Tragische Liebe

Der Bruder des Kaisers zeigte sich äußerst eng mit dem Land Tirol und seinen Bewohnern verbunden. Eine sowohl für Erzherzog Johann als auch Tirol folgenschwere Liaison. 

Auf des Hause Österreich Zuspruch und Hoffnung zu zählen, sprach ich meinen Waffengefährten zu: Das Haus Österreich verlasst uns nicht… und aus diesem Grund rifen wir im Donner der Kanonen und kleinen Geschütz: Auf, auf Brüder, und lustig! Der edlen Religion und dem sanften Zepter des Hauses Österreich zuliebe!“ Durchaus vorwurfsvoll klingen die letzten Zeilen von Andreas Hofer, die der Sandwirt am Vortag seiner Ergreifung durch die Franzosen an das Habsburgerreich schrieb. Eine verständliche Ernüchterung, hatte das österreichische Herrscherhaus das Kronland Tirol knapp ein halbes Jahr zuvor geopfert: Die Notwendigkeit der Gesamtmonarchie stand über den Interessen eines einzelnen Kronlandes – die unterstützenden Worte, die militärischen Versprechungen, die aufmunternden Aufforderungen des Hauses Habsburg an die Aufständischen in Tirol waren mit dem Frieden von Schönbrunn vom 14. Oktober 1809 Geschichte. Eine politische und – nach der erneuten Demütigung durch Napoleons Armeen – vor allem auch militärische Notwendigkeit des österreichischen Kaiserhauses, weiterhin auf Tirol zu verzichten. Eine Entscheidung für den Frieden mit Napoleon. Eine Entscheidung gegen den Tiroler Aufstand. Eine Entscheidung, die neben Andreas Hofer und seinen Mitstreitern vor allem einen Mann mitten ins Herz traf: Erzherzog Johann, Tirols „Fürst auf Zeit“: „Nachdem man es bis zum letzten Tage aufgeregt und Hoffnungen genährt hatte, von denen man schon in der letzten Zeit wuste, dass sie nicht in Erfüllung gehen würden, dieses Land gab man auf, mir aber gab man die Aufgabe zu beruhigen. Da brach mir das Herz!“

Ein Herz, dass sich nicht erst mit dem Beginn des Tiroler Aufstandes in das Alpenland verliebt hat. Ein Herz, dass nie von seiner großen Liebe lassen konnte. Ein Herz, dass mehr als nur einmal gebrochen wurde. Wie kaum ein anderes Mitglied der Habsburger-Dynastie war Johann von Österreich mit Tirol emotional, kulturell und politisch verbunden, wie kaum ein anderes Mitglied der Dynastie litt Johann vor allem auch persönlich unter dem Tiroler Schicksal.

Eine für beide Seiten folgenschwere Liaison, die zum Großteil dem jugendlichen Idealismus des 1809 erst 27-jährigen Johann zugeschrieben werden muss – in früher Kindheit von Vater Leopolds aufgeklärter Erziehung geprägt, in den Jugendjahren vom Schweizer Erzieher mit dem „Alpenvirus“ infiziert, in seinem Herzen von den Alpen und ihren Bewohnern eingenommen: „Ich liebe nicht die großen Städte, mir wird da enge, ich bedarf frischer Luft. Tätigkeit, denn ich will arbeiten – ich suche aufrichtige Herzen!“ Eine für Bewohner Wiens in den Zeiten von Rousseaus „Retour à la nature“ nicht ungewöhnliche Leidenschaft zur „einfachen“ Bergwelt. Ein für den jüngeren Bruder des Kaisers Franz, den jungen militärischen Befehlshaber, kritischer Idealismus.

Es ergab sich aus persönlicher Leidenschaft und politisch/militärischer Verantwortung somit spätestens ab 1805 eine folgenschwere Kombination. Im Zuge des dritten Koalitionskrieges musste Johann, als Kommandant der österreichischen Truppen in Tirol bestellt, mitansehen, wie das Habsburgerheer von Napoleon vernichtend geschlagen wurde. Hier entwickelte er in seinem Hauptstandort Innsbruck eine Aversion gegen das klassische österreichische Heer: „So viele Genals wirken unabhängig voneinander; jeder denkt an sich, keiner an die gemeinsame Sache.“ Auf der anderen Seite hingegen die historisch tief verwurzelte Verteidigung Tirols durch ihre Bewohner: „Liebe zum Vaterland, Enthusiasmus für Selbständigkeit, Hass gegen alle fremde Tyrannei…, echter altösterreichischer Sinn gibt der Landwehr ihr Dasein“, zollte Johann den Tirolern Respekt und sah ab sofort im nach diesem Vorbild zu erschaffenden „Volksheer“ die Lösung für das Problem Napoleon. Eine habsburgerische Variante der „Levée en masse“, die mit der Niederlage Napoleons in Spanien, die Niederlage des großen Feldherrens gegen einen „simplen“ Volksaufstand, nicht mehr nur für Johann, sondern auch für das Militär und den Kaiser interessant klangen: „Ich lege einen großen Teil der Verteidigung Meiner Monarchie in Ihre Hände“, erteilte Kaiser Franz seinem jüngsten Bruder 1808 das Kommando zur Aufbau einer Landwehr. Johanns Idee wurde schlussendlich in die Realität umgesetzt. Zumindest auf dem Papier. Zu wenig Waffen, zu wenig Munition und kein Geld für die Ausrüstung und Ausbildung – die Landwehren des Habsburgerreiches standen von Beginn an auf verlorenem Posten. So war klar, dass die für eine erfolgreiche Landwehr, also eine quer über das gesamte Habsburgergebiet etablierte, jegliche Mittel fehlten und so die einzige Möglichkeit einer erfolgreichen Kopie des spanischen Erfolgs von Beginn an nicht gegeben war. Trotzdem ließ Johann nicht von seinem Vorhaben ab und versuchte zu improvisieren, er nutzte die in Tirol schon vorhandenen Strukturen der Schützenkompanien und seine guten Kontakte nach Tirol, um zumindest hier eine schlagkräftige Landwehr auf die Beine zu stellen. Mit Erfolg, aber mit tragischem Ausgang.

Denn um den Tiroler Aufstand in einen Volksaufstand à la Spanien gegen Napoleon umzumünzen fehlte vieles, wenn nicht alles. Anstatt nach Tiroler Vorbild gegen Napoleon und seine Verbündeten auf eigenem Terrain in den Kampf zu ziehen, wurden Johanns spärlich gesäte Landwehren im übrigen Habsburgerreich allerhöchstens zu militärischen Hilfsdiensten herangezogen – der vom Erzherzog erhoffte Flächenbrand des Volksaufstandes entpuppte sich als regionales Strohfeuer, welches mit der militärischen Niederlage der Habsburger bei Wagram, dem Waffenstillstand von Znaim und dem Frieden von Schönbrunn gelöscht wurde. Johanns Idee der Landwehren war völlig gescheitert, damit seine politische und militärische Laufbahn. 

1813 – das Hause Habsburg war mittlerweile durch Metternichs Bündnispolitik familiär mit Napoleon verbunden – sah Johann die Möglichkeit, sein Scheitern von 1809 vergessen zu machen und gleichzeitig „sein“ Tirol vom Joch der Besatzung zu befreien. Wieder stand Johanns Idee des Landsturms im Mittelpunkt: England und Russland als Finanziers eines großangelegten Aufstands der Bevölkerung in den Alpen, von der Schweiz bis hin nach Illyrien: „Ein ungeheuerlicher Plan, sein Gelingen von tausend Zufälligkeiten abhängig, das ganze Unternehmen aufgebaut auf dem Freiheitsdrang der Völker, im Widerspruch mit der legitimen Herrscherautorität.“ Johann wusste schon zu Beginn der Überlegungen des „Alpenbundes“ 1813, dass diese Unternehmung vor allem beim Kaiser und noch mehr beim Kanzler alles andere als gern gesehen war. Somit blieb nur eine Möglichkeit: Eine geheime Operation – die jedoch schon von Beginn an alles andere als geheim war. Neben Johanns langjährigem Weggefährten Josef Freiherr von Hormayr fungierte Anton Leopold von Roschmann als dritter Koordinator der Geheimaktion. Schon seit Anfang Februar 1813 versorgte Roschmann Metternich mit allen Details – Ende Februar holte der Kanzler zum großen Schlag aus. Metternich ließ die Diplomatenpost des englischen Agenten John Harcourt King – seit Anbeginn in die Vorbereitungen des Alpenbundes involviert – mittels inszenierten Überfalls rauben und hielt somit den Beweis in Händen. King informierte den englischen Außenminister Castlereagh darin, dass er sich „zweimal in Betreff der Insurrektion“ mit dem Erzherzog getroffen habe, dabei die Operationspläne, die benötigten Hilfsmittel sowie der Einsatztermin zur Sprache gekommen seien. Außerdem gebe es keinen Zweifel, dass „Erzherzog Johann sich an die Spitze“ der Bewegung gestellt habe. Genug Material für Metternich, mehr als genug Material für Kaiser Franz. Garniert wurde die Anklage Johanns noch mit Roschmanns Denunziation: Johann habe schon die Zusage des russischen Kaisers Alexander, den Erzherzog als König von Rhätien anzuerkennen, worunter Illyrien, die Steiermark, Kärnten, Tirol und die Schweiz begriffen sei. Ein Affront gegen den Kaiser, sein eigener Bruder wolle dem Hause Österreich bedeutende und seit Jahrhunderten angestammte Provinzen abspenstig machen und sich selbst zum Oberhaupt krönen lassen. Tirol war für Johann ein zweites Mal verloren gegangen, diesmal vor allem persönlich. Zwar sah Kaiser Franz von einer Anklage wegen Hochverrat wegen des sich am Horizont abzeichnenden Bündnisses mit England und Russland ab, wusste für seinen jüngsten Bruder aber die perfekte Strafe: Der Kaiser nahm Johann die große Liebe, der Erzherzog durfte Tirol nicht mehr betreten. Ein bis 1833 gültiges kaiserliches Verbot, welches Johann zum „Exil“ in die Steiermark zwang. Und auch wenn er dort seine zweite „alpine“ Liebe gefunden hatte, von Tirol konnte und wollte er nicht lassen: „Sein Haupt möge einst in Tiroler Erde ruhen“, hinterließ Johann seinen Erben. Sein letzter Wille, den ihm sein Sohn Franz zehn Jahre nach Johanns Tod im Jahr 1869 mit der Überführung nach Schenna erfüllte.                      Michael Kogler

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