Schöner Wohnen

Mit der Innsbrucker Hofburg und Schloss Ambras richteten sich die Tiroler Landesfürsten standesgemäße Residenzen ein. Viel Platz für Prunk und Spaß.

Wenn sich Besuch ankündigte, hatte die Vorfreude eine Schattenseite. Gingen Kaiser, Könige und Fürsten auf Reisen, taten sie das nicht mit leichtem Gepäck. Und auch nicht allein. Bekam etwa Erzherzog Ferdinand II. Lust, nach München zu fahren, so wurden allein in Tirol 530 Pferde benötigt und weitere Reiter wie Kutschen schlossen sich dem Gefolge aus den Vorlanden und Böhmen an. 72 Kutschen wurden gezählt, als er den Kurfürsten August in Dresden besuchte. Im Jahr 1588 war Ferdinand dabei, als gleich mehrere Erzherzöge nach Prag reisten und 288 höfisch bemannte und mit zahlreichen Geschenken wie fürstlichen Notwendigkeiten beladene Wagen in die Residenzstadt Kaiser Rudolfs II. einfuhren. 

Kamen hochadelige Gäste nach Tirol, ging es zu wie in einem Taubenschlag. Alle wollten essen, trinken und schlafen, bei jeder Rast oder Übernachtung der Trosse waren die Gerichte und Vogteien dazu verpflichtet, sie kostenfrei zu versorgen. Nein, Besuch führte nicht zu ungeteilter Freude. Als beispielsweise Erzherzog Wilhelm von Bayern „Onkel Ferdinand“ in Tirol besuchte, jammerte ein Abgesandter des Innsbrucker Hofes: „Ich weiß mir kaum zu helfen: die Baiern sagten sich auf zwölf Tische an und wie sie nun kommen sind es 24.“ Oje. 

Die Herausforderung für die Inns­brucker Höflinge war groß, lag Tirol doch nicht an einer abgelegenen Straße am Rande von Irgendwo, sondern war strategisch herausragender Verkehrsknotenpunkt der damaligen Zeit. Führten alle Wege nach Rom, so führten fast alle Wege nach Rom über Tirol. Ob es nun Könige waren, die sich dort zu Kaisern krönen wollten oder ob es Händler waren, die von Venedig aus Schätze des Orients an die Höfe im Norden brachten – sie alle nutzten den Brennerpass und alle mussten durch das Land im Gebirge. Und weil diese Gebirge auch noch reich an Silberschätzen waren, war Tirol ein Diamant im europäischen Länder-Diadem. Einer, der durch die Landesfürsten des 15. und 16. Jahrhunderts besonders vielfältig zu strahlen begann.

Um standesgemäß residieren sowie Gäste empfangen zu können, benötigten die Fürsten die entsprechenden Räume. Die Zeit war reif für Hofburg und Schloss Ambras. Vergleichsweise bescheiden war es am Rennweg losgegangen. Die Tiroler Adelsfamilie von Starkenberg hatte einen Ansitz, der sich „hinter der Pfarrkirche“ unweit der Innsbrucker Stadtbefestigung befand. Dort erhielt Herzog Leopold IV. 1396, im Jahr seines Amtsantritts als Tiroler Landesfürst, das Wohnrecht. Im Rahmen eines Tauschgeschäftes kam er bald in den Besitz des Gebäudes und erwarb weitere Gebäude im Umfeld sowie Gärten außerhalb der Stadtmauer, die später den Hofgarten bildeten. 

Während Herzog Friedrich IV. diese Erwerbungen ignorierte, wohl aber mit der Verlegung des Regierungssitzes von Meran nach Innsbruck einen wichtigen Schritt setzte, sollte das Areal unter seinem Sohn Sigmund zur ersten großen Blüte erwachsen. Der Herr Papa hatte Sigmund ein beachtliches Vermögen hinterlassen, in Schwaz glitzerte das Silber, in Hall sollte mit dem Guldiner die erste große Silbermünze Europas geprägt werden und Sigmund plante, sich einen repräsentativen Wohnsitz zu schaffen. Einen, der letztlich mit dazu beitragen würde, seine Zeit als Tiroler Landesfürst vorzeitig zu beenden. 

Sigmund kaufte innerhalb eines knappen Jahrzehnts Grundstück um Grundstück, Haus um Haus, sodass ihm bald der gesamte Rennweg mitsamt dem Franziskanerplatz gehörte. Er ließ bauen und erweitern, ein Depot für Harnische und Waffen anlegen (Harnachhaus), 1463 wurde erstmals ein Saalbau erwähnt und 1469 eine Kapelle. Teils lebten über 500 Menschen in der Burg und kosteten den luxusverliebten und spendierfreudigen Landesfürsten das letzte Hemd. Auf Drängen der Landstände wurde ihm dieses ausgezogen, Sigmund musste vorzeitig zurücktreten und 1490 Maximilian I. Platz machen.

Maximilian hatte viele Gründe, von Innsbruck entzückt zu sein. Die Lage war perfekt, war die Stadt doch nicht nur für Nord-Süd-Reisen der beste Ausgangspunkt, sondern auch für Reisen in die westlich wie die östlich gelegenen Ländereien des Hauses Habsburg. Für Maximilian – erst König und ab 1508 Kaiser des Heiligen Römischen Reiches – bildete­ Innsbruck so etwas wie den Mittelpunkt der Rosette seines Kompass‘ und so verwandelte er die Hauptstadt Tirols zur Hauptstadt seines Reiches.

Die kaiserliche Residenz musste diesem Mittelpunkt der damaligen Welt entsprechen. Unter Kaiser Maximilian I. wurde sie denn auch großzügig aus- und umgebaut. An der nordöstlichen Ecke der heutigen Hofburg kam das sogenannte Frauenzimmer hinzu, jener Trakt, der – wie der Name schon sagt – den weiblichen Hofstaat zu beherbergen hatte. Die Mauern und Gewölbe des Frauenzimmers sind heute noch erhalten. Fast 20 Jahre lang war dieser Bereich Wohnraum für Maximilians zweite Gattin Bianca Maria Sforza. Sie ist nebst seiner ersten Frau, Maria von Burgund, und Maximilian selbst im zweiten Stock des Prunkerkers verewigt, den das Goldene Dachl ziert, das Maximilian um 1500 erbauen ließ und das mit seinen 2657 feuervergoldeten Kupferschindeln zum Wahrzeichen der Stadt werden sollte. 

Der Kaiser ließ das Harnachhaus vergrößern und das oberste Geschoß zu einer „Kürnstube“ umgestalten, die mit Malereien von Tieren und Jägern verziert wurde und Maximilians Jagdleidenschaft repräsentierte. Der Kaiser verstand sich prächtig darauf, mit der Architektur zu beeindrucken und Bilder sprechen zu lassen. Vor dem Hintergrund dieser frühen Propagandakunst gilt der Wappenturm als einer der herausragendsten Bauten seiner Zeit. Der Turm, der unter Kaiserin Maria Theresia ummantelt wurde (Südrondell), stand am Eingang vom Rennweg zur Hofgasse und beeindruckte die Betrachter mit 56 Wappen, welche die Länder repräsentierten, die um die Jahrhundertwende zum Haus Habsburg zählten. Nicht minder beeindrucken sollte das Grabmal, welches Maximilian schon kurz nach seinem Einzug in Inns­bruck in Auftrag gegeben hat. 40 reale und fantasierte „Ahnen“ sollten als überlebensgroße Bronzefiguren die letzte Ruhe des letzten Ritters bewachen und von seiner Größe zeugen. 28 dieser „schwarzen Mander“ wurden noch zu Maximilians Lebzeiten gegossen und landeten schließlich in der Hofkirche, ohne je ihren Auftrag erfüllen zu können. Maximilian, der Innsbruck mit so gigantischen Bauwerken und ebenso legendären Festen beglückt hatte, wurde nicht hier, sondern in der St. Georgs-Kapelle in der Wiener Neustädter Burg begraben. Unter Maximilians Nachfolger, Ferdinand I., musste weiter in die Innsbrucker Hofburg investiert werden. Nicht ganz freiwillig, denn ein Großbrand erfasste 1534 die Burg, beschädigte den Ostteil und machte großzügige Renovierungsarbeiten notwendig. Das war die Zeit, in der der Einfluss italienischer Renaissance-Künstler Einzug in Tirol fand. Bis 1538 war etwa der italienische Baumeister Lucius de Spaciis damit beschäftigt, diesen Teil zu renovieren und die Erneuerung der Saalbauten zu dirigieren. Von 1553 bis 1556 ließ Ferdinand die Hofkirche sowie einen Verbindungsgang dorthin bauen, die gotischen Spitzdächer mussten eher flachen Renaissancedächern weichen und der ebenfalls aus Italien stammende Künstler Domenico Pozzo wurde damit beauftragt, sich um die Deckenbemalung im neuen Prunksaal zu kümmern. 

Im schillernden Sog der Renaissance bewegte sich vor allem Erzherzog Ferdinand II., Sohn von Ferdinand I. Er huldigte der Epoche auf vielen Ebenen. Beispielsweise entsprach die Anlegung prächtiger Gärten – des Hofgartens in Innsbruck und des Gartens beim Schloss Ambras – ganz dieser Zeit. Die Hofburg überließ er dem Architekten-Star Giovanni Lucchese, dessen Auftrag es war, sie zu einer Residenz umzubauen, in der die Renaissance allgegenwärtig sein sollte. 

Das Frauenzimmer wurde umgestaltet, der Wappenturm aufgepeppt und als letzte Ruhestätte für sich und seine Gattin Philippine Welser ließ er – nach dem Vorbild der Fuggerkapelle in Augsburg – die Silberne Kapelle errichten. Unter Ferdinand II. mussten die Regierungsbeamten zudem die Gebäude in der Hofgasse räumen, weil die Räumlichkeiten allein der Residenz vorbehalten waren. An Räumen konnte Ferdinand II. gar nicht genug bekommen. Er klotzte. Kleckern war in der Familie Habsburg keine Kategorie. So ließ er im Hofgarten die „Ruhelust“ bauen, ein Gebäude aus Holz und Fachwerk mit 60 Zimmern. Als Liebkind des Erzherzogs sollte sich jedoch Schloss Ambras erweisen. 

Der Platz des Schlosses, in der Ferdinands bürgerliche Gattin Philippine Welser residieren und gar prächtige Feste organisieren würde, hatte eine lange Geschichte. Bereits im Jahr 1078 soll dort eine Burg gestanden haben. Die Görzer haben sich am aussichtsreichen Hang eine landesherrliche Anlage bauen lassen, doch fiel die Burg eigentlich nie sonderlich auf, zerfiel eher im Lauf der Zeit, bis Erzherzog Sigmund das Anwesen für seine zweite Frau Katharina von Sachsen zu einem repräsentativen Schmuckstückchen um- und ausbauen ließ. 

Maximilian I. schätzte das Schloss nicht minder und plante, es zu seinem Jagdschloss zu machen. Seine ständig leeren Taschen führten allerdings dazu, dass er das Schloss – wie so vieles andere auch – verpfändete, sodass Ferdinand I. tief in die Tasche greifen musste, um es 1563 für seinen Sohn auszulösen. 

Ferdinand II. war noch gar nicht in Innsbruck, da erteilte er schon Anweisungen für umfangreiche Umbauarbeiten. Wieder war es der Tessiner Architekt Giovanni Lucchese, der zum Zug kam. Er und sein Sohn Alberto. Sukzessive verwandelten sie die Burg in ein prächtiges Schloss und setzten Malereien zur kunstvollen Retusche topografischer Unzulänglichkeiten ein. Ab 1570 wurden der spanische Saal beim Hochschloss gebaut und die „Kornschütt“ beim Unterschloss. In diesem Gebäude wurden die Stallungen untergebracht, die Bibliothek und die kleine Rüstkammer. Die Parkanlage mit Bacchusgrotte, Wasserfall und Wildpark für die Jagd machten diese Residenz zu einem perfekten Platz, um Feste zu feiern und fürstlichen Vergnügungen nachzugehen.

Neben Philippine Welser war eine zweite ganz besondere Leidenschaft von Ferdinand II. in Schloss Ambras untergebracht. Die Kunst- und Wunderkammer. Bei Meisterwerken des Kunsthandwerks, mit denen in der Renaissance die Vollkommenheit der Natur übertroffen werden wollte, ließ sich Ferdinand nicht lumpen. Kunstfertigkeit wurde stolz honoriert und auch Ferdinand selbst übte sich im Drechseln, das zu seiner Zeit mit der Überwindung der Natur gleichgesetzt wurde. Wunder machten die außergewöhnliche Kammer des Erzherzogs perfekt. Wer hier durchspazierte, konnte die ganze damals bekannte Welt bestaunen. Es war ein Abbild des Universums, das im 16. Jahrhundert voll war mit mythischem Zauber, sagenhaften Objekten und furchteinflößenden Geschichten. Als wahrer Meister des Manierismus hortete Ferdinand Geschenke des noch völlig unbekannten Ozeans wie Korallen, Muscheln oder Schnecken, Kugelfisch oder Hai. Als eines der wertvollsten Exotika war eine Kokosnuss zu bestaunen – in Gold gefasst und mit Edelsteinen verziert. 

Als wundersam wirkend galt das Rhino­zeroshorn, das über den indischen Ozean nach Europa und Innsbruck gelangt war und in Form eines reich verzierten Goapokals die Wunderkammer schmückte. Dem Rhinozeroshorn wurden aphrodisierende wie heilende Kräfte zugeschrieben. Ähnlich begehrt, teuer und noch ein wenig bizarrer waren die Bezoare, die Magensteine, die aus dem Gedärm von Lamas, Ziegen oder anderen Tieren stammten, gegen Melancholie und sonstige Leiden helfen sollten und nicht mit Gold aufgewogen werden konnten. Haifischzähne wurden gesammelt, da ihnen die Eigenschaft zugeschrieben wurde, in der Nähe von giftigen Substanzen zu „schwitzen“ – eine Erleichterung für die Vorkoster am Hof. Zur damaligen Welt zählten auch außergewöhnliche Menschen. Darum sammelte Ferdinand Portraits von Fürsten und Kriegshelden, aber auch von Abnormen und Kuriosen, wie etwa Haarmenschen, Zwergen oder Riesen. In dieser Reihe fand sich auch der ungarische Edelmann Gregor Baci, dessen Auge von einer Lanze durchbohrt worden war und der diese Verletzung überlebte, oder von „Dracula“­ Vlad IV. Tzepesch. 

Wer zur Zeit von Ferdinand II. nach Innsbruck kam, konnte sehen, was die Welt zu bieten hatte, erleben, was ein Habsburger so unter „schöner wohnen“ verstand und bekunden, wie er Feste zu feiern genoss. Darin stand der Renaissance-Fürst seinen feierlaunigen Vorgängern als Herren von Tirol, wie etwa Sigmund oder Maximilian, um nichts nach. Ob in der Innsbrucker Hofburg, die nicht nur in ihren Weltmittelpunkt-Zeiten unter Maximilian Zentrum hochherrschaftlicher Zusammenkünfte war, oder auf Schloss Ambras, wo den erzherzöglichen Lustbarkeiten ein legendärer Ruf vorauseilte – Innsbruck galt als bezaubernde Gastgeberstadt mit durchaus standesgemäßen Residenzen. 

Unter Kaiserin Maria Theresia, die an der Stadt Innsbruck Gefallen gefunden hatte, erlebte die Hofburg ihre nächste Blüte. Schloss Ambras aber sollte nach Ferdinands Tod nie mehr lebendiger Schauplatz höfischen Lebens und Treibens werden. Zur Zeit der Napoleonischen Kriege diente das Schloss als Kaserne und Lazarett. Im 19. Jahrhundert spielte Erzherzog Karl Ludwig, Bruder Kaiser Franz Josephs I.,mit dem Gedanken, den Ansitz zum Wohnsitz umzubauen, doch legte er sein Amt als Statthalter in Tirol zu rasch zurück, als dass der Gedanke in die Tat umgesetzt werden hätte können. Sein Sohn, Thronfolger des Erzherzogs Franz Ferdinand­, wollte Ambras zu seiner Sommerresidenz ausbauen. Es wurden auch schon die Kunstschätze der Sammlung Ferdinands von Wien zurück nach Innsbruck transportiert, doch der Thronfolger wurde in Sarajewo erschossen, bevor die Arbeiten am Schloss fertiggestellt waren. Angesichts des damit beginnenden Ersten Weltkrieges hatte das untergehende Habsburger-Reich auch echt andere Sorgen. Alexandra Keller

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