Kopf um Kopf

Mit Blut, viel Blut wurde das erste Kapitel der Menschenrechte, der modernen Rechtsstaaten und der Demokratie geschrieben. Trotz großer Rückschläge war nach dem Jahr 1789 in Europa nichts mehr so, wie es vorher war. 

In irrsinnig rascher Folge laufen die Bilder ab, wird das geistige Auge zu schnell mit der Französischen Revolution konfrontiert. „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“, Diderot, Voltaire, Rousseau und sein „gemeinsamer Wille“, die Stände, Danton, Marat – später mit dem komischen Turban tot in der Badewanne, der Sonnenkönig, sein Enkel Ludwig XVI. und der Protz-Prunk von Versailles, Marie-Antoinette und ihr „sollen sie doch Kuchen essen“, Robespierre der Unbestechliche, Delacroix’ barbusige Kämpferin mit der Trikolore und der Jakobinermütze, die Guillotine, die Bastille, der Konvent, Menschenrechte, Verfassung, Gewaltenteilung, Demokratie, Terror, Republik und dann Napoleon. 

Schon der flott produzierte Revolutions-nebel zeigt, dass die Französische Revolution, diese Geburt der modernen Staatsformen und des freien Denkens, nicht rasch „über die Bühne ging“. Es haben sich nicht eine Handvoll Menschen zusammengetan und gesagt, wir wollen die Monarchie nicht mehr, lasst uns doch unseren König köpfen und dann eine Republik gründen. Mitnichten. Schnell ging dieser folgenreiche Umbruch nicht über die Bühne. 

Die Geschichte der Französischen Revolution beginnt lange vor dem Jahr 1789. Das Revolutionsjahr war zwar so etwas wie der „Kick-off“, doch die Revolution selbst dauerte über zehn Jahre und endete erst Mitte Dezember 1799, als das Triumvirat um Napoleon Bonaparte verkündet: „Bürger! Die Revolution ist fest den Prinzipien verbunden, von denen sie ihren Ausgang genommen hat. Sie ist beendet.“ Viele mussten auf dem Weg ihre Köpfe lassen. Auch König Ludwig XVI. und seine Gattin Marie-Antoinette, Tochter der österreichischen Kaiserin Maria Theresia. Als der Bourbone im Januar und die Habsburgerin im Oktober 1793 zum Schafott geführt wurden, schnürte es so manchem Monarchen Europas die Kehle zu. Ein von Gottes Gnaden regierendes Staatsoberhaupt enthauptet wie ein gemeiner Verbrecher? Die Klinge der Guillotine verharrte nicht ehrfürchtig, bevor sie den Bourbonennacken berührte. Dass bei Ludwig XVI. mehrere Durchgänge notwendig waren, um den Kopf vollständig vom Körper zu trennen, wird vielmehr darauf zurückgeführt, dass der Nacken des Königs so dick war. Die Tötungsmaschine, die seit März 1792 als einziges Hinrichtungswerkzeug eingeführt worden war, kannte keine Standesunterschiede. Und das entsprach dem Gleichheitsideal der Revolution. 

Gleichheit, was für ein Gedanke. Ein unmöglicher, ja absurder Gedanke an den Höfen der absolutistisch regierenden Monarchen des 18. Jahrhunderts. Vor allem zu Beginn dieses ereignisreichen Jahrhunderts. Vor allem in Frankreich, dem damals mächtigsten Staat Europas. 1715 stirbt dort der „Sonnenkönig“, Ludwig XIV. Seine ausschweifende, dekadente Prunksucht war und ist legendär. Auf seine Initiative geht beispielsweise der Umbau des knapp sechs Stunden Fußmarsch von Paris entfernten ehemaligen Jagdschlosses in das ultimative und viel kopierte Wahrzeichen absolutistischer Herrschaft zurück – Versailles. Gold, Marmor, vergoldete Bronze, Silber so weit das Auge reicht. Über 700 Zimmer umfasst allein das Hauptgebäude, in den Parkanlagen sprudeln unzählige Springbrunnen, auf dem Grand Canal geruht sich der König an Sommerabenden gern in einer Gondel „chauffieren“ zu lassen, gefolgt von für ihn unsichtbaren Geigenspielern. Der Spiegelsaal ist der Gipfel des Prunks. Dort beeindrucken Werke von Da Vinci mit jenen von Rubens, Raffael oder Tizian um die Wette.

Das Leben im Schloss des Sonnenkönigs hat so wenig mit dem Leben in der französischen Provinz zu tun wie ein trockenes Stück Brot mit einem trüffelgefüllten Fasan. 300 Millionen Livres soll Ludwig XIV. bis zu seinem Tod in Bauarbeiten, Ausstattung und Unterhalt investiert haben. 36.000 Arbeiter waren am Umbau des Schlosses beteiligt. Starb einer bei einem Unfall, bekam dessen Familie zwischen 40 und 100 Livres als Hinterbliebenenrente. Diese irrwitzigen Relationen, die verschwenderische Dekadenz der Aristokratie, die schon bei der Machtübernahme Ludwigs XV. (1726) gähnend leere Staatskasse und die Tatsache, dass der dritte Stand (Bauern, Handwerker) die Steuerlast tragen muss, während der erste und der zweite Stand (Klerus und Adel) davon befreit sind, trägt nicht unerheblich dazu bei, dass das Ende des Ancien Régime eingeläutet wird und dass neue Gedanken, neue Blickwinkel und neue Ideen die Gesellschaft des 18. Jahrhunderts zu durchdringen vermögen. 

Ludwig XV. ist gerade mal acht Jahre im Amt, als Voltaire (Francois-Marie Arouet) die „Lettres philosophiques“ veröffentlicht, in denen er die Ständegesellschaft Frankreichs kritisiert. Voltaire nährt mit seinen Schriften die Aufklärung, die bürgerliche Befreiungsbewegung, die sich gegen das absolutistische System stellt und die menschliche Vernunft höher stellt als die staatlichen und religiösen Autoritäten.  Die Gedanken der Aufklärung sind nicht zu stoppen, finden immer mehr Anhänger und nehmen Formen an. 1748 mit der Forderung von Charles de Secondat nach einer Verfassung und nach Einführung der Gewaltenteilung beispielsweise. Oder im Universallexikon („Encyclopédie“), welches unter Federführung des Schriftstellers Denis Diderot herausgegeben wird und das Wissen der Zeit in über 70.000 Artikeln zusammenfasst. Oder in den Schriften von Jean-Jacques Rousseau, der 1762 über einen „Gesellschaftsvertrag“ philosophiert, laut dem sich alle Staatsbürger zu einem gemeinsamen „Ich“ mit einem gemeinsamen Willen zusammenschließen, der das Wohl des Staats zum Ziel hat. 

Während diese Ideen unaufhaltsam ihre Kreise ziehen und nicht unterbunden werden können, schlittert Frankreich immer weiter in die Krise. Schmach und Verschuldung sind groß, als Ludwig XV. nach dem bitteren Ende des siebenjährigen Kriegs auf den Großteil des französischen Kolonialimperiums verzichten muss. Einflussreiche königliche Mätressen, wie die Marquise de Pompadour, machen ihn beim Volk noch unbeliebter und 1757 kommt es gar zu einem politisch motivierten Anschlag auf den Monarchen. Gegen Steuerlast und Elend will der Täter damit protestieren. Mit unvorstellbaren Qualen muss Robert-Francois Damiens dafür bezahlen. Seine öffentliche Vierteilung ist eine grausame Machtdemonstration der Krone. 

Traumatisiert bleibt Ludwig XV. trotzdem bis zu seinem Tod im Jahr 1774, in dem der letzte Bourbone, der als wankelmütig und schwach beschriebene Ludwig XVI. den Thron besteigt. Seine Amtszeit endet so übel wie sie begann. 1775 gipfeln Hungersnot und Angst ums tägliche Brot im sogenannten „Mehlkrieg“. Die Plünderungen der Kornspeicher können nur mit Gewalt beendet werden. 1776 wird nicht nur klar, dass Ludwig XVI. viel Geld im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg verloren und damit den Staatshaushalt erneut auf die Kippe gebracht hat. Der Geist der amerikanischen Revolution schwappt auf Europa über wie eine Welle und die Unabhängigkeitserklärung mit ihren verbrieften Menschenrechten wird zum Vorbild der Festlandrevolutionäre und Freiheitskämpfer. Die Finanzkrise ist für die Krone nicht in den Griff zu bekommen, Finanzminister werden ernannt und wieder entlassen, der Konflikt mit dem Parlament wird dramatischer, der dritte Stand selbstbewusster, der Druck der Massen größer, König und Königin in den Augen der Franzosen immer unmöglicher. Unter diesen Vorzeichen kommt das Jahr 1789 (siehe Zeitleiste links) und mit ihm der Untergang der Monarchie und die Geburt der Republik nicht überraschend. 

Nach Ludwigs Hinrichtung wird weiterhin viel Blut vergossen. Die Guillotine läuft vor allem in der Zeit der revolutionären Schreckensherrschaft (Terreur) auf Hochtouren. Kaum ein führender Revolutionär stirbt eines natürlichen Todes. Jean Paul Marat wird 1793 ermordet, Georges Jacques Danton, Maximilien Robespierre und Louis-Antoine-Léon de Saint-Just 1794 hingerichtet. Kopf um Kopf fällt, man landet schneller auf dem Schafott, als man das Wort „Brüderlichkeit“ aussprechen kann, die Republik ist in Gefahr, die Menschen haben den Terror satt, noch immer ist die Staatskasse eine Tristesse und ohne Hilfe des Militärs ist keine Stabilisierung möglich. Das ist die Chance für Napoleon Bonaparte. Und er wird sie nutzen. Alexandra Keller

 

 

 

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