Der Nachbar als Herr

Als Tirol im Jahr 1805 zu Bayern kam, war es ein armes Land. Das Volk murrte, auch wegen Eingriffen in das religiöse Alltagsleben und „modernem“ Zeug. Es dauerte nicht lange und Tirol war bereit für den Aufstand. 

Als die Schlacht um sieben Uhr begann, herrschte dichter Bodennebel, danach brach die Sonne durch, wenige Stunden später war alles entschieden. 15.000 tote Österreicher und Russen, auf der Seite der Franzosen gab es angeblich „nur“ knapp 1400 Opfer. Am 2. Dezember 1805 beendete die Dreikaiserschlacht von Austerlitz, rund 20 Kilometer östlich von Brünn, den dritten Koalitionskrieg, der Friede von Pressburg am 26. Dezember besiegelte den Sieg Napoleons und die Niederlage Österreichs. Auch in Tirol war im Vorfeld der Schlacht gekämpft worden. Im November fielen der Reihe nach Innsbruck, Kufstein, Bozen und Trient in französische Hand – groß war der Widerstand nicht, den die österreichischen Truppen unter Erzherzog Johann dem Feind entgegensetzten. Als die Kunde von der Niederlage bei Austerlitz nach Tirol drang, hatten die Franzosen die Besatzung schon an die Bayern übergeben. Im Land entstanden Gerüchte, Tirol könnte an Bayern abgetreten werden. Die „Ständische Aktivität“ wandte sich am 14. Dezember an Kaiser Franz II. und bat um den Verbleib bei Österreich – positive Antwort gab es keine, dafür wurde Tirol sein Anteil an den französischen Kontributionszahlungen bekanntgegeben: neun Millionen Francs. Daraufhin schickte man eine Tiroler Delegation zum in München weilenden Napoleon, um die drohenden Konfiskationen zu verhindern – und diese erfuhr dort vom Ergebnis des Pressburger Friedens und dass Tirol ab nun zu Bayern gehöre.

Doch die Delegation konnte auch mit einem positiven Ergebnis nach Innsbruck zurückkehren. Der frisch gekürte bayerische König, Maximilian I. Joseph, hatte zugesichert, Tirol die alten Rechte und Freiheiten zu belassen und so zu behandeln, als hätte es schon immer zu Bayern gehört. Ähnlich äußerte sich der nach der offiziellen Besitzergreifung eingesetzte Hofkommissär, Reichsgraf von Arco – doch es sollte sich als Ding der Unmöglichkeit erweisen. Denn einerseits hatte Bayern finanzielle Probleme: Das neue Königreich musste die Kosten der im Land stationierten Truppen des Bündnispartners Frankreich tragen, zudem übernahm es auch die auf 14 Millionen angestiegenen Tiroler Kontributionszahlungen. Andererseits befand sich Bayern unter der Führung des Aufklärers und Rationalisten Maximilian Joseph Montgelas auf dem Weg hin zu einem modernen, zentralistischen Staat, geleitet von unbestechlichen Beamten und ohne Privilegien. In diesem Sinne war eine der ersten bayerischen Maßnahmen eine Währungsreform. Die minderwertigen österreichischen Bancozettel, die zu einer massiven Inflation geführt hatten, wurden abgeschafft und – zu einem niederen Kurswert – gegen bayerisches Geld eingetauscht. Außerdem wurde das Kreditwesen geändert. Beide Maßnahmen waren aus wirtschaftspolitischer Sicht dringend notwendig, betroffen war aber vor allem die verschuldete ländliche Bevölkerung. Die erhoffte wirtschaftliche Belebung blieb allerdings aus. Der für Tirol wichtige Transit litt unter der napoleonischen Kontinentalsperre, einer Wirtschaftsblockade über die britischen Inseln. Linderung brachte die Öffnung des bayerischen Marktes. Auf der anderen Seite wurde der Handel nach Österreich erschwert. Zudem belasteten neue Steuern das Land – unter anderem die für die Kosten der bayerischen Armee in Tirol.

Auch andere Neuerungen der Bayern stießen auf Widerstand – vor allem die im kirchlichen Bereich. Schon Joseph II. hatte versucht, diverse Prozessionen, Andachten, Feiertage und Bittgänge zu verbieten. Als sich die ländliche Bevölkerung dagegen wehrte, verzichteten die Tiroler Beamten allerdings auf die Durchsetzung – Wien war weit weg. Die bayerischen Kirchenreformen fußten zum einen auf der Grundeinstellung des aufgeklärten Absolutismus, dass die Kirche dem Staat zu dienen habe, zum anderen waren sie ökonomischer Natur. Die Feiertage, die Prozessionen, die tagelangen Wallfahrten wurden als Hemmfaktor für die wirtschaftliche Entwicklung gesehen. Anders war es beim Verbot der Christmette – die Besatzer wollten, im Sinne der öffentlichen Ordnung, große Versammlungen in unruhigen Zeiten verhindern. Doch für die Tiroler war die Christmette sozusagen eine heilige Kuh. Im Volk brodelte es und die Stimmung wurde genutzt – auch gegen sinnvolle Maßnahmen. So wurde etwa gegen die Einführung der Pockenimpfung agitiert. Es hieß, der Bevölkerung werde damit der Protestantismus eingeimpft. Gänzlich aufgeheizt wurde die Situation durch die neue, auch für Tirol geltende, bayerische Verfassung vom 1. Mai 1808. Mit ihr wurde die landesständische Versammlung abgeschafft, der Stolz Tirols, die allerdings im 18. Jahrhundert jahrzehntelang nicht getagt hatte. Mit der Verfassung wurde auch die bayerische Wehrpflicht übernommen – ein Bruch mit der Tradition des Landlibells. Gegen die Konskriptionen zu Beginn des Jahres 1809 wehrte man sich – auch mit Gewalt. Die Zeit schien bereit für den Aufstand, einen Aufstand, der in Wien schon längst vorbereitet worden war.

Schon 1806 war eine Delegation Tiroler Bauern in Wien gewesen, seit dem Sommer 1808 dachte man dort ernsthaft an einen neuen Krieg gegen Napoleon. Erzherzog Johann und der Tiroler Josef Freiherr von Hormayr, Direktor des Staatsarchivs, wollten Tirol in die Kriegspläne miteinbeziehen und förderten dort die anti-bayerische Stimmung. Im Jänner 1809 trafen wieder Tiroler in Wien­ ein – unter ihnen Andreas Hofer. In dem geheimen Treffen wurde vereinbart, dass österreichische Truppen am 12. März von Italien aus in Tirol einmarschieren sollten, um weiter nach Bayern zu ziehen. Der Tiroler Landsturm sollte sie dabei unterstützen. Doch der Kriegsauftakt verzögerte sich fast um einen Monat, Zeit, die in Tirol genutzt wurde, um den Aufstand zu organisieren. Was im Geheimen passieren sollte, wurde teilweise offen kommuniziert. Doch die bayerischen Behörden reagierten nicht. Man glaubte, das Land im Griff zu haben. Am 9. April schließlich überschritten österreichische Truppen unter General Johann Gabriel von Chasteler die Grenze zu Osttirol, zwei Tage später brach im gesamten Land der Aufstand los. Der fünfte Koalitionskrieg hatte begonnen, Tirol war zwar Ausgangspunkt, schlussendlich aber nur Nebenschauplatz im kürzesten der sechs Koalitionskriege. Trotzdem wurde 1809 zum Mythos.  Andreas Hauser

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