Schweres Geschütz

Unter Kaiser Maximilian I. bildete Tirol das Zentrum europäischer Politik. Zur Absicherung und zum weiteren Ausbau seiner Macht ließ „der letzte Ritter“ binnen weniger Jahre eine Artillerie entstehen, wie sie die Welt bis dahin noch nicht gesehen hatte.

TDie Kriegsführung im Mittelalter wird meist mit Rittern in Verbindung gebracht. Schwer gepanzerte Männer reiten auf ebenso schwer gepanzerten Pferden aufeinander zu und versuchen mit Schwertern, Lanzen oder Morgensternen ihre Gegner zu erledigen. In unserer Vorstellung müssen sich die Kämpfer mit ihren bis zu 50 Kilogramm schweren Rüstungen äußerst schwerfällig bewegt haben und es gibt bis heute Geschichtsforscher, die behaupten, damalige Kämpfe seien sozusagen im Zeitlupentempo abgelaufen.

Diese Ansicht ist nicht haltbar – Ritter im Mittelalter waren die Spitzenathleten ihrer Zeit. Muskelbepackte menschliche Kampfmaschinen, die ein Leben lang für ihre Kriegseinsätze trainiert haben. Dementsprechend gefürchtet waren diese berittenen Krieger und über Jahrhunderte hat sich daran nichts geändert. Zwar wurden die Ritter durch die Weiterentwicklung von Waffen wie Langbogen oder Armbrust zunehmend in Bedrängnis gebracht, aber erst das Aufkommen der ersten Feuerwaffen besiegelte dann endgültig ihr Ende. Einem aus einem Eisenrohr abgefeuerten Projektil war bald nichts mehr entgegenzusetzen.

Ohne Schießpulver keine Schusswaffen. Erfunden wurde die todbringende Treibladung in China und zwar um das Jahr 900 nach Christus. Zur Ehrenrettung der Chinesen muss aber sofort dazu gesagt werden, dass Schwarzpulver im Reich der Mitte über Jahrhunderte lediglich zum Bau von Feuer­werkskörpern gedient hat. Um das Jahr 1250 dürfte das „Rezept“ von Schwarzpulver dann nach Europa gekommen sein und hier begnügte man sich nicht damit, lediglich hübsch anzusehende Feuerwerksraketen in den Himmel zu schießen. Bereits im Jahr 1326 wird die erste Schusswaffe bildlich festgehalten und ab diesem Zeitpunkt beginnt eine rasante Entwicklung und – damit einhergehend – eine permanente Verbesserung von Pulver, Projektilen und Waffen.

Bereits um 1330 werden Geschoße aus Geschützrohren, sogenannten Büchsen, abgefeuert. Etwa um das Jahr 1400 gewinnt das Geschützwesen auch in Tirol immer mehr Bedeutung. Durch die Übernahme der Habsburger 1363 rückte Tirol mehr und mehr in den Schnittpunkt politischer und kriegerischer Auseinandersetzungen und es war Herzog Friedrich (Beiname: mit der leeren Tasche), der ab 1406 als erster Habsburger voll auf die Verwendung von Geschützen setzte und damit die berühmte Tiroler Artillerie begründetet. 

Es sind vor allem zwei Faktoren, die den Aufschwung des tirolischen Geschützwesens kennzeichnen. Zum einen ist der unter Herzog Friedrich aufblühende Bergbau zu nennen, denn Silber finanzierte den Aufbau der Artillerie und Kupfer machte den Guss von Kanonen erst möglich. Und die zweite Voraussetzung für die militärische Aufrüstung Tirols stellt die Berufung von tüchtigen Büchsenmachern dar. Bald hatte Herzog Friedrich eine ganze Reihe von festbesoldeten Büchsenmeistern im Dienst, die die Waffen der damaligen Zeit entscheidend revolutionierten. Die ersten Büchsenmacher wurden noch von weit her rekrutiert, aber schon bald sollte Tirol zum Zentrum der Waffenschmieden­ werden. Denn wurden bislang Kanonen aus Eisenstäben zusammengeschmiedet, so setzte sich von Tirol aus mehr und mehr der Guss von Geschützen durch. Schon um 1462 wurde in Hötting die Werkstatt Büchsenhausen errichtet, in der ab diesem Zeitpunkt alle Gießereien vereinigt wurden.

Auf Herzog Friedrich mit der leeren Tasche folgte im Jahr 1477 Herzog Sigmund, genannt der Münzreiche. Der führende Geschützgießer Herzog Sigmunds war Jörg Endorfer von Hötting. Im Inventar von 1493 werden bereits acht Hauptbüchsen aufgezählt und abgebildet, die allesamt von Endorfer gegossen wurden. Der Begriff Hauptbüchse bezeichnet übrigens jene Art von großen Geschützen, die heute als Kanonen bekannt sind, das Wort Kanone ist erst einige hundert Jahre später eingeführt worden. Hauptbüchsen erreichten zur damaligen Zeit ein Gewicht von etwa 4,5 Tonnen, hatten ein Kaliber von 39 Zentimetern und eine Rohrlänge von über 3,5 Metern. Da man sie aber nur am Boden verkeilt abschießen konnte und zudem die Schussfolge extrem niedrig war, wurde der Guss derartiger Riesengeschütze spätestens um das Jahr 1510 eingestellt.

Nach der 1490 von den Tiroler Landständen erzwungenen Abdankung von Erzherzog Sigmund übernahm Maximilian I. die Regierung Tirols. Neben zahlreichen Reformen in der zivilen Verwaltung stellte er auch die militärische Organisation auf eine völlig neue Grundlage. Für die ständige Kriegsbereitschaft ließ er zahlreiche neue Zeughäuser errichten und machte Innsbruck nicht nur zu seiner Residenzstadt, sondern­ auch zum zentralen Waffenplatz.

Maximilian war während seiner Regierungszeit in unzählige Kriege, Schlachten und Scharmützel verwickelt, dementsprechend groß war sein Bedarf an Feuerwaffen. Wurden etwa bis zu Beginn des 16. Jahrhunderts vor allem Handbüchsen teuer aus Nürnberg importiert, so gelang es Maximilian I. durch die Anwerbung von ausländischen Büchsenmachern und die Einrichtung einer Messing-Schmelzhütte in Mühlau bei Innsbruck, die Produktion von Schusswaffen in die eigene Hand zu nehmen. Schnell lagerten in den Zeughäusern tausende Hakenbüchsen mitsamt unzähliger Munition.

Als besonderes Reformwerk Maximilians darf die Neueinteilung der Artillerie gelten, er unterteilte erstmals die verschiedensten Geschütz­typen in Kaliber, womit auch die Produktion der Kugeln einer bestimmten Norm unterworfen war. Die riesigen Hauptbüchsen wurden von den sogenannten Scharfmetzen verdrängt und stellten den schwersten Typ der maximilianischen Belagerungsgeschütze dar. Diese Scharfmetzen wurden von Maximilian auf damals völlig neuartige, fahrbare Lafetten gestellt und verschossen geschmiedete Eisenkugeln anstatt der bisher verwendeten handbehauenen Steinkugeln. Wie erfolgreich sich diese revolutionäre Erfindung in der Praxis auswirken sollte, zeigte sich spätestens bei der Belagerung­ der Festung Kufstein im Jahr 1504 (siehe Kasten Seite 54).

 Neben den Scharfmetzen führte Maximilian auch die Kartaunen als Brechgeschütze ein, die zwar im Aussehen den Riesengeschützen sehr ähnlich, aber bedeutend kleiner waren. Dazu kamen dann noch die Basilisken, die mit ihren extrem langen Rohren zielgenau dicke Befestigungsmauern zu durchbrechen vermochten. Weitere Geschütztypen waren die als Mittel- und Feldschlangen bekannten kleineren Kanonen, als leichteste Infanteriebegleitgeschütze dienten die sogenannten Falkonette und – last but not least – wurde schließlich auch noch die Gruppe der Mörser­ ins Waffensystem vom Maximilian eingebracht.

Natürlich hätte er seine berühmte Artillerie nicht ohne seine genialen Büchsenmacher und Geschützgießer verwirklichen können. Zu den bekanntesten Gießern der damaligen Zeit gehört der im Innsbrucker Büchsenhausen tätige Peter Löffler. Zwar hatte Löffler seinen Dienst bereits in den letzten Regierungsjahren Herzog Sigmunds angetreten, aber erst unter Maximilian I. erreichten er und seine Familie europaweiten Ruhm. Was bei den Kanonen Löfflers besonders auffällt, ist das reichhaltige Dekor der Waffen. Die Geschütze sollen nicht nur die Leistungsfähigkeit der habsburgischen Kriegsmacht, sondern auch in der Dekoration den Herrschaftsanspruch Maximilians demonstrieren. Reihenweise Wappen, Ornamente, Königsadler, Greife, Blumen- bzw. Girlandenmuster und vieles mehr sind zu sehen und auch eine kunstvolle Schriftplatte mit zum Namen der Kanone bzw. zum Namen des Mörsers passenden Sprüchen durfte nicht fehlen. Als ein Beispiel von vielen sei die Aufschrift auf dem Mörser „Narr“ angeführt: „Der Narr heyß ich, mit dem Stein werf ich“. 

Wie fleißig Löffler und seine Gesellen werkten, zeigt ein Blick in die Zeughäuser Maximilians aus dem Jahr 1510. Demnach verfügte die Artillerie des Habsburgers über 38 Scharfmetzen, 24 Basilisken, 57 Kartaunen, 137 Schlangen und 115 Falkonette. Heute vermag uns eine derartige Ansammlung von Waffen wohl kaum mehr zu beeindrucken, Maximilians Artillerie war aber zweifellos eine der modernsten und schlagkräftigsten seiner Zeit.

Kaiser Maximilian ist zwar als der letzte Ritter (er bezeichnete sich selbst gerne so) in die Geschichte eingegangen, die Bezeichnung glücklos würde aber auch nicht schlecht zu ihm passen. Seine unzähligen Feldzüge waren stets gekennzeichnet von permanentem Geldmangel, die angeworbenen Söldner konnten nur selten pünktlich entlohnt werden. Oft befand er sich in der Situation, dass von ihm rekrutierte Söldnertruppen zum Feind überliefen, sich von diesem bezahlen ließen und dann im selben Gefecht gegen ihren einstigen Feldherrn in die Schlacht zogen. Da konnte dann auch die schlagfertigste Artillerie der Welt nicht mehr helfen. Maximi­lians Geldknappheit hatte darüber hinaus zur Folge, dass er und seine Truppen von keinem Wirt Tirols mehr versorgt wurden. Lokalverbot für den Kaiser – und das im ganzen Land. Die Geschichtsschreiber vergessen nicht von der Verbitterung Kaiser Maximilians I. zu berichten, als dieser im kalten Januar 1519 in Innsbruck nirgendwo mehr Quartier für sich und seine Burgundische Garde finden konnte und trotz schwerer Erkrankung gegen Osten weiterreisen musste. In Wels ist er dann verstorben und auf eigenen Wunsch in Wiener Neustadt beerdigt worden, sein aufwendig in der Innsbrucker Hofkirche errichteter und von den „Schwarzen Mandern“ bewachter Kenotaph ist bis heute leer geblieben.

Unter den Nachfolgern von Maximilian entwickelte sich das Tiroler Geschützwesen vorerst noch weiter und erreichte seinen absoluten Höhepunkt wohl unter dem Büchsenmachermeister Gregor Löffler. Dessen Sohn Hans Christof Löffler kann zwar anfangs sowohl technisch als auch künstlerisch an die Leistungen seines Vaters anknüpfen, mangels Aufträgen durch die klamme Reichskasse muss er aber um 1590 nach Wien auswandern. Kurz danach endet die weit über das Land hinausgehende Bedeutung des Tiroler Geschützwesens, heute ist die Kunst der Tiroler Gießer nur noch an wenigen erhalten gebliebenen Stücken nachzuvollziehen, die meisten Kanonen sind im Laufe der Jahrhunderte eingeschmolzen worden. 

Anlässlich einer Fernsehsendung für das ZDF versuchte der Glockengießer Peter Grassmayr von der gleichnamigen Glockengießerei in Innsbruck­ vor einigen Jahren, eine Kanone vom Typ der Löfflers nachzugießen. Dabei orientierte sich Grassmayr an alten Pläne und verwendete die für die moderne Glockengießerei gültigen Verfahren. Nach dem Auskühlen der Kanonenspeise und dem Abschlagen des Tonmantels stellte sich heraus: Die Kanone ist misslungen, nicht einmal einen Sektkorken hätte mit ihr abgefeuert werden können. Es zeigte sich: Die Löfflers und die Endorfers haben die Geheimnisse des weltberühmten Tiroler Geschützgusses mit ins Grab genommen.  Gernot Zimmermann

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