Die Kämpfe einer Generation

Sie waren beide beinahe gleich alt, sie waren beide Kaiser, sie bekämpften sich – der erste Kaiser von Österreich und der erste Kaiser der Franzosen. Zwei Männer und zwei Staatsideen prallten aufeinander. Mit weitreichenden Folgen für Tirol, Österreich und Europa.

Nichts würde mehr so sein, wie es einmal gewesen war. Das wusste Erzherzog Franz von Habsburg-Lothringen nicht, als er viel früher als erwartet am 6. Juni 1792 König von Ungarn und Böhmen sowie Herr der übrigen Länder der Habsburgermonarchie wurde. Er war gerade erst 24 Jahre alt. Knapp drei Wochen nach seinem Geburtstag starb am 1. März völlig überraschend sein Vater, Leopold II. Das Erbe, das Franz antrat, war kein leichtes. Es war eine unruhige Zeit. Es brodelte in ganz Europa. In Frankreich war 1789 die Revolution ausgebrochen und nun auf ihrem Höhepunkt – die Aufklärung hatte in Europa Einzug gehalten, auch Österreich wurde von der modernen Strömung erfasst. Doch so wie sein Vater setzte Franz alles daran, diesem Gedankengut das entgegenzusetzen, was in seiner Macht lag. Und er hatte Macht. Er war nicht nur König von Ungarn und Böhmen, Herr über die habsburgischen Länder, er wurde auch zum Kaiser des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation gekrönt. Der letzte seiner Art. Nach ihm hat es keinen Kaiser des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation mehr gegeben. 

Franz war noch nicht einmal gekrönt, die Feierlichkeiten für die Krönung waren erst in Planung, als Frankreich am 20. April 1792 Österreich den Krieg erklärte. Diese Krönung war überfällig, denn im Sommer zuvor beschlossen Kaiser Leopold und der König von Preußen die „Pillnitzer Deklaration“, in der es unter anderem hieß, dass es Ziel sei, „den König von Frankreich in die Lage zu versetzen, in vollkommener Freiheit die Grundlage einer Regierungsform zu befestigen, welche den Rechten der Souveräne und dem Wohle Frankreichs entspricht“. Es bedeutete nichts anderes, als dass die europäischen Königshäuser die Französische Revolution bekämpfen sollten. Eine konservative Koalition gegen die aufklärerischen Verhältnisse in Frankreich. Der Tod Leopolds schien nun für Frankreich der ideale Zeitpunkt zu sein, offensiv gegen die „reaktionären“ Mächte vorzugehen, bei denen Österreich die zentrale Rolle einnahm. Doch Österreich stand in der konservativen Welt nicht allein da. Das Königreich Preußen trat auf die Seite Österreichs. Russland, Hessen, Kassel und Baden folgten. Ein Jahr später erklärte Frankreich auch noch England und den Niederlanden den Krieg. Für die revolutionären Franzosen unter der Führung der Girondisten schien dieser beginnende Krieg eine Befreiung des aufklärerischen, revolutionären Gedankens über französische Grenzen hinaus. Das Pulverfass explodierte. Der Erste Koalitionskrieg war ausgebrochen, fünf weitere folgten. Beinahe eine Generation lang war Europa in den kriegerischen Fesseln gefangen. Ein Name dominierte die Geschicke des Kontinents in diesen Jahren: Napoleon Bonaparte. Der Widersacher von Kaiser Franz II.

Die Revolution in Frankreich war schon fast vorbei, als der 26-jährige Napoleon am Ende des ersten Koalitionskriegs als General den Oberbefehl der französischen Armee in Italien übernahm. Erfolgreich. Er fügte der österreichischen Armee mehrere Niederlagen zu. Nachdem die strategisch wichtige Stadt Mantua genommen worden war, stand Napoleons Armee vor den Toren Österreichs, die sie im Jänner 1797 öffnete: Die französische Armee fiel ein und Napoleon betrat zum ersten Mal Tiroler Boden. Seit jeher war Tirol Knotenpunkt – auch diesmal. Ziel war es, sich über Tirol hinweg mit der französischen Rheinarmee zu vereinigen. Was allerdings ob der militärischen Erfolge der Österreicher am Rhein misslang. Napoleon schlug einen Waffenstillstand vor. Es kam zum „Frieden von Campo Formio“. Ein schmerzlicher Frieden für Österreich: Franz I. musste die Österreichischen Niederlande, die Lombardei und ganz Oberitalien bis zur Etsch abtreten. Der Friede hielt aber nicht lange. Vielmehr zogen sich die Friedensverhandlungen. Noch während verhandelt wurde, erklärte die Republik Frankreich am 12. März 1799 Österreich erneut den Krieg. Der Zweite Koalitionskrieg begann – diesmal wurde Kaiser Franz von England, Russland, Portugal, Neapel und dem Osmanischen Reich unterstützt. Doch es half nichts. Nach anfänglichen Erfolgen der Koalitionäre mussten die Truppen herbe Niederlagen hinnehmen. Mittlerweile war General Napoleon „Erster Konsul“ – ein Amt auf zehn Jahre mit weitreichenden Vollmachten. Napoleon war quasi Alleinherrscher über Frankreich geworden. Zwar kein König oder Kaiser, doch war er nun befähigt, direkt mit Kaiser Franz in Kontakt zu treten. Das tat er auch. Der 30-jährige Franzose schrieb dem 31-jährigen Österreicher am 16. Juni 1800: „Auf dem Schlachtfeld von Marengo, mitten unter den Leiden und von 15.000 Leichnamen umgeben, beschwöre ich Ew. Majestät, den Schmerzensruf der Menschen zu hören ... Wenn Ew. Majestät den Frieden will, so ist er geschlossen; lassen Sie uns den Vertrag von Campo Formio beidseitig vollziehen ... Wenn Ew. Majestät diese Vorschläge zurückweisen, so würden die Feindseligkeiten wieder beginnen: Sie erlauben mir, es offenherzig zu sagen, Sie würden in den Augen der Welt allein für den Krieg verantwortlich sein.“ Die Kriege gingen weiter.

Von gleicher Augenhöhe konnte für Kaiser Franz II. keine Rede sein. Er war Kaiser, Napoleon nur Konsul. Er herrschte von Gottes Gnaden. Napoleon nur durch eine Franz II. grausenden Verfassung. Und er wurde besungen. Seit 1797 bereits sang das österreichische Volk: „Gott erhalte Franz den Kaiser, unsern guten Kaiser Franz.“ Tatsächlich aber nahm der Monarch aus dem Hause Habsburg-Lothringen erst sieben Jahre später den Titel eines „erblichen Kaisers von Österreich“ an und wandelte die habsburgischen Erblande, Königreiche und Fürstentümer in ein Kaiserreich um. 1804 wurde Österreich ein Kaiserreich. Ein Jahrhundert österreichischer Einheit stand in seinen Startlöchern. Der Schritt war notwendig, nachdem Napoleon in einer Volksabstimmung die Kaiserwürde angetragen worden war. Dem durfte das Oberhaupt des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation nicht nachstehen. Denn immer mehr deutsche Fürsten schlossen Verträge mit dem „Kaiser der Franzosen“ – das Heilige Römische Reich drohte sich aufzulösen – was 1806 auch geschah. Franz wollte nicht an Ansehen und Einfluss verlieren. So musste die gleiche Augenhöhe mit der Kaiserkrönung am 11. August 1804 hergestellt werden. Als Kaiser Franz I. von Österreich führte er nun den Dritten Koalitionskrieg gegen den Kaiser der Franzosen. Erfolglos. Das strategische Genie Napoleon führte die Franzosen zu immer mehr Siegen. Bei Austerlitz kam es zur entscheidenden Schlacht des Dritten Koalitionskriegs – wegen der Anwesenheit dreier Kaiser, Kaiser Franz I. und Zar Alexander I. auf der einen und Kaiser Napoleon I. auf der anderen Seite, Dreikaiserschlacht genannt – mit einer vernichtenden Niederlage der verbündeten österreichisch-russischen Armee. Die folgenden Friedensbedingungen waren für Österreich bitter: Venetien, Istrien und Dalmatien mussten an das Königreich Italien abgetreten werden und ganz Vorderösterreich, mit Tirol und Vorarlberg, ging an Bayern. Allerdings erhielt Österreich ein Angebot: Das Erzbistum Salzburg sollte an Österreich gehen, doch dafür musste Kaiser Franz I. seinen Widersacher Napoleon I. als König von Italien sowie die Königreiche Bayern und Württemberg anerkennen. 1805 kam Salzburg gemeinsam mit Berchtesgaden zum Kaiserreich Österreich. Die politische Landkarte Europas hatte sich gänzlich verändert. Traditionelle Kräfteverhältnisse wurden über den Haufen geworfen. Eine Tatsache, die das Königreich Großbritannien, das sich als Art Schiedsrichter für Europa sah und eine gleichmäßige Kräfteverteilung auf dem Kontinent wollte, nicht hinnehmen konnte. Die Initiative zu einer Wiederaufnahme des Kampfs gegen Frankreich ging 1805 von London aus. Gemeinsam mit Russland sollte ein Föderativsystem auf der Grundlage eines neuen Völkerrechts geschaffen werden. Dies war aber nur mit den Großmächten Österreich und Preußen möglich. Kaiser Franz I. – Österreich litt noch immer unter der Niederlage bei Austerlitz – zögerte. Doch als Napoleon ohne Rücksicht auf habsburgische Besitzrechte sich zum König von Italien krönen ließ, schloss er sich der Koalition an. Die Österreicher marschierten in Bayern ein. Allerdings ohne Erfolg: Durch Siege der Franzosen wurde der Weg nach Wien für sie frei. Am 30. Oktober 1805 besetzten französische Truppen Salzburg – das jüngste Gebiet des österreichischen Kaiserreichs – und am 12. November erreichten sie Wien. Die Truppen der Österreicher waren anderswo, denn die Entscheidungsschlacht sollte weiter nördlich stattfinden: in Austerlitz. Die österreichisch-russischen Truppen wurden erneut geschlagen, woraufhin das in diesem Krieg neutrale Preußen ein Bündnis mit Frankreich einging. In der Folge wurde das Heilige Römische Reich Deutscher Nation aufgelöst. Nach einer Kampfpause für Österreich bis 1809 gingen die Kriege weiter. Mal ein Sieg da, mal eine Niederlage dort, bis zum – aus Tiroler Sicht – verhängnisvollen Frieden von Schönbrunn. 

 

In Tirol wurde gekämpft. Gegen die Bayern, gegen die aufklärerischen Ideen, die sie mitbrachten, gegen den bayrischen Zentralismus, den man bis aufs Blut ablehnte, gegen französische Gesetzgebung. Lediglich die wenigen Kaufleute und Händler – das spärlich gesäte Bürgertum – in Innsbruck und Bozen erhofften sich durch neue Gesetze mehr Möglichkeiten. Nach der Schlacht am Bergisel vom 15. August 1809 zog der Tiroler Schützenhauptmann Andreas Hofer in die von französisch-bayrischen Truppen besetzte Stadt Innsbruck ein und übernahm die Regierung des Landes. Im Frieden von Schönbrunn vom 14. Oktober 1809 musste Kaiser Franz I. allerdings schmerzhaften Gebiets­abtretungen zustimmen. Zahllose Regionen, darunter auch Tirol, wurden wieder an Bayern abgetreten. In Tirol kam es zur letzten Schlacht am Bergisel. Die Widerständler sahen sich einer Übermacht bayrischer Soldaten gegenüber und zogen sich zurück. Tirol wurde eingenommen, Österreich war geschlagen.

Für das militärisch und wirtschaftlich unter Druck geratene junge Kaiserreich musste ein Plan her. Der neue österreichische Staatskanzler, Klemens Wenzel Graf Metternich, hatte die entscheidende Idee. Er hoffte, durch eine Heiratsdiplomatie den Frieden zwischen Frankreich und Österreich festigen zu können. So kam es am 11. März 1810 zur Heirat von Napoleon mit der 19-jährigen Tochter Franz I., Marie Louise von Habsburg-Lothringen. 

Ganz ohne Folgen blieb das neue Verhältnis mit Frankreich nicht. Die Ideen, welche die Franzosen aus der französischen Revolution mitnahmen, fassten Fuß und Österreich erinnerte sich, nach konservativen Jahren unter Franz I., an die Reformen, die Maria Theresia und ihr Sohn Joseph II. vor Jahren eingeführt hatten. So wurde etwa am 1. Jänner 1812 das „Allgemeine Bürgerliche Gesetzbuch“ veröffentlicht – erste Schritte hin zu einem modernen Staat wurden unternommen. Doch nicht für lange. Nach dem für den französischen Kaiser verheerenden Krieg in Russland wurde er von der konservativen Koalition geschlagen. Nach dem Untergang Napoleons lud Kaiser Franz I. zum Kongress nach Wien, wo 1814 über die Neuordnung Europas beraten wurde. Er hatte gewonnen. Napoleon war verbannt und der österreichische Kaiser herrschte über ein neues, gleichsam altes Österreich, denn nun konnte Franz I. „seine“ Ordnung – gemeinsam mit Fürst Metternich – wiederherstellen. Jegliche liberale Strömung wurde mittels eines Polizeistaats unterdrückt. Aber trotzdem war durch die neuen, aufklärerischen Ideen, welche die Franzosen nach Österreich gebracht hatten, nichts mehr so, wie es einmal war. Die Saat der Aufklärung war gesät.  David Bullock

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