Mit großer Lippe

Die Habsburger, die Tirol regierten, konnten sich zwar über Silberschätze freuen und über die ausgezeichnete Lage des Landes. Die starken Landstände verlangten aber schon ab dem 14. Jahrhundert die hohe Kunst der Diplomatie. Bis Maximilian I. alles umkrempelte.

Der Irrsinn hatte Tradition. Er wurde vererbt wie die berühmte große Lippe, die durch einen markanten Überbiss des Unterkiefers entstand und vielen Habsburgern das Schließen des Mundes unmöglich machte. Sie zu küssen, wird auch kein Vergnügen gewesen sein, was aber ganz offensichtlich kein Grund war, die Fortpflanzung des Geschlechtes zu bremsen. Genetische Vielfalt war es dabei nicht, welche das Herrscherhaus anstrebte. Machterhalt und die mächtige territoriale Ausweitung der Sippe waren oberstes Gebot, ständig wiederkehrende Inzucht die Folge. Es war keine Seltenheit, dass die Ahnengalerie eines habsburgischen Ehepaares erstaunlich wenige – bzw. auf beiden Seiten die gleichen – Namen aufwies. Das machte es immerhin für jene einfacher, sich die Vorfahren zu merken, die diese Heiratspolitik mit Schwachsinn bezahlten. 

Im 16. Jahrhundert kam es diesbezüglich zu ein paar bizarren Blüten. „Philipp II. von Spanien (1527–1598) heiratete seine Nichte Anna, die Tochter seiner Schwester Maria und seines Vetters Maximilian. Seine Schwester wurde damit zu seiner Schwiegermutter, sein Vetter zum Schwiegervater, zu dem seine eigene Tochter auch Cousin sagen konnte“, schreibt Hans Bankl in seinem Buch „Die kranken Habsburger“, „Und Philipp II. selbst wurde zum Großonkel seiner eigenen Kinder. Der Sohn aus dieser eigentümlichen Verbindung war der nächste König von Spanien, Philipp III. Er heiratete Margarethe, die ihrerseits eine Enkelin Kaiser Ferdinands I. war. Damit war Kaiser Ferdinand zugleich der Großvater der Braut und der Urgroßvater des Bräutigams.“ 

Die Degeneration, die mit den aus biologischer Sicht katastrophalen Mischungen einherging, führte beispielsweise dazu, dass Karl II. von Spanien (1661–1700) nicht nur eine derart gigantische Habsburgerlippe hatte, dass nicht einmal die sanftmütigsten Hofmaler diese auf ein ansehnliches Maß zu reduzieren vermochten, sondern auch dazu, dass der König von Spanien seine Zeit damit verbrachte, Beeren im Obstgarten zu zählen. Johanna von Kastilien ist die Erste der spanischen Habsburgerlinie, deren Wahnsinn ihr zum Namen wurde. Ihr Gatte Philipp der Schöne, Sohn Kaiser Maximilians I., war im September 1506 plötzlich gestorben, so plötzlich, dass Mord nie ausgeschlossen werden konnte. Sie nun, Johanna, war davon überzeugt, dass Philipp nur scheintod sei und böse Weiber ihn verhext hätten. „Drei Monate hindurch versuchte sie den einbalsamierten Leichnam durch Küsse und Umarmungen wieder zum Leben zu erwecken“, so Bankl, „Schließlich brach eine früher schon in Ansätzen bemerkte Schizophrenie voll aus. 49 Jahre lebte sie in geistiger Umnachtung.“ Und erhielt den Beinamen „die Wahnsinnige“. 

Tiefe Depressionen und Zustände der Verwirrtheit sind auch von Kaiser Karl V., Sohn  von Johanna der Wahnsinnigen, bekannt­, dessen Abdankung dazu führte, dass die Sonne wieder unterging im Reich der Habsburger. Es spaltete sich in die spanische und die österreichische Linie. Die spanische übernahm Karls Sohn Philipp II., dessen Sohn Don Carlos (1545–1568) so richtig verrückt war. Nicht nur, weil er gegen seinen Vater intrigierte – das war auch unter den Habsburgern keine Seltenheit. Nein, Don Carlos war ein jähzorniger Sadist, der in einem Wutausbruch schon mal über 20 Pferde verstümmelte und vor dem auch sein Vater nicht sicher war. Don Carlos‘ Großonkel Ferdinand I., der von 1521 bis 1564 Tiroler Landesfürst war, begründete die österreichische Linie der Habsburger. Eine tolle Familie.

Auf den Schritt in die Neuzeit, an deren Wende Tirol fast 30 Jahre lang Zentrum der europäischen Politik werden sollte, bereitete Friedrich IV. (1382–1439) das Land vor. Anfangs hatte der jüngste Sohn Leopold III. alle Hände voll zu tun, machten ihm doch im Westen die Schweizer zu schaffen und im Süden seines Fürstentums war der Bischof von Trient höchst lästig. Die Schweizer konnte Friedrich zurückdrängen, er musste aber das Appenzell der Eidgenossenschaft überlassen. Die Auseinandersetzungen mit dem Bischof konnte er ebenso für sich entscheiden, doch wartete mit Heinrich von Rottenburg gleich der Nächste, der ihm ans Zeug flicken und die Herrschaft in Tirol entreißen wollte. Der selbstbewusste und reiche Adelige lieferte Friedrich zwar Burg um Burg heiße Gefechte, musste sich am Ende jedoch unterwerfen. Das war nicht nur eine entmannende Peinlichkeit für das mächtige Adelsgeschlecht, dieser Schlag war auch so etwas wie ein Initiationsfunke hin zu einem starken Landesfürstentum, für dessen Festigung der Habsburger dem Adel Rechte zu nehmen und den Bürgern und Bauern Rechte zu geben bereit war.

Schon im 14. Jahrhundert hatten die sogenannten Landstände Mitsprache bei den Entscheidungen des Landesfürsten bzw. der Landesfürstin. Als Margarethe Maultasch die Grafschaft Tirol dem Habsburger Herzog Rudolf IV. übergab, wurde der Akt beispielsweise von einem Vertreter der hohen Geistlichkeit, elf Vertretern des Adels und einem Herrn aus Bozen besiegelt. Als rund 60 Jahre später die ersten Landtage stattfanden, waren neben Adel und Geistlichkeit auch die landesfürstlichen Städte und Märkte sowie die Bewohner der Landgerichte vertreten. Dieser vierte Stand war eine Tiroler Besonderheit, wurden die Gerichtsgemeinden doch von der Landbevölkerung bzw. den Bauern dominiert. 

Die gern verwendete Bezeichnung Tirols als älteste Festlanddemokratie sollte jedoch mit Vorsicht genossen werden. Zwar wurde mit diesem Konstrukt das Feudalsystem und Lehenswesen sukzessive verabschiedet und kam den Landständen das Recht zu, dem Landesfürsten Grund- und Landsteuern zu bewilligen oder zu versagen, doch einberufen konnte den Landtag nur der Landesfürst und die Landstände hatten auch nicht das Recht, Gesetze zu erlassen oder die landesfürstliche Regierung zu kontrollieren. Die Hierarchie war klar. Der Landesfürst war der Chef. Doch bis im 18. Jahrhundert die Landstände dem Absolutismus gänzlich zum Opfer fallen sollten, hatten sie vor allem im 15. Jahrhundert erheblichen Einfluss auf Steuerverwaltung wie Landesverteidigung und der Landesfürst musste diplomatisches Geschick beweisen. 

Friedrich IV. konnte diese Form der Diplomatie schon zu seinen Gunsten nutzen. Seine Macht stützte sich vor allem auf die Städte und Gemeinden, was die Chancen des streitbaren Adeligen Heinrich von Rottenburg, der sich so gerne die Herrschaft über Tirol erkämpft hätte, minimierte. 

Einen beeindruckenden Beweis für die Stärke der Tiroler Landstände bekam Friedrich IV. zu spüren, nachdem Kaiser Sigismund ihn verhaften ließ. Der Tiroler hatte beim Konzil von Konstanz (1414–1415) auf‘s falsche Pferd bzw. den falschen Papst gesetzt. Drei Päpste standen damals zur Auswahl, alle drei sollten abgesetzt und mit der Wahl eines neuen Papstes das für‘s christliche Abendland so unheilvolle Schisma beendet werden. Dass Friedrich dem – den freiwilligen Rücktritt verweigernden – Pisaner Papst Johannes XXIII. zur Flucht verhalf, sah der Kaiser gar nicht gern und der Tiroler musste es mit Reichsacht und Kirchenbann büßen. Der Konflikt mit dem Kaiser dauerte vier Jahre lang, die endgültige Aussöhnung passierte erst 1425, doch dass Tirol damals nicht näher ans Reich des Luxemburgers rückte, lag daran, dass die Tiroler Landstände dem Kaiser den Treueeid verweigert und sich zudem für eine Beilegung des Zwistes eingesetzt hatten. All der Auseinandersetzungen ledig begann Friedrich mit dem Aufbau einer starken zentralistischen Verwaltung. Entgegen seines Spitznamens „Friedl mit der leeren Tasche“ hinterließ er seinem Sohn Sigmund ein ansehnliches Vermögen.

Tirol war durch die Silberfunde in Gossensass und Schwaz ein Land, in dem sich ein Herrscher wohlfühlen durfte. Innsbruck war schon seit 1420 feste Residenz und Sitz der landesfürstlichen Verwaltung, doch Sigmund war 1439, dem Todesjahr seines Vaters, erst zwölf Jahre alt. Sein Vetter Friedrich von der Steiermark, der 1452 Kaiser Friedrich III. werden sollte, witterte ein Schnäppchen. Er übernahm die Vormundschaft für den Jüngling, wurde Tiroler Landesfürst, schnappte sich den Inhalt der Tiroler Schatzkammer und hielt Sigmund in der Steiermark praktisch gefangen. Als Friedrich die Vormundschaft verlängern wollte, obwohl Sigmund 1443 als 16-Jähriger und damit nach Habsburgerrecht Volljähriger die Regierungsgeschäfte in Tirol hätte übernehmen können, waren es wieder die Landstände, die dem Kaiser die Zähne zeigten. Sie drohten, sich den Eidgenossen anzuschließen, drohten dem Kaiser quasi mit Krieg, sodass der schließlich nachgab und Sigmund 1446 sein Amt als neuer Tiroler Landesfürst antreten konnte. 

Einen Überblick über die kriegerischen Auseinandersetzungen dieser Zeit zu bekommen, über die Feindschaften, Freundschaften, Intrigen, Verpflichtungen, Scharmützel, Gebietserweiterungen und Egoismen, ist eine Herausforderung für sich. Selbst im vergleichsweise kleinen Gebiet in und um Sigmunds Tirol. Die Venezianer kämpften gegen die Mailänder, Letztere unterlagen den Truppen der Serenissima und unterstellten sich aus Furcht dem Tiroler Landesfürsten. Mit Nikolaus Cusanus, dem Universalgelehrten und Bischof von Brixen, verband Sigmund eine lebenslange Feindschaft, das Hochstift Chur bot sich für eine engere Zusammenarbeit an und kurz wurde er Herr über Habsburgisch-Schwaben. 

Was Sigmund auszeichnete, war seine Offenheit gegenüber den florierenden Wissenschaften, der Ausbau des vom Vater vorbereiteten Verwaltungssystems und die Reform des Münzwesens, das durch den immer professioneller betriebenen Abbau des Silbers in Schwaz gefüttert wurde. Was Sigmund zum Verhängnis wurde und seinen Beinamen „der Münzreiche“ konterkariert, waren seine zu den Einnahmen überproportional wachsenden Schulden. Er steckte enorme Summen in die Entwicklung des Geschützgusses, baute die Innsbrucker Hofburg, sah zu, wie sich die Zahl derer, die an seinem Hof lebten, von 200 im Jahr 1460 auf über 500 im Jahr 1490 vermehrte. Sein Lebensstil war zügellos, seine drei Ehen blieben kinderlos, über 50 illegitime Kinder sollten jedoch nicht nur seine Zeugungsfähigkeit beweisen, sondern seinen Haushalt ebenfalls gehörig strapazieren. Er verpfändete immer mehr habsburgische Besitztümer an den Wittelsbacher Herzog Albrecht IV. und brach 1487 zu allem Überfluss auch noch einen Krieg gegen Venedig vom Zaun. Die Landstände kochten vor Wut über die Verschwendungssucht ihres Landesherren, er wiederum war auf deren Wohlwollen bei der Bewilligung von Steuern angewiesen und vor dem Hintergrund musste Sigmund eine neue Landesordnung erarbeiten, zu deren Umsetzung er selbst aber nicht mehr wirklich in der Lage war. 

Sigmund war senil geworden, eine Gefahr für das Fürstentum und nicht zuletzt für die Habsburger. Als Kaiser Friedrich III., jener Vetter, der Sigmund als Jüngling gefangen gehalten hatte, nach Tirol kam, verneigten sich die Landstände vor ihm. So hatten sich die Zeiten geändert. Es wurde abgemacht, dass Friedrichs Sohn Maximilian der künftige Landesfürst von Tirol werden sollte. 1490 zog sich Sigmund zurück und Maximilian zog in die Innsbrucker Hofburg ein.

Hätten die Landstände gewusst, was sie sich da einhandelten, hätten sie womöglich ihre alte Idee ausgegraben und sich lieber erneut den Eidgenossen angenähert, die sich bald vom Heiligen Römischen Reich loslösen sollten. Mit Maximilian begann der Einfluss der Landstände immer mehr zu verblassen. Schon, als er 1490 erstmals in Innsbruck einzog, machte er deutlich, dass seine Augen auf sein Reich gerichtet waren und Tirol mit dem Silberreichtum und seiner bestechenden geopolitischen Lage nur Mittel zum größeren Habsburger-Zweck war. Die Landstände waren dabei im Weg. Ihre Demontage erfolgte so systematisch wie die Ausbeutung des silbernen Landes.

In Windeseile erließ der Habsburger eine neue Bergordnung für Schwaz und nahm eine Verwaltungsreform in Angriff, die den Lehensstaat in einen Beamtenstaat umwandelte. Er schuf Amtstitel, wie den Hofrat, der den Österreichern so gefallen sollte, dass er alle geschichtlichen Wirrungen überlebte und heute noch die derart Genannten entzückt. Tirol war Ausgangspunkt für die tiefgreifende Reform. Für Maximilian war es vielversprechendes Versuchskaninchen und wurde bald zur Schaltstelle­ für seine Politik. 

Um sicher zu gehen, dass das reiche Land auch in Abwesenheit des Landesherren in seinem Sinne geführt wurde, setzte er Vertraute ein, Statthalter, denen unter anderem die Aufgabe zufiel, die Verwaltungsreform bis in die kleinsten Ämter zu „bringen“, die Einnahmen zu kontrollieren und den Schuldendienst zu überwachen. Der Erfolg war gigantisch. Allein zwischen 1490 und 1493 stiegen die Einnahmen der Tiroler Kammer von 87.052 auf 212.229 Gulden an. 

1493 starb Friedrich III. als „biologische Sensation“ seiner Zeit. Während die durchschnittliche Lebenserwartung zwischen 20 und 30 Jahren lag, wurde er 78 Jahre alt, 41 Jahre davon war er Kaiser des Heiligen Römischen Reiches gewesen. Seine phlegmatische Haltung, die ihm den Namen „des Reiches Erzschlafmütze“ einbrachte, wird ihm wohl nicht geschadet haben. Zehn Päpste hat Friedrich III. überlebt.

Davon, eine Schlafmütze zu sein, war sein Sohn weit entfernt. Maximilian I. führte Kriege ohne Ende, benötigte Unsummen für Bestechungsgelder, machte Schulden, die er vielfach nicht zurückzahlen konnte, schickte Gläubiger in den Ruin und verpfändete auch das letzte Hemd. Obwohl die Menschen den Kaiser verehrten, Frauen in Scharen seinem Charme erlagen, seine Feste so legendär waren wie sein Humor, war seine Regentschaft für Tirol ein Horrortrip. Und für die anderen habsburgischen Länder auch. In der 25-jährigen Regierungszeit musste Maximilian ständig die Landtage einberufen, um sich Zölle und Kriegssteuern genehmigen zu lassen. Maximilians Haupt-Geldgeber Jakob Fugger hatte bald mehr Einfluss als der Kaiser selbst. 

Und irgendwann platzte den Landständen der Kragen. Beim sogenannten Generallandtag, der zwischen Jänner und Mai 1518 in Innsbruck stattfand, musste er den Landständen weitreichende Rechte einräumen. Zu dem Zeitpunkt hatte Maximilian schon die Demut gepackt und er hatte sich seinen Sarg zimmern lassen, den er bei den Reisen ständig mitsichführte. Im November 1518 kam er zum letzten Mal nach Innsbruck. Auf längst legendäre Weise machten die Innsbrucker dem alten und kränklichen Kaiser klar, dass sie ihn nicht mehr haben wollten. Sie weigerten sich, das kaiserliche Gefolge zu beherbergen, forderten die Begleichung der Schulden und ließen – wenn‘s stimmt – sogar Maximilians Pferde über Nacht auf der Straße stehen. Derart gekränkt verließ Maximilian I. seine Lieblingsstadt, kam bis Wels und starb.

Nach einem kurzen Interregnum zwischen 1519 und 1521, in dem Maximilians Enkel Karl V. Tiroler Landesfürst war, wurde das Habsburgerreich neu geordnet und Tirol bekam mit Karls Bruder Ferdinand I. einen neuen Herrn. Ferdinand musste sich dem gigantischen Schuldenberg, den Maximilian hinterlassen hatte, stellen, engagierte dafür den Spanier Gabriel Salamanca und, weil es selbst dem Geschicktesten nicht gelingen kann, leere Taschen weiter zu leeren, wurde Tirol zum Pulverfass. Die Knappen probten den Aufstand, die Bauern ebenso, Naturkatastrophen und Seuchen taten ihr Übriges und 1525 explodierte das Fass mit dem großen Bauernaufstand unter der Führung Michael Gaismairs. Beim dadurch erzwungenen Landtag forderte Gaismair bis dato Unerhörtes, wie die Gleichheit vor dem Gesetz, den Privilegienabbau für den Adel oder die Abschaffung der weltlichen Macht der Kirche. Das Reich und das 16. Jahrhundert waren nicht reif für einen christlich-demokratischen Knappen- und Bauernstaat nach Gaismairs Vorbild. Zwar kam es beim Landtag im Juni 1525 zu einem bauernfreundlichen Kompromiss, doch rasch besann sich Ferdinand I. eines aus seiner Sicht Besseren, machte seine Zusagen rückgängig und ließ Gaismair im August 1525 schon verhaften. Dem Sozialrebellen gelang die Flucht. Sie war so aufreibend wie aufregend und endete 1532 mit seiner Ermordung in Padua.

In der Zwischenzeit hatte Ferdinand I. seine Staatsreform vorangetrieben, die unter anderem darin bestand, zentrale Behörden für alle habsburgischen Länder, zu denen neben den österreichischen nunmehr auch die ungarischen und böhmischen Länder zählten, zu installieren. Tirol wurde zum Nebenschauplatz der Habsburger-Geschichte und die Landesbehörden in Innsbruck wurden den Organen der Zentralregierung unterstellt. 

Europa wurde derweil von den Glaubens-Auseinandersetzungen aufgerieben. Ferdi­nands Sohn, der spätere Kaiser Maximilian II., der den Vater durch sein „liederliches und schamloses“ Leben verärgerte, brachte selben zur Weißglut, weil er offen mit dem Protestantismus und den Schriften Luthers liebäugelte. Maximilians Bruder Ferdinand II. war anders. Er unterstützte die katholische Gegenreformation und forderte seinen Vater auf ganz anderer Ebene heraus. Dem romantischen Vernehmen nach hatte Ferdinand 1548 schon die so schöne wie kluge Philippine Welser in Augsburg kennengelernt und sich Hals über Kopf in die Bürgerliche verliebt. Möglich, dass sie sich erst später begegneten, doch verliebt hat sich der Habsburger allemal in die Tochter eines reichen, leider aber „unadeligen“, deutschen Patriziers. Ohne den Kaiser davon in Kenntnis zu setzen, heiratete Ferdinand II. seine Auserwählte und als Ferdinand I. davon Wind bekam, soll sein Wutausbruch biblisch gewesen sein. Schließlich hatte sein Lieblingssohn ihm einen Strich durch die heiratspolitische Rechnung gemacht, die zu begleichen den Habsburgern wichtiger war als vieles andere. Der Kaiser weigerte sich, die Ehe anzuerkennen oder Philippine Welser gar zu empfangen. 

Das Liebespaar tangierte dies nur peripher und als Ferdinand nach dem Tod seines Vaters Tirol und die Vorlande (Vorarlberg, Breisgau, Burgau, usw.) erbte, ließ er Schloss Ambras ausbauen, um dort mit seiner Familie und seinen sonstigen Leidenschaften zu leben. 

Gänzlich unromantisch war das, was Ferdinand II. als Landesfürst dem Land bescherte. Unentwegt kämpfte er gegen die Tiroler Landstände, deren oberstes Ziel es war, eine Rechtsprechung durchzusetzen, die den Bestimmungen der Landesordnung entsprach. Nix da. Unter Ferdinand hielt das Römische Recht Einzug in Tirol und ebnete den Weg für die absolute Macht des Fürsten, jenen Absolutismus­, den Maximilian I. schon anstrebte, der die folgenden­ Jahrhunderte prägen und aus der Stärke der Tiroler Landstände Geschichte machen­ sollte.  Alexandra Keller

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