Büchsenparadies

Gegründet als wichtigstes Waffenarsenal Maximilians I., verlor das Zeughaus in späteren Jahrhunderten zusehends an ­Bedeutung – heute wird hier Tiroler Kulturgeschichte präsentiert.

Wer das Zeughaus in Innsbruck heute betritt, zweifelt keinen Augenblick daran, dass es einmal eine militärische Funktion hatte. Allein die zwei Kanonenläufe links und rechts des wuchtigen Eingangstors sind Hinweis genug. Die vier Trakte umschließen einen großen Innenhof, wobei zwei rund 80 Meter lange Gebäude durch zwei niedrigere Teile verbunden sind. Die Fassade der Längstrakte ist im Innern ebenerdig durch Arkadenbögen gegliedert. Dieser ebenmäßigen Architekur, die schon renaissancehafte Elemente aufweist, stehen die prägnanten, steilen Satteldächer gegenüber, die noch der Gotik zuzuordnen sind.

Kurz nach 1500 errichtet, besaß der Bau ursprünglich allerdings noch einen weitaus stärkeren Wehrcharakter. Das Zeughaus war von einem Wassergraben umgeben und nur über zwei Zugbrücken zugänglich, das nordöstlich angebaute Rondell zudem zinnenbewehrt. Aus alten Plänen geht auch hervor, dass es ursprünglich ein zweites Rondell an der Südwestseite gegeben hat. Darüber hinaus lag das Zeughaus – man kann es sich gar nicht mehr vorstellen – weit außerhalb der Stadt in ländlichem Gebiet.

 Kein Wunder: Die Funktion des Zeughauses war nicht mit einer Wohngegend in Einklang zu bringen – immerhin mussten u.a. große Mengen an Schwarzpulver gelagert werden –, die Lage an der Sill aber geradezu ideal. Denn das von Maximilian I. errichtete Zeughaus diente nicht nur als Waffendepot, es war auch Zentrum einer groß angelegten Waffenindustrie.

In unmittelbarer Umgebung standen „Pulvermühlen, Pulvertürme, ein Salpetermagazin, Hammerschmieden, Schlossereien, Büchsenschäfter- und Rädermacherwerkstätten, eine Bohrmühle zum Ausbohren der Geschützrohre usw.“, schreibt Meinrad Pizzinini, ehemaliger Kustos der Historischen Sammlung des Tiroler Landesmuseums Ferdinandeum in seinem Aufsatz über die Geschichte des Innsbrucker Zeughauses. Das Wasser für die Mühlen und Hammerwerke kam direkt aus dem nahen Bach.

Die Errichtung des Zeughauses hängt wesentlich mit der Umstrukturierung des Kriegswesens im 15. Jahrhundert zusammen. Fußvolk und Artillerie gewannen an Bedeutung. Ritterheere wurden daher zusehends durch Söldnertruppen ersetzt. Im Gegensatz zu ersteren mussten die sogenannten „Landsknechte“ vom Kriegsherrn ausgerüstet werden, was die Einrichtung derartiger Zeughäuser notwendig machte. Immerhin bestand die Armierung eines Landknechts aus Spieß, Helmbarte, Zweihänder (Bidenhänder), Armbrust, Langbogen und Handbüchse, dazu Kriegsmesser und Schwerter. Auch die Artillerie wollte entsprechend bestückt sein, und es gab mittlerweile eine Vielzahl an unterschiedlichen Geschützen, für die es einen adäquaten Lagerraum geben musste. Für den Ernstfall sollte ein Heer sofort gerüstet und einsatzbereit sein.

Zusammen mit den Gießereien und Plattnereien, in denen Harnische bzw. Teile davon hergestellt wurden, und die vorwiegend in Mühlau, einer kleinen Ortschaft nordöstlich von Innsbruck angesiedelt waren, bildete das Innsbrucker Zeughaus mit zugehörigen Nebenbetrieben die leistungsfähigste Waffenschmiede des Reiches. Kurzum: Hier konnte nahezu alles erzeugt werden, was für einen Krieg notwendig war. Am Übergang vom 15. zum 16. Jahrhundert zeichneten sich einige politische Krisen ab und damit kriegerische Auseinandersetzungen. Durch seine Heirat mit Maria von Burgund hatte sich Maximilian 1477 nicht nur das Burgundische Herzogtum und die Niederlande (u.a. Flandern, Luxemburg, Holland und Brabant)einverleibt, er hatte den Zorn des französischen Königs Ludwig XI. auf sich gezogen.

 Marias Taufpate hatte nämlich schon die Hand nach den Ländereien ausgestreckt. Nach dem frühen Tod seiner ersten Frau heiratete Maximilian 1493 Bianca Maria Sforza und sicherte sich dadurch die Unterstützung Mailands, sollte der französische König das Habsburgerreich von Süden her angreifen wollen. Da Maximilian 1490 zudem Herrscher über Tirol und die Vorlande geworden war, rückte Innsbruck ins Zentrum seiner militärstrategischen Überlegungen, zumal ihm zudem das Erbe der Grafen von Görz – das Pustertal und Teile des Friaul – Ärger mit Venedig einbrachte.

Das Zeughaus wuchs zum wichtigsten Arsenal. Aus einem Bericht aus dem Jahre 1503 geht hervor, dass sich in Innsbruck die „schönste Artillerie der Welt“ befindet. Im Zeughaus waren unter anderem zwischen 140 und 160 Geschütze, 12.000 „Feldschlangen“ (Kanonentyp) und 10.000 Hakenbüchsen (ein Vorderlader) untergebracht. Die Artillerie befand sich in den Erdgeschoßhallen, wobei die Geschütze so kuriose Namen trugen wie „Schöne Katl“, „Purrhindurch“ und „Schnurrhindurch“, „Purlepaus“ oder „Weckauf von Österreich“. Im ersten Stock des Arsenals befanden sich Unmengen an Lanzen, Spießen, Schwertern, Armbrüsten, Handfeuerwaffen, Bögen, Rückenstücke für Harnische, Helme Schilde etc. Dazu kamen noch gepanzerte Kampfwagen, fahrbare Pulvermühlen, Pferdegeschirr u.v.m. Um 1517 hätte allein mit dem Bestand des Zeughauses in Innsbruck sofort ein Heer von 30.000 Mann ausgerüstet werden können. 

Bei solchen Mengen versteht es sich von selbst, dass nicht alle Waffen von heimischen Handwerkern produziert werden konnten, so erfolgten große Lieferungen von Spießen u.a. aus Engelhartszell (Innviertel)und Zell bei Passau. Die Geschütze allerdings wurden in den weit über die Landesgrenzen hinaus bekannten Innsbrucker Gießereien hergestellt. Wohl nicht nur aufgrund des hohen Bestandes an Waffen aller Art wurde das Zeughaus daher „Büchsenparadies“ genannt. Zutritt wurde klarerweise nicht jedem gewährt. Aus den Schilderungen des Augsburgers Philipp Hainhofer, der Innsbruck 1628 besuchte, geht hervor, dass er hier unter anderem noch zwei – 16 Schuh lange – Feldschlangen gesehen habe, darüber hinaus 50 Geschütze, Schanzzeug, Schrottkugeln sowie Musketen, Schlachtschwerter usw. 

Das Zeughaus dürfte sehr bald auch zu einer Lagerstätte für diverse alte, besondere und Beute-Stücke geworden sein. In diversen Inventarlisten scheinen nämlich u.a. auch Fahnen, Musikinstrumente und andere Gegenstände auf – 1712 zum Beispiel werden erstmals türkische und bayerische Beutestücke angeführt. Seine militärstrategische Bedeutung hatte es zu dieser Zeit längst verloren. Trotzdem war es bis zum Ende der Monarchie 1918 noch als „Zeughauskaserne“ in Verwendung. Danach harrte das nutzlos gewordene Gebäude der Dinge. Es ist dem Kunsthistoriker Josef Garber zu verdanken, dass die Bedeutung dieses von Maximilian zu Wehrzwecken errichtete Mauerwerk wieder ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt wurde. 1928 widmete der Denkmalpfleger dem Zeughaus einen mehrseitigen Bericht im Wiener Jahrbuch für Kunstgeschichte, und verwies darin auf die große Bedeutung des geschichtsträchtigen Baus.

Allerdings gelang es dem Land Tirol erst 1955 das Zeughaus von der Republik Österreich und zwar für „kulturelle Zwecke“ anzumieten. Die schließlich in den 1960er Jahren durchgeführten Restaurierungsmaßnahmen hatten zum Ziel, den historischen Kern des im Laufe der Zeit stark in Mitleidenschaft gezogenen Arsenals herauszuschälen. Neben dem Goldenen Dachl und dem Grabmal in der Hofkirche sollte mit dem Zeughaus zudem ein drittes wichtiges Monument aus der maximilianischen Zeit für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Dafür sollte hier ein Museum neuen Typs, nämlich ein landesgeschichtliches Museum entstehen, das sich insbesondere aus der umfangreichen historischen Sammlung des Tiroler Landesmuseums speiste. 1973 wurde das Zeughaus als „Landeskundliches Museum“ und Zweigstelle des Ferdinandeums eröffnet. 

Seit 1999 präsentiert sich das „Museum im Zeughaus“ als Haus der Tiroler Kulturgeschichte, in dem anhand von charakteristischen Sammlungsstücken aus Alt-Tirol (Bundesland Tirol, Südtirol und Trentino) die Geschichte dieser Region in chronologisch gegliederten „Kapiteln“ aufbereitet ist. Dabei werden historisch bedeutende Themen wie Politik und Religion, Silber und Salz u.v.m. anschaulich und eingängig präsentiert. Zudem bietet das Zeughaus regelmäßig Sonderausstellungen zu speziellen Themen an.

 Seine ehemals große militärstrategische Bedeutung kann der wehrhafte Bau trotzdem nicht verleugnen. Aber das soll er auch nicht.  Susanne Gurschler

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