließ Ottokar Rudolfs politische Lanze ins Leere laufen. Der Habsburger nahm den böhmischen Fehdehandschuh auf, ließ den Böhmen mit dem Kirchenbann belegen und zog mit einem beachtlichen Reichsheer Richtung Osten. Bei Klosterneuburg trifft er auf seinen Widersacher, nach wochenlanger Belagerung muss sich Ottokar dem römisch-deutschen König beugen, Österreich, die Steiermark, Kärnten und die Krain an den Habsburger abtreten. Sein Königreich Böhmen und Mähren darf er als Reichslehen behalten. Vorerst.

Ein, vor allem politischer, Erfolg des Habsburgers, der seine Stammlande am Rhein um die neuen und künftigen Habsburgerlande an der Donau erweitert. Auch wenn bereits 1278 Ottokar auf Revanche aus war – und die erste sich bieten wollende Möglichkeit ergriff. Rudolf war den Kurfürsten zu mächtig geworden, die Wiener bereiteten einen Aufstand gegen den neuen Herrscher vor und die hohen Steuern Rudolfs stießen beim Adel, der Geistlichkeit und den Bürgern seiner österreichischen Lande wahrlich nicht auf Gegenliebe. Noch dazu hatte sich das erfolgreiche Reichsheer von 1276 in alle Richtungen zerschlagen, Rudolf musste Ottokar ohne spürbare militärische Macht gegenübertreten.  Und offenbarte Talent am Schlachtfeld: Anders als sein Widersacher setzte Rudolf nicht auf eine Vielzahl an schwer bewaffneten Rittern, sondern nutzte mobile Reiter aus dem Steppenvolk der Kumanen und erkannte vor allem die Möglichkeit, mittels kleiner, ausgeruhter Ritterkräfte die Flanken Ottokars zu treffen und zu zerstören. Der Böhmenkönig konnte nur noch die Flucht seines Heeres mitansehen, bevor er gefangen genommen, sogleich getötet und zur Warnung an Rudolfs Widersacher 30 Wochen lang in Wien ausgestellt wurde. 

Diesen militärischen und auch politischen Erfolg in der Hinterhand beginnt Rudolf I. mit der wohl wichtigsten Eigenschaft habsburgerischer Herrscher: Der Heiratspolitik. Um die unterlegenen Länder Ottokars zu befrieden und die Herrscherhäuser zu versöhnen, verheiratet er seine Tochter mit einem Sohn Ottokars und sichert und erweitert seinen, Habsburgs, Einfluss. 1282 belehnt er seine beiden Söhne unter anderem mit den Herzogtümern Österreich und der Steiermark. Der Auftakt für die jahrhundertelange Herrschaft des Hauses Habsburg über Mitteleuropa ist vollbracht. Der arme, schwache Graf entpuppte sich als mächtiger Schöpfer einer europäischen Dynastie.

Diese territorialen Zugewinne etablierten die Habsburger in weiterer Folge als mitteleuropäischen Machtfaktor – jedoch nicht in dem Ausmaß, wie es sich Rudolfs Nachfahren erwünscht hätten. Nachdem es Rudolf I. trotz vielfältiger Versuche nicht gelang, vom Papst zum Kaiser gekrönt zu werden, konnte er die Königswürde für seine Nachfahren nicht sichern – dieses Privileg stand nur dem Kaiser zu. Wo kein Kaiser, kein Privileg. Somit ergab sich 1356 mit dem Erlass des soeben zum römisch-deutschen Kaisers gekrönten Böhmen Karl IV. die Rückstufung der Habsburger auf die politische Zuseherbühne. Mit der „Goldenen Bulle“ erließ Karl IV. das neue Wahlgremium des römisch-deutschen Königs: drei geistliche, vier weltliche Kurfürsten – aber kein Habsburger. Eine Schmach, die Habsburgs junger Herzog Rudolf IV., Sohn Albrechts II., nicht auf sich, seinem Hause sitzen lassen wollte – und mit vollem Elan und falschen Tatsachen zurückschlug.

Fünf Urkunden, Originale verschiedener Könige und Kaiser, zurückgehend bis zu Julius Caesar und Kaiser Nero, hätten seinen österreichischen – früher babenbergerischen – Landen umfassende Sonderrechte gesichert. Kernstück seiner Argumentation war das „Privilegium minus“: „Österreich sei der Schild und das Herz des Heiligen Römischen Reiches“ erklärt die Urkunde, somit sei Rudolf IV. als dessen Herrscher auf eine Stufe mit den Kurfürsten zu stellen. Ob der Empfang von Lehen oder die Entsendung von Truppen zum Reichsheer, von eigenständiger Gerichtsbarkeit bis hin zur Unteilbarkeit der Länder und dem Titel als Pfalzerherzog sicherte das „Privilegium minus“ den Habsburgern immense Rechte in ihren Landen, im Reich zu. Eine Beweisführung, die Kaiser Karl nur ein müdes Lächeln kostet: „Brüllender Ochs und ein schreiender Esel“ sei ein jeder, der auf diese plumpe Fälschung hereinfalle, urteilt der von Karl mit der Prüfung beauftragte Humanist Petrarea und bestraft den frivolen Versuch des Habsburgers. 

Rudolf IV. verliert die Reichsvogtei im Elsaß, ebenso sämtliche – durch das „Privilegium minus“ erfundene – Titel, Siegel sowie das Recht, kaiserliche oder königliche Insignien zu verwenden. Der Bruch zwischen Kaiser und Habsburger-Herzog ist perfekt. Und dauert dennoch lediglich fünf Jahre. Nachdem Rudolf IV. mit dem ungarischen König Ludwig I. einen Erbvertrag geschlossen hatte, in welchem sich beide Herrschaftshäuser im Falle des Aussterbens einer Linie die gegenseitige Nachfolge in den Ländern zusicherten, folgte auch zwischen Österreich und Böhmen eine ebensolche Nachfolgeregelung. Kaiser Karl und Herzog Rudolf verbanden die Geschicke ihrer beiden Länder in ebensolchen Verträgen und legten somit bereits 1364 die Weichen für die kommende Donaumonarchie der Habsburger-Dynastie. 

Einen noch größeren, und vor allem auch rascheren Erfolg konnte Rudolf im Westen erzielen: Die Erwerbung Tirols. Sämtliche römisch-deutsche Könige, ob Habsburger, Luxemburger oder Wittelsbacher versuchten, das eigenständige, und für die Romzüge so immens wichtige, Land unter ihre Kontrolle zu bringen. 1335, mit dem Aussterben der männlichen Linie, bedeutete die Vermählung mit Margarete von Tirol-Görz die Herrschaft über Tirol. Als erste schienen die Luxemburger am Ziel, bereits im Kindesalter wurde Johann Heinrich, ein Bruder Kaiser Karls IV., mit der Tiroler Erbin verkuppelt. Jedoch, die Ehe ging schief – unterstützt vom Tiroler Adel, welcher die Luxemburgisch-böhmische Fremdherrschaft nicht ertragen wollte, zwang Margarete ihren Gatten aus dem Lande. 

Als nächstes durfte Ludwig von Brandenburg, Sohn des Königs Ludwig von Bayern, sein Glück versuchen – und Margarete von Tirol-Görz und der Bayer fanden es. Weniger glücklich mit der Verbindung Tirol/Wittelsbacher war Papst Clement VI., der das Paar wegen Margaretes vorangegangener Scheidung mit dem Kirchenbann und das Land Tirol mit dem Interdikt belegte. Die Zeit für Habsburgs Engagement war gekommen. 

Rudolfs Vater Albrecht II. erreichte beim Papst eine Lösung vom Kirchenbann, nachdem Ludwig im Jahre 1361 und sein Erbe Meinhard im Jahr 1363 verstarben, fiel Tirol wieder an Margarete zurück. Rudolf IV. trat sogleich in Aktion. Unverzüglich reiste der Habsburger nach Bozen, wo Margarete ihren engsten Verwandten bereits mit ihren Räten erwartete. Nur sechs Tage nach Rudolfs Ankunft stand der Übergabe von Tirol an die Habsburger nichts mehr im Wege. Einzig die Zusicherung Rudolfs, künftige Herrscher über Tirol nur gemeinsam mit den Tiroler Standesherren zu bestimmen, trübte das Bild. Wieder nutzte Rudolf den Weg der Fälschung: Seine Kanzleischreiber fertigten mit Datum 2. September 1359 – also gute vier Jahre vor der Übergaberegelung – eine Vermächtnisurkunde aus. Dadurch sollten die Rechte der Tiroler Standesherren für ungültig erklärt werden. Ein frecher Versuch, der überraschenderweise von den Tirolern akzeptiert wurde.

Mit dem Tiroler Teil des habsburgerischen Regionenpuzzles vervollständigte Rudolf IV. einen Großteil der späteren Kernländer der Donaumonarchie. Nun galt es, diese Lande als unteilbaren Besitz der habsburgerischen Dynastie zu sichern. Rudolf probierte es gemeinsam mit seinen jüngeren Brüdern Albrecht und Leopold mit einer „Hausordnung“. Laut dieser sollten die habsburgischen Territorien „ewiglich“ ungeteilt bleiben und im gemeinsamen Besitz aller sein. Jeder der drei Brüder sollte die Titel aller Länder führen und vor Heiraten und bei Besitzveränderungen jeweils die anderen konsultieren. Eine Regelung, die nach Rudolfs Tod 1365 noch 14 weitere Jahre Bestand haben sollte – 1379 jedoch teilten Leopold und Albrecht ihre Ländereien. Es bedurfte somit der Kaiserehre, um die habsburgischen Lande wieder zu vereinen sowie sie über die Zeit unter einem Dach zu halten.

Es ist wohl die Ironie der Geschichte, dass dies „Des Heiligen Reiches Erzschlafmütze“ gelang. Friedrich III. tat sich Zeit seines Lebens weder militärisch, noch politisch wirklich hervor – wurde zwar 1440 zum römisch-deutschen König gewählt, war jedoch vielmehr mit inneren Reiberein in den Habsburgerländern beschäftigt, als sich dem Machtausbau und der Vergrößerung der Dynastie zu widmen. Dennoch fügte Friedrich III. in seiner 53-jährigen Regentschaft die letzten Bausteine für den endgültigen Fortbestand der Habsburger Monarchie zusammen.

Als letzter deutscher König empfing Friedrich III. 1452 die Kaiserkrone aus den Händen des Papstes in der Ewigen Stadt. Friedrich „der Friedfertige“ wurde somit zum ersten Kaiser aus dem Hause Habsburg und steht so am Beginn der großen Geschichte der Dynastie. Von nun an blieb die deutsche Königs- und Kaiserwürde – lediglich unterbrochen durch den Wittelsbacher Karl VII (1742 bis 1745) – bis zum Ende des „Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation“, 1806 in den Händen der Habsburger. Eine Würde, die für Friedrich zuerst wenig brachte: Ob in politischen oder auch militärischen Auseinandersetzungen mit seinem Bruder Albrecht VI., ob in der Schweiz, in Böhmen oder in Ungarn – der Habsburger war wahrlich nicht mit militärischen Erfolgen gesegnet. Doch dafür nutzte Friedrich eine andere – erfolgsbringende – Strategie. Jene des Aussitzens. Die erste Chance ergab sich für Friedrich 1457, als die albertinische Linie des Habsburgerhauses ausstarb, die Besitzungen ob der Enns und unter der Enns (Ober- und Niederösterreich) wieder in Griffweite gelangten. Zwar gab es mit seinem Bruder Albrecht VI. einen verbissenen – und vor allem militärisch und politisch überlegenen Widersacher –, doch sechs Jahre des Aussitzens genügte Friedrich, um nach Albrechts plötzlichem Tod 1463 die Donauländer übernehmen zu können. 

Mit diesem ersessenen Erfolg brachte Friedrich den Großteil der Habsburgerischen Ländereien wieder in Besitz seines Zweiges der Familie – einzig Tirol war noch Eigentum des letzten verbliebenen Habsburger-Zweiges neben Friedrichs Linie: Jener von Sigmund „dem Münzreichen“. Wenig überraschend nutzte Friedrich III. auch hier die – im Laufe der Geschichte fest in die Problemlösungstaktik rot-weiß-roter Herrscher übergegangene – Kunst des Abwartens, des Aussitzens. Sigmund war nicht mit einem eigenen Erben gesegnet, hinzu wurden seine Ländereien durch seinen aufwendigen Lebensstil und seine militärischen Abenteuer schwerstens belastet. Um gegen die Eidgenossen in Vorderösterreich und gegen den Bischof von Trient politisch und militärisch bestehen zu können, verpfändete Sigmund dem burgundischen Herzog Karl dem Kühnen Teile seiner Besitzungen, um seine ausufernden Staatskosten zu finanzieren, spielte der Tiroler sogar mit dem Gedanken, Tirol und Vorderösterreich an Albrecht IV. von Bayern-München zu verpfänden.

Diese finanzielle Notlage seines Cousins spielte Friedrich III. in die Hände. Gemeinsam mit den Tiroler Landesständen konnte der Habsburger die „Ablöse“ für Tirol aufbringen – Sigmund übertrug seine Ländereien an den letzten verbliebenen Habsburger-Familienstamm und trat 1490 zu Gunsten von Friedrichs Sohn Maximilian I. zurück. Obwohl zur selben Zeit Ostösterreich, Wien und die Steiermark noch von den Ungarn besetzt waren, Böhmen bereits 1453 an Georg Podiebrad verloren gegangen war, konnte Friedrich III. die Einheit der habsburgerischen Kernländer etablieren und für seine Nachkommen unteilbar fixieren. Vor allem taktische Erfolge der „Erzschlafmütze“, welche jedoch durch eine Entscheidung noch übertroffen wurden: Auf Anraten und Vermittlung Sigmunds fand Friedrich Gefallen an der Idee, sein Habsburgerhaus mittels Vermählung seines Sohnes auf europäische Ebene zu heben. Am 19. August 1477 heiratete der Erbe des Habsburger-Reiches die Erbtochter des burgundischen Herzogtums. Maximilian I. und Maria von Burgund begründeten die Habsburgerlinie neu – ein geeintes Reich, eine geeinte Familie. Die mächtige Position der Habsburger-Dynastie ist vollbracht.  Michael Kogler

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