Der Jägermeister

Die großen Veränderungen im Zeitalter von Maximilian I. ­veränderten auch die Jagd. Jagdreviere, Wildhege und politischer­ sowie gesellschaftlicher Nutzen nahmen ihren Anfang.

Der Jäger sollte stets ein Paar Bergeisen und ein Paar Waldeisen mittragen lassen, dazu eine Hirnhaube gegen Steinschlag und ein gutes Seil. Weiters einen kurzen Leibrock mit abgeschnittenen Ärmeln und ein Wams, beide hoch bis zum Hals hinauf reichend, dünne Handschuhe mit abgeschnittenen Fingern und warme Wollhandschuhe. Dazu dicke Wollsocken, die man wie Gamaschen über Hosen und Schuhe ziehen könne – ein Hütlein als Sonnenschutz und ein graues Hütlein mit umgeschlagener Krempe und Band vervollständigen die Ausrüstung. Der letzte Ritter, Kaiser Maximilian I., war vor allem ein begeisteter Waidmann. In seinem ab 1508 verfassten „Geheimen Jagdbuch“ gibt der Kaiser nicht nur bezüglich Kleidung Rat und Auskunft über die Besonderheiten der Jagd im frühen 16. Jahrhundert – das Geheime Jagdbuch ist, wie auch die Werke Theuerdank, Weißkunig und das Tiroler Jagdbuch sowie ein Fischereibuch, ein vielfältiges Sammelsurium des waidmännischen Gemüts Maximilians. Und somit allesamt Ausdruck für die wahre „lust, naigung und begird“ des Habsburgers. 

Ab dem 7. Jahrhundert wurde der einst grundsätzlich freie Tierfang von den Herrschaftsgeschlechtern mehr und mehr eingeschränkt, spätestens mit der Jagdordnung für Tirol von Herzog Sigismund aus dem Jahre 1414 war die Jagd ausschließlich zum herrschaftlichen Privileg geworden. Die Hohe Jagd auf das Hochwild – wie Hirsch, Steinbock, Gämse, Bär, Wildschwein, Fasan, Auerhahn, Rebhuhn und je nach Vorliebe auch andere Tierarten – war somit einzig dem Landesfürsten und teilweise noch dem hohen Adel vorbehalten. Eine privilegierte Stellung, die Maximilian als Erster nutzte, um die Jagd in Alltag, Freizeit und Politik zu integrieren. Wichtigste Maßnahme hierfür, der Beginn der Hege des Wildes. 1503 ließ Maximilian die Jagd- von der Forstkompetenz trennen und etablierte für die oberösterreichischen Länder, also Tirol und die habsburgischen Besitzungen westlich des Arlbergs und in Süddeutschland, einen Obristjägermeister. Dessen Aufgabe war nicht nur die Hege des Wildes, dieser und sein Personal – zwei Meisterjäger, 30 Jägerknechte, 14 Forstmeister und 105 Forstknechte – waren vielmehr auch für die Sicherung des landesfürstlichen Jagdprivilegs zuständig. Und konnten somit die vielfältigen Verbote mittels eigener Strafkompetenz überwachen. So war das Mitführen von Armbrüsten oder Handbüchsen im Gebirge verboten, die Haltung von Hunden im Inntal ebenso wie auch das Aufrichten von Zäunen, an denen sich das Wild verletzen konnte. Hinzu wurde zwischen Schwaz und Stams ein Hofzaungebiet eingerichtet. In dieser Sperrzone war die Jagd auf das gesamte Wild – also auch auf ansonsten von der Bevölkerung noch bejagbaren Hasen, Füchsen oder Federwild – verboten. Natürlich mit Ausnahme der Landesfürsten. Hege­bemühungen seitens Maximilian, die rasch ihre Früchte trugen, zumindest für die adligen Waidmänner, welche sich – in der noch bis heute andauernden Problematik Wildbestand versus landwirtschaftliche Nutzflächen – eindeutig auf die Seite von Hirsch, Wildschwein und Co. schlugen. Mit dementsprechenden Folgen: Nach vielfältigen Klagen der Bauernschaft über die, durch den hohen Wildbestand, verursachten Flurschäden gestattete Maximilian 1511 das zusätzliche Aufstellen von Zäunen im Inn- und Wipptal sowie das Halten von kleinen Hunden. Dazu versprach er, „dass das Rotwild, desgleichen die Wildschweine an der Etsch mehr als bisher gejagt werden sollten“, ohne jedoch auf den Zusatz zu vergessen, dass „wir dennoch einiges zu unserer Lust hegen mögen.“

Diese Leidenschaft Maximilians führte nicht nur zu einer Jahresstrecke von 32 Hirschen, 41 Gämsen und 300 Enten, sondern vor allem auch dazu, dass unter seiner Regentschaft die Klammer zwischen jagdlicher Leidenschaft und politischer sowie gesellschaftlicher Betätigung geschlossen wurde. 1496 veranstaltete Maximilian eine Gamsjagd für das mailändische Herzogspaar, 1497 eine ebensolche für den türkischen Botschafter (siehe Gemälde „Maximilian I. mit Jagdgesellschaft li.) und 1501 durften spanische und venezianische Gesandte mit ihm ins Gebirge steigen. Zusätzlich zum Kontakt zum internationalen Adel nutzte Maximilian seine Jagdausflüge hinzu auch, um die tagtäglichen Geschäfte in seinen Herrschaftsgebieten auszuüben. So rät er als jagdliche Grundausstattung jedem Waidmann – sprich den Adeligen des frühen 16. Jahrhunderts – die Mitnahme seiner Sekretäre und Räte zur Jagd. Dies, damit etwaige Bittsteller zufriedenstellend abgefertigt werden können. Eine scheinbar absolute Hingabe zur Jagd, die Maximilian selbst in politischen Krisen für sich nutzte: Zu den Friedensverhandlungen mit französischen Diplomaten 1501 in Trient zog der Habsburger nicht etwa als der letzte Ritter mit einem schwer gepanzertem Reiterheer, sondern ritt als Waidmann gekleidet, mit 300 Armbrustschützen und 300 Reitern in die Stadt ein. Zur Garnitur führte ein Wagen mit zuvor erlegtem Wild den ungewöhnlichen Zug an. Eine sichtlich absolute Hingabe, die Maximilian mit seiner Inschrift unter das „Privilegium maius“ – jener Abschrift des „Privilegium minus“, welche­ Rudolf­ IV. als Urkundenfälschung für die Sonderrechte Österreichs gestalten lies – für die Nachwelt festhielt: ACHIDVX.AVSTRIAE.RO.IMPERII.SVPREMVS.VENATOR, „Erzherzog von Österreich, des Römischen Reiches oberster Jägermeister“

Nebst aller politischen Nutzung ist die Jagd vor allem persönliche Leidenschaft des Monarchen. Insbesondere die Gebiete nördlich und westlich seiner Residenzstadt Innsbruck stehen bei Maximilian als Jagdreviere hoch im Kurs. Herauszuheben ist die geliebte Gamsjagd in der Gufelwand oder in den Wänden der Frau-Hitt-Spitze, die bei Maximilians „Tiroler Jagdbuch“ besondere Beachtung finden – weil hier das Gamswild in den Wänden leicht erreicht, in die Steilwände gehetzt und dort mittels der bis zu acht Meter langen Gamsschäften ausgefällt werden konnte. Weniger hochalpin, von Maximilian in seinem Tiroler Jagdbuch dennoch wärmstens empfohlen, war die Jagd auf den Ulfiswiesen bei Innsbruck. Hier wurde das Rotwild vom Schneekar, Achselkopf, Klammegg oder von Durrach Richtung Inn getrieben, wo die adeligen Schützen auf das Wild warteten. Nicht nur für Maximilian, sondern vor allem auch für jagdliche „frawenzimer“, besonders empfehlenswert. Nebst der Jagd auf Wild waren diese Innauen für den Habsburger jedoch noch wegen einer weiteren Leidenschaft von ihm sehr willkommene Gebiete: der Fischerei.­ Der See auf der Ulfiswiese enthielt Hechte und Karpfen, der Graben Richtung Allerheiligenhöfen war von Krebsen, Grundeln und Pfrillen bevölkert und der Graben Richtung Inn war Heimat für Forellen, Äschen, Grundeln und Pfrillen. Für Maximilian und seinen waidmännischen Hof somit ein schier perfekter Ort, konnte hier an einem einzigen Tage der Hirschjagd, der Falkenbeize und dem Fischfang nachgegangen werden.

Dass diese Jagdleidenschaft Maximilians zu der ein oder anderen Legende – heute würde vielleicht der Begriff Jägerlatein besser passen – führte, ist nahezu selbstverständlich. Neben der Namensgebung von Kematen soll der Habsburger 100 Enten mit lediglich 104 Schuss zur Strecke gebracht haben, tötete mit einem Bolzen 26 Hasen ohne zu fehlen und soll sogar den höchsten Berg Europas – vermutlich den Großglockner – bestiegen haben, ohne das Erdreich oder den Berg zu berühren: „Der groß Waidmann ist gebessen auff dem hochsten gepirg In Eropia. vnd ist auff solhen perg komen, das Er das ertreich noch den perg beruert hatt.“ Greifbarer ist hingegen die mit der Zeit von Maximilian begonnene Tradition, die Trophäen der Wildtiere als Wandschmuck heranzuziehen, hoffentlich noch nachhaltiger seine – wohl unbeabsichtigte – Funktion als Artenschützer. Um das Jahr 1500 veranlasste er etliche Tiroler Bergseen mit Forellen zu besetzen – einzig im Gossenköllesee überlebte bis ins 21. Jahrhundert eine noch autochthone Population, welche heute und in Zukunft Stamm der letzten rein donaustämmigen Forelle­ bildet: der Kaiser Max Forelle.  Michael Kogler

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