Das große Erwachen

Die Apokalypse war allgegenwärtig, die Luft durchzogen vom Geruch verbrannten Fleisches, die Sonne wurde zum Mittelpunkt der Erde und das bisher Geglaubte vielfach auf den Kopf gestellt. Zwischen 1450 und 1550 veränderte sich die europäische Welt wie nie zuvor und kaum danach. 

Es ist unheimlich. Siebenköpfige Drachen lassen das Blut in den Adern gefrieren, die babylonische Hure auf der Bestie wird von den Verführten bestaunt und die vier Apokalyptischen Reiter stellen Tod und Verderben für die Menschheit dar. Auf sie wartet ein Höllenschlund, der so furchteinflößend ist wie ungeheuerlich. Die 14 Blätter der Apokalypse machten im Jahr 1498 aus Albrecht Dürer (1471–1528) über Nacht einen Popstar. Weder der kuschelige Feldhase, noch die herausragenden Porträts oder die mathematischen Erkenntnisse des Universalgelehrten konnten da mithalten. Mit den Darstellungen des Weltuntergangs und des Gottesgerichtes traf er offensichtlich derart „ins Schwarze“ seiner Zeit, konzentrierte in so beeindruckender Weise die Ängste, welche die europäische Welt um 1500 beherrschten, dass er der erste Künstler werden sollte, den der Weltuntergang reich machte. 

Gleich mehrfach ist die Geschichte von Dürers Apokalypse eine beispielhafte Episode der Zeitenwende. Johannes Gutenberg hatte knapp 50 Jahre zuvor den Buchdruck mit beweglichen Lettern und die Druckerpresse erfunden, sodass Dürers düstere Holzschnitte gleichsam beliebig vervielfältigt werden konnten. Der Apokalypse-Zyklus wurde zum Bestseller und 1511, die Welt war wider Erwarten zur Jahrhundertwende nicht untergegangen, brachte der Meister bereits eine Neuauflage heraus. 

Um die Zeit zu erklären, sticht das erste Blatt, „Das Martyrium des Johannes“, besonders ins Auge. Der arme Heilige sitzt mit gefalteten Händen in einem Kessel, unter dem ein Feuer brennt und wird mit heißem Öl begossen. Mit finsterem Blick wird die Folter-szene von einem eindrucksvollen Herrscher verfolgt, in dem jedoch nicht der römische Kaiser Domitian erkannt werden kann, sondern ein türkischer Sultan mit Turban, der den Hermelinmantel des Papstes trägt. Dieser Sultan personifiziert die Angst vor dem Osmanischen Reich, das – seit dem Fall der Stadt Konstantinopel und dem damit eingeleiteten Untergang des oströmischen Reiches im Jahr 1453 – zur ständigen Bedrohung für die europäische Welt geworden war. Ein kollektives Trauma. Nachrichten von der „türkischen Front“ waren auch beim gemeinen Volk heiß begehrt und riefen mehr Interesse hervor, als Berichte über Amerika oder Indien. Die christliche Welt vermochte sich nur schwer vom Schock des osmanischen Vorstoßes zu erholen. Die Furcht davor, dass die europäischen Länder unter die Fremdherrschaft der Muselmanen geraten könnten, war allgegenwärtig und aufgrund der zahlreichen Eroberungsfeldzüge, mit denen die Osmanen unter anderem weit in den Balkan vorgedrungen waren, auch ganz konkret begründet. Dem Umstand, dass die Osmanen und Araber die „alten“ Handels- und Seewege der Europäer in die Levante, nach Indien oder China kontrollierten, ist zu verdanken, dass neue Wege gesucht werden mussten und waghalsige Seefahrer die bislang bekannte Welt Schlag auf Schlag vergrößerten. 

Dass der Sultan auf Dürers Darstellung des Johannes-Martyriums im Papstgewand gekleidet ist, deutet auf die teils scharfe Kritik an der Kirche und dem Papsttum hin, das sich im ruchlosen Hedonismus und intriganten Egoismus verloren hatte. Martin Luther sollte die in Dürers Holzschnitt angedeutete Stimmung einfangen, mit dem „Thesenanschlag von Wittenberg“ 1517 die Reformation lostreten und Glaubenskriege auslösen, die Europa epochal veränderten. Auch der Hund, der rechts unter dem Herrscherthron liegt und die Szene nicht minder grimmig verfolgt, ist Hinweis auf ein stets lebensbedrohliches Damoklesschwert, welches im Mittelalter eine ebenso scharfe Klinge hatte, wie in den ersten Jahrhunderten der Neuzeit. Der Hund ist Symbol für die Dominikaner, die „domini canes“ – sprich die Hunde des Herrn. Der Orden der Dominikaner war seit Beginn des 13. Jahrhunderts jene Organisation, die dem Papst Inquisitoren zur Verfügung stellte und federführend an der europaweiten Ketzer- und Hexenverfolgung beteiligt war. Um 1500 wusste jeder, der Dürers Darstellung betrachtete, sofort, wen dieser Hund repräsentierte. Wegen der vielen Verurteilungen von Ketzern und Hexen löste sein Anblick geschwind eine Gänsehaut im Nacken aus, denn der Geruch von verbranntem Fleisch war niemandem unbekannt. Die Inquisitoren gingen bei ihrer Arbeit mit erbarmungsloser Brutalität vor. Sie ließen sich Foltermethoden einfallen, die an Perversität kaum zu überbieten waren. Und keiner wusste, wem als Nächstes eine Hexenprobe bevorstand, eine Probe, die mit dem Tod enden musste. 

Was für eine Zeit. Überall war der Tod. Er lauerte im missmutigen Denunzianten genauso wie in Plagen, welche die Menschen in Form von Pest, Fleckfieber, Syphilis, Pocken oder Masern ständig aufs Neue heimsuchten. Trotz der enormen Sterblichkeitsrate wuchs die Bevölkerungszahl und die Städte platzten aus allen Nähten. Peking, die Hauptstadt Chinas, war mit rund 670.000 Einwohnern die größte Stadt der Welt um 1500, Konstantinopel zählte bereits 550.000 Menschen, in Paris lebten rund 300.000 und in Venedig 200.000. Es war eine ungleiche Welt. Während der Adel protzte, das Bürgertum erstarkte und ebenfalls genießen durfte, musste der Großteil der Menschen ums Überleben ringen. Chronische Unterernährung und Hunger führten, laut dem deutschen Publizisten Hermann Glaser, dazu, dass die Betroffenen unter Halluzinationen und Bewusstseinsveränderungen litten. So wird beispielsweise das Auftreten massenhafter Delierien erklärt, von denen ganze Dörfer erfasst wurden. Vor den Augen der hungernd Halluzinierenden tauchten Teufel auf, Kobolde, Vampire und Werwölfe. Die Hölle war nie weit. 

Es ist passend und darum wohl typisch, dass die von gewaltigen Umbrüchen gekennzeichnete Zeitenwende um 1500 mit dem Januskopf verglichen wird, dem Symbol der Zwiespältigkeit bzw. eben dem Kopf des römischen Gottes Janus, der gleichzeitig in die Vergangenheit und in die Zukunft blickt. In die Finsternis und in die Sonne. Letztere schien im Jahr 2008 noch einmal auf den Schädel jenes Mannes, der sie in den Mittelpunkt gerückt hatte. Im Dom der Stadt Frauenburg in Ostpreußen hatten Forscher den Kopf von Nikolaus Kopernikus gefunden und anhand eines DNA-Vergleichs nachgewiesen, dass es wirklich der 1543 gestorbene Astronom war, dessen ewige Ruhe hier kurz gestört wurde. 

Als nachhaltig bzw. kosmisch revolutionär hatte sich die Ruhestörung für Gott, Papst, Vaterland und die Welt erwiesen, die der Domherr von Frauenburg Anfang des 16. Jahrhunderts zu verantworten hatte. Gerne wird im Zusammenhang mit der Wirkung von Kopernikus‘ heliozentrischem Weltbild der englische Dichter John Donne zitiert, der – knapp 100 Jahre nachdem Kopernikus die Erde aus dem Zentrum geworfen und der Sonne ihren wahren Platz im Himmelssystem zugewiesen hatte – seufzte: „Alles liegt in Stücken, jeder Zusammenhang, jeder rechte Halt und Bezug ist dahin.“ 

Obwohl Kopernikus als treuer Kirchenmann nie die Absicht hatte, die Welt auf den Kopf zu stellen und seine Kirche vor den Kopf zu stoßen, tat er genau das. Bevor seine Thesen ab dem Jahr 1510 in Umlauf kamen, hatte sich die wissenschaftliche Welt fast 2000 Jahre lang träge im aristotelischen Kosmos ausgeruht. Der griechische Philosoph hatte im 4. Jahrhundert vor Christus die Erde als Zentrum des Universums dargestellt und ließ die Planeten – auch Sonne und Mond – um sie kreisen. Die perfekten Kreise des Modells und die total wirren Bewegungen der Planeten brachten über die Jahrhunderte manchen Astronomen zur Verzweiflung. Erst, als Kopernikus die Erde und die Sonne vertauschte, ergaben die beobachteten Bahnen mehr Sinn und nachdem Johannes Kepler im 17. Jahrhundert die Kreise durch Ellipsen ersetzte, war das heliozentrische Weltbild perfekt. 

1510 hatte Nikolaus Kopernikus, der Domherr von Frauenburg, den „Kleinen Kommentar“ (Commentariolus) verfasst und mit nur 20 Seiten die Welt aus ihren Bahnen gehoben. Weil er einer der ihren war und mit seinen Berechnungen nie eine Revolution anstrebte, dauerte es einige Zeit, bis die Kirche reagierte – Kopernikus selbst erlebte nicht mehr, mit welcher Brutalität und Härte. Die hierarchische Macht und die Ewigkeit pachtende Autorität der Kirche beruhte nicht zuletzt auf dem geozentrischen System mit der Erde als Mittelpunkt der Welt. Und als die Kirchenmänner begriffen, dass diese Sonne ihr Weltbild verbrennen konnte, wurden „Heliozentriker“ als Ketzer verfolgt und das kopernikanische Weltbild wurde von der Inquisition auf den Index gesetzt. Als Galileo Galilei 1633 der Prozess gemacht wurde, war es längst lebensgefährlich geworden, das helio­zentrische Weltbild nicht zu verdammen. 

Wieder der Kopf des Janus, wieder die Zwiespältigkeit zwischen alt und neu. Entgegen vieler Mythen zum Spätmittelalter gab es zumindest über die Form der Erde und der Planeten nur noch wenige Zweifel. Schon Aristoteles und sein Lehrer Platon waren davon ausgegangen, dass die Erde eine Kugel ist. Hätte Christoph Kolumbus beispielsweise geglaubt, die Erde sei eine Scheibe, wäre seine Schiffsreise ein Höllenfahrtskommando gewesen und er selbst nicht ganz dicht. Sein Ansatz, in Richtung Westen zu segeln und im Osten – in Indien – zu landen, war nur auf einer kugelförmigen Erde denkbar. Einer Erde, die zu Kolumbus‘ Zeit noch voller mythischer Inseln und schrecklicher Ungeheuer war. Einer Kugel, deren Ausmaße und Vielfalt erst erfasst werden konnte, nachdem sich die Seemacht Spanien westwärts und ihre Konkurrentin Portugal südwärts wandte, um durch Seewege nach Indien und China den Osmanen und Arabern ein Schnäppchen zu schlagen. 

Die Seefahrer waren keine edelmütigen Renaissance-Menschen, die sich aufmachten, die Welt zu erforschen und den menschlichen Geist mit Blitzen zu erfreuen. Es waren kühne, brutale Gesellen, die zwar auch Abenteuerlust verspürt haben mochten, aber ursächlich getrieben waren von heilsbringenden Bekannten wie Gold oder Gewürzen. Mit im Gepäck hatten sie auch ein Stück missionarisches Sendungsbewusstsein, da es den christlichen Herrscherhäusern ein Anliegen war, die Christianisierung der Welt voranzutreiben und dadurch der drohenden Vorherrschaft islamischer Mächte vorzubauen. 

Was den portugiesischen Seefahrern zusetzte, waren nicht nur die Ungeheuer, die überall jenseits der bislang bekannten Enden der Welt erwartet werden mussten, sondern auch die Vorstellung, dass das Meer heißer wurde, je näher der Äquator rückte und kochend war am Äquator selbst. 1473 kehrte Lopo Concalves kühl und ohne Brandblasen vom Äquator zurück, wodurch der Weg für die Entdeckung der Südroute nach Indien frei wurde. Bartolomeu Diaz umsegelte Ende 1487/Anfang 1488 erstmals und zufällig die Südspitze Afrikas, die vom portugiesischen König „Kap der Guten Hoffnung“ getauft wurde. 1497 gelang es Vasco da Gama, das Kap zu umsegeln und 1498 in Kalikut in Südindien an Land zu gehen. Er hatte es geschafft.

Um endlich den Weg nach Westen einschlagen zu können, musste Christoph Kolumbus zehn Jahre lang um Geld betteln. Während die Portugiesen sich am afrikanischen Kontinent „vortasten“ konnten und dadurch nicht zu verachtende Vorteile auf See hatten, war der Plan des Genuesen von vielen Unbekannten begleitet, nicht zuletzt von der Frage, wie breit der Ozean ist, der zwischen Europa und Asien liegt. Auch hatte Kolumbus recht überzogene Vorstellungen seiner Bezahlung, wollte partout Vizekönig der Länder werden, die auf ihn warteten und war selbst zum Warten verdammt. Bis 1492 das Königspaar Isabella von Kastilien und Ferdinand II. von Aragon ihr Okay gaben. Möglich, dass sie dies in der eigenen überschwänglichen Freude darüber taten, das letzte muslimische Königreich auf der Iberischen Halbinsel zu Fall gebracht zu haben. Am 2. Jänner 1492 hatte sich Granada ergeben und die Mauren verließen Spanien. Kolumbus brach im August nach Indien auf und erreichte nach 5700 Kilometern Ozean am 12. Oktober 1492 eine Insel, die er San Salvador nannte. Bis zu seinem Tod im Jahr 1504 war er davon überzeugt, dass er den Seeweg nach Indien gefunden hatte. Ein irrer Irrtum.

In Kolumbus‘ Todesjahr behauptete der Florentiner Amerigo Vespucci, dass es sich bei den Ländern, die der Genuese erreicht hatte, nicht um eine dem asiatischen Kontinent vorgelagerte Inselkette handle, sondern um einen eigenen, zusammenhängenden Kontinent. Auf der ersten Weltumseglung (1519–1522) konnte Ferdinand Magellan dies bestätigen. Es war ein Kontinent, Vespucci hatte recht und ihm zu Ehren wurde der Kontinent Amerika genannt. 

Wer denkt, dass Europa deswegen eine Gedenkminute einlegte oder ein kollektiver Freudentaumel ausbrach, irrt. Nicht einmal das spanische Königshaus, das die neue Welt in den Folgejahren mit grenzenloser Brutalität plündern sollte, war sonderlich beeindruckt. Die europäischen Herrscherhäuser hatten andere Probleme. Zu vieles war in Unordnung. Zu vieles verlangte nach Neuordnung. Die schöpferische Unruhe, welche die Geister erfasst hatte und uralte Denkgewohnheiten in Frage stellte, ließ auch das europäische Machtgefüge nicht verschont. Dem Papsttum steckte noch das Abendländische Schisma in den Knochen. Die Christenheit wurde unruhig, doch die dringend nötige Kirchenreform wurde auf die lange Bank geschoben. Papst Pius II. etwa, der von 1458 bis 1464 die dreikronige Tiara trug, war besessen von der Vorstellung, einen Kreuzzug gegen die Türken zu führen. Dem türkischen Sultan Mehmed II. bot er sogar an, ihn als Kaiser der Griechen anzuerkennen, wenn er denn zum Christentum konvertiere. 

Auch nach Pius II. blieben die Reformen aus, denn die Päpste hatten alle Hände voll zu tun, ihre Vetternwirtschaft blühen zu lassen und sich in diplomatischen Drahtseilakten zu üben. Himmel oder Seelenheil spielten dabei keine Rolle. Im Gegenteil. Der besonders düstere und bedenkenlose Papst Innozenz VIII. (1484 bis 1492) erließ eine Bulle, mit der er dem im Volk massiv verwurzelten Aberglauben an allerlei Dämonen neue Nahrung gab. Viel Stoff, um die Hexenprozesse zu schüren, die durch die Veröffentlichung des Hexenhammers (Malleus maleficarum) im Jahr 1487 pervers perfektioniert wurden. In der Zeit des Borgia-Papstes Alexander VI. (1492 – 1503) wurde hingegen das von Macht und Gier getriebene, sagenhaft skrupellose Intrigenspiel des Heiligen Stuhls perfektioniert. Martin Luther konnte wahrlich aus dem Vollen schöpfen und mit seinen Thesen den Kirchenstaat im Herzen treffen.

Basis für Intrigen, aber auch für die immer stärker werdende Diplomatie, die sich Ende des 15./Anfang des 16. Jahrhunderts etwa in der Gründung von Koalitionen einzelner Herrscherhäuser gegen gemeinsame Feinde ausdrückte, war auf der italienischen Halbinsel beispielsweise die Tatsache, dass das Land von vielen Herzögen und Königen beherrscht wurde. Neapel, Venedig, Mailand, Florenz, Genua, die Medici, die Sforza, die Borgia, der Papst – Rivalitäten und Kämpfe um Vormachtstellungen in Handel und Landbesitz hielten die Häuser auf Trab und verlangten menschlichen wie finanziellen Tribut.

Frankreichs Zeitenwende hatte schon stattgefunden. Mit der Ermordung Jeanne d‘ Arcs, der Jungfrau von Orleans, im Jahr 1431 wird für das Reich der Beginn einer neuen Zeit datiert. Zerrüttet vom Hundertjährigen Krieg gegen England und innerlich zerrissen war das Land, als König Ludwig XI. den Neubeginn einleitete. Mit unheimlicher Härte und grenzenlosem Despotismus gelang dem begnadeten Ränkeschmied die Einigung des Landes. Auf der anderen Seite erkämpfte sich die Bürgerschaft ihren Platz neben Adel und Klerus und ein republikanisches Lüftchen durchstreifte erstmals das Land. Unter den beiden Nachfolgern von Ludwig XI. wurde der geschlossene Einheitsstaat stabilisiert und der absolutistische Zentralismus installiert, sodass Frankreich gleichsam als moderner Staat in die Neuzeit ging. 

Frankreichs Erzfeind England wurde zwischen 1455 und 1485 von den Auseinandersetzungen zwischen den beiden Dynastien York und Lancaster erschüttert, die als Rosenkriege (das Symbol des Hauses York war die weiße, jenes des Hauses Lancaster die rote Rose) in die Geschichte eingegangen sind. 1485 sollte Heinrich VII. das glücken, was Ludwig XI. in Frankreich gelungen war – er einigte das Land und festigte als erster König aus dem Hause Tudor die Monarchie. Bis 1603 sollten die Tudors an der Macht bleiben und sich 1588 über einen der größten Siege des 16. Jahrhunderts freuen – die Niederlage der spanischen Armada, welche England, den zwischenzeitlich zum Hauptkonkurrenten auf den Weltmeeren avancierten Feind, angegriffen hatte. 

Mit König Maximilian hatte der erste Tudor, Heinrich VII., 1490 ein umfassendes Bündnis gegen Frankreich geschmiedet. Der Konflikt zwischen den Habsburgern und Frankreich prägte die europäische Geschichte bis ins 18. Jahrhundert hinein. Begonnen hatte er mit dem Streit um das burgundische Erbe. Burgund war die Pufferzone zwischen dem französischen und dem Heiligen Römischen Reich, die sich Maximilian I. durch seine Heirat mit Maria von Burgund (1477) gesichert hatte. Maximilian I. war noch zu Lebzeiten seines Vaters, Friedrich III., zum Römischen König gewählt worden. Die Doppelregierung der beiden Habsburger wirkt ebenfalls wie der Januskopf. Während der recht träge Friedrich III. die alte Ordnung personifizierte, war Maximilian I. eine glänzende Herrschergestalt moderner Prägung, dessen Hauptanliegen es war, die Macht seiner Dynastie konsequent zu vermehren. Mit seiner legendären Heiratspolitik legte er nicht nur den Grundstein für die Ausdehnung der Habsburger-Macht nach Spanien, sondern auch für die Vereinigung Österreichs mit Böhmen und Ungarn. Er war es, der die Kaiserwürde vom Papsttum entkoppelte, indem er zwar mit Zustimmung des Papstes, aber ohne Krönung durch denselben 1508 in Trient den Titel „Erwählter Römischer Kaiser“ annahm. Die Venezianer, gegen die der Habsburger Krieg führte, hatten dem Tross die Reise nach Rom verwehrt, sodass Maximilian nichts anderes übrig blieb, als die Zeremonie mit dem Segen des Papstes in Trient zu vollziehen. Seither galt die Wahl eines deutschen Königs zugleich als Kaiserwahl. Das Heilige Römische Reich war es, welches Kaiser Maximilian I. neben den zahlreichen und sündteuren Feldzügen sowie den geschickten machtpolitischen Schachzügen grob vernachlässigte. Längst hatten sich im monarchisch geführten und ständisch geprägten Gebilde, aus dem sich die Schweiz bereits losgelöst hatte und dessen Macht sich lediglich auf die deutschen Länder bezog, jene Zerfallserscheinungen breit gemacht, die es im Jahr 1806 endgültig zu Fall bringen sollten. Es mochte nicht so recht in die Neuzeit passen und war Reformbestrebungen gegenüber, die etwa eine Verwandlung in ein geeintes Reich mit starker Zentralgewalt anstrebten, resistent. Der Egoismus der einzelnen Landesfürsten und die Forderungen der Reichsstände machten eine Neugestaltung nicht wirklich einfach und so kam es, dass im Rahmen des Reichstages 1495 die Reichsreform gegen den Willen des Kaisers beschlossen wurde. 

Mehr und mehr kam dem Reich die Rolle des Friedenswahrers zu und das Bild des Kaisers als überstaatliches Sinnbild des christlichen Abendlandes verblasste bis zur Unkenntlichkeit. Der Wormser Reichstag des Jahres 1521 stellte ein letztes Aufbäumen der alten Ordnung dar. Unter Maximilians Enkel Kaiser Karl V., der aufgrund der spanischen Krone jener Herrscher war, in dessen Reich die Sonne niemals unterging, wurde versucht, den Kirchenkritiker Martin Luther mundtot zu machen. Die Reichsacht, die über ihn verhängt wurde, konnte die Verbreitung der Lutherischen Ideen und die Reformation jedoch nicht stoppen.

Nichts blieb, wie es gewesen war. Mögen die alten Kräfte noch so stark gewirkt haben, der Sog des Neuen war stärker. Allein die Ingenieurskunst Leonardo da Vincis (1452–1519) zeichnete eine Zukunft, die mit hubschrauberähnlichen Fluggeräten, Zahnrädern oder Panzern das Mittelalter der edlen Ritter mit Lichtgeschwindigkeit hinter sich ließ. Sigmund Freud schrieb über Leonardo: „Er glich einem Menschen, der in der Finsternis zu früh erwacht war, während die anderen noch alle schliefen.“ Trotzdem war es nicht aufzuhalten – das große Erwachen.   Alexandra Keller

 

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