Krieg in Tirol

Fast genau acht Monate dauerte der Tiroler Aufstand 1809. Monate, in denen sich Bauern in ganz Tirol gegen bayerische und französische Truppen stellten. Monate, die in der Tiroler Erinnerung mit Mythen und Heldengeschichten beseelt sind. Die wahren Geschichten aber – wie sie jeder Krieg erzählt – sind von Grausamkeit, Fanatismus, Angst und besonders von politischem Kalkül geprägt. 

Tirol war nach dem Frieden von Pressburg 1805 an Bayern gefallen. Die neuen Verwalter brachten Gesetze, die im konservativ-katholischen Land nicht unbedingt auf Zustimmung stießen. Ein maßgeblicher Punkt der bayerischen Reformen, die Tirol modernisieren sollten, war die Außerkraftsetzung der Tiroler Wehrverfassung, dem Landlibell von 1511. Dieses sah unter anderem vor, dass Tiroler nur zur Verteidigung des eigenen Landes in den Kriegsdienst eingezogen werden konnten. Allerdings nicht mehr unter den Bayern: Im Frühjahr 1809 erließen die Besatzer ein Gesetz zur Errichtung einer Nationalgarde, und das Fass zum Überlaufen brachte schlussendlich eine Zwangsaushebung von Rekruten in Axams. „Letzten Endes war der Widerstand der Axamer Bevölkerung der Anlass zum Beginn der Erhebung im Inn­tal und damit der Anfang des Kampfes mit Waffen“, beschreibt Viktor Schemfil im Buch „Der Tiroler Freiheitskrieg 1809“ den Beginn der Tiroler Volkserhebung. 

Doch war auch das Kaiserreich Österreich nicht untätig: Napoleon war 1808 mit seiner Hauptkraft noch in Spanien, als sich Österreich entschloss, den Kampf gegen die Franzosen wieder aufzunehmen. Der Plan war, mit 190.000 Mann in Deutschland und mit kleineren Armeen in Italien und Polen einzufallen. Die südliche Armee stand unter dem Kommando von Erzherzog Johann, der vom Inntal aus die südliche Flanke der Haupt­armee schützen sollte. Johann aber wollte mit der Mehrheit seiner Soldaten den Vorstoß nach Friaul wagen und nur eine kleine Einheit in Tirol lassen. Doch den Wünschen des Generalissimus der Hauptarmee, Erzherzog Karl, musste Johann nachkommen: Der Kommandant für Tirol, Johann Gabriel Marquis Chasteler, erhielt elf Bataillone. Zumindest anfangs, denn es schneite im April 1809 so heftig, dass der Verpflegungsnachschub durch das Pustertal für eine große Menge an Soldaten in Nordtirol nicht mehr bewältigbar gewesen wäre. Mit der Konsequenz, dass doch weniger Truppen für den Einmarsch in Tirol vorgesehen wurden. Auch wurde die Zahl bayerischer Truppen im Land für gering gehalten. So sollte es also ein Leichtes für Kommandant Chasteler sein, den Brenner zu besetzen und die Verbindung zur österreichischen Hauptarmee in Bayern aufrecht zu halten, zumal er auch mit der Unterstützung der Tiroler rechnen konnte. 

Die Einschätzung der Österreicher der Armeestärke der Bayern in Tirol war richtig. Es standen lediglich fünf bayerische Bataillone – unter dem Befehl von General Georg August Kinkel – in Tirol: Anfang April 1809 befanden sich etwa 4500 bayerische und französische Soldaten in Nordtirol und etwa gleich viele im südlichen Teil des Landes. Der Startschuss der österreichischen Offensive erfolgte am 9. April mit dem Befehl Chastelers: „Vorrückung durch das Pustertal bis nach Brixen, Besetzung des Brenners, Aufrechterhaltung der Verbindung mit der Hauptarmee an der Donau, in weiterer Folge Unterstützung der Operationen in Italien.“ Zur Verfügung standen ihm etwa 10.600 Mann. Den Tirolern war dieses Datum bekannt, und Andreas Hofer hatte samt seinen Gefolgsleuten dafür zu sorgen, dass dieser Einmarschtag weiterverbreitet wurde. Dieser Tag stellte den Beginn der Volkserhebung dar – die Tiroler waren längst bereit und warteten nur noch auf das Zeichen. In der Nacht zum 9. April schickte Hofer vom Sandwirtshaus im Passeier folgende – von Josef Ennemoser verfasste – Order: „Am 9. April früh morgens marschieren Herr General Hiller aus Salzburg nach Unterinnthal und Herr General Chasteler aus Kärnten nach Pusterthal in Eilmärschen. Am 11. oder 12. wird ersterer in Innsbruck und letzterer in Brixen eintreffen. Die Mühlbacher Klause wird (…) besetzt (…). Ebenso wird für Kaltern und die dortige Gegend (…) als Commandant Joseph von Morandel erwählt, der bereits seine Weisungen, was zu thun ist hat.“ Was Hofer nicht wusste: Der ursprüngliche Plan, von Salzburg durch das Inntal einzumarschieren, war fallen­gelassen worden. Stattdessen marschierten zwei Divisionen und ein Reiterzug durch das ­Zillertal Richtung Inntal.

Währenddessen waren die Tiroler nördlich und südlich des Brenners bereit. Chasteler wusste aber zu Beginn eigentlich nicht, was anzufangen war mit den „untergeordneten Bauernhaufen, die vom besten Willen mitzutun beseelt waren“. Bauernhaufen, wie die in Axams, wo eine Strafexpedition der Bayern – wegen der eingangs erwähnten vereitelten Aushebung zum Wehrdienst – die Volksseele auflodern ließ. Der Axamer Wirt Georg Bucher forderte von dort die Bewohner des Sellrain-, Stubai- und des Oberinntals auf, sich am 11. April auf den Höhen des Bergisels zu versammeln. Ob dem „bäuerlichen Heer“ war der bayerische Kommandant von Innsbruck, General Kinkel, aber relativ gelassen. Er erteilte den Befehl, mit einigen Kompanien bei den Wiltener Feldern die „bewaffneten Bauern zu vertreiben“. Auch solle die Verbindung nach Seefeld bei Zirl aufrechterhalten bleiben. Doch die Bauern strömten in großer Zahl von überall her und konnten dort, wo sie auf die Bayern stießen, Erfolge verbuchen. „Auf diese Art wurde also, noch ehe die österreichischen Armeen ihr Gebiet überschritten hatten, die in Tirol stehende Division Kinkel, überall in ihren detaillierten Stellungen, von den, beinahe in einem Tage in Aufruhr tretenden Tiroler-Bauern überfallen, und, einige Detachements, welche sich mit Ruhm und Klugheit über die Grenze zurückzogen, ausgenommen, nach tapferen Widerstande gefangengenommen.“ Diesen Bericht verfasste Carl Bauer, ein bayerischer Offizier des Generalstabs. Die Gründe der bayerischen Niederlage sah der Offizier einerseits in den „verräterischen Überfällen der Landbevölkerung“ und andererseits in der speziellen Geografie des Landes, wo „die Abbrechung einer Brücke, die noch so schwache Besetzung eines Engpasses“ schnell zum Erfolg führen kann. Heute würde man Guerillataktik dazu sagen. Natürlich war der bayerische Offizier nicht gut auf die Tiroler zu sprechen, die nach seiner Sicht unehrenhaft kämpften: „Wegen dieser Art Krieg zu führen, hat man die Tiroler allgemein der Feigheit beschuldigt.“ Aber eine Tatsache beeindruckte ihn: „Es ist bei dieser ganzen Begebenheit nichts zu bewundern, als die beinahe unglaubliche Verschwiegenheit über ein vielleicht mehr als 60.000 Menschen bewusstes Geheimnis des Ausbruchs der auf einen Tag verabredeten Empörung.“ 

Um zehn Uhr am 12. April waren die Bauern Herr über Innsbruck, und der Siegestaumel fand keine Grenzen, als sich diese Information über das Land verbreitete. Der Rest war einfach. Chasteler konnte die Bauern bei der Einnahme von Innsbruck zwar nicht unterstützen, da diese zu schnell vonstatten gegangen war, doch setzte er sich sofort mit zwei Bataillonen, zwei Jägerkompanien und drei Kavalleriegeschützen Richtung Innsbruck in Marsch. Bis zum 26. April war Gesamttirol von österreichischen Truppen besetzt. Doch dann lief es für die kaiserlich-königlichen Truppen nicht nach Wunsch: Die Hauptarmee des Generalissimus Erzherzog Karl wurde geschlagen und befand sich im Rückzug Richtung ­Wien. An der Nordgrenze Tirols entstand eine neue Verteidigungsfront, und Salzburg wurde von den österreichischen Truppen geräumt. Noch schlimmer war die Situation in Italien: Die Südgrenze wurde durch den Rückzug von Erzherzog Johanns Nebenarmee geöffnet. Zeit für die Bayern und Franzosen, die günstige Gelegenheit zu nützen – so besetzte Marshall Lefebvre sofort mit bayerischen Divisionen am 29. April Salzburg. Kommandant Chasteler erfuhr erst drei Tage später, welche Bedrohung östlich vor Tirols Tür stand und befahl, die Befestigung wichtiger Geländeteile zu beschleunigen. 

Die Lage wurde auf europäischem Boden für Österreich immer prekärer. Napoleon drang unaufhaltsam ins Donautal vor und wollte kein aufständisches Tirol im Rücken haben. Obwohl Chastelers Einfälle und Raubzüge in Südbayern Irritierung hervorriefen, ließ sich Napoleon nicht beirren und forderte Marshall Lefebvre auf, einen Feldzug gegen Tirol zu führen. Dieser begann zu Christi Himmelfahrt: Am 11. Mai 1809 tauchte eine feindliche Marschkolonne beim Pass Strub an der Tiroler Grenze auf. War der Aufstand Anfang April eine Probe, so wurde Tirol nun Bühne blutiger Kämpfe. 

Die Österreicher hielten vorerst den Pass. Sie warteten, bis die bayerisch-französischen Truppen so nahe wie möglich gekommen waren und empfingen sie dann mit einem Kugelhagel. Vor allem die österreichische Artillerie sorgte für viel Blutvergießen, doch nicht lange – nach enormen Verlusten stürmten die Bayern den Pass. Gleichzeitig erfolgten auch erfolgreiche Angriffe auf den Luftstein- und Hirschbichlpass. Der Weg nach Tirol war frei und die Lage der Truppen von Chasteler wurde immer dramatischer. Am 13. Mai erlebte der Kommandant die erste herbe Enttäuschung: Der Landsturm, auf dessen Hilfe er gesetzt hatte, war nicht zur Stelle – mit fataler Konsequenz. Söll und Wörgl konnten nicht gehalten werden. Die Bayern und Franzosen mussten aber zugeben, dass der österreichische Widerstand größer war als erwartet. Und wenn noch die Tiroler mitgemacht hätten, wäre die Situation eine andere gewesen. So steht etwa im Journal von Korpsadjudant Major Franz Karl von Veyder: „Nun wäre der Moment des Eingreifens des Tiroler Landsturmes gekommen gewesen und hätte vielleicht den Ausschlag gegeben. Zum Unglück aber hatte sich ein großer Teil desselben, der an den vorhergehenden Tagen so tapfer gefochten hatte, nach Hause verlaufen, andere Teile wurden durch die brennenden Häuser abgeschreckt. Statt Tausende fanden sich nur Hunderte ein.“ Auch die Tiroler, die da waren, waren keine große Hilfe: „Bei den Haufen des Kronenwirtes aber war Disziplinlosigkeit eingerissen, sie hatten keine Anführer, zerstreuten sich auf den südlichen Berghängen und feuerten von dort aus allzu großer Entfernung wirkungslos auf die Bayern“, schreibt Viktor Schemfil. Die Niederlagen bei Wörgl und Söll hatten eine besondere moralische Auswirkung. Nicht nur die militärische Situation (am 13. Mai wurde auch Wien von Napoleon eingenommen) zerrte an den Nerven, auch die Grausamkeiten an der Bevölkerung beim Vormarsch der bayerisch-französischen Truppen demoralisierten. Selbst dem bayerischen Divisionskommandanten Graf Karl Philipp Wrede schauderte: „Hauptquartier Ellmau, am 12. Mai 1809. Ich habe heute und gestern, wo ich Ursache hatte, über so manch tapfere That der Division zufrieden zu sein, Grausamkeiten, Mordthaten, Plünderungen, Mordbrennereien sehen müssen, die das Innerste meiner Seele angriffen und mir jeden frohen Augenblick, den ich bisher über die Tathen der Division hatte, verbittern.“ Seine Division setzte 114 Häuser und Weiler von Kirchdorf, Waidring, Erpfendorf und St. Johann in Brand. Beim Weitermarsch wurden Schwaz und Vomp geplündert und niedergebrannt, und gegen die Bevölkerung wurde mit äußerster Grausamkeit vorgegangen.

Die österreichischen Truppen wurden immer weiter zurückgedrängt, Chasteler schlug sein Hauptquartier in Steinach auf und alle Versuche, die Bayern im Unterinntal zurückzudrängen, schlugen fehl. Auch die Tiroler Führung war nun ratlos und am Rande des Aufgebens. Die Schutzdeputation in Innsbruck fasste nach stundenlanger Besprechung am 18. Mai einen Beschluss: „(…) da für eine Unterstützung des österreichischen Militärs keine Aussicht ist, wurde allgemein und einmütig beschlossen, die Sturm Mannschaft besänftigen und bitten zu lassen, dass sie sich entschließe, wieder ruhig nach Hause zu gehen.“ Mit den Bayern herrschte in der Zwischenzeit Waffenstillstand. Zuerst wollten die Widerständler nichts von einem Nachgeben wissen, doch nach und nach zerstreuten sie sich und zogen ab. Die Bayern hatten es nun relativ einfach: „Alle Einwohner der Ortschaften durch welche wir zogen hatten sich entfernt, und sahen von den Bergen ganz ruhig und ohne Feindseligkeiten zu begehen, oder nur Waffen zu zeigen unserem Marsch – durch eine völlig verödete Gegend – zu “, erinnert sich Bauer und erzählt weiter: „Das Elend unter diesen verblendeten Menschen war so groß, dass viele bei ihren Durchzügen in den Städten mit den Waffen in der Hand bettelten, und eine Menge in den Bergen durch Hunger zugrunde gingen.“ 

Nach gescheiterten Verhandlungen Chastelers mit seinem Widersacher Wrede zogen die Bayern am Nachmittag des 19. Mai ungehindert in Innsbruck ein. Der Oberkommandierende der bayerischen Truppen, Marshall Franz Josef Lefebvre, kam erst in den Abendstunden nach Innsbruck und nahm in der Hofburg Quartier, während Chasteler seines weiter südlich aufschlug.

Doch noch waren die österreichischen Truppen da. Gemeinsam mit Tiroler Aufgeboten unter der Führung von Andreas Hofer schleppte sich eine Kolonne, der sich immer mehr Schützenkompanien anschlossen, am frühen Morgen des 25. Mai bei schwülem Wetter Richtung Norden, Richtung Bergisel. Es hatten sich mittlerweile drei Gruppen gebildet, ohne einheitlichem Oberkommando und ohne gemeinsamen Angriffsplan. Im Mittelgebirge angekommen gab es mehrere Geplänkel mit den Bayern. Um ein Vordringen der Tiroler in die Talebene aufzuhalten, richteten die Besatzer südlich der Pfarrkirche Wilten ihre Geschütze auf die unteren Wald-ränder des Bergisels, die aber bei den Tirolern nur geringe Verluste hervorriefen (acht Tote, 20 Verwundete und sechs Gefangene). Die k.k.-Truppen hatten am rechten Flügel mehr zu beklagen: 41 Mann und fünf Pferde waren tot. Ein Wolkenbruch setzte am Abend den Kämpfen aber ein vorzeitiges Ende – für die Tiroler vielleicht auch besser. Hofer dachte zwar daran, die Bayern so wie am 12. und 13. April einzukesseln – was jedoch unmöglich durchführbar war. Unter anderem deshalb, weil die Verstärkung aus dem Oberland nicht gekommen war. Aus gutem Grund: Die Oberländer erhielten Hofers undatierten „Laufzettel“ erst am 27. Mai: „Meine lieben Oberinnthaler! Uebermorgen greife ich den Feind von der Seite des Berg Isel an. Kommt mir also zur Hilfe.“ Viel Zeit blieb dem Befehlshaber Major Martin Teimer nicht, seine Männer zu sammeln, wenn er schon am 29. Mai, also „uebermorgen“, eingreifen sollte. Doch er schaffte es. Bereits am 28. Mai versammelten sich knapp 1400 Mann in Imst und machten sich gleich Richtung Innsbruck auf den Weg, rechtzeitig für die zweite Schlacht am Bergisel. Diesmal ohne Chasteler, der am 28. Mai mit dem Gros seiner Truppen Tirol verließ und das Kommando über die restlichen Einheiten Ignaz Freiherr von Buol übergab. Doch das beeinflusste die Tiroler nur wenig. Gleichzeitig waren im Land wieder Aufstände aufgeflackert und die Verbindungslinien nach Bayern unterbrochen worden. Die Besatzertruppen sahen sich genötigt, abzumarschieren und Tirol zu räumen. Die Aufständischen hatten gesiegt – vorerst.

Napoleon, der die Aufstände in Tirol bisher relativ gelassen gesehen hatte, war nach den beiden Niederlagen gegen das Bergvolk völlig entnervt und fasste den Entschluss, das Land nun mit allen Mitteln zu unterwerfen. Eine Streitmacht von insgesamt 25.000 Mann machte sich Ende Juli nach Tirol auf. Wieder durch das Unterinntal, aber diesmal ohne Gegenwehr, erreichten Lefebvres Truppen am 30. Juli Innsbruck. Die restlichen k.k.-Einheiten zogen sich über das Pustertal zurück und verließen am 3. August Tirol, nachdem die Waffenstillstandsbedingungen ausgehandelt waren. Lefebvre verlangte eine unbedingte Unterwerfung der Tiroler. Innerhalb von zehn Tagen hatten sich die Aufständischen zu entwaffnen und die Anführer sich zu melden – wer das nicht tat, galt als vogelfrei.

Natürlich gaben die Tiroler ihre Waffen nicht ab, ganz im Gegenteil. Trotz einiger Gefechte und Geplänkel in Südtirol gegen französische Truppen wurde bei der Lienzer Klause ein Tiroler Kriegsrat abgehalten. Die ausgearbeitete Taktik hatte Erfolg und französische Vorposten wurden zurückgedrängt. Weitere Vorstöße bei gleichzeitigem Niederbrennen von Ortschaften mussten die Franzosen ebenfalls mit hohem Blutzoll bezahlen – bis sie genötigt waren, sich zurückzuziehen. Nördlich des Brenners sah es für die Aufständischen ebenfalls gut aus. Lefebvre wollte die Mitte Tirols erobern und beorderte ein bayerisches Infanterieregiment, mit 1400 Mann, 100 Reitern und zwei Geschützen, durch das Oberinntal über den Reschenpass nach Meran vorzudringen. Von Innsbruck bis Landeck kamen sie gut voran – bis sie am 8. August die Talenge südlich der Stadt, bei der Pontlatzer Brücke, erreichten. Der Weg zum Reschen wurde von Bauern versperrt. Die Bayern machten sich bereit, den Rückmarsch anzutreten – die Tiroler gingen sofort daran, Verhaue und Hindernisse aufzustellen und Steinlawinen vorzubereiten. Nur mühselig, langsam und Steinlawinen über sich ergehen lassend traf die bayerische Truppe in der Nacht zum 9. August wieder in Landeck ein und musste – mit schweren Verlusten – vor den Bauern kapitulieren. Auch Lefebvre hatte beim Vorstoß nach Südtirol kein Glück und kehrte am 11. August nach Innsbruck zurück. Es waren herbe Rückschläge für die Besatzer: „Die Aussichten, Tirol zu erobern, wurden durch die unglücklichen Ereignisse des Oberinnthals so wie durch andere Umstände, mit jedem Tage entfernter“, schreibt der bayerische Stabsoffizier Bauer. 

Marschall Lefebvre kam ob der jüngsten Ereignisse im gesamten Land zu der Erkenntnis, dass die Situation immer bedenklicher wurde. Seine Truppen waren dezimiert und müde. Er wollte raus – zuerst aus Südtirol, wohin er einen Vorstoß wagte, dann ganz aus Tirol. Was den Tirolern zupass kam. „Marshall Lefebvre, der seine kühnen Hoffnungen auf den Feldern von Sterzing unter den grimmigen Schlägen der Tiroler in so kläglicher Weise zusammenbrechen sah, (war der Meinung) daß nur noch der eilige Rückzug über den Brenner Rettung bringen konnte“, schreibt mit einiger Distanz, 90 Jahre später, Hans Schmölzer in seinem Buch „Andreas Hofer und seine Kampfgenossen.“ „In aller Morgenfrühe (am 11. August, Anm. d. Red.) als der nächtliche Abzug des Feindes von den Tirolern bemerkt wurde, ordnete Hofer sogleich die rasche Verfolgung desselben an und sandte Speckbacher mit den drei Passeirer Kompanien nebst einigen anderen Kompanien dem abziehenden Marschall nach.“ Es war der Startschuss für die dritte Schlacht am Berg Isel. Die wohl bekannteste, am meisten erzählte und in die Heldensagen eingegangene. „Lefebvre hatte seine kriegerische Fassung bereits verloren“, schreibt ein Augenzeuge über den Einzug des Marschalls in Innsbruck am 11. August 1809: “Verwirrt und ohne Hut, mit Kot und Staub bedeckt, kam Seine Durchlaucht (…) nach Wilten.“ Doch noch konnte Hofer nicht zuschlagen: „Von Haspingers Leuten waren insbesondere viele Eisacktaler, die ihr Talgebiet nicht mehr unmittelbar vom Feinde bedroht sahen, in die Heimat zurückgekehrt. Die Pustertaler fürchteten, daß es General Rusca doch noch einmal einfallen könnte, in ihre Heimat einen Einfall zu wagen (…); die Etschländer hatten ein Vorrücken der Franzosen (…) zu befürchten; wieder anderen waren die Lebensmittel, deren sie nur für wenige Tage mitgenommen hatten, ausgegangen, und diese trieb der Hunger nach Hause“, schreibt Schmölzer. Der Vorstoß Richtung Innsbruck war zu überhastet. Am Nachmittag des 12. August wurde in Schönberg über die weitere Vorgehensweise beraten. Alle Kommandanten waren anwesend, nur der Martin Firler, dem Hofer am 5. August das Kommando der Oberinntaler übertrug fehlte – er hatte alle Hände voll zu tun. Er war mit Georg Bucher, Josef Abenthung und Johann Etschmann verabredet – und auch mit den Bayern. Am 11. August griff die Hauptkraft mit etwa 2000 Mann bayerische Stellungen bei Hötting an – diese wurde aber zurückgeworfen. Mit herben Verlusten auf beiden Seiten: Die Bayern hatten 24, die Tiroler 17 Tote zu beklagen. Gleichzeitig erfolgten kleinere Angriffe südlich der Stadt, beim Berg Isel. Doch auch dort konnten die Tiroler zurückgedrängt werden. Der Boden am Berg Isel war aber so mit Blut für die große Schlacht vorbereitet worden. 

Der Kriegsrat in Schönberg beschloss, eine ähnliche Taktik wie die der erfolgreichen Schlacht vom 29. Mai anzuwenden: Martin Firler war bereits im Raum Zirl und Georg Bucher hinter dem Geroldsbach südwestlich von Innsbruck, Peter Mayr und Pater Haspinger griffen von Mutters, Natters und Stubai an und Speckbacher von der Ellbögener Straße südöstlich der Stadt. Andreas Hofer blieb in Schönberg, gab den Männern aber einen guten Rat mit auf den Weg: „Grad nit aufferlassen thut‘s ös sie!“ Am Morgen des 13. August erfolgte der Angriff. Lefebvres insgesamt 17.000 Soldaten in Innsbruck standen nun einer gesamten Bauernmasse von ebenfalls 17.000 Mann entgegen. Nördlich des Inns musste sich Firler zurückziehen, Peter Mayr griff ohne auf die Kolonnen Haspingers zu warten an, es gelang ihm aber nicht, die Bayern aus ihren Stellungen zu vertreiben, weshalb er dann doch auf Haspinger wartete. Gegen neun Uhr gingen die Tiroler auf allen Linien zum Angriff über. Am gefährlichsten war es in der Mitte der Front, wo die Bayern durch Mayrs und Haspingers Linien durchstoßen konnten. Doch Lefebvres Truppen ging die Kraft aus. Nicht nur die Ermüdung seiner Soldaten brachte die Kämpfe bei einbrechender Dunkelheit zum Stillstand, sondern auch und vor allem der Mangel an Munition und Verpflegung. Die Verluste an diesem 13. August, einem Sonntag, waren groß. Verschiedene Angaben sprechen von bis zu 1000 Soldaten, die auf bayerischer Seite ihr Leben lassen mussten oder verwundet wurden. Die Tiroler zählten weit weniger: 56 waren tot und 217 verwundet. Es war der Höhepunkt des Tiroler Freiheitskampfes.  

„Nachdem der Feind meine rückwärtige Verbindung hatte unterbrechen lassen, griff er mich am 13. bei Innsbruck an. Ich behauptete meine Stellung, aber der Kampf, welcher übrigens wenig Bedeutung hatte, kostete eine Menge Offiziere“, schrieb Lefebvre an den bayerischen König und gab eine Erklärung für seinen Rückzug ab: „Die sich verbreitenden Gerüchte, dass der Feind unsere rückwärtigen Verbindungen besetzt hätte, verursachten einen derart starken Eindruck auf die Armee, dass ich nicht Gefahr laufen wollte, sie gänzlich zu verlieren, was mir wohl begegnet wäre, wenn ich sie von neuem angegriffen hätte.“ Die Bayern zogen sich zurück und Andreas Hofer und seine Männer am 15. August in Innsbruck ein. 

Neben der militärischen übernahm der Wirt aus dem Passeier nun auch die politische Führung Tirols. Die eingetretene Ruhe währte aber nur kurz. In Südtirol kam es Anfang September bereits wieder zu Gefechten, und bis Mitte Oktober brach eine französische Division von Süden her in das Land ein. Von Osten drängten die Bayern – mit einer neuen Taktik – nach Tirol: Eine bayerische Division ging geradewegs von Reichenhall nahe der österreichischen Grenze über Lofer und eine zweite von Traunstein über den Reiterwinkel. Beide Divisionen trafen sich in St. Johann. Eine dritte Einheit begann ihre Operation in Kufstein und stieß in Wörgl zu den beiden anderen Divisionen. „Besonders ist es wichtig durch wohlberechnete Bewegungen einen großen Strich des Landes von allen zu umfassen.“ Und schnell müsse es gehen: „Solche große Coups wirken auf das Gemüth des Bauern, der sich nun nirgends sicher glaubt, dessen Schwäche in der Schnelligkeit der Überraschung liegt. (…) Der Bauer, der unsre Truppen von allen Seiten, wie aus den Wolken herab, auf ihn anstürmen sah, warf ohne Widerstand das Gewehr weg, und die Folge dieses Unternehmens war, dass der Strubpass, die Verschanzungen bei Wörgl, Rattenberg, die Zillerbrücke und Schwatz in der größten Bestürzung verlassen wurden, und man ohne Schwertstreich von Lofer bis nach Innsbruck vordrang“, beschreibt Carl Bauer die militärische Situation im Oktober im Unterland. Es war die Zeit, als stürmische Tage über das Land zogen. Der Oktober war auch das Monat des Friedens von Schönbrunn, bei dem die österreichische Niederlage besiegelt wurde. Es spitzte sich also alles auf den 1. ­November zu. 

Der neuerliche Vormarsch der Bayern in Nordtirol war unaufhaltsam. Hofer beschloss – aus der letzten guten Erfahrung – den Feind am Bergisel zu empfangen. Er verließ mit seinem Gefolge die Hofburg und schlug am 22. Oktober sein Hauptquartier in Steinach auf. Ungehindert zogen zwei Tage später die Bayern in Hall ein. Zur gleichen Zeit erhielt Hofer die Bestätigung, dass nun Frieden herrscht und das Tiroler Volk sich – im Namen des Kaisers – ruhig verhalten und nicht sinnlos opfern solle. Hofer, der eigentlich ein Ende der Kämpfe wollte, war drauf und dran, diese Weisung zu befolgen. Doch dem Fanatiker Pater Haspinger gelang es, ihn umzustimmen – mit fatalen Folgen für das Land. Auch Carl Bauer schreibt, dass Hofer grundsätzlich schlecht beraten war: „Hofer war immer von einigen Rathgebern, welche meistens Pfaffen, oder von seinen alten Bekannten, welche Wirte waren, umringt; allein weder durch dieselben noch durch ihn, sind während der ganzen Revolution durchgreifende, eine Einheit der Wirkung hervorbringende Maasregel zustande gekommen – Ueberall herrschte deswegen auch die größte Unordnung in der Verwaltung, die Verschwendung aller Arten von Vertheidigungsmitteln, und die Willkühr in der Anwendung aller Kräfte war gränzenlos, und so konnte auch nur die allgemeine Abneigung gegen Fremd Herrschaft, dieser tumultuarischen Aufregung einige Dauer versprechen.“ Nun rächte sich die schlechte Organisation. Das vierte und letzte Treffen am Bergisel wurde zur Katastrophe, die nach herben Rückschlägen bereits gegen Mittag zu Ende war. Doch das Ende der Schlacht brachte für Tirol noch keine Ruhe. Gefechte in der Mühlbacher Klause, bei Meran, im Passeier, im Paznauntal oder in Brixen zogen sich noch. Dort, wo fast genau acht Monate zuvor österreichische Truppen sich aufmachten, die Bayern und Franzosen zu vertreiben, kam es am 8. Dezember zum letzten Aufeinandertreffen: in Osttirol. Bei Ainet trafen ein letztes Mal Bauern und Besatzer aufeinander – damit hatte die Erhebung Tirols ihr Ende gefunden. 

Insgesamt sollen fast 1000 Tiroler Landesverteidiger den Tod auf den Schlachtfeldern gefunden haben. Auf die Köpfe der Anführer wurden Preise ausgesetzt, viele – wie Speckbacher und Haspinger, die in ­Wien Zuflucht fanden – flüchteten, während der Anführer des Aufstands, Andreas Hofer, am 28. Jänner 1810 gefangengenommen und am 20. Februar in Mantua in Italien erschossen wurde.  David Bullock

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