spanioleins mentelle

Verschwenderischer Pomp und Luxus spiegelten sich auch in der Kleidung der Adeligen. Dem aufstrebenden „gemeinen Volk“ begegneten sie mit strengen Kleider- und Luxusverordnungen.

Sie soll schön aber von mäßigem Verstand gewesen sein. Als naiv, verschwenderisch und geschwätzig bezeichnete sie ihr Ehemann, der auch sonst keinen Zweifel daran ließ, dass er sie nur des Geldes wegen geheiratet hat. Bianca Maria Sforza (1472-1510), aufgewachsen am Hof in Mailand, wurde wahrlich mit dem falschen Mann verheiratet: Bei der Hochzeit war er nicht anwesend, bei ihrer Ankunft in Innsbruck anderweitig beschäftigt. Und als sie starb, widmete ihr Kaiser Maximilian I. (1459-1519) nicht einmal einen Grabstein. Doch Bianca Maria Sforza, die unglückliche Kaiserin, brachte nicht nur italienische Lebensart an den Innsbrucker Hof. Die junge Fau legte viel Wert auf ihr Äußeres, war stets nach neuerster Mode gekleidet. Allein die persönliche Ausstattung (Kleider ,Schmuck etc.), die sie bei der beschwerlichen Reise nach Innsbruck bei sich hatte, hatte einen Wert von rund 44.000 Dukaten. Eine Summe, für die selbst ein Gutverdienender wie der Haller Münzmeister rund 140 Jahre hätte arbeiten müssen.

Die höfische Mode am Übergang vom 15. ins 16. Jahrhundert war gekennzeichnet durch mondäne Üppigkeit: Schwere, mehrfarbige Stoffe, verschwenderisch gebauscht und gerafft, mit Pelzbesätzen, Spitzen, Borten und Perlenstickereien versehen, dazu wertvoller Schmuck und sorgfältig drapiertes Haar waren ein Muss. Für die vollkommene Harmonie des Erscheinungsbildes wurde nicht nur in der Beschaffung der Materialien und in der Herstellung der Kleider ein immenser Aufwand betrieben. Die Adeligen verwendeten auch viel Zeit, um sich ihrer Position entsprechend herauszuputzen. Den Bestrebungen anderer Stände, es dem Adel in Ausstattung und Auftreten gleichzutun, begegnete man besonders in den Metropolen mit strengen Kleiderverordnungen. Anlässlich des Reichstages zu Worms erließ Maximilian I. 1495 sogar eine Reichskleider- bzw. Luxusverordnung, die detailliert festlegte, wer, was und wie zu tragen hatte – vom Bauern bis zum Herrn.

 Am Innsbrucker Hof hielt mit Bianca Maria Sforza die Mode der italienischen Renaissance Einzug: Die Taille rutschte nach oben, an das Mieder schloss sich ein in verschwenderischen Falten gereihter Rock. Der Ausschnitt gewährte einen großzügigen Blick auf das Dekolleté, gerahmt von Perlen, edlen Stickereien und raffiniertem Schmuck – schon in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts sollten hochgeschlossene Hemden der Freizügigkeit wieder ein Ende setzen. Die wohl raffinierteste modische Idee betraf die Ärmel. So wie die Wamsärmel beim Mann waren die Ärmel der Frauengewänder mit Bändern unterbunden und mit Schlitzen verziert. Aus den bauschigen Ärmeln quoll ein fein gefälteltes Leinen- oder Seidenhemd. Diese Ärmel konnten meist abgenommen und durch andere ersetzt werden. Die gerne einfach aufgesteckten oder zu einem Zopf gefassten Haare wurden immer weniger verdeckt, schließlich nur noch durch Netze oder Bänder zusammengehalten. Wie schon in der Antike war blondes Haar äußerst beliebt. Der Natur nachgeholfen wurde mit Färben oder Bleichen. Venezianerinnen etwa verbrachten oft den ganzen Tag unter praller Sonne, befeuchteten ihr Haar mit Wasser, sobald es trocken war, in der Hoffnung, so den begehrten goldenen Schimmer hineinzuzaubern. Um den hellen Teint zu schützen – gebräunte Haut war verpönt – trugen sie einen breitkrempigen Hut ohne Kopf, auf dem das Haar ausgebreitet wurde.

 Männer traten in Wams, Hemd und Schaube, einem offen getragenen Obergewand, auf. Wichtiges Accessoire für Männer und Frauen wurde zunehmend das Barett, eine flache runde, manchmal auch eckige Kopfbedeckung aus Seide, Samt oder Tuch, die gern mit Pailetten, Borten oder Schmuckstücken veredelt wurde. Um 1500 machten sich zusehends spanische Einflüsse bemerkbar. Deren Hauptcharakteristika war die schwarze Einfarbigkeit, dazu kam die „capa“, ein kreisrund geschnittener Umhängemantel. Nördlich der Alpen wurde die spanische Mode vor allem durch Kaufleute aus den großen Handelsstädten wie Augsburg, Nürnberg und Ulm verbreitet. „Mehr hat mir herr Erasmus geschenckt ein spanioleins mentelle“, notierte Albrecht Dürer 1921 anlässlich seiner Reise in die Niederlande. Wer etwas auf sich hielt, eiferte den edlen Herren und Damen nach. Das kam in adeligen Kreisen allerdings nicht gut an.

Ihnen war es ein Dorn im Auge, dass reiche Handelsfamilien und Großbauern, sich der höfischen Mode bemächtigten, indem sie raffinierte Schnitte, Kopfbedeckungen, Schuhwerk und Schmuck kopierten und je nach Geldbeutel einfach in günstigeren Materialien ausführten. Ab Mitte des 15. Jahrhunderts erließen einige Städte Kleiderordnungen, die das schamlose Plagiieren der niederen Stände einbremsen sollte. 1495 legte Maximilian eine Reichskleider- bzw. Luxusverordnung vor, für deren Einhaltung Reichsstände und Städte zu sorgen hatten. Dieser gemäß waren Wams und Rock des Bauern ausschließlich aus einfärbigen, inländischen Stoffen wie Wolle oder Leinen zu fertigen. Einzig bei der Hose war es gestattet „Lündisches Tuch“, englischen Wollstoff, zu verwenden, ebenso für den Überwurf (Goller oder Koller genannt)der Frau. Darüber hinaus musste das Kleid der Bäuerin aber ohne Krägen, Übermieder, Schleier gefertigt sein, hatte nicht mehr als sechs Falten am maximal wadenlangen Leibrock aufzuweisen. Dieser durfte zudem weder zerteilt, noch zerschnitten sein. Sich mit Gold, Silber, Perlen und Seide zu schmücken war dem einfachen Volk ebenso verboten, wie Brusttücher, Straußenfedern oder gar „seiden hosenbendel“, seidene Hosenbänder, zu tragen. Als Kopfbedeckung war für den Bauern Kappe und Hut vorgesehen, das Barett blieb ihm verwehrt, als Pelzfutter waren nur Gais- oder Lammfell erlaubt.

Dem einfachen Volk gegenüber durften etwa Kaufleute und ihre Frauen nach Herzenslust aus der Fülle an hochwertigen Stoffen wählen mit Ausnahme von Damast, Atlas, Samt und Seide. Nur die Koller der Ratsbürgerinnen konnten aus Samt und Seide sein, wobei genau festgelegt war, wieviel Ellen Stoff dafür verwendet werden durften. Edelmetallstickereien und Perlenverzierungen waren ihnen allerdings untersagt, ebenso das tragen von Schmuck und Gürteln, die einen bestimmten Preis überschritten. Doch die Großbürger ließen sich nicht mehr so einfach in die Schranken weisen. Nicht zuletzt, weil die Herrschenden immer mehr auf Kredite seitens des „Geldadels“ angewiesen waren, um ihren aufwendigen Lebensstil zu finanzieren. Im Gegenzug ließ dieser sich adeln. Eines der prominentesten Beispiele ist Kaiser Maximilian I., der insbesondere bei der Familie Fugger mächtig in der Kreide stand. 1511 erhob er Jakob Fugger in den Adelsstand, drei Jahre später ernannte er ihn zum Reichsgrafen. 

Das Selbstverständnis der vermögenden Kaufleute und Gewerken spiegelt sich in den Porträts wider, die sie anfertigen ließen und die sich eindeutig an höfischen Bildnissen orientierten. Maria Welzer zum Beispiel, Tochter des wohlhabenden Schwazer Gewerken Simon Tänzl, trägt auf dem Porträt, das anlässlich ihrer Hochzeit 1524 gefertig wurde, ein äußerst prunkvolles, ocker-oliv-farbenes Kleid mit hochgeschlossenem, seidigem Unterhemd. Der absolute Hingucker ist das üppige rote Samtbarett versehen mit einer sehr aufwändigen Perlenstickerei. Um das Motiv – eine Pelikanmutter mit drei Kindern – plastisch wirken zu lassen, wurden Perlen unterschiedlicher Größe verwendet, was bedeutete, dass im Hause Tänzl kein Mangel an äußerst wertvollen Perlen herrschte. Diese kunstvolle Arbeit hätte das Herz von Bianca Maria Sforza sicher erfreut. Was ihr an Verstand fehlte, machte die zweite Frau von Maximilian I. nämlich mit feinsten Handarbeiten wett. Maximilian I. waren diese Talente egal. Selbst als seine Frau im Sterben lag, sah er sich nicht veranlasst, nach Innsbruck zu kommen. An der Beerdigung der unglücklichen Kaiserin nahm er nicht teil.  Susanne Gurschler

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