Als Glaube auf Wissen traf

Kaum eine Zeit scheint so von Widersprüchen geprägt zu sein wie das ausgehende ­Mittelalter, in welchem der Glaube an Bestehendes auf den Durst nach neuer Erkenntnis trifft. Die Entwicklungen der Medizin sind beispielhaft für das Dilemma.

Und es war doch hell, das angeblich so finstere Zeitalter, das, getrieben von bahnbrechenden Erfindungen und Errungenschaften auf verschiedensten Gebieten, philosophischen Aufbrüchen und religiösen Umbrüchen, nicht erst an seinem Ende in eine neue Epoche münden sollte. Doch es stimmt: So ganz vermochten auch Nockenwelle, bargeldloser Zahlungsverkehr und Buchdruck jenes Finstere nicht zu vertreiben, das man heute gemeinhin als Charakteristikum des Mittelalters, auch des ausgehenden, wahrnimmt: Krankheit, Armut, Halbwissen und mitunter tödlicher Aberglaube – auch das war bittere Realität dieser Zeit. Das 15. und 16. Jahrhundert waren mit Sicherheit eine Zeit des Umbruchs, eine Zeit der Neuentdeckungen und des Strebens nach Erkenntnis. Allerdings löste man sich nicht gänzlich vom Althergebrachten, denn am Allerhöchsten, an Gott, waren grundlegende Zweifel nicht erlaubt. „Die Zerstörung des Mittelalters erfolgte nicht aus der Astronomie und den exakten Wissenschaften“, schreibt Rudolf Stadelmann in seinem 1928 erschienenen Buch „Vom Geist des ausgehenden Mittelalters“, „sondern aus der Dialektik des philosophischen Denkens heraus.“ Eine Zerstörung, die Schritt für Schritt Fuß fassen sollte. 

Zuvor allerdings wütete das Paradoxon – eine Verbindung aus abergläubischem Wahn und rationalem Erkenntnisstreben, der im Hexenhammer einen schrecklichen Höhepunkt fand. Dennoch nennt der deutsche Historiker Heinz Schilling ihn in einem Interview im „Spiegel“ ein „Instrument der Rationalisierung“: „Dem Mittelalter vor dem Hexenhammer attestiert die Geschichtsschreibung einen sehr offenen Zauberglauben, der in keiner Weise systematisiert war. Es gab kein theoretisches Instrument, das zielstrebig zur Verfolgung von Hexen benutzt werden konnte. Der Hexenhammer aber leitet zur experimentellen Wahrheitsfindung an: Wenn eine Verdächtige ins Wasser geworfen wird und nicht untergeht, so beweist das, dass sie vom Teufel getragen wird“, so Schilling über eine Welt und eine Zeit, in welchen der Glaube an Hexen und den Teufel immer noch präsent war. Widerstand gegen das Machwerk des Dominikanermönchs Heinrich Kramer kam aber natürlich: Der niederrheinische Arzt Virius Weiher brachte eine ganz und gar fromme Argumentation vor, indem er behauptete, Satan selbst habe mit dem Hexenhammer ein Blendwerk geschaffen, um eine vermeintliche Waffe gegen die Hexen zur Hand zu haben. Das vermeintlich Unvereinbare – das Streben nach Wissen und Erkenntnis und der scheinbar omnipräsente Glaube an das Überirdische und Dämonische – sind also gar nicht so unvereinbar, wie es scheinen mag. Schilling bezeichnet es als einen „dialektischen Prozess, der die ganze Frühmoderne charakterisiert. Der Durchbruch zu einem rein rational-naturwissenschaftlichen Weltbild beginnt erst 200 Jahre später mit der Aufklärung“. 

Dennoch wurden in dieser Zeit grundlegende Weichen gestellt – nicht umsonst werden das 15. und 16. Jahrhundert als Zeitalter der Entdeckungen bezeichnet, was sich nicht nur auf territoriale Erkundungen bezieht, sondern eben auch auf inhaltliche, welche das Weltbild ebenso entscheidend prägen sollten: Nikolaus Kopernikus, der in seinem Werk „De Revolutionibus Orbium Coelestium“ das heliozentrische Weltbild des Sonnensystems beschrieb. Oder Leonardo da Vinci, der mehr als 30 Leichen – für damalige Verhältnisse eine beachtliche Zahl – seziert haben soll, um seine anatomischen Studien zu betreiben und den besonders das Innere des Menschen interessierte. Dabei entdeckte er unter anderem auch die Verkalkung von Gefäßen im Alter, zudem fertigte er vermutlich als Erster Zeichnungen eines Kindes im Mutterleib an. Speziell die Medizin kann wohl als beispielhaft für dieses Zeitalter angesehen werden, das sich noch nicht vollständig von der Tradition zu lösen vermochte, aber dennoch das Drängen verspürte, das Neue zu erkunden.

Da Vinci war nicht der einzige, der am Weltbild rüttelte, nach Erkenntnis und Wissen strebte und dafür neue Wege beschritt. Es gab noch einige, unter ihnen einen Mann, der damals – und vor allem in den nachfolgenden Jahrhunderten – beträchtlichen Staub aufwirbelte. Dennoch kann man Paracelsus nicht als Vorläufer der modernen Medizin sehen. „Sein Denken war voll von theologischer und mystischer Spekulation“, schreibt der Historiker James Hannam in „Die Vergessenen Erfinder“. Obwohl er die klassische Medizinlehre seiner Zeit massiv angriff, und sich damit nicht viele Freunde machte, bleibt er selbst magischen und spekulativen Ansätzen verhaftet. Nicht umsonst ist er sicher einer der kontroversesten Menschen der Medizin des Mittelalters an der Schwelle zur Neuzeit und repräsentiert damit gerade jenen Widerspruch, der diese Zeit so charakteristisch macht, in einer Person. Er forschte über die Heilkraft von Pflanzen und Kräutern, beobachtete und war auch der einfachen Volksmedizin gegenüber aufgeschlossen. Er erkannte das Zusammenspiel verschiedenster Faktoren auf die Gesundheit des Menschen und von ihm stammt der heute noch berühmte Ausspruch: „All Ding‘ sind Gift und nichts ohn‘ Gift; allein die Dosis macht, dass ein Ding kein Gift ist.“ Doch auch Paracelsus vermochte sich nicht von der übernatürlichen Welt zu lösen und betrachtete Gesundheit als Spiegelbild der Balance der Planeten. Er war auch Anhänger der Signaturenlehre, die bereits im Altertum populär war, und darauf beruht, Ähnliches mit Ähnlichem zu heilen. Aus dieser Zeit stammt auch der Mythos, dass Walnüsse gut für das menschliche Gehirn bzw. den Kopf seien, da sie in der Form dem Gehirn ähneln. Nichtsdestotrotz verbuchte Paracelsus beachtliche Heilungserfolge für die damalige Zeit, in der es nicht viel zum Heilen gab, weil es den Medizinern schlicht an Rüstzeug und Wissen fehlte. Noch immer beruhte der Wissensstand der Medizin auf der Lehre des griechischen Arztes Galen, dessen Ansichten über die menschliche Anatomie Status quo waren. Niemand stellte diese in Frage, ebenso wenig, wie die damaligen Humanisten die antiken Vorbilder anzuzweifeln gewagt hätten. Dennoch: Galens Beschreibungen waren falsch, und das ist kein Wunder, bezog er sein Wissen doch aus Sektionen an Schweinen, Affen und Hunden und ging davon aus, er könne dieses Wissen ohne weiteres auf den Menschen übertragen. Und da man nun davon ausging, dass die umfassenden Untersuchungen schon ihre Richtigkeit haben würden, kam lange Zeit niemand auf die Idee, diese zu hinterfragen. Niemand bis auf Andreas Vesalius, Leibarzt Karls V. und Philipps II. von Spanien – er war der Erste, der erkannte, dass der berühmte Grieche wohl nie das Innenleben eines Menschen kennengelernt hatte. Und so war es Vesalius‘ Bemühungen Mitte des 16. Jahrhunderts zu verdanken, dass die anatomische Forschung wieder belebt wurde. Die Bedingungen waren freilich nicht einfach – denn obwohl bereits Stauferkaiser Friedrich II. im 13. Jahrhundert das Sezieren von Leichen erlaubt hatte, galt dennoch die Regel, dass nur Verbrecher seziert und untersucht werden durften. Vesalius blieb also nichts anderes übrig, als des Nachts die Leichen der Gehängten zu holen. Beim Sezieren beschäftigte er sich insbesondere mit der Mythologie, die erst seit Leonardo da Vinci von Interesse war. 

Zwischen dem 12. und 15. Jahrhundert wurden einige medizinische Hochschulen gegründet, welche die Kirche aber schnell unter ihren direkten Einfluss brachte – und das beeinflusste nicht nur die wissenschaftlichen Inhalte, sondern war auch der Grund, warum man Frauen den Zutritt zum Studium untersagte und ab 1163 auch blutige Operationen verbot. Vor diesem Hintergrund ist verständlich, warum die Medizin sich zu einer theoretischen Disziplin entwickelte, was sich erst durch die Bemühungen einzelner allmählich ändern sollte. 

Das chirurgische Handwerk jedenfalls wurde von der Medizin als „Metzgerei“ abgetan, überhaupt war es unüblich, dass akademische Mediziner sich ihre Hände schmutzig machten. Gleichzeitig aber griff man zu Methoden, die man nicht anders als schmutzig bezeichnen kann: Das Diagnosemittel schlechthin war die Urinschau, wobei der Körpersaft zu Diagnosezwecken auch getrunken wurde, um den Geschmack überprüfen zu können. Gleichzeitig stellte er auch ein wichtiges – und zweifelhaftes – Antiseptikum dar. Eine Geschichte berichtet, wie ein Arzt bei einem Duell, bei dem einer der Kämpfenden seine Nase verlor, auf das verlorene Körperteil urinierte und es anschließend mit einer Bandage wieder mit dem Körper vereinte. 

Generell gab es in der damaligen Zeit durchaus Methoden, die man den, aus heutiger Sicht, oft zu Unrecht als rückständig bezeichneten Menschen nicht zutrauen möchte. So wurden im 15. Jahrhundert bereits Hauttransplantationen angeboten, um schwere Wunden oder Verbrennungen zu heilen – eine Technik aus dem alten Rom, die in dieser Zeit wiederentdeckt wurde. Besonders eindrucksvoll ist die Rhinoplastik, die vollständige Wiederherstellung der Nase. „Die Nachfrage danach war höher, als wir uns das vielleicht vorstellen“, schreibt Hannam. „In der damaligen Zeit war die Syphilis eine verbreitete Krankheit, und eine ihrer grausamsten Folgen war, dass die Nase des Erkrankten verfaulte.“ Klassisch allerdings ist wiederum, dass in den medizinischen Lehrbüchern dieser Zeit keine Hinweise auf Syphilis zu finden sind, vielmehr wurde angemerkt, die Rhinoplastik sei eine ideale Methode, falls die Nase von Hunden aufgefressen worden sei – was ja durchaus auch möglich war. Auch die Technik war durchaus eigenwillig: Vom Arm des Patienten wurde ein Hautlappen zum Teil abgeschnitten und dieser über die Nasenhöhle gelegt und vernäht. Der Arm blieb in der Folge so lange mit der Nase verbunden, bis das Hautstück mit dem Gesicht verwachsen war, erst dann wurde der Hautlappen vollständig vom Arm abgetrennt. Das Verfahren dauerte oft Monate und war nicht immer von Erfolg gekrönt. Denn Infektionen waren damals kaum behandelbar, Antiseptika gab es nicht. Und es fehlte auch das grundlegende Verständnis, denn gemäß der Krankheitsauffassung dieser Zeit war es die schlechte Konstitution, die zu einer Erkrankung führte, Infektionen wurden nicht als Ursache des Übels betrachtet.

„Wer sich in einer Streitfrage auf die Autorität beruft, gebraucht nicht die Vernunft, sondern eher das Gedächtnis“, sagte Leonardo da Vinci und wohl ohne es zu wissen, lieferte er damit eine treffende Charakterisierung seiner Zeit, die den Weg in die Moderne bahnen sollte. Vieles musste noch geschehen, Unzähliges entdeckt und erfunden werden, doch in den folgenden Jahrhunderten ging es Schlag auf Schlag. Das verdanken nachfolgende Generationen eben jenen Menschen, die ihrem Gedächtnis zum Trotz die Vernunft gebrauchten. Und sehr viel Phantasie bemühten. Sonja Niederbrunner

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