Mythos & Marke

Untrennbar ist der Freiheitsheld mit dem Land Tirol verbunden. Kaisertreu, deutschnational, antiitalienisch – der Sandwirt musste schon für vieles herhalten. Doch was ist von ihm geblieben? 

Ach, wie schießt ihr schlecht!“ Auch Tobias Moretti blieben in Xaver Schwarzenbergers 2002 gedrehten Film „Andreas Hofer – Die Freiheit des Adlers“ diese letzten Worte nicht erspart. Worte, die Andreas Hofer nie von sich gegeben hat. Er starb wahrscheinlich wortlos, den Befehl „Feuer“ soll er selbst gegeben haben, heißt es. Der Abschlussvers der Tiroler Landeshymne „Gebt Feuer, ach, wie schießt ihr schlecht“ stammt aus dem Jahr 1831, geschrieben von Julius Mosen, einem deutschen Dichter der Spätromantik. Schlecht geschossen haben die zwölf Soldaten des 2. Bataillons des 13. französischen Grenadierregiments am 20. Februar 1810 um 10.45 Uhr wirklich. Nach zwei Salven zu je sechs Schuss lebte Hofer immer noch, er starb erst nach dem Gnadenschuss, den ihm der in den napoleonischen Truppen dienende luxemburgische Feldwebel Michael Eiffes geben musste.

So wie der Tod Hofers von Mosen in „Zu Mantua in Banden“ literarisch verklärt wurde – vertont hat es 1844 Leopold Knebelsberger – wird das Leben und Sterben des Sandwirts in zahlreichen Balladen, Gedichten, Opern, Romanen und Erzählungen heroisiert und romantisiert. In mindestens 80 Dramen ist Andreas Hofer allgegenwärtig. Doch es ist mehr Quantität als Qualität. „Die Zahlen sind jedenfalls beeindruckend, die Texte sind es im Großen und Ganzen nicht“, urteilt der Innsbrucker Germanist Johann Holzner in seinem Aufsatz „Andreas Hofer in der Literatur“. Allgegenwärtig ist der Sandwirt auch im Straßenbild. Aus Städten und Gemeinden in Nord-, Ost- und Südtirol ist eine Andreas-Hofer-Straße nicht wegzudenken, Innsbruck hat so gut wie jedem seiner Kampfgefährten eine Straße gewidmet. Mit dem Andreas-Hofer-Denkmal am Bergisel und dem – voraussichtlich wieder ab 2010 zu besichtigenden – Riesenrundgemälde erinnern zwei Touristenattraktionen an die Tiroler Freiheitskriege, nicht zu vergessen das Grabmal Hofers in der Hofkirche und das 1909 aufgestellte Denkmal „Vater und Sohn“ von Christian Platter vor der Ottoburg. „Google“ spuckt bei der Eingabe von „Andreas Hofer“ kombiniert mit „Restaurant“, „Hotel“, „Gasthof“ und „Gasthaus“ unzählige Einträge aus. Nicht nur mit Tiroler Adressen – auch in Villach und Dornbirn kann man bei einem „Andreas Hofer“ speisen. Literatur, Musik, Straßennamen, Gastronomiebetriebe – Andreas Hofer an allen Ecken und Enden. Selbst der Sport greift auf den Tiroler Helden zurück. In seltener Geschlossenheit waren sich die österreichischen Tageszeitungen Standard, Krone und Kurier einig, dass mit dem Fieberbrunner Skispringer Andreas Widhölzl am 3. Jänner 2000 der erste Tiroler seit Andreas Hofer am Bergisel gewonnen hat. „Tirol hat einen neuen Helden! So unbesiegbar wie einst Andreas Hofer flog Andreas Widhölzl gestern zum ersten Sieg eines Tirolers beim Bergiselspringen“, jubelte die Krone. Selbst Widhölzl zog die gleiche Parallele: „Es ist eine große Ehre, der Tiroler zu sein, der nach Andreas Hofer einen Sieg hier am Bergisel landen konnte.“ Held, Ehre, Tiroler: Im Land im Gebirg sind diese drei Worte untrennbar mit Andreas Hofer verknüpft. Was wäre aber ein Tirol ohne Hofer? Ein Land ohne Identität?

„Der Tiroler Aufstand gegen die Franzosen und Bayern im Jahr 1809 und die Figur Andreas Hofers, des Gastwirts, der zu seinem bekanntesten Anführer wurde, lieferte den Stoff für den Mythos, auf dem die Deutschtiroler Massenidentität aufbaute“, schreibt der Brite Laurence Cole, der in „Für Gott, Kaiser und Vaterland“ die Identitätsfindung der deutschsprachigen Bevölkerung Tirols von 1860 bis 1914 untersucht. Cole analysiert anhand von zwei Großereignissen (das 500. Jubiläum der Verbindung Tirols mit dem Hause Habsburg im Jahr 1863 und die 100-Jahr-Feier der Tiroler Freiheitskämpfe im Jahr 1909), wie sich die deutschsprachige Bevölkerung Tirols vor 1914 selbst definierte – als Deutsche, Österreicher oder Tiroler. Cole greift dabei auf drei zentrale Motive zurück: den Herz-Jesu-Kult als Beispiel für die politische und kulturelle Bedeutung des römischen Katholizismus in der Tiroler Bevölkerung, die Rolle der Schützen bei der patriotischen Mobilisierung und die Mythenbildung rund um Andreas Hofer. Ein Mythos, der seinen Ausgangspunkt im Ausland fand, der zum Mittelpunkt und Markenzeichen der sogenannten Tirolität wurde und an dessen Denkmal lange Zeit niemand kratzen durfte – mit Ausnahme des italienischen Geheimdienstes im Jahr 1961, der es sogar sprengte.

Schon 1809 schrieb der Engländer William Wordsworth wohl eines der ersten Gedichte über Andreas Hofer. Der Romantiker stellte sich die Frage, ob Hofer überhaupt der Sohn sterblicher Eltern war: „Dieser gottähnliche Krieger – sieh! – macht Berge, Wildbäche und Wälder lebendig, um des Tyrannen zu spotten und seine Grausamkeit zu verdammen.“ Hofer als Streiter gegen den Tyrannen Napoleon, ein Vorbild für das von dem Franzosen bedrohte Europa. Auch den Deutschen war Hofer ein Vorbild – als Kämpfer für die deutsche Sache, um die es dem Tiroler allerdings nie gegangen ist, waren doch die Bayern sein hauptsächlicher Gegner. Insofern ist auch das Andreas-Hofer-Lied, 1948 offiziell zur Tiroler Landeshymne erklärt, historisch falsch. Weder lag „Ganz Deutschland, ach in Gram und Schmerz“ noch kämpfte Hofer mit dem „verratnen deutschen Reich“. Doch es passte ins deutschnationale Konzept von Julius Mosen. Schon damals, in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, sorgte der Gastwirt aus dem Passeier für Tiroler Imagewerbung – gemeinsam mit den deutschen Freiheitskämpfern Ferdinand von Schill und Herzog Friedrich Willhelm von Braunschweig findet sich sein Porträt auf einer Schnupftabakdose.

Anders die Situation in Österreich. Andreas Hofer galt nach 1814 für das wiedererstandene Österreich als Unruhestifter (obwohl er für ein mit Österreich vereintes Tirol kämpfte), Hofer-Lieder waren während der Ära Metternich verboten, die Oper „Andreas Hofer“ von Gustav Albert Lortzing fiel der Zensur zum Opfer. Auch die abenteuerliche Exhumierung Hofers und Überführung nach Innsbruck durch fünf Offiziere der Kaiserjäger erfolgte ohne Genehmigung Wiens. Kaiser Franz I. ordnete gar ein militärgerichtliches Vorgehen wegen eigenmächtigen Handelns an. Doch langsam setzte eine Bewusstseinsänderung ein, die Errichtung des Grabmals in der Hofkirche wurde 1834 von Wien finanziert. Volksheld war Hofer aber noch lange keiner. „In dieser Zeit blieb die Begeisterung für Andreas Hofer und den Freiheitskampf auf den Kreis der Bürgerlichen und Intellektuellen beschränkt“, stellt Siegfried Steinlechner in „Des Hofers neue Kleider – über die staatstragende Funktion von Mythen“ fest.

Ändern sollte sich die Hofer-Darstellung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Die Spannungen zwischen der italienischen und der deutschen Sprachgruppe in Tirol nahmen zu, der Verlust der Lombardei 1859 und des Veneto verstärkte die anti-italienischen Gefühle in Tirol. „Vor dem Hintergrund des Krieges gegen die italienischen Invasoren 1866 wurde 1809 als deutscher Krieg gegen die ‚welsche‘ Kultur interpretiert“, so Laurence Cole. Extrem wurde diese Tendenz im Ersten Weltkrieg nach der Kriegserklärung Italiens an Österreich. Der Tiroler Dichter Rudolf Greinz schickte 1915 gar den toten Hofer gegen die Italiener los: „Der ­ziacht aus seiner Totentruch/Gögn die walschen Schreier.“ Vergessen war, dass Trentiner an der Seite Hofers gegen die Bayern und Franzosen kämpften, der Tiroler Andreas Hofer war schon längst zum Deutschtiroler Hofer geworden.

Ab 1850 begann sich auch die heute bekannte Tiroler Folklore zu entwickeln. Die meisten Schützenvereine entstanden in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, vorher waren die Schützen eher lose miteinander verbunden. Bei ihren Trachten waren die „neuen“ Schützen fantasievoll – teilweise erfanden sie diese einfach oder bedienten sich historischer Elemente. Der Hofer-Kult boomte. Zwar wurde die 75. Wiederkehr der Bergiselschlachten nicht gefeiert, doch Hofers Bild wurde immer öffentlicher. Der Maler Franz Defregger – später auch Albin Egger-Lienz – hatte an der Mythologisierung Hofers einen großen Anteil. Zumindest einen visuellen, prägten sie doch das Bild des Sandwirts mit, das wir heute vor Augen haben.

Auch Habsburg bemächtigte sich Hofers. „Die Habsburger brauchten ‚Helden‘ und Vorbilder für bedingungslose Kaisertreue“, bemerkt dazu Steinlechner. Hofer war plötzlich nicht mehr der Rebell, sondern derjenige, der tapfer für den Erhalt des Kaiserreichs kämpfte. 1893 weihte Kaiser Franz Josef am Bergisel das Hofer-Denkmal ein, den „Inbegriff der Urkraft von Tirol“. Für Franz Josef verkörperte Hofer in seiner Ansprache „die edelste Verkörperung der tirolischen Volksseele“ – zu des Sandwirts Füßen steht „Für Gott, Kaiser und Vaterland“. Drei Jahre später, zeitgerecht für das „Schützenfest zum 100-Jahr-Jubiläum der Weihe Tirols an das Herz Jesu“, wurde das Riesenrundgemälde eröffnet. 1899 wurde zu Hofers Ehren in Passeier eine Gedächtniskapelle errichtet, bei der 100-Jahr-Feier marschierten 33.000 Schützen und Musikanten an Kaiser Franz Josef vorbei. Der patriotische und kaisertreue Nationalheld, der sich gegen die Franzosen auflehnte – die Bayern wurden wieder einmal weggelassen – war omnipräsent.

Nach dem Ersten Weltkrieg und der Teilung Tirols wird Hofer gegen den „walschen“ Erzfeind mobilisiert. 1934, als sich rund 50.000 Menschen am Bergisel zur 125-Jahr-Feier versammelten, waren es in den Gedenkreden plötzlich wieder die Bayern, gegen die Hofer die Freiheit Tirols verteidigen musste. Der Tiroler Heimwehr-Führer Richard Steidle hatte den Kurswechsel schon ein Jahr zuvor kommentiert: „Es waren 1809 nicht in erster Linie die Franzosen, sondern die Bayern, die sich die ärgsten Schandtaten haben zuschulden kommen lassen. Dagegen hat sich das Tiroler Volk aufgelehnt. Genau wie damals müssen wir uns jetzt wieder gegen fremde Methoden zur Wehr setzen, wieder gegen dieselben deutschen Stammesbrüder.“ Der „Feind“ für das austrofaschistische Österreich lag nicht mehr im Süden, es war das nationalsozialistische Deutschland im Norden. Nur wenige Jahre später, am 20. Februar 1939, war der Passeirer Weinhändler für den nationalsozialistischen Gauleiter Franz Hofer wieder das „leuchtende Symbol deutscher Kraft und Stärke“. Andreas Hofer war wieder eingedeutscht, allerdings weder kaisertreu noch religiös.

Nach dem Krieg wurde das Hofer-Bild „entnazifiziert“, das Deutschnationale entfernt, der heimattreue Hofer – die Heimat war nun Tirol und Österreich – blieb bestehen. Groß zelebriert wurde das Gedenkjahr 1959. 25.000 Teilnehmer des Festzugs marschierten vor 150.000 bis 200.000 Zusehern durch Innsbruck. Wer geehrt wurde, machte der Historiker Franz Huter klar: „Das Jahr 1809 ist die Krone Tirolischer Geschichte und nur sie vermag uns zu sagen, woher Freiheitssinn und Siegeszuversicht, kämpferisches Wollen und Können, Opfersinn und Todesbereitschaft bis zum äußersten herzuleiten sind.“ Huter klammerte aus, dass der Aufstand und Hofer schlussendlich gescheitert sind, dass er von Habsburg, für das er kämpfte, verraten wurde. Huter klammerte aber auch aus, dass Tirol im 15. und 16. Jahrhundert mit dem Schwazer Silberreichtum eine Zentrale Europas war, dass Innsbruck einmal Residenzstadt war. Die Krone der Geschichte ist für ihn eine Niederlage, ein Schlachtfeld, auf dem man verloren hat. Was den Serben das Amselfeld, ist demnach laut Huter den Tirolern der Bergisel. Mit dem Mythos Andreas Hofer als Märtyrer.

25 Jahre später, 175 Jahre nach dem Tod Hofers, wurde wieder pompös des Landeshelden gedacht, noch einmal wurden alte Traditionen und Werte betont. Aufkommende Kritik wurde radikal im Keim erstickt. „Wer was gegen Musikkapellen und Schützenkompanien hat, dem sage ich: Tracht ist Heimat. Die ganze Welt beneidet uns darum, weil Schützen und Musikanten unsere wesentliche gesellschaftliche Kraft sind. Die, die das als Lederhosenkultur bezeichnen, wollen ein Volk ohne Wurzeln und eine manipulierte Masse“, polterte der damalige Tiroler Kulturlandesrat Fritz Prior im Jahr 1984.

Und heute, 25 Jahre später? Was ist geblieben vom Mythos Hofer? Die politische Instrumentalisierung – gegen Italien, für Deutschland, als Vorbild für Kaisertreue – des Sandwirts von Passeier gehört der Vergangenheit an, einzig Kritik mobilisiert noch, wie der Hofer-Taliban-Vergleich des Grünen-Politikers Gerhard Fritz im Sommer 2006 zeigte bzw. die Diskussionen um die Landeshymne im Jahr 2004. Eine Hymne, die übrigens politisch vielseitig verwendet wurde,  von „Zu Mantua in Banden“ gibt es mehrere Versionen. Zur gleichen Melodie sangen ab 1907 Kommunisten und Sozialisten „Dem Morgenrot entgegen/ihr Kampfgenossen all!“, mit „Bei dumpfem Trommelwirbel/zu Benrath an dem Rhein“ besangen die Nationalsozialisten ihren Märtyrer Albert Schlageter, den „deutschen Andreas Hofer“, der 1923 wegen Widerstands gegen die französischen Besatzungstruppen in Düsseldorf hingerichtet worden war.

Wenn Andreas Hofer heute politisch instrumentalisiert wird, dann von Randgruppen, die wenig Gehör finden, oder es wird lächerlich wie bei Richard Lugner, der 1999 bei seinem Auftakt für die Nationalratswahl in Innsbruck verkündete: „Wie Andreas Hofer stehe ich jetzt hier vor dem Goldenen Dachl und kämpfe für ein freies Tirol, für ein freies Österreich!“ Hat Hofer ausgedient? Ist er nur mehr Teil unserer Geschichte, eine – nicht zu vernachlässigende – touristische Attraktion, wie die zahlreichen Busse am Bergisel, die tausenden Besucher des alten Riesenrundgemäldes zeigen? Oder jene Besucher des Museum Passeier, wo im Sandhof in St. Leonhard des Tiroler Freiheitskämpfers gedacht wird, wo persönliche Relikte Hofers ausgestellt sind: seine Kleider, der Rosenkranz, Silberring, die Sporen und eine Reihe anderer Gebrauchsgegenstände, schriftliche und bildliche Belege, zeitgenössische Waffen und Schützenfahnen? Dazu Siegfried Steinlechner: „Es wird zunehmend schwieriger, einen durchwegs militaristischen Helden, wie es Andreas Hofer nun einmal war, einer Generation näher zu bringen, die zu guten Teilen der Friedensbewegung näher steht als irgendwelchen militaristischen Gruppen.“

Felix Mitterer hat mit seinem Drehbuch zu „Andreas Hofer – Die Freiheit des Adlers“ so einen Versuch unternommen. Er vermenschlichte Hofer, kein „gottähnlicher Krieger“ mehr wie bei William Wordsworth, kein Nationalheld als „Inbegriff der Urkraft von Tirol.“ Hofer wird zum Getriebenen, von dem Felix Mitterer überzeugt ist, dass er „als christlicher Humanist die Sache zu einem guten Ende geführt hätte“. „Aber an Hofers Seite stand ein fanatischer Fundamentalist, der Kapuzinerpater Joachim Haspinger, der einen Gottesstaat Tirol wollte, und dieser trieb den verzweifelten, zermürbten, desinformierten Hofer in die letzten sinnlosen Gefechte, die dann Napoleon zum brutalen Zurückschlagen herausforderten“, führte Mitterer weiter aus. Mitterer zerlegt den Mythos Hofer, um einen neuen aufzubauen – der getriebene christliche Humanist –, und bleibt dabei nicht ohne Pathos. Die Tiroler als religiöses (auch wenn sie vom Fundamentalisten Haspinger missbraucht werden), heimatliebendes, stolzes und wehrhaftes Volk (Hofer zu seinem Sohn Hans, während sie einen über den Bergen fliegenden Adler betrachten: „Aber wenn du nimmer fliagen kannst ... weit aufi fliagen, in die blaue Luft ... Wenn sie dir die Flügel stutzen, wenn sie di in an Käfig sperren ... muaß ma sich wehren, dann muaß ma kämpfen“).

Die Tiroler als wehrhafte Menschen, die ihre Heimat verteidigen – die wohl häufigste Analogie, die in Tirol, aber auch (wenn nicht gar vor allem) in den anderen Bundesländern und im Ausland zwischen dem Passeirer Gastwirt und der Gegenwart hergestellt wird. Der Transitkämpfer Fritz Gurgiser musste ebenso schon als Andreas Hofer herhalten wie auch Fritz Dinkhauser, wenn er polternd auf den Tisch klopfte. Und der legendäre Eduard Wallnöfer wollte, wenn auch eher scherzhaft, die Schützen nach Osttirol schicken, als in Österreich Überlegungen laut wurden, den Bezirk Lienz an Kärnten anzugliedern. Die Schützen als Landesverteidiger, streng in der Hofer-Tradition. In einer Nebenszene von Andreas Hofer – Die Freiheit des Adlers“ nennt Tobias Moretti einen Grund, warum die Tiroler sich nicht mehr unterdrücken lassen wollen. Die Bayern ziehen junge Männer zum Militärdienst ein und verstoßen damit gegen ein angestammtes Recht der Tiroler. Ein Recht, das ihnen von Kaiser Maximilian gewährt wurde – das Tiroler Landlibell. In dieser die Landesverteidigung regelnden Verfassungsurkunde aus dem Jahr 1511 nimmt der Landesfürst zur Kenntnis, dass Tirols Wehrmänner nur zur „Verteidigung, Widerstand gegen die Feinde und Bewahrung des Landes“ in Anspruch genommen werden können. Auch im Kampf um dieses Recht ist der Tiroler Aufstand von 1809 gescheitert. Nach der Wiedervereinigung mit Österreich missachtete Wien die Tiroler Verfassung, 1816 musste Tirol mit dem Tiroler Jägerregiment erstmals einen Beitrag zum stehenden österreichischen Heer leisten.

Auch heute noch sind die Schützen aus dem Tiroler (Fest-)Alltag nicht wegzudenken. Ihre Aufmärsche sind begehrte Fotomotive, kirchliche Feiern werden von ihnen begleitet, so auch die Herz-Jesu-Feier. Herz-Jesu-Verehrung und Franzosenkriege sind in Tirol ein untrennbares Paar. 1796, als Napoleon von Mailand aus nach Norden drängte, berieten die Tiroler Landstände in Bozen die Verteidigung des Landes. Sebastian Stöckl, der damalige Prälat von Stams, schlug vor, Tirol unter den Schutz des Herzen Jesu zu stellen. Der Vorschlag wurde angenommen, die Landstände gelobten eine jährliche Prozession, die erste fand am 3. Juni statt. Der Sieg von Spinges im Jahr 1797 wurde dem Schutz durch das Herz Jesu zugeschrieben. Andreas Hofer erneuerte den Bund mit dem Herzen Jesu vor der zweiten Bergiselschlacht. Im ausgehenden 19. Jahrhundert bekam die Herz-Jesu-Verehrung im Kulturkampf des Katholizismus gegen liberal-nationale Ideen neue Dynamik. Seitdem gelten die jährlichen Herz-Jesu-Feuer als „lodernder Beweis“ der Unauflösbarkeit des Tiroler Bundes mit dem Herzen Jesu.

Im August 2002 äußerte sich der Erziehungswissenschaftler Dietmar Larcher anlässlich der Bozner „Summer Academy“ in einem Vortrag  über den Missbrauch von Mythen in Südtirol – Überlegungen, die teilweise auf ganz Tirol umgelegt werden können. Larcher findet Parallelen zur Bibel. „Der Mythos des Bundes mit Gott, gegründet auf den Sondervertrag mit dem Herzen Jesu, um Gott als Bündnispartner in den Napoleonischen Kriegen zu gewinnen. Die versteckte Botschaft darin ist, dass die Tiroler ein auserwähltes Volk sind“, so Larcher. Die Tiroler als auserwähltes Volk, mit Andreas Hofer als Märtyrer, der von Raffl (= Judas) verraten wurde und sein Leben für die Tiroler geopfert hat? Eine provokante These. Nicht so provokant wie die vom alleingelassenen Hofer, der von „seinem“ Kaiser Franz im Stich gelassen und verraten wurde. Der von Habsburg im Stich gelassene Hofer wurde in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts geschickt aus dem kollektiven Gedächtnis der Tiroler verdrängt. Viel spricht dafür, dass Hofer erst durch seinen Tod, durch die Erschießung in Mantua zum Helden wurde. Ansonsten wäre, trotz der drei Siege am Bergisel, die entscheidende vierte Schlacht, die Niederlage übrig geblieben. Zu wenig für einen Helden.  Andreas Hauser

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