Ein prächtig Kurzweil

Höfische Feste gerieten im 16. Jahrhundert zu bombastischen Massenspektakeln: Gigantische Auf- und Einzüge, Turniere und „Mummereien“ sorgten für gute Unterhaltung.

Wie der ultimative Triumphzug eines Kaisers auszusehen hat, wusste Maximilian I. (1459–1519) genau. 1512 diktierte er seinem Sekretär die genaue Bildabfolge. In den folgenden Jahren erhielt dann eine Regensburger Werkstatt den Auftrag für 106 Blätter, auf denen in Miniatur der Triumphzug des Kaisers umgesetzt wurde, und von denen 65 erhalten sind. Es ist ein pompöser Aufmarsch. Eingeleitet wird der Zug von Herolden und Bannerträgern mit den Wappen der kaiserlichen Länder, von Trommlern und Trompetern. Auf Tafeln werden die bedeutendsten Ereignisse aus dem Leben des Regenten dargestellt: Seine Hochzeit mit Maria von Burgund und natürlich diverse Schlachtenszenen. Seinen immensen Reichtum versinnbildlicht der mitgeführte „Gebrauchsschatz“. Auf Wägen türmen sich unter anderem wertvolles Geschirr, edelste Stoffe und Pelze, Schmuck und Gold. Zu den Prunkszenen gehören zudem die Hochzeit von Philipp dem Schönen und Johanna von Kastilien sowie der Krieg Maximilians mit Venedig, gefolgt von der Ahnengalerie des Habsburgers. Absoluter Höhepunkt des gigantischen Aufzuges aber sind die beiden Kutschen mit der kaiserlichen Familie: Dem Wagen mit den Frauen folgt der noch reicher geschmückte des Kaisers. Das sechsteilige Pferdegespann wird von Jungfrauen in blütenweißen Gewändern gelenkt. Im kaiserlichen Ornat thront Maximilian über Frau, Schwiegertochter Kinder und Enkelkinder. Den Abschluss des herrschaftlichen Zuges bilden in mehreren Blättern Adelige und Knechte sowie zum Schluss exotische „Wilde“ im Lendenschurz.

Der in Miniatur dargestellte Triumphzug Kaiser Maximilians I. hat so zwar nie stattgefunden, doch er gibt einen magischen Einblick, welcher Bombast bei höfischen Festen und Aufzügen in jener Zeit betrieben wurde. Neben prunkvollen Aufmärschen waren insbesondere Turniere sowie im Anschluss kostümierte Tanzaufführungen, sogenannte Mummereien, sehr beliebt. Die höfische Festkultur diente allerdings nicht nur dem Vergnügen, sie diente auch und insbesondere der Repräsentation und der Machtdemonstration der Herrschenden. Aus den Mummereien entwickelten sich zusehends Verkleidungsturniere, mit an die Antike anknüpfenden, allegorischen Darbietungen und nachgestellten Schlachtenszenen vor beeindruckenden Bühnenbauten. Sie überlagerten das eigentliche Ritterturnier sukzessive und lösten es schließlich ab. Der überbordenden Fantasie mit der etwa Ferdinand II. (1529–1595) seine Feste ausrichtete, hätte Maximilian Respekt gezollt – nicht zuletzt, da Ersterer ein großer Fan der Ritterromantik war und aufs Heftigste seinem Urgroßvater nacheiferte, wenn es um deren Inszenierung ging. 

Maximilian I., der Meister der Selbstdarstellung, überließ nichts dem Zufall. Seine pompösen Auftritte dienten stets der herrschaftlichen Eigenwerbung, und was die Nachwelt über ihn zu denken hatte, auch das wollte er selbst bestimmen. So setzte er sich etwa mit den Ritterschmonzetten „Weisskunig“ und „Theuerdank“ sowie dem Turnierbuch „Freydal“ autobiografisch-publizistische Denkmäler, in denen er – als eigentlicher Protagonist unschwer zu erkennen – sich zum „letzten Ritter“ stilisierte. „Wiewol er der streitperist kunig ist gewest, so mag ain jeder aus dieser meiner schrift versteen, das er auch der frölichist kunig gewesen ist“, heißt es im „Weisskunig“. Und in der Tat vereinte der machtbewusste Herrscher zwei Seelen in seiner Brust. Zwei Seelen, die auch bei Feiern zum Tragen kamen, welche er stets zu publikumswirksamen Massenspektakeln arrangierte. Unter Maximilian erlebten nicht nur die mittelalterlichen Turniere in Form von pompösen Schaukämpfen zu Pferde und zu Fuß eine neue Blüte. Im Anschluss an diese gab es ausgelassene Empfänge, mit Musik und Tanz und „mumereyen in vil und manigerlay gestalten“.

Als sehr ergiebig im Zusammenhang mit den Feierfreuden der Herrschenden um 1500 erweist sich neben dem „Weisskunig“ Maximilians Turnierbuch „Freydal“, in dem er Turniere und Mummereien festhielt. Das anschaulich bebilderte Prachtwerk behandelt die Minnefahrt eines Ritters zu einer königlichen Jungfrau– wobei Freydal unschwer als Maximilian auf Brautfahrt zu seiner ersten Frau, Maria von Burgund, zu entlarven ist. Auf jedem der 64 Turnierhöfe, an denen er auf seiner Reise vorbeikommt, besteht der „freudige Jüngling“ jeweils ein Stechen, ein Rennen sowie einen Fußkampf. Besonders beliebt ist zur damaligen Zeit das sogenannte Plankengestech, bei dem eine Holzplanke die beiden Kontrahenten voneinander trennt.

Der Kaiser erscheint auf jeder einzelnen Abbildung des 255 Blätter umfassenden Bilderwerkes. Jedes Turnier endet im Turnierbuch mit einer Mummerei, bei der die Teilnehmer Masken tragen und zu Musikbegleitung tanzen, wobei sich der Kaiser für jedes Fest „ain besondere fatzon und gestalt“ ausdachte. Für derartige Szenerien schlüpften adelige Herren nicht selten in Frauenkleider oder wurden humorige Rollenspiele ausgetragen. In der Maske durfte so mancher sagen, was er sich dachte, ohne dafür den Zorn des Regenten zu spüren. Gaukler und exotische Tiere gehörten ebenso zu einem derartigen Fest, wie Reihen- und Ringtänze. Dass sich die honorige Gesellschaft an einer üppigen Tafel laben konnte, versteht sich von selbst. Verschwenderisch gewürztes Fleisch von Rind bis Schaf, allerlei gesottener Fisch, mit teuren Aromen verfeinertes Wildbret, diverses Geflügel und eine Fülle von Beilagen wurden mit gehörigen Mengen an gewürztem Wein hinuntergespült. Seine Nachfahren standen Maximilian in nichts nach, wenn es um standesgemäße Unterhaltung ging.

Ferdinand II. etwa, Urenkel Maximilians, galt als einer der größten „liebhaber dieser und dergleichen Fürstlichen kurtzweylen“ und sorgte für manch pompöse Festivität. So ließ er sich auch nicht lumpen, als sein Vater gerade zum Kaiser des Heiligen Römischen Reiches gekrönt, 1558 auf dem Weg von Frankfurt nach Prag war. Ferdinand, Statthalter von Böhmen, wollte ihm einen unvergesslichen Empfang bereiten. Zusammen mit geistlichen und weltlichen Würdenträgern wartete er vor den Stadttoren, um mit dem Regenten einzureiten. Tausende Bürger säumten den Weg, wedelten mit Tüchern und Fahnen, skandierten und jubelten in einer derartigen Lautstärke, dass – so wird berichtet – sich Risse in der Mauer auftaten. Dazu kamen neun als Musen gekleidete Jünglinge, die salbungsvolle Lobgesänge intonierten. Der eigentliche Höhepunkt des Festes allerdings war der Kampf der Giganten gegen Jupiter mit viel Kettengerassel, Blitzgeschleuder und Feuerwerk – ein allegorisches Schauspiel ganz nach dem Gusto des Erzherzogs. Zwei Tage dauerte das Spektakel inklusive prächtigem Festbankett, waghalsigen Turnieren und leichtfüßigen Schauspielen. 

Als Ferdinands II. zum Tiroler Landesfürsten erhoben wurde, machte er Innsbruck zu einem pulsierenden kulturellen Zentrum und bescherte seinem Gefolge gewaltige Festbanketts. Eines der glamourösesten war wohl die Hochzeit von Kolowrat 1580. Johann Lipsteinsky von Kolowrat war der Kämmerer des Erzherzogs und Neffe von Philippine Welser, Ferdinands Frau. Als er heiratete, scheute der Landesfürst keine Mühen, um die Vermählung gebührend in Szene zu setzen. Das Festprogramm gestaltete der Erzherzog als Pandämonium aus allegorischen und mythologischen Motiven. Im Handlungsturnier wurden die vier Jahreszeiten ebenso dargestellt wie die vier Elemente, die Sternbilder und die Götterwelt. Der Landesfürst schlüpfte in die Rolle des Göttervaters Jupiter, der in einem mit Blattgold versehenen und von vier Adlern gezogenen Wagen vorfuhr. Die politische Botschaft war offensichtlich: Jupiter, Gott der Götter, stand für nichts weniger als den absoluten Machtanspruch der Habsburger.

Die Herrschenden inszenierten derartige Zeremonien allerdings nicht nur für die geladenen Gäste, sie sollten auch für die Nachwelt erhalten bleiben. So wurden etwa von Kolowrats Hochzeit insgesamt 37 aquarellierte Kupferstiche und 18 erklärende Textseiten erstellt, teilweise gebunden, teilweise lose aufbewahrt. Von diesem Festkodex haben sich drei Exemplare erhalten, eines in Ambras, eines in Breznice in Tschechien und eines in der Bayerischen Staatsbibliothek in München. In Letzterem verbarg sich über lange Zeit säuberlich in einzelne Blätter geschnitten ein Exemplar des Hochzeitskodex von Erzherzog Ferdinand II. Knapp zwei Jahre nach dem Tod seiner geliebten Frau Philippine heiratete der Fürst Anna Caterina Gonzaga. Bei der „haimbfierung unserer geliebten Gesponß“ mischte der feierfreudige Bräutigam eifrig mit. Neben diversen ritterlichen Spielen wünschte er sich auch ein sogenanntes Husarisches oder ungarisches Turnier. Bei einem solchen stehen sich Husaren und als Mohren verkleidete Kämpfer gegenüber, wobei die Turnierteilnehmer die entsprechenden ungarischen bzw. orientalischen Waffen, Rüstungen und Maskenvisiere trugen. Den realpolitischen Hintergrund für diesen Schaukampf bildeten Ferdinands kriegerische Leistungen gegen die Türken im Ungarnfeldzug 1556. Maximilian I., dem höfische Turniere über alles gingen, wäre nicht nur stolz gewesen auf die kriegerischen Erfolge seines Nachfahren. Der „letzte Ritter“ hätte diesen Schaukampf mit Sicherheit extrem genossen.  Susanne Gurschler

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