La Nation Bavaroise

Als Tirol Ende 1805 an Bayern fiel, stand das neue Königreich inmitten eines grundlegenden Wandels hin zum modernen Staat. Treibende Kraft und zugleich außenpolitischer Stratege war Maximilian Joseph Montgelas, frankophiler Aufklärer und bayerischer Patriot.

Es war historischer Zufall und zugleich schicksalhafte Fügung für Tirol, als im selben Jahr 1799 in Frankreich und Bayern zwei Herrscher an die Spitze gelangten, die zwar ungleich von politischem Gewicht, aber beiderseits erfolgreich ihrem Staat deutlichen Machtgewinn und bis in die Gegenwart wirkende Gestalt verleihen sollten. Zum einen stürzte Napoleon am 18. und 19. Brumaire (9. und 10. November) das Direktorium und wurde Erster Konsul und somit Alleinherrscher im nachrevolutionären Frankreich. Zum anderen hatte bereits am 16. Februar Maximilian IV. Joseph die Nachfolge als Kurfürst von Pfalz-Bayern angetreten. Als dieser knapp sieben Jahre später, am 1. Jänner 1806, zum ersten Monarchen des auf Betreiben Napoleons zum Königreich erhobenen Bayern wurde, war auch die aus zwei Mann bestehende Deputation aus Tirol zugegen. Erst Tage zuvor hatten die beiden Auskunft erhalten, dass Tirol fortan zu Bayern gehöre, und durften nun mit ihrem neuen Herren und dessen Minister Montgelas konferieren. Mit Letzterem saßen sie dem „fähigsten Staatsmann, der jemals die Geschicke Bayerns geleitet hat“, wie Montgelas vom Nestor der bayerischen Geschichtsschreibung Michael Doeberl bezeichnet wurde, gegenüber. 

Eine Charakterisierung, die nicht überzeichnet ist. Hatte Maximilian Joseph Freiherr von Montgelas doch mit untrüglichem diplomatischem Geschick und Gespür sein Bayern durch wechselvolle, stürmische Jahre zur erfolgreichen Allianz mit den Franzosen gelenkt und zugleich mit aufklärerischem Elan ein Staatswerk gestaltet, das die Grundlage für das moderne Bayern schuf. Schon im „Ansbacher Mémoire“ von 1796 hatte er ein Reformprogramm entworfen, das in einer Art „Revolution von oben nach unten“ einen ganz neuen Rahmen für die Staats- und Gesellschaftsentwicklung Bayerns darstellen sollte. Damals weilte er noch als politischer Berater von seinem Namensvetter und späteren Monarchen Maximilian I. Josef in dessen preußischem Exil. Und beide konnten kaum ahnen, dass die radikal-reformerischen Ideen schon bald in die Wirklichkeit umgesetzt werden konnten. Klar war Montgelas bereits, dass dies nur mit einem möglichst geschlossenen und womöglich vergrößerten Territorium Bayerns möglich wäre. Es war schließlich Napoleons Neugestaltung des europäischen Machtgefüges, mit der diese Vorbedingung in Erfüllung ging. Gründete diese bezüglich Bayern in der bewährten französischen Politik, die deutschen Territorialfürsten gegen den Kaiser, sprich das Haus Habsburg auszuspielen, so gelang es Montgelas mit gefinkelter Taktik, die Interessen Bonapartes für die eigenen zu nutzen. Dass der „geheime Staatslenker“ Bayerns einerseits von der französischen Aufklärung beseelt war und anderseits im Ablauf der Revolution sein Misstrauen gegenüber jeder unmittelbaren Einwirkung des Volks auf die Regierung begründet sah, machte seine Innenpolitik jener von Napoleon durchaus ähnlich. So wurde er sozusagen zum Schöpfer der „nation bavaroise“, die er stets als „ma patrie“, als sein Vaterland bezeichnete. Denn so sehr Montgelas auch Anleihen beim französischen Vorbild nahm, so kompromisslos standen für ihn die Interessen und auch Unabhängigkeit Bayerns – auch gegenüber den Franzosen – im Vordergrund. 

Als am 16. Februar 1798 Kürfürst Karl Theodor von Bayern beim Kartenspiel der Schlag traf, sah das Haus Habsburg nicht zum ersten Mal die Gelegenheit, sich des Wittelsbacher Erbes zu bemächtigen. Die vehementen Versuche des österreichischen Gesandten in München, den Sterbenden zur Unterschrift eines Testaments in diesem Sinn zu bewegen, scheiterten nicht zuletzt an der 22-jährigen Gemahlin des 76-jährigen Kurfürsten, Maria Leopoldine von Österreich-Este, die der Nachfolge durch den Herzog von Zweibrücken, Maximilian Joseph, den Vorzug gab. Tief reichten die historischen Wurzeln des bayerisch-österreichischen Gegensatzes, der sich schon mehrmals mit den bayerisch-französischen Beziehungen überschnitten hatte. Über die Jahrhunderte konnten sich die bayerischen Wittelsbacher auf Reichsebene so gut wie nie gegen die Beherrscher des 1156 von Bayern abgetrennten Österreich durchsetzen. Einzig die Regierung Kaiser Ludwigs von Bayern (1294–1347), der die Hochzeit Margarethe Maultaschs mit seinem Sohn mit dem Hinweis forcierte, Tirol sei „ein Bissen, den man sich nicht entgehen lassen dürfe“, bildete eine Ausnahme. Während sich die Wittelsbacher im ausgehenden Mittelalter in inneren Konflikten aufrieben, erlangten die Habsburger mit Kaiser Maximilian und seinem Nachfolger Karl V. den Zenit ihrer Macht. Als entschiedener Gegner jeder Ausdehnung der kaiserlichen Machtstellung kämpfte Kurfürst Maximilian von Bayern (1573–1651) zwar auf Seiten des Kaisers gegen die aufstrebende französische Monarchie, doch legte er mit Sonderabmachungen die ersten Verbindungen zu dieser, worauf Kurbayern bis 1680 eine Frankreich begünstigende Neutralitätspolitik betrieb. Einen ersten Höhepunkt frankreichfreundlicher Politik bildete das Regime von Maximilian II. Emanuel (1662–1726). Zeigte auch er sich zunächst gegenüber Habsburg kaisertreu und zeichnete maßgeblich für den militärischen Erfolg beim Großen Türkenkrieg 1683 vor Wien verantwortlich, entwickelte er Großmachtträume und schlug sich 1702 im Spanischen Erbfolgekrieg auf die französische Seite. Geradezu verblüffend sind die Parallelen zu den Geschehnissen rund 100 Jahre später – von der Eroberung Ulms über den Einfall in Tirol bis zum Vorstoß über Passau. Mit dem erfolgreichen Abwehrkampf der Tiroler – als „Bayerischer Rummel“ in die Geschichte eingegangen – musste Max Emanuel jedoch 1703 die bitterste Niederlage seiner militärischen Karriere hinnehmen. Am Ende stand seine Flucht in die Spanischen Niederlande und eine zehnjährige Besetzung Bayerns durch die Kaiserlichen. Und wurde sein Sohn Karl Albrecht 1742 als erster bayerischer Wittelsbacher seit über 400 Jahren zum Kaiser gewählt, so marschierten schon zwei Tage nach seiner Krönung Maria Theresias Truppen in München ein, was zur erneuten Besatzung und demütigendem Exil führte. 

Deutlich zeichnete sich das Dilemma bayerischer Großmachtpolitik ab: Einerseits zu schwach, um es mit den Habsburgern aufzunehmen und daher auf die Hilfe Frankreichs angewiesen – andererseits territorial eingeklemmt zwischen deutschen Kleinstaaten und den habsburgischen Erbländern, wodurch jede Ausdehnung in Konflikt mit den anderen Reichsständen und dem Kaiser führen musste. Unter Kurfürst Max III. Joseph schrumpfte die Bedeutung Bayerns endgültig zu jener mittlerer Fürstenstaaten, die mit Österreich konkurrierende Machtstellung wurde Preußen überlassen. Als mit seinem Tod 1777 die altbayerische Linie der Wittelsbacher erlosch, kam es zum Bayerischen Erbfolgekrieg, bei dem Kaiser Joseph II. versuchte, Bayern in die habsburgischen Erblande einzuverleiben. In einer juristisch-militärischen Doppelstrategie zielte er auf einen Ländertausch mit den weit von Wien entfernten, ehemals Spanischen, Niederlanden ab, dem heutigen Belgien. Kürfürst Karl Theodor von Bayern – der pfälzischen Wittelsbacher Linie entstammend, die ausgedehnte Besitzungen im nahegelegenen Rheingebiet besaß – stand dem Ansinnen durchaus aufgeschlossen gegenüber. Brüskiert jedoch vom Einmarsch österreichischer Truppen, begann er langwierige Verhandlungen, wodurch sich die Gegenkräfte sammelten. Rettete Friedrich der Große militärisch das Weiterbestehen des wittelsbachischen Territoriums, bildete sich in Bayern eine antiösterreichische „Patriotenpartei“ gegen die Tauschpläne und somit auch gegen Karl Theodor. Viele der Patrioten, mit denen sich ein vom Herrscherhaus getrenntes Staatsbewusstsein in Bayern entwickelte, waren zugleich führende Vertreter der bayerischen Aufklärung. Sie waren es auch, die ihre Hoffnungen in den Regierungsantritt von Max IV. Joseph legten, der in Ansbach bereits eine Art Nebenregierung unter der Leitung von Montgelas etabliert hatte. 

Was den Monarchen und seinen damaligen Berater sowie zukünftigen Minister verband, waren nebst der Vorliebe für die französische Sprache und Lebensart nicht zuletzt die umwälzenden politischen Ideen selber Provenienz. Max IV. Joseph war als jüngerer Bruder des Herzogs von Zweibrücken zunächst nicht für das Regieren bestimmt, sondern sollte Karriere im Heer Ludwigs XVI. machen und befehligte ein französisches Regiment. Mit dem Tod seines Bruders Karl August 1795 wurde er jedoch zum voraussichtlichen Erben von Pfalz-Bayern, nachdem Karl Theodor keinen ehelich gezeugten Nachfolger hatte. Als er angesichts der vorrückenden Revolutionsarmee ins preußische Exil ging, ließ er sich von Montgelas begleiten, der schon 1777 als frischgebackener 18-jähriger Jurist im Dienst des Kurfürsten von Bayern gestanden war. Schon damals wurde er sowohl von französischen als auch von österreichischen Diplomaten als der bei Weitem fähigste jüngere Beamte in München bezeichnet. Bereits 21-jährig Mitglied des Bücherzensurkollegiums und der noch jungen bayerischen Akademie der Wissenschaften, zeigte sich seine Tätigkeit als Zensor im Sinne des Auftraggebers allerdings kontraproduktiv, nachdem er Aufgeklärtes passieren und manches Gebetsbuch zurückhalten ließ. Schon früh zum Waisen geworden, erhielt er seine humanistisch-aufklärerische Erziehung im lothringischen Nancy, bevor er, wie auch Goethe oder Metternich, in Straßburg studierte. 1777 erwarb er sein Diplom an der Universität Ingolstadt, an der ein Jahr zuvor der radikal aufklärerische Geheimbund der Illuminaten gegründet worden war. Als dieser 1785 aufgedeckt wurde, distanzierte sich Montgelas von seiner Mitgliedschaft, ohne jedoch seinen humanitären und moralischen Zielen abzuschwören, was seiner Beamtenkarriere in Kurbayern zunächst ein frühes Ende setzte. 

Als er 1799 an Seite von Max IV. Joseph nach München zurückkehrte, sollte er während seiner 18-jährigen Amtszeit als Außenminister und zugleich Finanzminister (1803–1806) sowie Innenminister (1806–1817) den Staat Bayern grundlegend umgestalten. Zu seinen erklärten Zielen und größtenteils umgesetzten Reformen gehörten die Reorganisation der Zentralregierung nach dem Ressortprinzip, die Schaffung eines ausreichend besoldeten, pragmatisierten und somit nicht mehr korrupten Beamtentums, die Gleichheit der Besteuerung, sprich Aufhebung der Steuerfreiheit der privilegierten Stände, die Abschaffung der Binnenzölle, die Reform der niederen Gerichtsbarkeit sowie des Strafrechts nach dem Grundsatz der Humanität, der Grundsatz der konfessionellen Toleranz, die Reform der Universitäten und des Schulwesens – besonders der Volksschulen – und nicht zuletzt die Säkularisierung unter Aufhebung der landsässigen Klöster. Nachdem die Aktiva von Letzteren bei Wiener Geldinstituten lagen, da Bayern keine große Bank besaß, kassierte Österreich die Guthaben, wogegen Bayern die Versorgung der ehemaligen Mönche sowie Unterhalt der von den Klöstern getragenen Pfarreien und Schulen sowie die Schulden übernehmen musste. Ein Beispiel dafür, dass Montgelas‘ Politik zumindest in finanzieller Hinsicht nicht ausschließlich von Erfolg gekrönt war. Reüssiert hatte Montgelas jedenfalls in der Außenpolitik. So gelang es Bayern im Rahmen des Reichsdeputationshauptschlusses von 1803, durch ausgefeilte Diplomatie alle Territorien zu erwerben, auf die es sich nach Lage der Dinge Hoffnung machte. Am 25. August 1805 unterzeichnete Montgelas schließlich mit Ermächtnis des Kurfürsten den Vertrag von Bogenhausen zwischen Frankreich und Bayern, der für Jahrzehnte geheim gehalten blieb. Als Feldherr Fürst Schwarzenberg am 6. September Schloss Nymphenburg umstellen ließ, um den lavierenden Kurfürsten ultimativ zur Eingliederung der bayerischen Truppen in die österreichische Armee aufzufordern, gelang es auf Rat von Montgelas, die Österreicher durch Scheinverhandlungen hinzuhalten. Währenddessen entzog sich Max IV. Joseph mit seiner Abreise nach Würzburg dem Zugriff der Österreicher und ratifizierte dort nach Eintreffen der französischen Truppen den Bogenhausener Vertrag sozusagen in letzter Minute. Ein typischer Schachzug des bayerischen Ministers, der nach der Kapitulation des österreichischen Korps am 17. Oktober und schließlich dem Sieg Napoleons am 2. Dezember bei Austerlitz im französisch-bayerischen Vertrag von Brünn mündete. Neben zahlreichen weiteren Territorien erhielt Bayern auf Betreiben Napoleons von Österreich Tirol und die Fürstentümer Brixen und Trient. Der feierlichen Proklamation Bayerns zum Königreich folgte schon kurz danach, am 13. Jänner 1806, die Hochzeit von Max Josephs ältester Tochter Auguste mit dem Adoptivsohn Napoleons, Eugène Beauharnais. Damit erfüllte sich der vom französischen Imperator schon seit 1804 verfolgte Plan einer Legitimation seiner Dynastie. Zugleich bekam Bayern eine Machtstellung sowie Souveränität, die für die Reformen Montgelas‘ alle Türen öffnete.  Olaf Sailer

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