Das Landlibell

Das Landlibell von 1511 war über Jahrhunderte Teil der Tiroler Landesverfassung und gilt als „Geburtsurkunde“ der Schützen.

Das Tiroler Landlibell aus dem Jahre 1511 diente vor allem der Verteidigung des alpinen Tirols. Im Einvernehmen mit den Tiroler Landständen wurde die Urkunde am 23. Juni 1511 von Kaiser Maximilian I. verabschiedet und bildete daraufhin über Jahrhunderte hinweg einen Eckpfeiler der Tiroler Landesverfassung.

Einer der Kernpunkte der Vereinbarung, in der auch Steuerrechte niedergeschrieben sind, war das Recht der Tiroler, Waffen zu tragen. Das konnte der Kaiser nur in einem Land wagen, das keine Leibeigenen kannte und wo vom kleinen Bergbauern bis zum stolzen Ritter jeder ein freier Mann war. Und, noch viel wichtiger: Kein Tiroler konnte mehr gezwungen werden, außerhalb der Landesgrenzen Kriegsdienst zu versehen (es sei denn, man hätte den von Feinden verfolgten Kaiser beschützen müssen). Dadurch und durch die Einführung der Wehrpflicht aller tauglichen männlichen Untertanen sind Tiroler­ Kämpfer­ jahrhundertelang nur zur Verteidigung der Heimat zum Einsatz gekommen. Ein großer Fortschritt, wenn man bedenkt, dass bis ins 16. Jahrhundert hinein Kriege fast ausschließlich mit angeheuerten Söldnern geführt worden sind – ein reguläres Heer wäre auf Dauer für jeden Herrscher unfinanzierbar gewesen. Nach einer Schlacht sind diese Landsknechtheere dann meistens dort geblieben, wo sie sich gerade befunden haben und plagten die Bevölkerung mit Plünderungen, Brandschatzungen und Vergewaltigungen. Das konnte Kaiser Maximilian I. nicht länger riskieren, war doch sein Tirol auch Zentrum des Geschützgusses, dessen damalige weltweite Überlegenheit den Ruhm des Habsburgers mehren sollte.

Neben der Wehrpflicht und dem Verbot ausländischer Kriegseinsätze brachte das Landlibell eine weitere Neuerung, denn es bestimmte – je nach Bedrohung – das Aufgebot an Soldaten. Diese „stehenden Heere“ reichten von 5000 bis 20.000 Mann und jede Stadt und jedes Landgericht hatte eine festgelegte Anzahl von Wehrfähigen zu stellen. Schnell entstanden so freiwillige Schützenkompanien, deswegen gilt das Landlibell von 1511 auch vielen als die Gründungsurkunde der Tiroler Schützen.

Theoretisch hatte das Landlibell bis 1918 seine Gültigkeit, auch wenn an einigen Privilegien bereits seit Beginn des 19. Jahrhunderts stark gekratzt worden ist. Eine echte Bewährungsprobe erlebte das neugeregelte Verteidigungssystem in der Zeit der napoleonischen Kriege von 1796 bis 1813. Die Auflösung des Landlibells durch die bayrische Besatzungsmacht im Jahre 1809 und die daraufhin erfolgte Zwangsrekrutierung von Axamer Burschen löste den Landsturm unter der Führung des Andreas Hofer aus. Die folgenden Bergiselschlachten sind tief im Tiroler Nationalbewusstsein verankert, die Verteidigungskultur wurde über Generationen quasi­ mit der Muttermilch aufgesogen und findet sich bis heute im „Wir Tiroler“ Gefühl.

Der Oberkommandant der französischen Zone, Marie-Emile Bethouard, formulierte 1948 diese Verteidigungskultur vortrefflich mit den Worten: „Die Tiroler werden nur gefährlich­, wenn man ihnen die Waffen wegnimmt.­“  Gernot Zimmermann

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