Sangesbrüder

Die Meistersinger von Schwaz waren ein musikalisches Unikum  in Tirol – die Obrigkeit beobachtete ihr Treiben argwöhnisch.

Beim zweiten Anlauf hatten sie Glück. 1536 erhielten sie die Bewilligung „dz sy an den Feyrtägen erberlich (ehrbar), beschaidenlich und niemmand zu nachtail singen mugen“. Und da allein schon aus diesen Zeilen die große Skepsis bezüglich ihres Treibens hervorgeht, verwundert es nicht, dass die Obrigkeit auf Nummer sicher ging, und die Meistersinger unter die Obhut der Schwazer Richter stellte. Die sangesfreudigen Schwazer trafen sich von nun an im Pfleghaus.

Dem Meistersang war in Schwaz allerdings nur eine kurze Blüte beschieden. Die vom 14. bis ins 16. Jahrhundert gepflegte bürgerliche Lieddichtung war aus dem Minnesang des Mittelalters hervorgegangen und den Bedürfnissen eines neuen Standes von einflussreichen Handwerkern, Gewerken und Kaufleuten entsprechend adaptiert worden. Gelehrt und weitergetragen wurde der Meistersang, der strengen Regeln unterworfen war, in Singschulen, von denen sich einige bis ins 19. Jahrhundert hielten. Die Meistersinger machten es sich zudem zur Aufgabe, die Tradition durch eigene Kompositionen zu bereichern. Als der wohl bedeutendste Meistersänger gilt Hans Sachs. In seiner Gesellenzeit begab er sich auf Wanderschaft und weilte 1513/1514 für längere Zeit in Tirol. Er hielt sich in Innsbruck und Hall sowie in Schwaz auf und setzte der Silberstadt ein literarisches Denkmal. „Als ich mein handwerck nach thet wandern / Von einem lande zu dem andern, / Kam ich gen Schwatz in das Inthal / Do im bergkwerg ein grose zal / Ertzknappen arbeitn tag und nacht“, heißt es in seinem Schwank über die Bäuerin mit der dicken „millich“.

Schon 1508 hatte sich der Schwazer Handwerker Hans Probst an einem Lied nach Meistersingerart gewagt, und an Festtagen traten immer wieder Sangesbrüder öffentlich auf. Doch erst 1532 suchte die Schwazer Meistersingervereinigung um Erlaubnis an, eine Schule einzurichten. Ihrem Wunsch wurde allerdings zunächst nicht entsprochen. Es waren insbesondere zwei Gründe, warum diese von Handwerkern ins Leben gerufene Singschule, die bald im ganzen nord- und mitteldeutschen Raum Verbreitung fand, in Tirol mit äußerster Vorsicht betrachtet wurde. Zum einen eilte diesen Vereinigungen der Ruf voraus, mehr trinkfreudige Zusammenkünfte als musikalische Bildungsstätten zu sein. Zum anderen waren die Meistersinger stark protestantisch geprägt, verbreiteten das Gedankengut Luthers und der Reformation in Liedform, was im erzkatholischen Tirol natürlich auf massiven Widerstand nicht nur seitens des Landesfürsten stieß. Vier Jahre später setzten sie sich durch, mussten allerdings strenge Auflagen erfüllen. So durften die Schwazer nur an Feiertagen und unter landesfürstlicher Aufsicht auftreten, lutherisches Gedankengut musste aus den Liedern gestrichen werden. Mit dem Niedergang des Bergbaus verlor der Meistersang in der Silberstadt seinen finanziellen Rückhalt. Letztmalig erwähnt wird er 1601.

Über Jahrhunderte erzählte der Meistersingersaal im Schwazer Pfleghaus, wo die Zusammenkünfte der Sangesbrüder stattgefunden hatten, die Geschichte dieser musikalischen Einrichtung fort. 1944 wurde er bei einem Bombenangriff schwer getroffen und damit ein einzigartiges Kulturdenkmal unwiederbringlich vernichtet. Vernichtet war damit nicht nur der Großteil der wunderbaren Wandmalereien (die allerdings schon davor wüst demoliert worden waren), die den oberen Rand des runden Saals geziert hatten. Mit der Zerstörung des Turms wurde auch die letzte noch erhaltene, freskengeschmückte Singstätte aus der Meistersingerzeit in Schutt und Asche gelegt.  Susanne Gurschler

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